german-foreign-policy vom 04.11.2015 –
Mit einer eigens eingerichteten „Task Force“ arbeitet die EU am Aufbau
einer prowestlichen Medienöffentlichkeit in sieben Staaten Osteuropas
und des Kaukasus, darunter Russland. Dies bestätigt die Bundesregierung
auf eine Anfrage im Bundestag. Demnach bemüht sich die „EU East Stratcom
Task Force“ um die Bildung von Netzwerken zu Journalisten in den
Ländern der „Östlichen Partnerschaft“ der EU und in Russland; außerdem
werden „Kommunikationskampagnen“ entwickelt, mit denen die Bevölkerungen
dieser Staaten systematisch überzogen werden sollen. Als spezielle
Zielgruppen werden unter anderem „junge Menschen“ und Akademiker
genannt; insgesamt richtet sich die Aufmerksamkeit der EU-Task Force
offenbar vor allem auf urbane Mittelschichten, die in weiten Teilen
Osteuropas stark prowestlich orientiert sind und unter anderem die
ukrainischen Majdan-Proteste maßgeblich getragen haben. Über die
inhaltliche Ausrichtung der Aktivitäten, die offiziell als „Förderung
der Medienfreiheit“ deklariert werden, erklärt die Bundesregierung, es
gehe „wie bei der Öffentlichkeitsarbeit von Regierungen, Parteien,
Verbänden etc.“ darum, die eigenen Positionen „der Öffentlichkeit zu
vermitteln“. Die Regierung bestätigt außerdem, dass die EU-Task Force
die Osteuropa-Aktivitäten der Deutschen Welle mit Blick auf „mögliche
Synergieeffekte“ prüft.
Strategische Kommunikation
Die Einrichtung der „EU Task Force“ für
die „strategische Kommunikation in Richtung der Länder der Östlichen
Partnerschaft und Russland“ („EU East Stratcom Task Force“) geht
letztlich, wie die Bundesregierung auf eine Anfrage der
Bundestagsfraktion Die Linke bestätigt, auf einen „Anstoß“ der
EU-Außenminister vom 29. Januar 2015 zurück. Am 19. März 2015 erteilte
dann der Europäische Rat der EU-Chefaußenpolitikerin Federica Mogherini
offiziell den Auftrag, einen „Aktionsplan für die strategische
Kommunikation“ mit Stoßrichtung gegen Moskau zu erstellen. Anfang April
begann der von Mogherini geführte Europäische Auswärtige Dienst (EAD),
die Task Force aufzubauen und den gewünschten „Aktionsplan“ zu
verfassen. Letzteren legte Mogherini am 22. Juni vor. Das Dokument
beschreibt die Aufgaben der Task Force, die am 1. September offiziell
die Arbeit aufgenommen hat. Formal ist sie dem EAD-“Referat für
strategische Kommunikation“ eingegliedert und umfasst rund zehn
Mitarbeiter, die zuvor in den EU-Institutionen oder für
EU-Mitgliedstaaten tätig gewesen sind. Die Bundesregierung weist
ausdrücklich darauf hin, dass sie „Arbeitskontakte zu allen
Mitarbeitern“ der „EU East Stratcom Task Force“ unterhält.[1]
Klassische PR
Wie es im „Aktionsplan für die
strategische Kommunikation“ heißt, wird die „EU East Stratcom Task
Force“ nicht nur in der „Östlichen Partnerschaft“ [2], sondern auch
„darüber hinaus“ tätig werden. Der Bundesregierung zufolge ist damit
Russland gemeint. Der „Aktionsplan“ sieht vor, dass die Task Force
Materialien zu Themen verfasst, bei denen die Außendarstellung der EU zu
wünschen übrig lasse oder bei denen Brüssel „Desinformationskampagnen“
ausgesetzt sei.[3] Über die inhaltliche Ausrichtung bestätigt die
Bundesregierung, es gehe „wie bei der Öffentlichkeitsarbeit von
Regierungen, Parteien, Verbänden etc.“ darum, die inhaltlichen
Positionen der EU „gegenüber der Öffentlichkeit zu vermitteln“ [4]; es
handelt sich somit um klassische PR. Die „EU East Stratcom Task Force“
wird ihre PR-Materialien der EU, deren Pressestellen, den
EU-Delegationen und den Mitgliedstaaten zur Verfügung stellen, heißt es
im „Aktionsplan“. Damit wird die Brüsseler Außendarstellung in ihren
Inhalten straff zentralisiert.
Kommunikationskampagnen
Die „EU East Stratcom Task Force“ soll
darüber hinaus „Kommunikationskampagnen“ entwickeln, die je auf ein
„Schlüsselpublikum“ ausgerichtet sind und Themen behandeln, die für ihr
Publikum „Bedeutung“ haben, darunter auch „lokale Angelegenheiten“. Als
wichtige Zielgruppe benennt die Bundesregierung „die örtliche
Bevölkerung“. Der EU-“Aktionsplan“ zählt weitere Zielgruppen auf: „junge
Menschen“, Akademiker (darunter Stipendiaten des Programms „Erasmus
plus“) wie auch Personen aus der „Zivilgesellschaft“. Der Schwerpunkt
liegt demnach auf urbanen Mittelschichten – Milieus, die in weiten
Teilen Osteuropas ihre Aufstiegshoffnungen auf die Kooperation mit dem
Westen setzen. Die ukrainischen Majdan-Proteste wurden zum großen Teil
von urbanen Mittelschichten getragen.[5]
Mediennetzwerke
Nicht zuletzt soll die „EU East
Stratcom Task Force“ Netzwerke zu Multiplikatoren in Osteuropa aufbauen,
um „die Wirkung und die Effizienz ihrer Kommunikationsaktivitäten zu
maximieren“.[6] Als zentrale Bestandteile der Netzwerke werden
„Journalisten und Medienvertreter“ genannt; Ziel sei es, „die EU-Politik
besser zu vermitteln“, heißt es im „Aktionsplan“. Journalisten aus der
Region sollen Fortbildungen erhalten, „um sie besser in die Lage zu
versetzen, über Themen von Bedeutung für die lokale Bevölkerung zu
berichten“. Zudem sollen sie mit Kollegen aus anderen osteuropäischen
Staaten vernetzt werden. Darüber hinaus gehe es darum, „Kontakte zu
Akteuren der Zivilgesellschaft aufrechtzuhalten“, heißt es weiter im
„Aktionsplan“. Bei der Koordinierung sollten die EU-Delegationen in den
Zielstaaten unterstützend tätig werden. Den Netzwerken werden
ausdrücklich politische Aktivitäten zugedacht: Es gehe darum,
„Reformbestrebungen vor Ort zu unterstützen“, hält der „Aktionsplan“
fest. Finanzielle Unterstützung wird dabei, wie die Bundesregierung
erläutert, nicht über die EU-Task Force abgewickelt, sondern „über
verschiedene Finanzinstrumente der Europäischen Kommission sowie durch
einzelne Mitgliedsstaaten“.
Kooperation mit der NATO
Zu den Kooperationspartnern der „EU
East Stratcom Task Force“ gehört auch die NATO. Wie die Bundesregierung
einräumt, arbeitet die Task Force mit dem Exzellenzzentrum für
Strategische Kommunikation (Center of Excellence for Strategic
Communication, CoE StratCom) in der lettischen Hauptstadt Riga zusammen.
Zwar gebe es „bislang keine formale Kooperation“, erklärt Markus
Ederer, Staatssekretär im Auswärtigen Amt: „Es wird jedoch für fachliche
Zwecke und zum Informationsaustausch Verbindung gehalten.“ So übersende
die „EU East Stratcom Task Force“ „wöchentlich Berichte über russische
Informationsaktivitäten an das CoE StratCom“.[7]
Wichtiger als Panzer
Der Bundesregierung zufolge prüft die
„EU East Stratcom Task Force“ auch eine Zusammenarbeit mit der
staatsfinanzierten Deutschen Welle. Sie habe sich bereits „einen
Überblick“ über deren Osteuropa-Aktivitäten verschafft – mit dem Ziel,
„mögliche Synergieeffekte zu identifizieren und damit zu stärkerer
Kohärenz beizutragen“, teilt Staatssekretär Ederer mit. Hintergrund ist,
dass die Deutsche Welle unter anderem ihre Aktivitäten in den
baltischen Staaten deutlich ausgeweitet hat – mit dem Ziel, dort die
russischsprachigen Minderheiten zu erreichen, die insbesondere in
Estland und Lettland massiv diskriminiert werden, oft enge persönliche
Bindungen nach Russland unterhalten und deshalb als potenziell illoyal
gelten (german-foreign-policy.com berichtete [8]). So hat die Deutsche
Welle im Mai eine Kooperationsvereinbarung mit dem estnischen
Staatssender ERR geschlossen, der zufolge die Deutsche Welle ihrem
estnischen Vertragspartner russischsprachige Sendungen zur Verfügung
stellen und ERR-Journalisten fortbilden wird. ERR hat nun am 28.
September mit ETV+ den ersten russischsprachigen Fernsehkanal Estlands
in Betrieb genommen. Wie berichtet wird, genießt ETV+ bei seinen
Bemühungen, den Einfluss russischer Medien auf Estlands
russischsprachige Minderheit zu brechen, die Unterstützung nicht nur der
Deutschen Welle, sondern auch der NATO, die laut einem ARD-Bericht die
technische Ausstattung eines Regionalstudios finanziert. Nicht ohne
Grund: Wie der stellvertretende ERR-Intendant Ainar Ruussaar erklärt,
kann „Journalismus heutzutage wichtiger sein … als ein Panzer“.[9]
Auszüge aus dem „Aktionsplan für die strategische Kommunikation“ finden Sie hier.
[1] Antwort der Bundesregierung auf
eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Alexander Neu, Andrej Hunko,
Wolfgang Gehrcke, Inge Höer, Niema Movassat u.a. und der Fraktion Die
Linke. Berlin, 22.10.2015.
[2] Die „Östliche Partnerschaft“ der EU umfasst Belarus, die Ukraine, Moldawien, Georgien, Armenien und Aserbaidschan.
[3] Action Plan on Strategic Communication. Ref. Ares(2015)2608242 – 22/06/2015. Auszüge finden Sie hier.
[4] Antwort der Bundesregierung auf eine
Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Alexander Neu, Andrej Hunko,
Wolfgang Gehrcke, Inge Höer, Niema Movassat u.a. und der Fraktion Die
Linke. Berlin, 22.10.2015.
[5] S. dazu Umsturz per Krise.
[6] Action Plan on Strategic Communication. Ref. Ares(2015)2608242 – 22/06/2015.
[7] Antwort der Bundesregierung auf eine
Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Alexander Neu, Andrej Hunko,
Wolfgang Gehrcke, Inge Höer, Niema Movassat u.a. und der Fraktion Die
Linke. Berlin, 22.10.2015.
[8] S. dazu Strategische Kommunikation.
[9] „Wichtiger als Panzer“. www.tagesschau.de 26.10.2015.
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