Donnerstag, 6. Dezember 2018

An den Haaren herbeigezogen


Die »Kritik« an einer Broschüre offenbart, wie gut rechte Desinformation funktioniert

»Nun lädt das Mädchen mehrere andere Kinder aus der Kita zum Kindergeburtstag ein. Einige Eltern, deren Kinder eingeladen sind, wissen um die Zugehörigkeit der Eltern in einer rechtsextremen Kameradschaft und machen sich Sorgen, was auf dem Kindergeburtstag passieren könnte. Gleichzeitig möchten sie ihren Kindern nicht so einfach die Teilnahme und damit auch die Möglichkeit zur Freundschaft mit dem Mädchen verbieten. Sie bitten die Erzieher*innen um Rat.« Diese Sätze sind entscheidend. Zu lesen sind sie aber nur in der Broschüre »Ene, mene muh - und raus bist du! Ungleichwertigkeit und frühkindliche Pädagogik« der Amadeu Antonio Stiftung. Von den sogenannten Kritikern der Broschüre - rechte Blogs, »Bild« und CDU-Bundespolitiker, um drei zu nennen - werden sie nicht erwähnt. Denn nur ohne sie funktioniert das, was als Kritik daherkommen soll: eine Erzählung über linke Schnüffelei, staatlich finanzierte Stasi-Methoden und Umerziehung.
Zusammengefasst geht diese rechte Erzählung so: Die Amadeu Antonio Stiftung leitet und stiftet Erzieher und Erzieherinnen an, über die zu betreuenden Kinder die Gesinnung im Elternhaus auszuspionieren und im Anschluss Umerziehungsmaßnahmen durchzuführen. Besonders ein Beispiel in der knapp 60 Seiten starken Publikation, für die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) das Geleitwort verfasst hat, beschäftigt die »Kritiker«. Der »Fall I.3: ›Kinder aus völkischen Elternhäusern‹« beschreibt ein Szenario, in dem es um »zwei Geschwister« geht, beide »besonders zurückhaltend« und wenig von zu Hause erzählend. »Das Mädchen trägt Kleider und Zöpfe, es wird zu Hause zu Haus- und Handarbeiten angeleitet, der Junge wird stark körperlich gefordert und gedrillt. Beide kommen häufig am Morgen in die Einrichtung, nachdem sie bereits einen 1,5-km-Lauf absolviert haben.«
An dieser Stelle endet aber im rechten Diskurs die Geschichte. Die eingangs zitierten Sätze werden unterschlagen. So werden ein konkretes Fallbeispiel, in dem es um bekanntermaßen rechtsextreme Eltern geht (»Einige Eltern, deren Kinder eingeladen sind, wissen um die Zugehörigkeit der Eltern in einer rechtsextremen Kameradschaft und machen sich Sorgen.«) und die konkrete Elternfrage (»Sie bitten die Erzieher*innen um Rat.«) zu einer allgemeinen Anleitung für Kitapersonal, nach kleinen Mädchen mit Kleidchen und Zöpfen Ausschau zu halten, um deren Eltern als Nazis zu identifizieren. Diese durch rechte Blogs in die Welt gesetzte Räuberpistole fand ihren Weg in den Boulevard und wurde durch »warnende« Äußerungen vermeintlich seriöser Politiker wie etwa Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) als real geadelt.
Mit den leider üblich gewordenen Folgen. So sieht sich die Stiftung laut ARD-Faktenfinder massiven Drohungen und Anfeindungen in Hunderten Anrufen und Mails ausgesetzt. Auf ihrer Homepage greift die Stiftung die Vorhaltungen am Beispiel der »Bild«-Berichterstattung auf und versucht diesen, den nicht absichtlich verstümmelten Inhalt der Broschüre entgegenzuhalten. Auch Giffey, aufgrund ihres Geleitwortes »in der Kritik«, betont, es gehe nicht um Kontrolle, »sondern darum, eine Erziehungspartnerschaft auch mit völkisch lebenden Familien einzugehen, die im Sinne der Bildungschancen ihrer Kinder ist«. Im Gegensatz zu einer vermeintlichen Schnüffelanleitung ist dies tatsächlich Teil der Handlungsempfehlung in der Broschüre. »In der konkreten Situation ist es hilfreich, die Eltern zum persönlichen Gespräch in die Kita einzuladen. Hierbei sollte es um die bestmögliche Unterstützung der Kinder gehen - ausgehend davon, dass fast alle Eltern ein gutes und bildungserfolgreiches Aufwachsen ihrer Kinder wünschen.« Besonders betont wird auch: »Das Elternrecht auf Pflege und Erziehung der Kinder ist ein hohes Gut in unserem Grundgesetz.« Und: »Eine Ausgrenzung der betroffenen Kinder ist keine Lösung und ist keinesfalls anzustreben.« Damit lässt sich aber eben keine Empörungswelle lostreten.
Lesen Sie die Broschüre selbst unter: dasND.de/zoepfe

Mit Bosnien-Herzegowina könnte der nächste Balkanstaat der NATO beitreten

Reif für die Mitgliedschaft?


  • Von Elke Windisch, Dubrovnik
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  • 05.12.2018, 16:28 Uhr
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  • Lesedauer: 3 Min.
    • In Brüssel stimmen die NATO-Verteidigungsminister auch über die Aktivierung eines Aktionsplans ab, der Bosnien-Herzegowina für die Allianz reif machen soll. Dazu untersuchen die Controller der Allianz zunächst, inwieweit der Westbalkanstaat die Kriterien für eine Mitgliedschaft erfüllt. Fällt das Urteil positiv aus, werden Jahrespläne erstellt, die den Beitritt vorbereiten. Eine Vollmitgliedschaft ist frühestens sechs Jahre nach Aktivierung der Roadmap möglich.
      Zwar hatten die NATO-Verteidigungsminister den Aktionsplan, der Bosnien zum offiziellen Beitrittskandidaten adelt, schon 2010 auf ihrem Treffen in Tallinn beschlossen, die Aktivierung bisher aber immer wieder auf Eis gelegt. Das von den jugoslawischen Teilungskriegen Anfang der 1990er Jahre verwüstete und nach wie vor von ethnischen Konflikten gebeutelte Land verfehlt die für einen NATO-Beitritt nötigen militärischen, politischen und rechtlichen Standards um Längen. Auch gewährt der Dayton-Vertrag, der den Bosnien-Krieg 1995 beendete, der Regierung in Sarajevo nur begrenzte Souveränität. Das eigentliche Sagen hat der von den Garantiemächten eingesetzte Hohe Repräsentant. Er - derzeit der Österreicher Valentin Inzko - kann Entscheidungen demokratisch gewählter Politiker aller Ebenen kassieren. Bis 2012 standen Soldaten der NATO-geführten SFOR-Friedensmission im Land.
      NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte die Aktivierung der Roadmap schon im Vorfeld der Tagung als »Chance« bezeichnet. Über das Angebot entscheidet das Staatspräsidium, das kollektive Führungsorgan, das aus je einem Vertreter der drei Staatsvölker - muslimische Bosniaken, orthodoxe Serben und katholische Kroaten - besteht. In außenpolitischen Fragen ist das Gremium heillos zerstritten. Die Kroaten sind für einen NATO-Beitritt, die Bosniaken eher dafür, die Serben dagegen. Allen voran Milorad Dodik, der Präsident der Republika Srpska, der seit den Wahlen im Oktober für den Teilstaat der bosnischen Serben im Staatspräsidium sitzt. Für ihn ist die militärische Neutralität Bosniens sakrosankt, solange auch Serbien dem westlichen Militärbündnis fernbleibt.
      Experten glauben indes, schon die mit den Beitrittsvorbereitungen verbundenen Reformen würden die Entwicklungen in Bosnien positiv beeinflussen. Die Entwicklungen in anderen südosteuropäischen Ländern zeigen, dass sich ein NATO-Beitritt bereits in fünf bis zehn Jahren positiv auf Wirtschaft und soziale Standards auswirkt, schreibt der Kolumnist Damir Duran. Die Festigung der Rechtsstaatlichkeit und ein besseres Geschäftsklima, so Denis Hadžović vom Zentrum für Sicherheitsstudien in Sarajevo, werde auch den Weg in die Europäische Union erleichtern. Ex-Verteidigungsminister Selmo Cikotić sieht das ähnlich, hat aber Zweifel, ob die Politiker willens sind, im Interesse der Bürger zu handeln.

    • Für Moskau ist die Aktivierung der Roadmap eine weitere Niederlage beim Kampf um Einfluss auf dem Balkan. Montenegro wurde 2017 NATO-Mitglied. Die prowestliche Regierung in Skopje ist gerade dabei, im Parlament letzte Widerstände der Opposition gegen die Einigung im Namensstreit mit Griechenland zu brechen, das Mazedoniens Mitgliedschaft bisher per Veto verhinderte. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić beschwört zwar die Freundschaft mit Russland. Beobachter glauben jedoch, er werde sich seine Loyalität vom Kreml zunächst teuer bezahlen lassen, um dann doch einzuknicken.
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RKH zu den Protesten in Frankreich


In Frankreich kam es in den vergangen Wochen erneut zu großen Protesten. Präsident Macron wollte - vermeintlich zwecks Umweltschutz - eine zusätzliche Steuer auf Kraftstoffe für Autos einführen. Diese Steuer wird vor allem die ärmeren Schichten des Volkes sehr hart treffen. Dagegen gibt es Widerstand.

Das französische Proletariat hat in den vergangenen Jahren oft gezeigt, wie man gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch die Herrschenden Widerstand leisten kann - ob bei den Protesten und dem Generalstreik gegen das neue "loi travail" (Arbeitsgesetz), wo über eine Million Menschen auf die Straße gingen; oder bei vielen kleineren, gelegentlich auch militanten, Streiks - und stellt damit ein Vorbild für die Arbeiter hier in Deutschland und vielen anderen Ländern Europas dar.


Es schlossen sich den letzten Wochen erneut über 200 000 Menschen den Protesten an. Dabei starben zwei Menschen durch Verkehrsunfälle, die durch das Verhalten der französischen Bullen verursacht wurden. Es ist klar: ein Mensch, der aus so einem Grund stirbt, wurde ermordet! Dies zeigt, dass die Herrschenden über Leichen gehen, wenn es ihren Interessen nutzt. Außerdem wurden mehrere hundert Demonstranten durch die Schergen des französischen Staates verletzt. Wir drücken den Angehörigen und Freunden unser Beileid und den Protesten unsere Solidarität aus!

Desweiteren trugen in Marseille tausende Anwohner ihre Trauer und Wut auf die Straße, nachdem acht Menschen starben, weil drei sanierungsfällige Mietshäuser einstürzten. Die Immobilienkonzerne lassen die Häuser verrotten, um den Bewohnern später die Kosten für teure Sanierungen aufzudrücken oder sie aus den Wohnungen schmeißen um sie dann teurer Neuvermieten zu können, ähnliches Vorgehen ist auch hier in Deutschland Gang und gebe. Auch das ist Mord! Wir drücken den Angehörigen und Freunden unser Beileid und den Protestierenden unsere Solidarität aus! Dies erinnert uns an den Grenfell- Brand in London, aber auch an die Situation in Deutschland wo beim Brandschutz oder an der Bausubstanz gepfuscht wird, damit die Bauunternehmen kosten sparen und so mehr Profite machen oder wo für bereits Jahrzehnte fällige Sanierungsmaßnahmen die Miete aufgrund von angeblichen Modernisierungen stark erhöht wird.

Beides ist auf den Kapitalismus zurückzuführen. Skrupellose Methoden um Profite zu machen sind für die Kapitalisten notwendig, um "Konkurrenzfähig" zu bleiben und die Wirtschaft am Wachsen zu halten. Ebenso ist es für die Herrschenden nützlich, den Arbeitern ihr letztes Geld zu nehmen, um sie stärkerem ökonomischen Druck auszusetzen, sodass sie noch mehr schuften um über die Runden zu kommen und ihre Familie zu ernähren.

Es ist klar: die bürgerlichen Politiker und Parteien, die politische Vertretung der Bourgeoisie, versuchen nun die Wut der Arbeiter in Systemkonforme Bahnen zu lenken und versprechen Reformen, die diese Misstände verbessern sollen. Es ist aber klar: Reformen sorgen nicht für dauerhafte Verbesserungen! Sobald die Herrschenden es sich leisten können, versuchen sie, sie wieder Rückgängig zu machen. Aus diesem Grund ist das einzige, was die Situation des Volkes verbessern kann und wird die Abschaffung des Kapitalismus, das heißt die Sozialistische Revolution! Die Aufgabe der Kommunisten ist es daher - ob jetzt speziell in Frankreich oder allgemein international und hier in Deutschland - die fortschrittlichen Kämpfe anzuleiten und die Massen auf den richtigen Weg zu führen, in den Kampf gegen die Herrschenden und ihr System!

Für eine organisierte Arbeiterjugend gegen Staat und Kapital.

Wir sind die Jugend, wir sind der Widerstand!


Revolutionäres Kollektiv Hamburg

Auf Kohle gebaut


Gastgeber Polen sorgt bei der UN-Klimakonferenz in Katowice nicht nur wegen des Sponsorings fossiler Energiekonzerne für Befremden



  • Von Friederike Meier, Katowice
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  • Lesedauer: 3 Min.
    • Schon vor der feierlichen Eröffnung der Klimakonferenz in Katowice am Sonntagabend war das Gastgeberland Polen bei vielen Klimaschützern in Ungnade gefallen. Es wurde nämlich bekannt, wer die Großveranstaltung sponsert: die polnischen Kohlekonzerne PGE, Tauron, JSW und der Gaskonzern PGNiG. »Das wirft die Frage auf, welchen Zugang und Einfluss die Sponsoren sich erkaufen«, schimpfte Sriram Madhusoodanan von der konzernkritischen Organisation Corporate Accountability. »Es könnte die Legitimität der Verhandlungen in Frage stellen.«
      Noch immer ist die Kritik auf der bis Freitag kommender Woche gehenden Konferenz nicht verstummt: »Es ist lächerlich, dass die Regierung die Unterstützung der Kohlekonzerne akzeptiert«, sagt Anna Ogniewska von Greenpeace Polen. »Aus unserer Sicht ist das ein Kohle-Gipfel.«
      Das polnische Umweltministerium sieht das ganz anders: »Alle diese Unternehmen betonen, dass sie seit Jahren umweltfreundliche Veränderungen eingeführt haben«, schreibt das Ministerium auf nd-Anfrage. Auch gebe es zahlreiche Sponsoren, die keine Kohlekonzerne seien, wie T-Mobile Polska oder Ikea. In einer halbseitigen Auflistung zählt das Ministerium die ökologischen Errungenschaften der Sponsoren auf: Zum Beispiel habe Tauron, zweitgrößter Energiekonzern im Land, 23 Carsharing-Stationen und 20 Elektroautos in Katowice zur Verfügung gestellt. Dass die Regierung sich so für die Unternehmen einsetzt, überrascht kaum, denn Tauron wie die anderen Energiekonzerne gehören teilweise dem Staat. Polen ist noch immer stark von der Kohle abhängig - derzeit kommen 78 Prozent des Stroms aus dieser Quelle.
      Auf die Frage, ob die Kohlekonzerne durch ihre Sponsorenrolle die Verhandlungen beeinflussen, reagiert das Umweltministerium etwas verschnupft: »Die Auswahl der Partner beeinträchtigt den Erfolg des Klimagipfels nicht.« Polen habe in den vergangenen 30 Jahren seine Emissionen reduzieren können, obwohl die Wirtschaft gewachsen sei. Das Land sei ein vertrauenswürdiger Gastgeber.
    • Die gleiche Argumentation verwendete auch Präsident Andrzej Duda am Montag bei der offiziellen Eröffnung des Gipfels. Für ihn ist die Verwendung der »heimischen Ressourcen«, also der Kohle, auch kein Widerspruch zum Klimaschutz. Wesentlich deutlicher wurde Duda am Dienstag bei einem Treffen mit Kumpeln im südpolnischen Brzeszcze, wo er laut Medienberichten sagte: »Solange ich Polens Präsident bin, werde ich es nicht zulassen, dass der polnische Bergbau ermordet wird.«
      Anna Ogniewska ist aber auch entsetzt über die Aussagen vor den UN-Klimadiplomaten: »Es war schockierend zu hören, dass er an diesem Ort diese Rede gehalten hat.« Die Umweltschützerin weist auf den »riesigen« Unterschied zur Rede von UN-Generalsekretär António Guterres hin, der darauf pochte, dass die Staaten ihre Anstrengungen für den Klimaschutz enorm verstärken.
      Der kurz vor der Konferenz veröffentlichte Entwurf für eine neue polnische Energiestrategie ist etwas ehrgeiziger als frühere Pläne der Regierung. So soll der Kohleanteil an der Stromproduktion einschließlich Kraft-Wärme-Kopplung bis zum Jahr 2030 auf etwa 60 Prozent und bis 2040 auf 30 Prozent gesenkt werden. Vorher war von 50 Prozent Kohle noch im Jahr 2050 die Rede gewesen. Allerdings: Die Kohle soll ab 2030 vor allem durch Atomenergie ersetzt werden - eine Strategie, an der Beobachter indes zweifeln, denn neue Atomkraftwerke sind heute meist unrentabel.
      Aber auch ohne diese Unsicherheit reichen Ogniewska die Reduktionsziele bei Weitem nicht. »Laut dem 1,5-Grad-Bericht des Weltklimarats müssen alle OECD-Länder - und damit auch Polen - bis 2030 aus der Kohle aussteigen«, sagt die Greenpeace-Expertin.
      Gleichzeitig macht es die nationalkonservative Regierung Kritikern ihrer Klimapolitik schwer zu protestieren. So wurden lange im Vorfeld des Gipfels spontane Demonstrationen während der Dauer der Veranstaltung gesetzlich verboten. Außerdem hat die Regierung die Terror-Alarmstufe für die Region Schlesien verkündet. Angemeldete Demonstrationen sind aber möglich. Am Samstag wollen Klimaaktivisten dann auch im Katowicer Zentrum ihren Protest lautstark kundtun.

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Prominente SPD-Kritikerin verlässt Partei


Tief enttäuscht von der SPD hat Putzfrau und Gewerkschafterin Susi Erdmann die Partei verlassen - sie will nun mit der linken Sammlungsbewegung #aufstehen Politik machen



  • Von Markus Drescher
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  • Lesedauer: 2 Min.
    • Ihr Austritt aus der SPD vollzog sich schrittweise. Als Andrea Nahles zur Parteivorsitzenden gewählt wurde und sich als Erneuerung präsentierte, habe sie das Blatt Papier herausgeholt, erklärt Susi Erdmann in einem Interview, das auf der Videoplattform Youtube veröffentlicht wurde. Als in der Diskussion über Hartz IV aus ihrer Sicht »Geringverdiener« gegen »faule Arbeitslose« ausgespielt werden sollten, da habe sie dann ihren »Stift dazugelegt«. Und dann kam der Austritt des Bundestagsabgeordneten Marco Bülow aus der SPD, dessen »Progressive Plattform« Neumann unterstützte. Bülows Abschied habe sie »zutiefst geschockt«.
      Der Umgang mit dem wohl hartnäckigsten innerparteilichen Kritiker der SPD-Politik, der neuerlichen Regierungsbeteiligung in der Großen Koalition sowie von Parteichefin Nahles, nach dessen Austritt in der vergangenen Woche schließlich bewegte Neumann endgültig zum eigenen Abschied von den Sozialdemokraten. »Ich fand das so was von unschön, und dann hab ich gesagt: Obwohl ich nicht mehr lange auf der Welt bin, jetzt trittst du doch noch aus.« Besonders sauer stoßen Neumann in dem Interview die negativen Äußerungen mancher Genossen in Richtung Bülow auf. Davon zutiefst enttäuscht, habe sie ihre Kündigung geschrieben. Die IG-BAU-Gewerkschafterin ist an Krebs erkrankt.
    • Neumann war der Öffentlichkeit im Jahr 2016 durch einen Auftritt mit Sigmar Gabriel auf einer »Gerechtigkeitskonferenz« der Sozialdemokraten bekannt geworden. Dem damaligen Vorsitzenden geigte Reinigungskraft und Parteineumitglied Neumann - sie war zuvor in der Linkspartei - derart die Meinung, etwa über den Niedriglohnsektor und die Politik der SPD, dass sie im Anschluss zu einer gefragten Ansprechpartnerin in Sachen SPD-Kritik avancierte.
      Streiten will Neumann für soziale Gerechtigkeit weiter in der von der Linksfraktionschefin Sahra Wagenknecht begründeten »Aufstehen«-Bewegung, bei der sie schon seit Längerem mitmische.

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Online-Zeitschrift "IMI-List" Nummer 0528

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.......... 21. Jahrgang ........ ISSN 1611-2563
Hrsg.:...... Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.
Red.: IMI / Jürgen Wagner / Christoph Marischka
Abo (kostenlos).. https://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/imi-list
Archiv: ....... http://www.imi-online.de/mailingliste.php3
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Liebe Freundinnen und Freunde,

in dieser IMI-List findet sich

1.) die Einladung zum IMI-Kongress „Deutschlands Aufrüstung“ am 
kommenden Wochenende in Tübingen;

2.) eine IMI-Analyse über eine NATO-Übung zur Bekämpfung politischer 
Unruhen.


1.) IMI-Kongress „Deutschlands Aufrüstung“

Am kommenden Wochenende findet der diesjährige IMI-Kongress statt, zu 
dem wir Euch  hiermit ein letztes Mal herzlich einladen möchten. Im 
Folgenden finden sich noch einmal die wichtigsten  Informationen.

Es gab eine hohe Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten, was zwar gut 
ist, leider sind wir jetzt aber mit den Schlafplätzen am Limit.

Falls es sonst noch Nachfragen gibt, gerne ans IMI-Büro wenden: 
imi@imi-online.de (07071-49154)

Datum: 8./9. Dezember 2018 (Auftaktveranstaltung am 7. Dezember)
Ort: Schlatterhaus: Österbergstr. 2, 72072 Tübingen

Das Programm und alle weiteren Infos zum IMI-Kongresses online: 
http://www.imi-online.de/2018/09/07/imi-kongress-2018-deutschland-ruestet-auf/ 



PROGRAMM:
DEUTSCHLANDS AUFRÜSTUNG: AN ALLEN FRONTEN! AUF ALLEN EBENEN!

FREITAG-ABEND AB 19 UHR (mit Küche für Alle):
Auftaktveranstaltung: Beispiele der Konversion
(Achtung anderer Ort: Schellingstr. 6, Hausbar)

SAMSTAG, 8. DEZEMBER 2018

12:00-12:10 Begrüßung

12:15-13:45 Deutschland im Rüstungsfieber
- Konzeption und Fähigkeitsprofil der Bundeswehr: Die Kosten der 
Aufrüstung (Tobias Pflüger)
- Think Big: Rüstungsmarkt in Bewegung (Andreas Seifert)

14:15-15:45 Rüstungsprojekte im IT-Bereich und bei der Polizei
- High-Tech-Rüstung und militarisierte Forschung (Christoph Marischka)
- Rüstungsgüter für die Polizei (Martin Kirsch)

16:15-17:45 Atomare Aufrüstung und aufkeimender Widerstand (Claudia Haydt)

18:45-20:15: Die EU auf dem Weg zur Rüstungsunion
- Pesco als EU-Rüstungstreiber (Jürgen Wagner)
- Europäische Großprojekte: Eurodrohne, Kampfpanzer, Kampfflugzeug 
(Marius Pletsch)

SONNTAG, 9. DEZEMBER 2018

10:00-11:15 Gegenkonversion I: Freie Fahrt fürs Militär: Militärische 
Mobilität und das NATO-Logistikkommando in Ulm (Tobias Pflüger)

11:30-12:45: Gegenkonversion II: Die militärische (Rück-)Eroberung der 
Fläche: (Re-)Aktivierung alter und neuer Liegenschaften (Alexander Kleiß)

13:00-14:30: Podium: Aktiv werden: Widerstand gegen Aufrüstung

Für Verpflegung in den Pausen wird gesorgt. Eine Anmeldung braucht es 
nicht und eine Kongressgebühr wird auch nicht erhoben. Allerdings freuen 
wir uns natürlich sehr über Spenden zur Finanzierung des Kongresses.


2.) IMI-Analyse: NATO-CIMIC-Übung zur Unruhebekämpfung

IMI-Analyse 2018/28
Joint Cooperation 2018
NATO-CIMIC-Truppe übt in Norddeutschland den Umgang mit politischen Unruhen
https://www.imi-online.de/2018/12/05/joint-cooperation-2018/
Martin Kirsch (5. Dezember 2018)

Während die Auswirkungen der NATO-Großübung „Trident Juncture 2018“ in 
Norwegen noch nicht alle behoben sind,[1] starteten bereits die nächsten 
Übungsserien auf NATO-Ebene in Skandinavien. Bei dem eher unbekannten 
skandinavischen Staat „Framland“ handelt es sich allerdings um eine Fiktion:

„Eine junge Demokratie, die aus dem Zerfall eines vormals größeren 
Staatsgebietes hervorgegangen ist, durchlebt auf ihrem Weg zum 
souveränen Staat politische Wirrnisse, Unruhen, Korruption und 
verschiedenste Angriffe von innen und außen. Die Bevölkerung ist 
verunsichert und teilweise schlecht versorgt. Die internationale 
Staatengemeinschaft wurde deshalb um Unterstützung gebeten und ist nun 
vor Ort.“[2]

Zum Übungsszenario Joint Cooperation 2018 (JoCo18) erklärt 
Oberstleutnant Tim Stahnke, der verantwortliche Projektleiter: „Ähnlich 
wie im Film sind Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig.“[3] 
Ähnlich wie in Filmen, die auf diese Formulierung im Abspann 
zurückgreifen um sich einer möglichen Haftung zu entziehen, ist das 
Szenario allerdings auch hier bewusst nah an der Realität gestrickt.

In dem Szenario sind Demonstrant*innen, Motorradgangs und lokale 
Seperatistengruppen Akteure in den politischen Unruhen. Zieht man die 
Übertreibungen und Verfremdungen ab, die Teil der meisten 
Übungsszenarien sind, handelt es sich um eine fast perfekte Mischung aus 
Ostukraine und den Horrorszenarien der Baltischen Staaten vor einer 
Okkupation durch Russland. Nicht zufällig findet der fiktive 
CIMIC-Einsatz, eine Fortsetzung der Übung von 2017, im Rahmen der 
Schnellen Eingreiftruppe (VJTF) der NATO statt,[4] die 2019 von der 
Bundeswehr geführt werden wird. Damit reiht sich die JoCo18 in die 
aktuelle Aufrüstung der NATO entlang ihrer Ostflanke, die Übungen 
Trident Juncture 2018 in Norwegen und das parallel stattfindende 
Seemanöver „Northern Coasts 2018“ in der Ostsee ein.

Die reale Einsatzumgebung für JoCo18 befindet sich allerdings in der 
norddeutschen Tiefebene zwischen Hannover und Bremen. Ausgerichtet vom 
Zentrum Zivil-Militärische-Zusammenarbeit der Bundeswehr in Nienburg,[5] 
gilt die jährlich stattfindende Übungsreihe seit einigen Jahren als 
größte CIMIC-Übung der NATO. CIMIC ist die NATO-Abkürzung für 
Civil-Military-Cooperation und wird auch in der Bundeswehr gern für alle 
Aufgaben der Zivil-Militärischen-Zusammenarbeit (ZMZ) im Ausland verwendet.

In der Übungswoche zwischen dem 09.11. und dem 16.11.2018 kamen rund 300 
CIMIC-Soldat*innen aus 22 Staaten sowie 160 zivile Übungsbeteiligte 
zusammen. Im Vergleich zu rund 50.000 Teilnehmenden bei Trident Juncture 
ist das eine kleine Zahl. Für die relativ kleinen CIMIC-Einheiten – die 
Bundeswehr hält insgesamt 200 Soldat*innen im CIMIC-Bereich vor – ist 
die Größe und internationale Ausrichtung allerdings durchaus beachtlich. 
Neben Soldat*inne aus 18 NATO-Staaten, schwerpunktmäßig aus Zentral- und 
Osteuropa, aber auch aus Spanien, Kanada und den USA, waren die 
EU-Staaten Österreich, Schweden und Finnland, sowie Armenien als 
internationaler Partner beteiligt.[6]


Das Zentrum Zivil-Militärische-Zusammenarbeit der Bundeswehr

Der Gastgeber der Übung, das Zentrum Zivil-Militärische-Zusammenarbeit 
in Nienburg, ist zentrale Ausbildungsstätte für ZMZ-Aufgaben im In- und 
Ausland, sowie Truppensteller und Führungsstruktur für CIMIC-Einheiten 
in den Einsatzgebieten der Bundeswehr.

Aktuell arbeiten 216 der 300 Angehörige des Zentrums am Standort 
Nienburg – bzw. von dort aus in den jeweiligen Auslandseinsätzen. 
Weitere 81 Soldat*innen und Angestellte sind dauerhaft an die 15 
Landeskommandos der Bundeswehr verliehen. Drei weitere Soldat*innen 
versehen ihren Dienst an der Akademie für Krisenmanagement, 
Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) des Bundesinnenministeriums in Bad 
Neuenahr.[7]

Aufgestellt wurde das erste CIMIC-Bataillon der Bundeswehr 2003 im Zuge 
des SFOR-Einsatzes in Bosnien-Herzegowina. Dort wurde die strukturierte 
Koordination mit lokalen und internationalen zivilen Behörden und 
Organisationen notwendig – ein klarer Wandel gegenüber den Szenarien des 
Kalten Krieges, als die Militärstäbe von leeren, weil evakuierten 
Schlachtfeldern ausgingen. Die Missionen auf dem Balkan hingegen fanden 
inmitten der Bevölkerung statt.

Mit dem Ausbau zum CIMIC-Zentrum der Bundeswehr 2006 wurde dann auch das 
Aufgabenspektrum erweitert. Die Kontakte zu lokalen und internationalen 
Organisationen und Behörden sollten nicht mehr nur zur Koordination 
genutzt werden. Vielmehr wurde deutlich, dass sich dort Informationen 
über die Lage und Stimmung der Bevölkerung angeeignet werden konnten, 
die für das Militär sonst schwer zugänglich sind. Dementsprechend wurde 
der Auftrag der CIMIC-Einheiten auch formal um die Informationsgewinnung 
durch „Gesprächsaufklärung“ erweitert. Ziel dessen war und ist es, 
daraus ein „ziviles Lagebild“ zu generieren, um damit die 
Entscheidungsgrundlage der militärischen Führung zu erweitern.

Einen besonderen Stellenwert bekamen die CIMIC-Einheiten im Zuge des 
Afghanistankrieges. Im Rahmen der Aufstandsbekämpfungsdoktrin wurde das 
Gewinnen der „Hearts and Minds“ (dt. Herzen und Köpfe) der Bevölkerung 
zum militärischen Ziel erklärt. Dementsprechend sollte der Bau von 
Brunnen und Schulen – das propagandistisch oft überstrapazierte 
Aushängeschild von CIMIC – dazu genutzt werden, Bevölkerungsgruppen für 
sich zu gewinnen. Von entscheidender Bedeutung war allerdings der 
Kontakt zur Zivilbevölkerung, um aufständische Gruppen identifizieren, 
isolieren und militärisch bekämpfen zu können.

Seit der Umstrukturierung 2013 ist das Zentrum ZMZ BW für einen Großteil 
der Ausbildungsmaßnahmen im Bereich ZMZ im In- und Ausland, von den 
Reservisten für die lokalen Verbindungskommandos bis zur Landeskunde für 
die Einsatzvorbereitung zuständig.[8] Neben der Ausbildung bleibt es 
Aufgabe der Abteilung Einsatz in Nienburg, CIMIC-Kontingente in die 
Auslandseinsätze zu entsenden.

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Kasten: Von Nienburg in die ganze Welt

Bei seinem Truppenbesuch in Nienburg im Februar 2018 beim Zentum ZMZ BW 
lobte der Vorgesetzte Generalmajor Carsten Breuer, Kommandeur des 
Kommandos Territoriale Aufgaben in Berlin, den CIMIC-Bereich für seine 
„enge Verbindung zu den Einsätzen“.[9] In der Struktur des Zentrums sind 
in der Abteilung Einsatz neben einer ZMZ-Staffel für territoriale 
Aufgaben in Deutschland zwei CIMIC-Staffeln permanent für 
Auslandseinsätze vorgesehen.[10]

Seit dem SFOR-Einsatz in Bosnien-Herzegowina sind CIMIC-Kräfte aus 
Nienburg an allen größeren Einsatzkontingenten der Bundeswehr – 
abgesehen von Marinemissionen – beteiligt gewesen.

In den aktuelle Einsätzen in Mali (MINUSMA), Afghanistan (Resolut 
Support), Kosovo (KFOR) und Libanon (UNIFIL) und im Nordirak im Rahmen 
des deutschen Anti-IS-Einsatzes[11] versehen deutsche CIMIC-Einheiten 
mindestens zeitweise ihren Dienst. Zudem ist davon auszugehen, dass 
CIMIC-Spezialist*innen auch Teil der Truppenpräsenz der Bundeswehr in 
Litauen und der Schnellen Eingreiftruppe der NATO sind.

Oft handelt es sich in den Einsätzen um kleine Einheiten mit weniger als 
10 Soldat*innen, die allerdings durch ihre Aufklärungsfunktion eine 
zentrale Rolle für das Lagebild der Militärführung vor Ort spielen.

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Verzahnung der Übung in der Region

Neben Größe und internationaler Beteiligung bei JoCo18 ist ein weiteres 
Alleinstellungsmerkmal der Übung, dass sie nicht beschränkt auf 
Truppenübungsplätze mit schlecht simulierter ziviler Infrastruktur 
stattfindet, sondern mitten im norddeutschen Alltag. Das Übungsgebiet 
erstreckt sich über 1800 Quadratkilometer und umfasst die Landkreise 
Nienburg und Verden, sowie die vier Gemeinden Neustadt, Wunstorf, Gabsen 
und Wedemark im Nordwesten der Region Hannover.

Laut Selbstdarstellung des Zentrum ZMZ BW lebt „die Übung vor allem von 
der Interaktion zwischen Militär und Zivilbevölkerung“. Neben den 300 
internationalen Soldat*innen sind auch 60 Zivilist*innen, u.a. aus der 
zivilen Verwaltung, Polizei, Katastrophenschutzbehörden, Krankenhäusern 
und lokalen Unternehmen, direkt in die Übungsabläufe integriert.

Die Kulisse für einen gesamten Übungsblock bildete eine Großübung von 
Feuerwehr, DRK und THW, die im Rahmen von JoCo18 in Hoya stattfand.[12] 
Das simulierte Zugunglück wurde vom CIMIC-Erkundungsteam sogleich auf 
die mögliche Einwirkung von Saboteuren und Konsequenzen für 
Truppenverlegungen untersucht.[13]

Weitere rund 100 zivile Statist*innen ermöglichten es der Übungsleitung 
ein Kontingent an Zivilbevölkerung im Sinne des Übungsverlaufs zu 
steuern. Beteiligt waren u.a. ein Mittelalterverein auf der Burg in 
Hoya[14] und die Leitung der Klinik in Neustadt.[15] Die Johanniter 
Unfall-Hilfe stellte Statist*innen für eine wütende 
Anti-NATO-Demonstration, auf denen Parolen wie „NATO raus!“ und „Frieden 
statt NATO!“ gerufen wurden.[16] Ebenfalls Rollenspieler war der 
Nienburger Bürgermeister Henning Onkes, der für eine Woche seine Arbeit 
hintenanstellte, um für JoCo sich selbst zu spielen. Dabei freute er 
sich besonders „dass die Übung in Nienburg die Friedensarbeit 
fördert.“[17] Für die enge Zusammenarbeit im Rahmen der Joint 
Cooperation-Übungen in den vergangenen Jahren wurden Landkreis und Stadt 
Nienburg bereits im Juli 2018 vom NATO CCOE in Den Haag, dem 
Kompetenzzentrum für Zivil-Militärische-Zusammenarbeit, mit dem CIMIC 
Award of Excellence ausgezeichnet.[18]

Besonders deutlich wurde der hybride Charakter von CIMIC allerdings mit 
der Errichtung von zwei CIMIC-Centres in den Innenstädten in Nienburg 
und Steyerberg im Rahmen der Übung. Sie dienten zugleich als Übungsorte 
für geplante Szenarien und als Anlaufpunkt für die lokale Bevölkerung, 
um sich über die Übung zu informieren. Anwohner*innen wurden unmittelbar 
in die Übung integriert, weil es für die Soldat*innen im Centre nicht 
ersichtlich war, ob es sich nicht um Rollenbspieler*innen handelt.[19]

Im Rahmen von Joint Cooperation wird deutlich, dass die Grenzen zwischen 
CIMIC im Auslandseinsatz und ZMZ in Deutschland fließend sind. So 
mobilisiert das Zentrum ZMZ BW für eine Übung für Auslandseinsätze auch 
jene Strukturen, die über die Zusammenarbeit im Inland entstanden sind.

Aufgrund dieser massiven Einbindung ziviler Strukturen vor Ort fühlt 
sich die Bundeswehr auf ihrer Website offenbar dazu genötigt, 
klarzustellen: „Sie bereiten sich aber nicht auf einen gemeinsamen 
Einsatz im Inland vor, denn dies wäre von der geltenden Rechtslage nicht 
abgedeckt.“

Auch wenn es offensichtlich erscheint, dass JoCo auf die Vorbereitung 
internationaler Einsätze ausgerichtet war, kann diese Aussage kaum 
beruhigen. Wenn wie im ZMZ-Bereich die Ausbildung unter einem Dach 
stattfindet und die Vorgesetzten sowohl Kontingente für 
Auslandseinsätze, als auch Teile der ZMZ-Soldat*innen in Deutschland 
führen, sind Wechselwirkungen in der Struktur nicht nur angelegt, 
sondern gewünscht. So wird in der Großübung mehr als deutlich, dass es 
sich bei der Trennung von Aufgaben der Bundeswehr im In- und Ausland um 
weit dehnbare juristische, nicht aber um strukturelle Grenzziehungen 
handelt.

Wie schnell solche Grenzen fallen können, zeigte 2016 in der Debatte um 
Inlandseinsätze nach einem rechts motivierten Amoklauf in München 
Generalleutnant Schelleis, Inspekteur der Streitkräftebasis und damit 
Vorgesetzter aller ZMZ-Strukturen in Deutschland. In der Süddeutschen 
Zeitung stellte er in den Raum, im Falle von „terroristischen Großlagen“ 
Feldjäger einzusetzen und damit auf deren Erfahrungen mit 
Polizeiaufgaben in Auslandseinsätzen zurückzugreifen, „die sich nicht 
grundsätzlich von denen in Deutschland unterscheiden.“ Die nützlichen 
Zusatzqualifikationen der Feldjäger wären neben dem Einsatz von 
gepanzerten Fahrzeugen die „Organisation von Checkpoints, Umgang mit 
Sprengstoffbedrohungen und Objektschutz.“[20]

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Kasten: Standort Nienburg

Die lokalen Gegebenheiten in Nienburg sind für das Zentrum ZMZ BW 
durchaus günstig. Mit dem Deutschen Roten Kreuz ist ein ziviler 
Ansprechpartner mit einem Büro direkt in das Zentrum in der 
Clausewitz-Kaserne integriert.[21] Weitere zivile Nachbarn mit hohem 
Stellenwert für ZMZ sind der Hauptsitz der Polizeiakademie Niedersachsen 
in der Nienburger Innenstadt sowie eine von zwei THW-Bundesschulen mit 
entsprechenden Lehreinrichtungen im benachbarten Hoya und weiteren 
Übungsplätzen in der Region.

Ebenfalls in der Clausewitz-Kaserne stationiert sind neben regionalen 
Logistik-, Sanitäts- und Versorgungseinrichtungen auch der 
Reservistenverband (relevant für die Besetzung der 
Verbindungskommandos), der Bundeswehrverband sowie das Bataillon 
Elektronische Kampfführung (EloKa) 912.

Dabei handelt es sich um eins von vier EloKa-Batallionen des Kommandos 
Strategische Aufklärung innerhalb des neuen Organisationsbereichs Cyber- 
und Informationsraum. Aufgabe der EloKa-Truppe ist die „Fernmelde- und 
Elektronische Aufklärung“ von Funkverkehr oder Radarausstrahlungen sowie 
die Störung gegnerischer Datenübermittlungssysteme und der Schutz der 
eigenen Kommunikation. Dafür stehen allein in Nienburg 600 Soldat*innen 
und zivile Mitarbeiter*innen zur Verfügung.[22] In der NATO werden 
EloKa-Aufgaben als Signal Intelligence (dt. Signalaufklärung) 
bezeichnet, was den nachrichtendienstlichen Charakter der Truppe 
verdeutlicht. Damit befinden sich mit der Gesprächs- und 
Vorortaufklärung der CIMIC-Truppen und der elektronischen 
Signalaufklärung des EloKa-Batallions zwei komplementäre 
Aufklärungselemente der Bundeswehr in Nienburg.

Weitere Bundeswehrstandorte im Übungsgebiet sind die Panzerlehrbrigade 9 
mit zwei Bataillonen in Neustadt am Rübenberge, die ab 2019 Teil des 
deutschen Kontingents der NATO-Speerspitze (Very High Readiness Joint 
Task Force) sein werden, und der Fliegerhorst in Wunstorf. Dort sind die 
Transportflugzeuge der Bundeswehr stationiert, die von Wunstorf aus auch 
in die Einsatzgebiete starten. Zudem ist Wunstorf als Logistikknoten für 
Luftverlegung der deutschen Soldat*innen der NATO-Speerspitze 
vorgesehen.[23]
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Das Zentrum ZMZ BW soll „Multinational CIMIC Command“ werden

Im Zuge des auf dem NATO-Gipfel 2014 in Wales beschlossenen 
Rahmen-Nationen-Konzeptes ist Deutschland u.a. für den CIMIC-Bereich so 
genannte Leitnation. Durch die Konzeption soll es kleineren NATO- und 
EU-Staaten erleichtert werden, Kontingente für Auslandseinsätze und die 
Truppenpräsenz in Osteuropa zu stellen. Größere „Rahmennationen“ wie 
Deutschland, Italien und Großbritannien stellen sowohl 
Ausbildungsstätten als auch Führungs- und Kommandostrukturen zur 
Verfügung, auf die sich, wie es im NATO-Jargon heißt, „abgestützt“ 
werden kann.

Im Zuge der Internationalisierung der Lehrtätigkeiten des Zentrum ZMZ BW 
werden die meisten Aus- und Fortbildungsangebote mittlerweile in 
englischer Sprache abgehalten.[24] Hinzu kommt ein englischsprachiges 
Fernstudium für Soldat*innen aus Partnerstaaten. In dieser Funktion 
arbeitet das Zentrum ZMZ BW eng mit dem Civil-Military Cooperation 
Centre of Excellence (CCOE) der NATO[25] in Den Haag zusammen, das nicht 
zufällig vom Oberst Wolfgang Paulik, dem ehemaligen Kommandeur aus 
Nienburg, geführt wird.

Ein weiterer Eckstein der Internationalisierung ist die jährliche 
JoCo-Übung selbst. So nahmen in den vergangenen drei Jahren CIMIC-Kräfte 
aus 20 und mehr Staaten teil. Darüber hinaus wurden auch die Konzeption 
und Vorbereitung, sowie Leitungs- und Führungsaufgaben während der Übung 
und die Auswertung von international besetzten Teams durchgeführt. 
Zentraler Standort und zuständig für die Bereitstellung von Know How und 
Infrastruktur bleibt bei aller Internationalisierung allerdings das 
Zentrum ZMZ BW, auf das sich die Soldat*innen aus den Partnerstaaten 
„abstützen“.

In konsequenter Fortführung der genannten Entwicklungen ist geplant, das 
Zentrum ZMZ BW ab Ende 2019 zum Multinational CIMIC Command 
auszubauen.[26] Auch wenn über Details in der Öffentlichkeit noch nichts 
bekannt ist, werden Vorbereitungen bereits getroffen. So wurde ein 
erster niederländischer CIMIC-Offizier bereits dauerhaft in Nienburg 
stationiert.

Damit entsteht in der Bundesrepublik neben dem neuen Logistikkommando 
der NATO in Ulm, dem NATO-Marinehauptquartier für die Ostsee in Rostock 
und einem NATO-Gefechtsstand zur Koordinierung multinationaler 
Spezialeinsätze in Hardheim eine weitere zentrale Führungsinfrastruktur 
für weltweite NATO-Missionen und nicht zuletzt für den Aufmarsch entlang 
der Ostflanke der NATO.

Anmerkungen

[1] Auf dem Rückweg vom NATO-Manöver Trident Juncture war eine 
Norwegische Fregatte mit einem Tankschiff zusammengestoßen und gesunken. 
Eine Bergung des Wracks steht noch aus.

[2] Streitkräftebasis, Stefan Niethmann, Starke internationale 
Beteiligung an Joint Cooperation 2018, 08.1..2018, 
kommando.streitkraeftebasis.de

[3] Streitkräftebasis, Ulrich Baade, Hinter den Kulissen der „Joint 
Cooperation“, 02.08.18, kommando.streitkräftebasis.de

[4] Blickpunkt Nienburg, Übungsszenario in der Langen Straße – Joint 
Cooperation: Aufruhr in Nienburgs Innenstadt, 23.10.17, 
blickpunkt-nienburg.de

[5] Streitkräftebasis, Stefan Niethmann, Starke internationale 
Beteiligung an Joint Cooperation 2018, 08.1..2018, 
kommando.streitkraeftebasis.de

[6] Streitkräftebasis, Ulrich Baade, „Auftrag ausgeführt!“, 20.11.18, 
kommando.streitkraeftebasis.de

[7] Streitkräftebasis, Ulrich Baade, „Auftrag ausgeführt!“, 20.11.18, 
kommando.streitkraeftebasis.de

[8] Ebd.

[9] Kommando Terriroriale Aufgaben, „Enge Verbindung zu den Einsätzen“ – 
Generalmajor Breuer im Zentrum Zivil-Militärische Zusammenarbeit, 
kommando.streitkraeftebasis.de

[10] Laut Organigramm von 2016. Neuere Organigramme beinhalten keine 
Aufschlüsselung der unteren Ebenen. Quelle: Zentrum 
Zivil-Militärische-Zusammenarbeit Bw, InfoBrief Nr. I /2016, Jens Uwe 
Wehking, Neue Struktur am Zentrum ZMZ Bw, Seite 3, 
kommando.streitkraeftebasis.de

[11] Einsatzführungskommando der Bundeswehr, Claudia Birkholz, „CIMIC“ 
im Nordirak: Wertvolle Erkenntnisse für die Ausbildung, 30.01.2017, 
einsatz.bundeswehr.de

[12] Kreiszeitung, Mehr als 350 Teilnehmer aus 21 Nationen – Große 
Militärübung „Joint Cooperation“ simuliert Zugunglück in Hoya, 13.11.18, 
kreiszeitung.de

[13] Streitkräftebasis, Stephan-Thomas Klose, Dramatische Szenarien zum 
JOCO-Übungsauftakt, 12.11.18, kommando.streitkraeftebasis.de

[14] Die Harke, Graf Otto und das internationale Militär – 
Internationale Übung zu zivil-militärischer Zusammenarbeit im Hoyaer 
Schloss, 13.11.18, dieharke.de

[15] Hannoversche Allgemeine Zeitung, Mirko Bartels, Militär übt 
Ernstfall im Krankenhaus, 12.11.18, haz.de

[16] Streitkräftebasis, Stephan-Thomas Klose, Dramatische Szenarien zum 
JOCO-Übungsauftakt, 12.11.18, kommando.streitkraeftebasis.de

[17] Kreiszeitung, Die Region wird nach Skandinavien verlegt – Größte 
CIMIC-Übung innerhalb der NATO startet: Bundeswehr übt auch im Landkreis 
Verden, 08.11.18, kreiszeitung.de

[18] Streitkräftebasis, André Werres, CIMIC Centre of Excellence (CCOE) 
ehrt die Stadt Nienburg, 11.07.18, kommando.streitkraeftebasis.de

[19] Blickpunkt Nienburg, Joint Cooperation-Teilnehmer üben fiktiven 
Krisenfall, Aufruhr in „Framland“, 17.11.18, blickpunkt-nienburg.de

[20] Süddeutsche Zeitung vom 03.08.2016, Christoph Hickmann, Üben für 
den Extremfall, Seite 5

[21] Strukturbaum des ZentrZMZBw, kommando.streitkraeftebasis.de

[22] Presse- und Informationszentrum Cyber- und Informationsraum, 
Bataillon Elektronische Kampfführung 912, 06.09.18, cir.bundeswehr.de

[23] NDR, Streitkräfte und Strategien, Manuskript der Sendung vom 
20.10.18, Beitrag: Großmanöver in Norwegen – NATO-Speerspitze auf dem 
Prüfstand von Andreas Dawidzinski, Seite 4, www.ndr.de/streitkraefte

[24] Streitkräftebasis, Stefan Niethmann, In Langendamm spricht man 
Englisch, 17.04.18, kommando.streitkräftebasis.de

[25] Mehr zum NATO CCOE in der IMI-Studie 6/2016 „Nato-Exzellenzzentren 
– Planen für den nächsten Krieg“ von Christopher Schwitanski, Seite 
12ff, imi-online.de

[26] Streitkräftebasis, Ulrich Baade, CIMIC Command wirft seine Schatten 
voraus, 28.09.18, kommando.streitkraeftebasis.de

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