Dienstag, 12. Dezember 2017

[Hoppetosse] Plenumskritik in Contraste

Das ist ja mal ein schöner Text, finde ich ... und schicke ihn deshalb rum. Stammt aus der aktuellen Contraste, S. 4:

Da muss ich erst im Plenum fragen .......
lautet oft die erste Antwort von Einzelnen aus einer Projektgruppe, eines Hauses oder eines Kollektivbetriebes, wenn eine neue Idee, die Bitte um solidarische Unterstützung oder ähnliche Anliegen an sie herangetragen werden. Was auch sonst, denn wir handeln, diskutieren und beschließen alles und alle gemeinsam! Das ist Naturgesetz in Gemeinschaften und macht gerade den Unterschied zu den gesellschaftlichen Hierarchieketten in >normalen< Organisationen, Betrieben oder bei Hauseigentum ringsherum aus. Zusammen und nicht alleine, denn dadurch sind wir stark!
Das Plenum, die Vollversammlung, das Gruppentreffen, der Hausrat oder welche Überschriften den Zusammenkünften auch immer gegeben werden: es sind die Orte der ultimativen Legitimation und der kollektiven Weisheit letzter Schluss. Zumindest sollen oder wollen sie es ein.
Wir als externe Berater*innen kommen oft zu abweichenden Einsichten, gerade wenn wir manifeste Problemlagen in Projekten ergründen. Die Vielseitigkeit, Unterschiedlichkeit und Eigenwilligkeit von uns Individuen wird sehr häufig zu einem konsensualen, quasi homogenen Kollektiv-Eintopf verrührt. Doch leider oftmals zu Lasten einer gut gewürzten und spannenden Geschmacksmischung. Viele Themen und Vorschläge, die individuell eingebracht oder übermittelt werden, teilen wiederholt ein kurzes Schicksal, das jedoch dauerhaft Spuren hinterlässt. Sie schaffen es manchmal gar nicht erst auf die Tagesordnung, weil der morgige Tag, der Arbeitseinsatz nächste Woche oder eine drängende Antragsfrist unbedingt sofort geklärt werden müssen. Andererseits murrt ein Teil der Gruppe: >das hatten wir doch schon, nicht schon wieder<. Notfalls wiederholt sich auch nur der Vortrag längst bekannter, unvereinbar gegensätzlicher Positionen und Argumente, bis die Debatte abrupt endet: >so-kommen-wir-doch-nicht-weiter!< ... auch weil dann die Plenumszeit meistens abgelaufen ist.
Die für uns erkennbaren Spuren beziehungsweise individuellen Folgen, sind eine Mischung aus Resignation, Vorsichtigkeit, innere Immigration der Gedanken, Wiederholung eingeübter Gruppenrituale, gezähmter Sprachkodex und andere Normierungen. Und das alles fördert nicht die Zivilcourage, die Hartnäckigkeit, die Wehrhaftigkeit, nicht die Emanzipation und nicht die Eigenständigkeit jeder/s einzelnen Kollektivist*in. Obwohl wir uns genau diese Ziele mit großer Schrift ins Stammbuch geschrieben haben. Natürlich nicht mit Absicht und völlig ungewollt, doch oft läuft dieser wirksame, parallele Lehrplan unerkannt hinter unserem Rücken ab. Themen werden nicht (mehr) eingebracht, weil es erfahrungsgemäß zwecklos ist: >Damit brauche ich meinem Kollektiv gar nicht erst zu kommen!<. Viele Meinungen werden nur eingebracht, wenn vorher eine größere Konsenschance diagnostiziert wird. Oder nur dann, wenn ich mich robust genug fühle, den zu erwartenden Gegenwind auszuhalten. Oder nur, wenn es den Grundkonsens der Gruppe nicht gefährdet, wenn also keine ausufernde nach Generaldebatte kollektive Bugwellen drohen. Diese Reduzierung verhindert oft für die Projektentwicklung wichtige Debatten. Und, viel wichtiger, es übt vorauseilend konsensuales Denken und Handeln als Grundprinzip ein. Das steht nicht selten im Gegensatz zur individuellen Stärkung und zur Förderung eines wachsenden und erstrebenswerten Selbstbewusstseins.
Was machen wir mit diesem Dilemma? Ein Dilemma zwischen der Gruppe und dem Ich, was immer wieder in vielen Varianten untersucht und dargestellt wurde und wird.
Konsensfähigkeit ist nicht der Nabel der Welt und nicht das höchste aller erreichbaren kollektiven Kulturgüter. Offener Widerspruch und deutliche Unvereinbarkeit erschüttern oder zerstören nicht gleich zwangsweise jeglichen gemeinsamen Handlungsrahmen. Solidarität im Alltag wird nur durch und mit unseren individuellen Widerspenstigkeiten wahrhaft und wirksam gestärkt, auch wenn dazu gelegentlich Stürme ausgehalten, der Weg und die Reisegruppe verändert oder gewechselt werden muss. Starke Individualität und ein entwickeltes Selbstbewusstsein sind der Motor für gemeinschaftliche Prozesse und Fortschritt. Ringen wir uns den Mut ab und ermuntern uns immer wieder aufs neue die Frage zu stellen, die mal so treffend in einer Gruppe formuliert wurde: Kollektive Individualität oder individuelle Kollektivität - was macht uns auf Dauer wirklich stark?
Willi Schwarz
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(Bitte bei Antworten lange Mailzitate wegschneiden ... spart Daten, Zeit und Unübersichtlichkeit :-)

Projektwerkstatt Saasen, 06401-903283, Fax 03212-1434654
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[Chiapas98] Mehr Rechte für die Armee: Sorge um Gesetz zur Inneren Sicherheit in Mexiko (amerika21.de v. 11.12.2017)

Der Bundesnachrichtendienst: „Out of control“- ja, aber noch ein bisschen mehr…




Der BND hat im Verlauf seiner viel zu langen Geschichte immer wieder 
für Proteste demokratischer Gruppierungen gesorgt – und selbst im 
weitaus weniger demokratischen Medienwald für wiederholtes Rumoren. 
Jetzt also, im Dezember 2017, wird berichtet, der Geheimdienst der 
Hardcore-Fans des Führers, sprich Gehlen&Co – die Generation wirkt 
wahrlich über den Tod hinaus – entziehe sich bewusst und konsequent 
der parlamentarischen Kontrolle. Keine Überraschung, zumindest für 
jeden Menschen, der oder die sich auch nur ein bisschen mit diesem 
Verein befasst haben. Das hat Tradition – aber dabei bleibt es nicht 
und blieb es noch nie. Wenn hier jemand kontrolliert, dann wir, ist 
sozusagen die corporate identity des BND, wie es die fast zeitgleich 
mit der Nachricht über die Kontrollblockade veröffentlichte 
Berichterstattung über die Überwachung eines Bundeskanzlers durch 
diesen deutschen Geheimdienst deutlich macht. Siehe dazu einen 
aktuellen und einen historischen Beitrag, eine kleine Erinnerung und 
eine alte Forderung
http://www.labournet.de/?p=125137

Syrien: Innenminister verlängern Abschiebestopp bis Ende 2018

Innenministerkonferenz in Leipzig 
7./8.2017: Einschränkung von Freiheitsrechten und Verschärfung des 
Asylrechts?



"Der Abschiebestopp für Syrer gilt bis Ende nächsten Jahres weiter. 
Sachsen und Bayern haben aber einen Teilerfolg erzielt. Mit einer 
Neubewertung der Sicherheitslage in Syrien werden zumindest die 
Vorbereitungen für künftige Abschiebungen getroffen..." Meldung vom 
11. Dezember 2017 von und bei Migazin
http://www.migazin.de/2017/12/11/syrien-innenminister-verlaengern-abschiebestopp-bis-ende-2018/

[Interview] «Google, Facebook und Amazon müssen enteignet und kollektiviert werden»



"... Im Kommunikativen Kapitalismus ist die Kommunikation zum 
Produktionsmittel geworden. Ein Beispiel: Immer wenn wir unsere 
Smartphones, Laptops, Tablets benutzen, wird alles, was wir 
produzieren, zu einer Ressource für das Kapital, also die Daten, die 
für Google so wertvoll sind, die sie speichern und für Werbung 
weiterverkaufen, die sie auswerten um Muster zu finden, mit denen sie 
dann neue Geschäftsmodelle kreieren, die sie dann als Plattformen und 
Wissen an andere Unternehmen verkaufen können. Egal, wie wir 
elektronisch kommunizieren, jemand anderes besitzt das, was daraus 
entsteht. Das macht den Kommunikativen Kapitalismus aus. (...) 
Smartphones sind unsere Instrumente, wir müssen sie benutzen um zu 
arbeiten, aber können sie auch nutzen um zu protestieren. Wir benutzen 
sie die ganze Zeit. Wir arbeiten überall. Wenn wir das Smartphone 
nehmen und es auf eine widerständige Art benutzen, ist das zwar eine 
Art Enteignung der Produktionsmittel, unglücklicherweise verleibt sich 
das Kapital in Form der großen Technologieunternehmen die Ergebnisse 
davon aber trotzdem wieder ein. So entsteht eine neue Falle für die 
wir eine neue Lösung brauchen. (...) Google, Facebook und Amazon 
müssen enteignet und kollektiviert werden. Wir können das Problem nur 
lösen, wenn die, die den Profit erwirtschaften, also wir, diese 
Unternehmen auch besitzen. (...) Eine Partei, die die Wahl gewinnt, 
könnte die Technologieunternehmen nicht alleine enteignen. Dafür 
braucht es eine ebenso starke internationale Bewegung, weil wir es 
hier mit transnationalen Konzernen zu tun haben. Aber das ist 
Zukunftsmusik. An dem Punkt sind wir nicht. Gerade geht es vor allem 
darum, Bewusstsein für unsere Klassenkämpfe zu schaffen und Bewegungen 
von unten aufzubauen..." Interview von Nina Scholz vom Dezember 2017 
bei der RLS mit der amerikanischen Politologin und Medientheoretikerin 
Jodi Dean
https://www.rosalux.de/publikation/id/38156/google-facebook-und-amazon-muessen-enteignet-und-kollektiviert-werden/

Ist jede Arbeit besser, als arbeitslos zu bleiben?




"Nein, sagen britische Wissenschaftler, denn wer einen Job mit 
schlechten Arbeitsbedingungen erhält, ist schlechter dran als 
Arbeitslose. (...) Eine britische Studie, die im August im 
International Journal of Epidemiology veröffentlicht wurde, macht nun 
klar, dass Arbeiten um jeden Preis vielleicht für Arbeitgeber und 
Steuerzahler gut sein mag, aber nicht für denjenigen, der sie 
ausführen muss. (....) Die Wissenschaftler haben in ihrer Studie 
versucht, die Zusammenhänge zwischen Arbeitsbeginn bei britischen 
Arbeitslosen mit Gesundheit und stressbezogenen Biomarkern 
herauszufinden, wobei sie besonders interessiert waren an Vergleichen 
zwischen denen, die arbeitslos blieben, und jenen, die einen 
qualitativen schlechten Job erhielten. Ausgewertet wurden dazu aus 
einer Langzeitstudie mit 100.000 Teilnehmern 1116 Personen im Alter 
zwischen 35 und 75 Jahren, die 2009, als die Untersuchung begann, 
arbeitslos waren. (...) Wenig verwunderlich ist die Qualität des Jobs 
ein entscheidender Faktor, der aber von den Behörden kaum als 
Kriterium beachtet wird, bei den Statistiken zählt nur, wie viele 
Arbeitslose einen Job erhalten oder in einen solchen getrieben wurden, 
aber nicht, ob sie dadurch womöglich langfristig kränker werden. Auf 
der anderen Seite ist ein qualitativ guter Job, wozu auch 
Arbeitsplatzsicherheit gehört, eine gewisse Garantie dafür, dass es 
den Arbeitnehmern psychisch besser geht. Schlechte Arbeitsbedingungen 
verbessern den psychischen Gesundheitszustand gegenüber Arbeitslosen 
hingegen nicht." Beitrag von Florian Rötzer vom 8. Dezember 2017 bei 
Telepolis
https://www.heise.de/tp/features/Ist-jede-Arbeit-besser-als-arbeitslos-zu-bleiben-3913698.html

[Buch] Sorge-Kämpfe. Auseinandersetzungen um Arbeit in sozialen Dienstleistungen




"Soziale Dienstleistungen galten lange Zeit als wenig konfliktgeprägt. 
Dies hat sich nachhaltig geändert – in der Pflege, im 
Gesundheitswesen, in der frühkindlichen Erziehung und Bildung, in der 
Sozialen Arbeit. Zwei Prozesse stoßen aufeinander: Auf der einen Seite 
blockieren Austeritätspolitik und »Schuldenbremse« eine 
bedarfsgerechte Ausstattung der Einrichtungen, sind verantwortlich für 
unzureichende Arbeitsbedingungen und Unterbezahlung. Auf der anderen 
Seite geht es um Fragen der Anerkennung hochwertiger und 
verantwortungsbewusster Arbeit. Der Band beleuchtet die Konflikte aus 
der Perspektive betrieblicher und gewerkschaftlicher Aktivist_innen 
sowie aus der Sicht kritischer Sozialwissenschaft." Info des Verlags 
VSA zum Buch von Ingrid Artus / Peter Birke / Stefan Kerber-Clasen / 
Wolfgang Menz (Hrsg.) (336 Seiten | Oktober 2017 | EUR 26.80  | ISBN 
978-3-89965-766-1) Siehe weitere Informationen zum Buch und eine 
Leseprobe: Vom individuellen zum kollektiv organisierten Widerstand? 
Erfahrungen einer spanischen Migrantin in der privaten Pflege in 
Deutschland. Artikel von Mark Bergfeld aus dem Buch - wir danken!
http://www.labournet.de/?p=125046