Donnerstag, 22. September 2016

Konsequent, bis zum Eklat (Klaus Nilius)


Am 27. August wird der satirische Sänger, Kabarettist, Liedermacher und Lästerlyriker Hans Scheibner 80 Jahre alt. Der gebürtige Hamburger ist immer noch in seiner Vaterstadt zu Hause. Dort blickt er zurzeit von Plakaten auf die Passanten, verspricht ihnen »Skandale und Liebe« und ruft ihnen in den Buchhandlungen von den Büchertischen aus zu: »In den Himmel will ich nicht.«

Na ja, das könnte auch ein wenig problematisch werden am Himmelstor bei der Abgabe des Asylantrags, hat er es sich doch mit diversen Entscheidern verdorben: Die fromme Verbeugung vor dem Einen hat er in »Spott zum Gruße« umgewandelt, und den Ersten Stellvertreter auf Erden hat er regelmäßig in seinen Programmen verhohnepiepelt, weil dieser den Katholiken die Anti-Babypille verweigert: »Himmel, Arsch und Zwirn! Der Papst kann sich nicht irr‘n.«

Frage: Was haben frühere Bürgerinnen und Bürger der DDR und der Bundesrepublik gemeinsam, im Hinblick auf Hans Scheibner? Ganz einfach: Sie kannten ihn, ohne es zu wissen.

Beispiel Ost: In den siebziger Jahren überwand ein Ulk-Schlager »auf Äthers Flügeln« das Trennende und schlich sich in die Alltagskultur der klassenbewussten Republik ein: »Oh, Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen …«. Der unter Pseudonym verfasste Text stammte von Scheibner, Sänger war der holländische Entertainer Nico Haak. Der Song soll in der DDR noch populärer als in der Bundesrepublik gewesen sein.

Beispiel West: Wer hier wohnte, der entging sicherlich nicht dem einsamen eiförmigen Tank, der ab Mitte der 1970er Jahre hier und da an Landstraßen oder Autobahnen stand und, doppelwandig wie er war, verkündete: »Ich bin 2 Öltanks«. Es war einer der erfolgreichsten damaligen Werbeslogans, getextet von Hans Scheibner.

Aber der Reihe nach. In Hamburg geboren. Mutter kaufmännische Angestellte, Vater Maschinenbauer, eine vier Jahre jüngere Schwester. Im Elternhaus keine Sympathie für die Nazis. 1943 ausgebombt, Flucht nach Ostpreußen, ein Jahr später zurück an die Elbe: »Die Russen kommen.« Schule, Lehre, Kaufmannsgehilfenbrief. Erste schriftstellernde Fingerübungen, erste Auftritte als Schauspieler mit dem im April 2016 in Hamburg gestorbenen Uwe Friedrichsen. Begegnung mit dem Kabarettisten, Schauspieler und Schriftsteller Werner Finck, der ihn ermutigt, »sich nie vom eingeschlagenen Weg abbringen zu lassen«, was Hans Scheibner beherzigt: »Konsequent, bis zum Eklat« wird seine Devise. Auftritte mit Fritz Graßhoff, dem Schöpfer der »Lumpenpostille«, einem erfolgreichen Lyrikbuch der Nachkriegszeit.

Im Jahr 1974 veröffentlicht die Hamburger Band »Jazz-Lips« ihre LP »Meyers Dampfkapelle – Herzlose Lieder«. Ein hintersinniger Song davon wird zum Dauerbrenner, bis heute: »Ich mag so gern am Fließband stehn«, Interpret Hans Scheibner. Er ist angekommen, gehört zur legendären »Hamburger Szene« rund um das damalige Jazzlokal »Onkel Pö«.


Und der erste Eklat seiner Laufbahn ist nicht weit weg. Im Spiegel vom 13. Dezember 1976 bricht er den Stab über die deutschen Texte der Crème de la Crème der Liedermacher. Mit dem bei François Villon ausgeliehenen Verdikt »Das wiegt kaum einen Vogelschiss« zieht er sich den Zorn fast aller Sangesbrüder zu. Und er legt sich – wie ich meine: zu Unrecht – mit dem Sänger Hannes Wader an, der vom »Elend der Arbeiter« singe, nach dem Gesang aber nach Hause in seine Mühle fahre, »die er mit Arbeitsliedern hart ersungen und zusamm‘gespart« hat (»Vom Sänger mit den Arbeiterliedern«, 1976).

Im Herbst desselben Jahres beginnen an der schleswig-holsteinischen Westküste nahe der Gemeinde Brokdorf die Bauarbeiten für ein Kernkraftwerk, begleitet von Protesten und Demonstrationen. Vier Jahre später, nach einem gerichtlich verfügten Baustopp und vor dem sich abzeichnenden erneuten Baubeginn, ziehen rund 100.000 Menschen zum Bauplatz. 10.000 Polizisten stehen ihnen gegenüber. Jagdszenen in der Wilstermarsch. Gerhard Stoltenberg (CDU) regiert das Land mit eiserner Faust.

Hans Scheibner zeigt Haltung. Er liefert das Lied, das zur Brokdorf-Hymne wurde und auch heute noch gesungen wird: »Was in Achterndiek in der Nacht geschieht«. Der Song kommt in Märchenform daher – »Vom Fischer un siner Fru« – und berichtet vom Bürgermeister Jonny Hansen im verträumten, stillen Achterndiek, der einmal Fischer war, und seiner Frau, die wie Ilsebill bei den Brüdern Grimm immer noch einen draufsetzen will und sich schließlich ein Atomkraftwerk wünscht, was sie auch bekommt. Mit verheerendem Ausgang.

Hans Scheibner macht seinen Weg, sich in seinen Texten naiv-doppelsinnig gebend, als Meister der Alltagssatiren, als Buchautor, Schauspieler, Kabarettist. 1979 gelingt ihm ein weiterer Hit: »Das macht doch nichts, das merkt doch keiner«. Er singt ihn bis heute, aktualisiert die Passagen von Mal zu Mal. Er arbeitet als Kolumnist für Zeitungen, hat eigene Sendungen im Hörfunk und Fernsehen (zum Beispiel »scheibnerweise«).

Dann der nächste Eklat. Im Dezember 1985 trägt Scheibner in der NDR-Talk-Show zum 30. Geburtstag der Bundeswehr in Anlehnung an das bekannte Kurt-Tucholsky-Zitat sein Lied »Wo bist du, Lysistrata« vor, in dem es heißt: »Aber ach, es ist ja nicht möglich heut. / Die Frauen sind ja selbst nicht zu retten. / Ihre Söhne schicken sie brav in den Krieg. / Und mit Mördern teilen sie die Betten!«

Verteidigungsminister Manfred Wörner und »die Bundeswehr« fühlen sich angegriffen, das Hamburger Abendblatt kündigt seinem Freien Mitarbeiter, der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Friedrich Wilhelm Räuker, Mitglied der CDU, stoppt »scheibnerweise«. Die Hörfunk- und TV-Auszeit dauert zwei, drei Jahre. Dann hält in Schleswig-Holstein ein neues kulturelles Klima Einzug, von der Kulturszene im Norden wie eine Befreiung begrüßt: Der Sozialdemokrat Björn Engholm war 1988 Ministerpräsident geworden, Scheibner hatte ihn im Wahlkampf unterstützt. Auch der NDR-Intendant hatte gewechselt, und mit Scheibner sympathisierende Redakteurinnen und Redakteure durchbrachen den Bann.

Und dann ist da im Januar 1989 noch die »Bremer Eiswette«, eine jährliche Gala von Wirtschafts-Großkopfeten und Politikern, wenige Monate nach dem Tode von Franz Josef Strauß und zwei Jahre nach der Verurteilung des FDP-Politikers Graf Lambsdorff als Steuerhinterzieher (»Flick-Affäre«). Hans Scheibner soll für Stimmung sorgen. Es kommt anders als erwartet. Seine  Spottverse über die beiden, über Wirtschaft und Politik treffen den Nerv: »Linke Sau«, »Werft ihn raus«, »Mikro aus«. Aschenbecher fliegen. Scheibner entrinnt unversehrt dem Tumult.

Er ist eben Hans im Glück. Mit diversen Kabarett- und Liederprogrammen, vor allem aber mit dem alljährlichen Dauerbrenner zur Weihnachtszeit »Wer nimmt Oma?« wird er »populär, ohne ein Populist zu sein«, wie Engholm später einmal über ihn sagt.

Seinen 80. feiert Scheibner punktgenau in der Hamburger Laeiszhalle, an seiner Seite seine Ehefrau, die Schauspielerin Petra Verena Milchert, und Raffaela, die zweitälteste von vier Töchtern, und immer noch der holländische Pianist Berry Sarluis, Scheibner freundschaftlich verbunden seit Mitte der 1970er Jahre, sowie der Schlagzeuger Helge Zumdieck und der Bassist Thomas Biller. Sie begleiten ihn auch auf den über zwölf Stationen der Geburtstagstournee »Skandale und Liebe« zwischen Flensburg und Berlin (www.hansscheibner.de). Am 12. August ist bei Hörbuch Hamburg die Sammlung »In den Himmel will ich nicht« erschienen, ein äußerst vergnüglicher satirisch-selbstironischer Lebensrückblick auf 4 CDs, gelesen vom Autor, 18 €. Der List Verlag (Ullstein) veröffentlichte gleichzeitig unter demselben Titel die Buchausgabe, 400 Seiten, ebenfalls 18 €.

Käthe Kollwitz in Russland (Hartmut Sommerschuh)


Wenn an Sommerabenden in Kaliningrad über hundert Mauersegler um den Hotelblock sausen, fragt man sich: Wo haben die ihre Quartiere? Alte Mauernischen und Häuser gibt es kaum noch.

Das einstige Königsberg ist verschwunden. Wohnblöcke, moderne Hochstraßen, gut gefüllte gläserne Supermärkte und schöne Parks entlang der einstigen Altstadt-Ufer prägen heute die Heimatstadt von Käthe Kollwitz. Liebevoll restauriert der Dom, die noch erhaltenen Stadttore. Hier wurde die spätere Grafikerin im Juli 1867 am Weidendamm Nummer 5 als drittes Kind des Maurermeisters Carl Schmidt geboren.

Nach zwei Angriffen britischer Verbände mit Brandbomben im August 1944 waren die schönen Speicher, Kirchen und Kanäle der nordöstlichsten deutschen Stadt rauchende Trümmer. Bis zum 9. April 1945 zerfielen sie ganz. Da erst ließ Stadtkommandant Otto Lasch den fanatischen Häuserkampf gegen die Soldaten der 3. Weißrussischen Front endlich abbrechen. Das 700 Jahre alte Königsberg existierte nicht mehr. Es war dies der Monat, als Käthe Kollwitz weitab in Moritzburg bei Dresden einsam starb. Im Obdach des ihre Kunst liebenden, aber längst geflohenen Ernst Heinrich von Sachsen. Jüngster Sohn des letzten sächsischen Königs Friedrich August III. Der sächsische König hatte 1918 unblutig abgedankt, nicht wie Wilhelm in Arbeiter- und Soldatenräte schießen lassen, die nach russischem Vorbild demonstrierten.

Russland – ein denkwürdiger Ringschluss am Lebensende der Kollwitz.

Vom Fall ihres geliebten Königsberg hat sie wohl noch erfahren, dass es nach Alliiertenbeschluss mit dem nördlichen Ostpreußen sowjetisch wird, wohl nicht mehr. Die Stadt Immanuel Kants, ein Zentrum der Philosophie und Wissenschaft aber auch der knechtenden preußischen Junker und ein Nazi-Bollwerk gegen Litauer, Polen, Russen und Juden. Sie sollte nicht länger deutsch sein. Auch nicht in mittelalterlicher Kontur wieder entstehen.

Hier verbrachte Käthe Kollwitz ihre Jugend, beobachtete die Mühsal der Hafenarbeiter beim Ziegelabladen, verinnerlichte den linksliberalen Freigeist von Großvater Julius Rupp und das sozialdemokratische Engagement ihres Vaters Carl. Der ihr auch den ersten Zeichenunterricht organisierte. Der väterliche Bücherschrank stand ihr offen: »von Jugend an liebe ich Russland, mit welchem mich Dostojewski, Tolstoi und Gorki bekanntmachten«, schrieb sie 1928 an Gorki. Eine geplante Russlandreise zerschlug der Erste Weltkrieg. 1917, nach der Oktoberrevolution, schrieb sie in ihr Tagebuch, von Russland sei »etwas Neues in die Welt gekommen, was mir entschieden vom Guten zu sein scheint«. Als 1921 nach einer großen Hungersnot an der Wolga und Lenins Hilferuf die entstehende Internationale Arbeiterhilfe Unterstützung brauchte, schuf sie das Plakat »Helft Russland«. Willi Münzenbergs Organisation entwickelte sich zu einem einzigartigen deutsch-russischen Kulturnetzwerk. 1923 liefen in Berlin erste russische Filme wie »Hunger in Russland« und aus dem anspruchsvollen Produktionsstudio von RUSSFILM »Polikuschka«. Eine meisterliche Tolstoi-Verfilmung. 1924 wurde Käthe Kollwitz eingeladen, für die »Erste allgemeine deutschen Ausstellung« in Moskau Bilder zu schicken. Drei Jahre später, zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution fuhr sie sogar selbst hin. Man zeigte ihre erste Personalausstellung 1928 auch in Petersburg und Kasan. Kein anderer Repräsentant deutscher Kunst wurde in dieser Zeit so verehrt, so der damalige sowjetische Katalog, wie diese »junge Sozialistin«. Sie selbst war sich in ihrer politischen Bestimmtheit unsicher. Nicht aber in ihren Eindrücken. »Russland berauschte mich«, so ein weiterer Tagebucheintrag.

Trotzdem wird noch immer darüber gestritten, wie politisch die Kollwitz mit ihrer Russlandliebe wirklich war, wie aufrührerisch ihre Grafiken. 2012 gelang es dem Käthe-Kollwitz-Museum Berlin in der Berliner Fasanenstraße, die Moskauer Kollwitz-Ausstellung von 1928 zu rekonstruieren. Es wurde auch ein Versuch, die Kompassnadel auf eher unpolitisch auszurichten. »Missverständnis im Osten« titelte anerkennend der Tagesspiegel. Die Ausstellung korrigiere einstige sowjetische »Vorurteile« über die Künstlerin. Ihre Arbeiten seien nicht als Aufruf zur proletarischen Revolution zu interpretieren, sondern als Anklage gegen menschliches Leid allgemein, wird Kuratorin Gudrun Fritsch zitiert: »Genau an dieser Stelle beginnt das Missverständnis in der Rezeption des Kollwitz’schen Werkes in der Sowjetunion, denn im Moskauer Katalog von 1928 wird der Weberaufstand‘ eindeutig so verstanden.« Zu fragen wäre hier gewesen: Wie anders hätte Kollwitz nach den Interventionskriegen, am Beginn der Industrialisierung, im Taumel des beginnenden ersten Fünfjahrplans eines bis dato elenden Bauerlandes auch verstanden werden sollen? Angesichts dieser wagehalsigen, in keiner anderen westlichen Nation gelaufenen Aufbruchsgeschichte.

Nun steht 2017 der 150. Geburtstag von Käthe Kollwitz ins Haus. Und die neue Mannschaft des Berliner Museums unter Iris Berndt startet ein weiteres Russlandkapitel für die Kollwitz. Bereits Mitte September gibt es mit zehn begeisterten Partnern in Kaliningrad – Museen, Schulen, alternativen Cafés, dem Deutschen Sprachzentrum und der Staatlichen Kunstgalerie – über ein Dutzend Workshops und Gespräche zu Käthe Kollwitz. Das vom Auswärtigen Amt geförderte Vorhaben wird mit einer deutsch-russischen Publikation »Käthe Kollwitz in Königsberg. Eine Spurensuche in Kaliningrad« zum Ende des Jahres 2016 abgeschlossen. Weiter geplant sind noch Aufsteller in der Stadt Kaliningrad und im Kaliningrader Gebiet zu wichtigen Spuren von Käthe Kollwitz an ihren Jugendstationen. Dazu ab 8. Juli 2017, dem Geburtstag, eine schöne Kollwitz-Ausstellung in der Staatlichen Kunstgalerie Kaliningrad in Kooperation mit dem Käthe-Kollwitz-Museum Berlin.

Das ist dann auch wieder die Zeit der schnellen Mauersegler. Die keine Ländergrenzen kennen, aber Historisches brauchen zum Leben.

Aktuelles zum 150. Geburtstag von Käthe Kollwitz unter www.kaethe-kollwitz.de.

Puppenspiel mit Menschen (Monika Köhler)


Endlich Schluss mit dem Fußball&Olympia-Totalitarismus in Fernsehen und Radio – selbst die Nachrichten kann man nicht schnell genug abschalten: Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg hat begonnen. Auftakt mit Uraufführung: »Auguri« von Olivier Dubois aus Paris mit seinem Ballet du Nord. Welch ein Reinfall, ich hätte auch zu Hause den Fernseher einschalten können – diese sportliche Höchstleistung: 22 Tänzerinnen und Tänzer rennen, rennen, rennen über die Bühne. Mal von rechts nach links, mal von links nach rechts. Dazu unerträgliche Geräusche, im Programm als »Musik« vermerkt. Sonst nichts, aber unaufhörlich, mehr als eine Stunde lang: das Schicksal der Menschheit eben.

Aber der zweite Abend, weit weg von all dem: ruhig, leise, intensiv, auch mal komisch: »Avidya – das Gasthaus der Dunkelheit« von dem japanischen Regisseur und Ex-Psychiater Kuro Tanino und seiner Gruppe Niwa Gekidan Penino, eine Europapremiere. Auf einer Drehbühne, sehr realistisch, die Räume eines traditionellen japanischen Gasthauses mit heißen Quellen-Bädern in den Bergen, abseits, auch vom Dorf. Zwei Puppenspieler aus Tokio wurden per Brief zu einem Auftritt eingeladen. Die Herberge scheint menschenleer. Dann treffen dort einige, sehr unterschiedliche Menschen zusammen. Eine alte Frau, die sich von den Bädern Heilung verspricht, ein Blinder, der sein Gerbrechen nicht wahrhaben will, in einem Buch blättert, draußen Kräuter sammelt, und zwei Geishas, die ausspannen wollen. Und ein Mann, der bei uns Bademeister genannt würde, der den Gästen – in unterwürfiger Haltung – behilflich ist, für ein Trinkgeld. Denn, einen Herbergswirt gibt es nicht. Wer hat die Puppenspieler hierher beordert?

Der Brief trägt keine Unterschrift. Eine kafkaeske Situation. Die neuen Gäste werden im Haus übernachten müssen, weil kein Bus mehr fährt. Bettzeug wird aus dem Wandschrank geholt, auf den Boden gebreitet. Alles scheint unkompliziert, wird sich jedoch zu einer psychischen Ausnahmesituation entwickeln. Die alte Frau versucht eine Kommunikation, ob ihnen etwas fehle – am Körper? Für den Blinden ist das »innere Auge« entscheidend. Der Puppenspieler – es ist der Ältere, der Vater – verneint die Seele, gibt nur kurze lakonische Antworten. Es wird deutlich, dass er sich selbst hasst, sich als »grässlich« empfindet. Warum? Er ist klein wie ein Kind, aber mit uraltem Gesicht. Sein großer Sohn hat sein Dasein nur ihm gewidmet, bemuttert den Vater, der erstaunlich selbständig ist und die übergroße Fürsorge barsch zurückweist.

Immer wenn die Drehbühne einen anderen Raum zeigt, erklingt eine klagende Geige. Die Geishas bringen ihre Instrumente mit, dreisaitige Shamisen, die mit dem Plektron angerissen werden und aufreizend harte Töne erzeugen. Keine elektrische Verstärkung. Die Stille lässt das Zirpen der Grillen und Vogelgezwitscher hören. Eine intakte Natur? Eine Erzählerin gibt immer wieder in poetischen Worten Hinweise zur Handlung und zur Geschichte. Wichtiger sind die Gesten und die Atmosphäre, die unsichtbaren Fäden im Raum. Der Blinde möchte teilhaben, versucht den kleinen Puppenspieler zu berühren, er hört die Musik der Geishas von oben. Seine Finger nesteln an sich herum, um seine Anspannung zu bekämpfen? Oben sprechen die Mädchen von Bauarbeiten, die bald beginnen werden. Hier soll eine neue Bahnstrecke entstehen. Dann wird das alles verschwinden.

Im Bad plätschert das Wasser, Dampf breitet sich aus über die Steine. Das lange Haar des Kleinen, das nun offen herunterhängt, hüllt ihn fast ein. Ist es eine Frau? Nicht wichtig. Der Bademeister massiert den Rücken und erntet Lob. Plötzlich wedelt er wild an sich herum, quält sich, Haltung zu bewahren, die menschliche Regung zu unterdrücken. Ein Fächer hilft. Später kommen die Geishas von einer Feier beschwipst zurück, sehr geräuschvoll, mit der Flasche in der Hand. Der Kleine soll auch trinken. Er lehnt ab. Was ist mit dem Puppentheater? Die Mädchen greifen zu ihren Shamisen, spielen, so intensiv, dass die alte Frau oben sich vor den Spiegel setzt, auch im Kimono. Ihr Wunschtraum, Geisha zu werden, zerschlug sich durch den Krieg. Sie verhüllt den Spiegel wieder. Unten lässt der Vater nun doch die Puppe auftreten, nackt und mit Riesenhänden: ein alter Mann. Der Spieler lässt sich umarmen von der Puppe, tanzt mit ihr auf dem Tisch. Dann legt er sich auf den Rücken, die Beine in der Luft, wie ein ausgelassenes Kind. Die Puppe leckt ihm mit langer roter Zunge das Gesicht. Was ist geschehen? Die Seele des Puppenspielers – der keine Seele haben will – ist sichtbar geworden. Berührt oder beschämt ziehen sich die anderen zurück. »Das war wunderbar« sagt die Alte.

Hier hätte Schluss sein können. Doch philosophisch-buddhistische Erläuterungen über »Avidya«, die Ignoranz, eine der zwölf Ursachen für die Wiedergeburt, folgen. Der Puppenspieler kommentiert es mit »Aha«. Es passiert noch einiges – hinter den Fenstern im Nebenraum. Wir hören einen Orgasmus – der wohl ansteckend ist. Alle geraten außer sich. Eine Geisha hat sich den Bademeister geschnappt oder umgekehrt? Der Blinde spürt die Erregung, berührt die Puppe, stürzt nach draußen. Später heißt es: Die Menschheit sei »dem Irrsinn verfallen«. Die Bahn wird gebaut, man hört es. Ein Jahr ist vergangen. Das Gasthaus existiert noch. Vögel singen. Helles Licht zeigt beide Stockwerke. Eine Geisha mit Baby im Arm sagt: »Besuch ist jederzeit willkommen.« Ein irritierender, ein realistischer Schluss: der Beginn der Tourismusindustrie?

Wunschkinder (1) (Urte Sperling)


Unsere netten Nachbarinnen laden zur Hochzeit. Es zeigt sich: Sie sind keine Schwestern, wie vermutet, sondern ein »gleichgeschlechtliches« Paar in den 30ern. Und einige Monate nach der Hochzeitsfeier ist eine der beiden häufig im Krankenhaus. Wochen später sieht man ihr an, dass sie schwanger ist. Auf die Frage nach dem Befinden – sie erscheint angestrengt – sagt sie, es gehe inzwischen besser. Und schließlich erfahren wir, dass wir nun Wand an Wand mit Drillingen leben. Gerechnet hatten die beiden glücklichen Mütter mit einem Zwillingspärchen. Überraschenderweise hatte aber das dritte und schwächste Neugeborene ebenfalls überlebt. Es brauchte nach der Kaiserschnitt-Frühgeburt am längsten, um sich auf der »Frühchen«-Station der Kinderklinik an das Leben außerhalb des Mutterleibes zu gewöhnen. Doch im Laufe des ersten Lebensjahres gedieh das Trio, bemuttert von Mami und Mama, einem Netzwerk aus Freunden, bezahlten Betreuer_innen und Großeltern. Bald sahen wir sie behelmt und mit ihren Laufrädchen allmorgendlich zur Kita radeln. Mami und Mama erwiesen sich als bedachte, meist geduldige Bezugspersonen und meisterten die anstrengende Aufgabe mit bewundernswerter Gelassenheit. Als die Familie dann auszog, um in der Nähe der Großeltern ein Haus mit Garten zu beziehen, waren wir ein wenig traurig. Gern hätten wir die netten Nachbarinnen behalten. Dass die zu vermutende, für unsere Generation noch außergewöhnliche »assistierte«, von reproduktionsmedizinischen Techniken ermöglichte Art der Entstehung dieser Kinder etwas Befremdliches haben könnte, kam uns im alltäglichen Umgang nicht in den Sinn.

Noch während der 1990er Jahren war diese Art des Kindermachens – damals noch im Experimentierstadium – Gegenstand öffentlicher Kritik sowohl von Konservativen als auch von einer Reihe Feministinnen. Die sich abzeichnende Entwicklung zum »Wunschkind« auf Bestellung erschien vielen Frauen der zweiten Frauenbewegung als Endpunkt einer Entwicklung, die in einer Jahrtausende alten Tradition der Verfügung und Unterwerfung des weiblichen Gebärvermögens unter fremdbestimmte »Fortpflanzungs«-Interessen stand. Kontrolle über die weibliche »Fruchtbarkeit« war in der Geschichte der westlichen Zivilisation ein Tribut an das Bedürfnis nach gesicherter Vaterschaft und nach »Stammhaltern« und Erben für die eigene Sippe. Später kam die Unterwerfung unter den »Willen zum Wissen« (Foucault) der Naturforscher und Ärzte hinzu. Sie wollten die Geheimnisse um Zeugung, Schwangerschaft und Geburt enthüllen – lange die Domäne von Hebammen und erfahrenen »weisen« Frauen. Die Wissbegierde der aufkommenden Naturwissenschaft zielte auf die Kontrolle über alle Naturprozesse. Kritik an den Reproduktionstechniken reihte sich ein in die Skepsis gegenüber einem »Machbarkeitswahn« und Tendenzen der Medikalisierung gesellschaftlicher Phänomene.

In diesem Zusammenhang fragte sich auch manche Frau, was Männer dazu treibt, Gynäkologe zu werden. Aus der kritischen medizingeschichtlichen Forschung ist bekannt, auf welche die Frauen benutzende Art und Weise Ärzte ihren Forschungsdrang umsetzten und wie viele Frauen vor allem der Unterschichten bei den Experimenten in den Gebärhäusern des 18. und 19. Jahrhunderts ums Leben gekommen sind. Nicht zu vergessen die Ziele der Eugeniker und die bevölkerungspolitischen und militärisch motivierten staatlichen Programme des späten 19. und 20. Jahrhunderts zur Kontrolle des »Volkskörpers«, seiner Gene und die damit verbundenen obskuren, als Wissenschaft ausgegebenen Hypothesen der »Erb- und Genforschung« mit ihren rassistischen Züchtungs- und Ausmerzphantasien und grausigen Praktiken von der Zwangssterilisierung bis zur Tötung von Menschen, die nicht der Norm entsprachen.

Gerade erst hatten die Frauen in der 1968er-Bewegung sich mittels hormoneller Verhütung vom Gebärzwang befreit, da präsentierte unter anderen auch der Erfinder der »Pille« ein Angebot, das nunmehr den »Unfruchtbaren« »Heilung« versprach. Das erste »Retortenbaby«, durch In-Vitro-Fertilisation gezeugt, war inzwischen erwachsen. Niemand sprach mehr von »Retortenbabies«. Sie hießen nun »Wunschkinder«. Der unerfüllte Kinderwunsch – bis dato ein hinnehmbares Schicksal – mutierte in den 1990er Jahren zu einer behandelbaren Krankheit, was Kritikerinnen als ein weiteres Beispiel für Medikalisierung betrachteten. Ein neuer Zweig der Medizin schuf ein Angebot, das einen entsprechenden Bedarf nach einer Therapie erzeugte für etwas, das zuvor als Schicksal, nicht aber als Krankheit galt. Die parallel entwickelten Angebote zur Pränataldiagnostik als eine Art vorgeburtlicher »Qualitätskontrolle« und Schutz vor seltenen Erbkrankheiten verwiesen auf die eugenische Kontinuität der Verfahren, weshalb Frauen aus der Behinderten-Bewegung das Recht auf Abtreibung aus solchen Gründen strikt ablehnen.

Andere Frauen stellten die Frage, ob es nicht unmoralisch sei, in eine Welt wie die bestehende um jeden Preis neue Menschen hineinzusetzen, solange Millionen von Kindern ohne ausreichende Nahrung sind, von ihren Müttern oder Eltern als Arbeitskräfte oder zum Zwecke der Versorgung im Alter oder anderen materiellen Erwägungen in die Welt gesetzt werden. Wer sich um Kindeswohl kümmern wollte, konnte doch SOS-Kinderdörfer oder das Weltkinderhilfswerk unterstützen oder Pfleg- und Patenschaften übernehmen oder Kinder adoptieren?

Mittlerweile ist die »assistierte Zeugung« zu einer fast schon alltäglichen Option geworden, unterwerfen sich Frauen freiwillig den Strapazen der hormonellen Stimulierung, sichern sich ein beachtliches Zubrot als Eizellspenderinnen oder Leihmütter. Es hat sich eine Industrie entwickelt, die nach standardisierten Verfahren ihre Dienste anbietet und ihre Kundschaft findet.

Wir haben es also mit zwei Realitäten und ihnen entsprechenden Sichtweisen zu tun:
Einmal mit den Interessen einer neuen Industrie und einer Wissenschaftstradition. Menschen verfügen hier so unverfroren wie in anderen Bereichen der Gesellschaft über Menschen, wobei da und dort privates Glück ermöglicht wird, ohne dass das große Unglück, das ringsum weiterbesteht, angetastet wird.

Zum anderen mit der Legitimität dieses Glücksanspruchs (und seiner Erfüllung), der nahelegt, dass es für Einzelne da und dort eben doch ein wahres Leben im falschen geben könne.

Darüber wäre wohl noch weiter nachzudenken.

Gutachten mit Geschmäckle? (Wolfgang Ehmke)


Wenn von käuflicher Wissenschaft die Rede ist, wird zumeist assoziiert, dass Risiken der Pharma- und Chemieindustrie oder auch der Atomkraftnutzung und deren Strahlenfolgen negiert oder heruntergespielt werden. An die »reine Wissenschaft« glauben wohl nur wenige, denn man liest oder hört immer mal wieder, dass es in strittigen Bereichen »Auftragsgutachten« gibt, in denen Fakten unterschlagen, Risiken geschönt werden. Man ist folglich klug beraten, wenn man dem Grundsatz folgt: Sag mir, wer die Gutachten bezahlt, und ich sage dir, wo Skepsis angebracht ist.

Dass auch Bundesbehörden nicht davon frei sind, dass Konzerne Studien in ihrem Profitinteresse oder im politischen Interesse sponsern, förderte eine aktuelle Recherche des WDR-Journalisten Jürgen Döschner zutage (siehe auch https://www.tagesschau.de/inland/geo-wissenschaftler-bundesanstalt-101.html ) Gemeinsam mit anderen Berufskollegen deckte er auf, wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) jahrelang von Mitteln der wirtschaftsnahen Martini-Stiftung profitierte, die auf diesem Wege »gewünschte« Aussagen der Behörde generierte.

Die BGR ist einer der wichtigsten Beratungs- und Forschungsdienste der Bundesregierung, sie untersteht dem Wirtschaftsministerium. Sie gilt auch als so ein Flaggschiff der Unabhängigkeit wie »die Wissenschaft«. In die Kritik geraten war die BGR in der letzten Zeit fast nur in Verbindung mit ihren Aussagen zum umstritten Fracking zwecks Erdgasgewinnung oder zur Eignung des Salzstocks Gorleben als Atommüllendlager.

Den größten Unsinn hatte demnach die BGR schon im Jahr 1995 verzapft. Die Klimadebatte war da bereits voll entbrannt. 1997 wurde nach der dritten Vertragsstaatenkonferenz das sogenannte Kyoto-Protokoll verabschiedet, das erstmals rechtsverbindliche Begrenzungs- und Reduzierungsverpflichtungen für die Industrieländer umriss, um den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß zu begrenzen. Das heißt, noch zwei Jahre vor Kyoto hatte die BGR all die Zweifler bestärkt, die nicht den CO2-Ausstoß aus Fabrikschloten und Auspuffrohren als hauptverantwortlich für den Klimawandel ausmachten, sondern schlichten Wasserdampf und die Aktivitäten der Sonne.

Damit nicht genug. Statt einer Revision der kruden Theorie, trotz des Kyoto-Protokolls veröffentlichte die BGR im Jahr 2000 auf der Basis dieser Studie das Buch »Klimafakten« – bis heute eine Art »Beweis« dafür, dass natürliche Klimaschwankungen integraler Bestandteil der historischen und daher auch aktuellen Klimaentwicklung sind. Wie Döschner schreibt, eine »Heilige Schrift« all jener, die den Klimawandel oder zumindest den Anteil des Menschen daran bezweifeln.

In die wissenschaftlichen Kapriolen der BGR reiht sich die 2013 veröffentliche Stellungnahme der Staatlichen Geologischen Dienste zum Fracking ein. Die umstrittene Methode zur Gewinnung von Erdgas war zuvor vom Umweltbundesamt unter die Lupe genommen worden, das Risiken und Unsicherheiten attestierte, die beim Einsatz des Frackings für die Reinhaltung des Grundwassers entstehen. Das spielte die BGR herab mit der Bemerkung, es gebe da eine »generelle Überschätzung« der Gefahren. (s. tagesschau.de)

Was bis jetzt nicht bekannt war und durch den WDR enthüllt wurde: Die BGR-Klimastudie war seinerzeit von der Industrie bezahlt worden. Genauer gesagt von der Hans-Joachim-Martini-Stiftung, einer weitgehend unbekannten und im Verborgenen arbeitenden gemeinnützigen Stiftung. Das Ziel des 1982 gegründeten Hans-Joachim-Martini-Fonds, der fünf Jahre später in jene Stiftung umgewandelt wurde, ist laut Satzung die »Förderung der angewandten Geowissenschaften«. Döschner: »Was sich zunächst uneigennützig anhört, entpuppt sich bei näherem Hinsehen allerdings als ein spezieller Finanztopf, über den Unternehmen aus der Chemie-, Energie- und Rohstoffbranche über Jahre hinweg die BGR finanziell unterstützt haben.« In den ausgewerteten internen Dokumenten stößt man auf illustre Namen wie die Bayer AG, den Kohlekonzern Rheinbraun, der später vom Stromkonzern RWE übernommen wurde, Wintershall, BP, Kali+Salz AG oder die Ruhrkohle AG.

Die Liste »bemerkenswerter« Studien lässt sich fortsetzen: In den Genuss des Martini-Preises kam laut Döschners Recherche auch ein Wissenschaftler, der mit seiner Arbeit den schädlichen Einfluss von Infraschall bei Windrädern zu belegen versuchte. Ein weiteres Beispiel: Der Martini-Nachwuchspreis 2011 ging an eine junge Wissenschaftlerin für ihre Diplomarbeit zur raumbezogenen Darstellung und Auswertung der Salzlösungen in Verbindung mit den Wasserwegsamkeiten im Salzstock Gorleben.

Da die Geldflüsse weitgehend intransparent blieben, bleiben viele Fragen offen. Ob die Autoren der Studie, die dem Salzstock Gorleben vorschnell eine Eignung als Atommüllendlager unterstellten, ebenfalls von der Martini-Stiftung prämiert wurden, ist bisher nicht geklärt. Die Studie wurde im Geologischen Jahrbuch 2008 veröffentlicht, und dort heißt es: »Trotz der noch nicht abgeschlossenen Erkundung des Erkundungsbereiches 1 (EB 1) kann nach den bisherigen Untersuchungen festgestellt werden, dass aus geowissenschaftlicher Sicht keine Erkenntnisse aus dem Salinar gegen die langzeitsicherheitliche Eignung des Salzstocks Gorleben für die Endlagerung radioaktiver Abfälle vorliegen.«

Erstmalig 2012 kritisierte die Innenrevision des Bundeswirtschaftsministeriums die Vergabepraxis der Preisgelder und bezeichnete sie zumindest für den Zeitraum bis zum Jahr 2003 als »angreifbar«. Die Prämien seien als »Geschenke« zu werten und hätten ohne Genehmigung der Vorgesetzten nicht angenommen werden dürfen. Unterdessen hat der Republikanische Anwaltsverein (RAV) Strafanzeige gegen die BGR bei der Staatsanwaltschaft Hannover wegen des Verdachts auf Vorteilsgewährung, Vorteilsnahme beziehungsweise Bestechung und Bestechlichkeit nach §§ 331–334 StGB gestellt. Rechtsanwalt Thorsten Deppner beruft sich bei der Strafanzeige auf den WDR-Bericht, in dem es heißt:
Es ergebe sich jedenfalls das Bild eines äußerst komplexen und wenig transparenten Geldflusses von der Industrie in die BGR. Das beginne bereits bei den Anfängen der Stiftung 1981. »Es ist beabsichtigt, […] eine Hans-Joachim-Martini-Stiftung« zu gründen, schrieb der damalige Chef-Geologe der Bayer AG in einer internen Notiz an seinen Vorstand. »Die Stiftung soll dazu dienen, junge bzw. verdiente Mitarbeiter der BGR durch maßvolle finanzielle Anreize zu belohnen.« Und offenbar um den Nutzen für Bayer zu unterstreichen, fügte der Autor hinzu: »Bayer AG hat seit 1971 Jahr für Jahr die aktive und tatkräftige Unterstützung von Herren aus der BGR erfahren.«

Blind gegenüber der eigenen Geschichte gibt sich die BGR auch, wenn es um den Namensgebers des Preises, Hans-Joachim Martini, geht. Er war 1940 Leiter der Reichsstelle für Bodenforschung in Prag mit der Aufgabe »Erforschung, Erschließung und Verwertung« der tschechischen Bodenschätze, also damit, das okkupierte »Reichsgebiet« des Protektorats Böhmen-Mähren nach Ausbeutbarem für die deutsche Wirtschaft und die Kriegsführung zu untersuchen. Von 1962 bis 1969 war er Präsident der Bundesanstalt für Bodenforschung, dem Vorläufer der BGR. Ganz im Unterschied zum Auswärtigen Amt, das – viel zu spät, aber immerhin – eine international besetzte Historikerkommission beauftragte, die Nazi-Vergangenheit des eigenen Amtes aufzuarbeiten, fehlt auf der Website der BGR jeder Hinweis auf die Verstrickung Martinis in die Gräuel der Nazi-Herrschaft. Und dann noch das: Laut Abschlussbericht des Niedersächsischen Untersuchungsausschusses zur Einlagerung von radioaktiven Abfällen in der Schachtanlage Asse II waren Martini und sein Stellvertreter Gerhard Richter-Bernburg in den 1960er Jahren treibende Kräfte für die Nutzung des stillgelegten Salzbergwerkes als Atommüllendlager. Bereits 1962 schlug er dessen Verwendung als mögliches nukleares Endlager vor.

Es ist vor allem Sache der Dienstaufsicht, also des Wirtschaftsministeriums unter Sigmar Gabriel (SPD), das Geflecht Martini-Stiftung – BGR zu durchleuchten und auch einen Beitrag zur Geschichtsbewältigung dieser Bundesbehörde anzustoßen. Darüber hinaus muss es zwingend eine umfassende parlamentarische Untersuchung und Klärung geben, denn ob Strafanzeigen das probate Aufklärungsmittel sind, darf bezweifelt werden.

Die Produktion von Hass (Georg Rammer)


»Warum hassen sie uns?« Die provozierend naive Frage von George W. Bush nach 9/11 findet auch heute, nach den Anschlägen von Terroristen und Amok-läufern, nur selten eine differenzierte Antwort. Für die öffentliche Sicherheit wird militärisch aufgerüstet, der gesetzgeberische Aktionismus lässt eine Suche nach sozialpsychologischen oder gar politischen Ursachen der Taten gar nicht erst zu. »Wir« befinden uns im »totalen Krieg« (Sarkozy), was einen dauerhaften Ausnahmezustand rechtfertigt (Frankreich) und den grundgesetzwidrigen, aber von Konservativen schon lang geforderten Einsatz der Bundeswehr im Inland (Deutschland). Stellen wir also die naive Rückfrage: Haben »sie« keine Gründe?

Terror, Amok, Attentat: Die Definition, die politische Bewertung und die Reaktion auf die Taten sind sehr unterschiedlich. Rechtsextremer Gewalt fielen in Deutschland seit 1990 nach Angaben der Amadeu Antionio Stiftung 178 Menschen zum Opfer, ohne dass der Staat diesen Terror systematisch bekämpft hätte – ganz im Gegenteil, wie wir an der »Aufarbeitung« der Mordserie, die im Zusammenhang mit dem sogenannten NSU gesehen wird, verfolgen können. Für Politik und Medien ist Terror islamistisch, die Ursachen für Amok in individueller Pathologie zu suchen. Die Opfer werden unterschiedlich betrauert. Und offensichtlich lässt sich jeder Anschlag, jeder Amoklauf gut für politische Ziele oder zur Ablenkung von gravierenden gesellschaftlichen Problemen nutzen.

Das alles ist nicht neu und hat System. Als hasserfüllte Jugendliche unter johlender Zustimmung von Zuschauern in Hoyerswerda und Rostock Jagd auf Asylbewerber machten und ihre Heime in Brand setzten, reagierte die Politik rasch: nicht mit der Bekämpfung von Rassismus, sondern mit der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl. Wenn islamistische Terroristen in Frankreich Menschen umbringen, findet das in Politik und Medien eine ganz andere Resonanz als die verbrannten Opfer faschistischer Terroristen in Odessa. Kurz nach dem entsetzlichen Massaker in Nizza fielen nach Darstellung des  syrischen UN-Botschafters al-Dschafari 164 Dorfbewohner einem Angriff der französischen Luftwaffe zum Opfer – sie waren eine kurze Pressenotiz wert. Wenn ein junger Mann – zur Bestätigung öffentlicher Klischees als Deutsch-Iraner bezeichnet, obwohl in Deutschland geboren und aufgewachsen – aus rechtsradikalen, fremdenfeindlichen Motiven gezielt Jugendliche aus anderen Ländern ermordet, finden seine ideologischen Motive kaum Erwähnung.

Eine allgemeingültige Erklärung für Amoklauf oder eine Typologie des Täters gibt es ebenso wenig wie für einen Terroranschlag aus religiösen oder religiös verbrämten Motiven. Immer vermischen sich individuelle Ursachen (unglückliche Kindheit, Gewalterfahrung, Perspektivlosigkeit) mit verstärkenden Faktoren: etwa einer Politik, die gegenüber menschlichen Bedürfnissen blind ist oder demütigenden Erfahrungen. Wie viele andere junge (meist) Männer auch sind »unpolitische« Amokläufer Außenseiter, die sich dem allseits geforderten Wettbewerb und der Selbstoptimierung nicht gewachsen und deshalb gedemütigt fühlen. »Der gefährlichste Krieger von heute ist der Loser aus der 10a, der sich in Killerspielen Selbstwirksamkeit und Mut antrainiert hat« (Christian Füller, der Freitag Nr. 30). Die Energie, die Attentäter antreibt, ist ein menschenverachtender Hass, der stärker ist als der Lebenswille. Hass erwächst aus dem Gefühl von Ausgeliefertsein und Demütigung. Als Gewalt entlädt er sich, wenn damit Handlungsfähigkeit und Bedeutsamkeit erlangt werden können und wenn Gewalt als Problemlösung – auch Armut und Ausgrenzung sind Gewalt! – politisch und kulturell hoch in Kurs stehen. Je weniger gangbare Wege und legitime Möglichkeiten für Problembewältigung bestehen, desto irrationaler und destruktiver wird die Gegenwehr ausfallen.

Gut nachvollziehbar hat E. L. Doctorow in seinem Roman »Ragtime« beschrieben, wie sich eine Spannung aufbaut, wenn Unrecht und Demütigung nicht aufgelöst werden können: Ein schwarzer Jazzpianist in den USA wird von Rassisten schikaniert und geschädigt. Als er Gerechtigkeit einklagen will, wird sie ihm entgegen allen Gesetzen und garantierten Verfassungsrechten verweigert. Er ist zutiefst gekränkt, verletzt und ohnmächtig – bis er mit Gewalt gegen die Staatsgewalt anzukämpfen beginnt und mit seiner tödlichen Rache zwar keine Gerechtigkeit schafft, aber wenigstens seine Opferrolle loswird.

Was Terror ist, definiert die herrschende Elite. Nach den politischen Repräsentanten ist unsere politische Kultur durch Achtung der Menschenrechte und allzeit demokratische Entscheidungen und Handlungen geprägt. Genau diese Heuchelei, die offensichtliche Kluft zwischen weltweit hinausgebrülltem Anspruch und der täglich erfahrbaren schrecklichen Realität erzeugt nicht nur Elend und Verzweiflung, sondern auch Hass. Ein Wechsel der Perspektive zeigt: Wir, die »westliche Wertegemeinschaft«, reagieren nicht auf Terror, wir produzieren ihn. Der britische Regisseur und Schriftsteller Peter Ustinov sagte, Terrorismus sei der Krieg der Armen und der Krieg der Terrorismus der Reichen. Und angesichts der Menschheitsverbrechen Sklaverei und Kolonialismus, Eroberungs- und Vernichtungskriegen, Hunderten Millionen Armutstoten und einem Heer abgewehrter und dem Tod ausgelieferter Flüchtlinge ist es viel eher erklärungsbedürftig, dass Menschen trotz ihrer Traumata nicht häufiger durchdrehen.

Wir sind die Guten. Andere mögen hinter diesem Bild Heuchelei, Menschenverachtung und Zynismus erkennen. Als die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright gefragt wurde, ob die Sanktionen gegen den Irak den Preis – 500.000 tote Kinder – wert waren, antwortete sie: »... der Preis – wir glauben, es ist den Preis wert« (https://www.youtube.com/watch?v=MwXA1j9hqGA). Aufschlussreich auch die Schilderung des US-Generals Wesley Clark, wie nach 9/11 der Entscheidungsprozess in der Bush-Administration über die Kriege gegen Afghanistan und Irak ablief. Einen Zusammenhang zwischen Al Kaida und Saddam Hussein habe man zwar nicht gesehen, aber – wie ein Generalskollege sagte – »wir haben ein gutes Militär und wir können Regierungen platt machen ...« (vgl. Winfried Wolk, Ossietzky 18/2015, S. 645). Kurz danach seien die Pläne auf sechs weitere Länder – Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und Iran – ausgeweitet worden. Lügen zur Begründung der Kriege gegenüber der Bevölkerung, rabiate Durchsetzung wirtschaftlicher und strategischer Interessen der »westlichen Wertegemeinschaft« und die entsetzliche Zerstörung der Länder mit Bergen von Toten. Was tut das alles den Lebenden an?

Einer der wichtigsten Strategen der US-Politik, Zbigniew Brzeziński, förderte Al Kaida, den Afghanistankrieg, die Destabilisierung des gesamten Nahen Ostens und den islamischen Extremismus. Die Schäden, die Toten und die Flüchtlinge, das Elend und Leid der Menschen, die Zerstörungen tat dieser »Großmeister der Geopolitik« ab mit der saloppen Bemerkung über »einige aufgebrachte Muslime« (zit. nach Alfred McCoy: »Schachbrett Welt«, Lettre International, 111; Übersetzung Bernhard Schmid). Könnte da ein Zusammenhang zum »islamischen Terror« bestehen?

Die Menschen sind im Kalkül des Kapitals und seiner politischen Repräsentanten eine zu vernachlässigende Größe. Sie spielen einfach keine Rolle. Sie haben keine Rechte und keine Gefühle. Ihr Leben, das Leben von Millionen, taucht in keiner strategischen Planung als relevantes Entscheidungskriterium auf. Konsequenterweise wird an die Überlebenden bevorzugt in Kategorien ihrer Beherrschbarkeit und Ausbeutbarkeit gedacht. Während es jedem einleuchtet, dass eine Gemeinschaft langfristig nur auf der Basis von Gleichheit, Empathie und Solidarität funktionieren kann, ist diese Einsicht der Politik in einem neoliberal organisierten Land fremd, sie ist sogar kontraproduktiv.

Der entfesselte globale Kapitalismus hinterlässt radikalisierte Verlierer. Wenn diese schon alles verloren haben, wollen sie wenigstens die Selbstachtung retten. Wenn sie für die vorherrschende Politik nur Nutzlose sind, wollen sie sich machtvoll ins Gedächtnis einbrennen und gleichzeitig die Handlungsinitiative an sich reißen. Zum Menschsein gehört existenziell das Bedürfnis nach Anerkennung, Wertschätzung, Selbstbestimmung. Deshalb ist jede Form von Ausbeutung, Unterdrückung, Besatzung fremder Territorien Gewalt. Sie führt zwar nicht unmittelbar zu Auflehnung oder zu organisiertem Widerstand. Viel häufiger folgt Resignation und Apathie, oder aber eine irrationale Reaktion, die nicht die Ursachen bekämpft, sondern Projektionsflächen etwa religiöser Art oder Sündenböcke sucht.

Das Gefährliche an der Entwicklung ist nicht nur die Radikalisierung der Verlierer, sondern die Tatsache, dass die »Schlafwandler« der Politik nicht verstehen können und dürfen, welchen Beitrag sie zu dieser Entwicklung leisten. Würden sie auch nur die richtigen Fragen nach den Ursachen der Hassausbrüche  stellen, müssten sie die Grundlagen der Politik ändern. Sie verkünden den »totalen Krieg« gegen den IS und für Sicherheit und treiben damit die Eskalation voran. In ihrer Realitätsverleugnung vertauschen sie Ursache und Wirkung von Terror und Hass und vermeiden tunlichst eine offene Diskussion über mögliche Hintergründe.

Welche Sicherheit meinen sie – und wessen Sicherheit? In Frankreich wird im Windschatten der tödlichen Anschläge nicht nur der Ausnahmezustand verlängert, sondern gleichzeitig die neoliberale »Arbeitsmarktreform« im Schnellverfahren ohne parlamentarische Abstimmung erzwungen. Auch in Deutschland geht es offenkundig nicht um Analyse der Ursachen und rechtsstaatliche Verhinderung und Verfolgung der Taten. Die Angst nach den Attentaten wird vielmehr genutzt, um gesetzliche Grundlagen für das Aushebeln demokratischer Rechte zu schaffen: Ein »Integrationsgesetz« wird verabschiedet, das nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Menschenrechte grund- und menschenrechtswidrig ist. Bundesinnenminister de Maizière legt Pläne für weitere Sicherheitsgesetze vor, die ganz gewiss nicht Attentate und Amokläufe verhindern, sondern den autoritären Staat befördern. All die hektischen Aktivitäten richten sich übrigens nicht gegen die Zunahme von Gewalt und Terror deutscher Rassisten gegen Flüchtlinge.

Wir können nicht erwarten, dass die »Schlafwandler« zur Vernunft kommen. Der Widerstand gegen sie kann nur dann wirksam werden, wenn er sich gegen die Ursachen – und nicht gegen Sündenböcke – richtet: also gegen ein System, das Menschen mit all ihren Bedürfnissen und Gefühlen nur für Profitinteressen nutzt und dabei vor keiner Lüge, keiner Gewalt zurückschreckt. Egoismus und Gewalt (oder Ausbeutung und militärische Expansion) schaffen Hass und müssen verhindert werden. Menschen sind nicht von Natur aus gut oder schlecht; was sie denken und fühlen und tun, zu welchen Mitteln sie dabei greifen, ist sehr stark dadurch geprägt, ob sie Mitgefühl und Respekt erfahren.

Rejtö: Humor in Zeiten von Terror und Krieg (Gerd Bedszent)


Der ungarische Schriftsteller Jenö Rejtö (1905–1943) hieß eigentlich Jenö Reich; wegen Antisemitismus hatte er seinen Nachnamen magyarisieren lassen. Seine Werke gelten wegen der zahlreich darin enthaltenen Wortspiele als schwer übersetzbar. Von den etwa fünfzig Büchern Rejtös (meist unter dem Pseudonym P. Howard erschienen) sind in den 1970er Jahren zwei in der DDR vom Eulenspiegel Verlag herausgegeben worden, in der alten Bundesrepublik immerhin eines. Der Berliner Elfenbein Verlag hat sich schon vor einigen Jahren der verdienstvollen Aufgabe einer deutschen Gesamtausgabe gestellt; Anfang 2016 erschien als Band 5 der Reihe »Ein Seemann aus der Neuen Welt«.

Rejtö, der auf ein abenteuerliches Leben zurückblicken konnte (als Neunzehnjähriger brach er eine Schauspielausbildung ab, um sich dann jahrelang als Matrose, Fischer, Hafenarbeiter und Zirkusclown in verschiedenen europäischen Ländern herumzutreiben), hatte in den 1930er und 1940er Jahren seine größten Erfolge als Autor irrwitzig komischer Taschenbücher: umwerfende Parodien und Persiflagen auf die damals beliebten Detektiv- und Abenteuergeschichten, aber auch häufig Verulkungen ernsthafter Werke der Weltliteratur.

Rejtös Helden und Anti-Helden sind zumeist sympathische Strolche aus der Unterschicht – Matrosen, Schmuggler, Kleinkriminelle – und aus der Bahn geworfene Sprösslinge der Oberschicht. Generationen ungarischer Jugendlicher lasen und lesen noch immer begeistert, wie eine Handvoll Hafenstrolche der britischen Marine einen Panzerkreuzer stielt, um dann unter der sympathischen Losung »Bier für alle!« über den Ozean zu schippern. Oder wenn aus dem Straflager ausgebrochene Fremdenlegionäre mit einem geklauten Panzer Afrika durchqueren, weil der französischen Regierung gerade eine ganze Eisenbahnlinie gestohlen wird. Oder wie ein verliebter Matrose seinen Dienst in der Legion nicht antritt und sich stattdessen von einem Privatsekretär vertreten lässt …

Rejtös Geschichten waren nicht offen politisch; solche wären unter dem autoritären Regime von Reichsverweser Miklós Horty auch schwerlich zu veröffentlichen gewesen. Seine Texte zeugten aber von einer umwerfenden Subversivität, belegen den Überlebenswillen und den unverwüstlichen Humor der kleinen Leute. Ein Beispiel: In einem der Werke kündigt der Oberschurke an, das bald »alle Ganoven, Waffenfabrikanten und Geheimdienste, alle Säufer und Perversen, alle Spekulationsbanken, Rassisten und korrupten Politiker einander die Hand reichen und eine neue Weltordnung errichten«. Dies geschrieben in einer Zeit, als Adolf Hitler sich auch mit Unterstützung der ungarischen Regierung gerade anschickte, besagte Weltordnung in Europa durchzusetzen.

Es war vorprogrammiert, dass Jenö Rejtö von der rechtsradikalen ungarischen Presse zunehmend angefeindet wurde. Als Jude war er ohnehin heftig diskriminiert, auch wenn Horthy Hitlers Wunsch nach einer Ausrottung der ungarischen Juden zunächst nicht entsprochen hatte. Folge dieser Denunziationen war aber Rejtös Einberufung zur Zwangsarbeit.

Das Horty-Regime hatte sich gegen Zusicherung territorialer Erweiterung am faschistischen Überfall auf die Sowjetunion beteiligt. Für die beteiligten ungarischen Truppen endete das militärische Abenteuer desaströs.

Nach der Schlacht von Stalingrad wurde im Zuge der Winteroffensive der Roten Armee im Januar 1943 die 2. Ungarische Armee zusammen mit der 8. Italienische Armee fast völlig vernichtet. Von den 200.000 ungarischen Soldaten starb etwa die Hälfte, 60.000 gerieten in Kriegsgefangenschaft. Die in sogenannten »Arbeitsbrigaden« den bewaffneten Einheiten angegliederten 50.000 unbewaffneten Zwangsarbeiter – hauptsächlich ungarische Juden, aber auch Angehörige nationaler Minderheiten sowie politisch Verdächtige – kamen gleichfalls zum großen Teil ums Leben.

Dieses militärische Debakel war der Beginn eines zunehmenden Zersetzungsprozesses der ungarischen Streitkräfte, den auch der Sturz von Horthy und die offene Machübernahme der faschistischen Pfeilkreuzler später nicht mehr aufhalten konnte. Gegen Ende des Krieges kämpften bereits mehrere Hunderttausend ungarische Soldaten in den Reihen der Anti-Hitler-Koalition.

Jenö Rejtö hat all dies nicht mehr erlebt. Er erfror bereits am 1. Januar 1943 in einem Arbeitslager in der faschistisch besetzten Ukraine.