Sonntag, 16. Februar 2020

Industriepark Oberelbe: Brauchen wir einen Industriepark am Feistenberg?


www.ipo-stoppen.com

Die Städte Pirna, Heidenau und Dohna gedenken, am Feistenberg entlang des Autobahnzubringers B172a auf einer Fläche von 150 Hektar den "Industriepark Oberelbe" zu errichten.
Was spricht für den Industriepark Oberelbe?
  1. Ohne neue Jobs überaltert die Region
  2. Die Wirtschaftsstruktur ist nicht ausgewogen 
  3. Das Lohnniveau muss angehoben werden 
  4. Die Kommunen brauchen mehr Steuereinnahmen 
  5. Handel ist auf Kaufkraft angewiesen 
Im verlinkten Artikel der Sächsischen Zeitung wird ausführlich zu den oben genannten Punkten beschrieben, welche Gründe für den Bau des Industrieparks Oberelbe sprechen.
Was spricht gegen den Industriepark Oberelbe?
  1. Das Landschaftsgebiet ist schon durch den Bau der A17 und der B172a stark betroffen und würde mit dem Bau des Industrieparks nachhaltig vollkommen verändert und somit versiegelt werden.
  2. Mensch und Tier sollen einen riesigen Industriepark billigen und versuchen sich damit zu arrangieren. Schon jetzt gibt es durch den abgeschlossenen Bau der A17 und der B172a keine ausreichenden Rückzugsmöglichkeiten für Tiere vieler Arten. Die Trassen bilden Barrieren und zerschneiden die Landschaft. An den Rändern der Autobahn wurden bescheidene Buschreihen an Hängen gepflanzt. Leider sind diese auch umzäunt. Tiere durchbrechen die Barrieren. Dies zeigt, wie sehr die Tiere unter dem Mangel eines Rückzugsgebietes leiden. Das betreffende Gebiet wird bis zum Bau des IPO von konventioneller Landwirtschaft genutzt. Eine weitere Zersiedlung der Landschaft wird keine Verbesserung des Lebens der Menschen und erst recht kein Überleben der Artenvielfalt von Tieren und Pflanzen darstellen.
  3. Zudem ist ein Lärmschutz an der A17 im Bereich Großsedlitz quasi nicht vorhanden. Seit Jahren sind die Anwohner, besonders in der Nacht, vom Lärm der Autobahn beeinträchtigt. Die Lebensqualität ist gesunken. Mit dem Bau des IPO wird der Lärm zunehmen und Luftqualität weiter verschlechtert.
  4. Ein erhöhtes Verkehrsaufkommen und der damit verbundene Lärm und die Luftverschmutzung wird steigen.
  5. Das Gebiet, das für den Bau des Industrieparks vorgesehen ist, liegt in einer Frischluftschneise, die weite Teile Pirnas mit Kalt- bzw. Frischluft versorgt. Mit dem Bau des IPO würde dies nachhaltig gestört werden.
  6. Versiegelung von 150 Hektar Fläche.
  7. Es besteht weder bezahlbarer Wohnraum, noch die verfügbare Fläche um bezahlbaren Wohnraum für die zusätzlichen Einwohner zu schaffen.
  8. Der öffentliche Nahverkehr bietet zum jetzigen Zeitpunkt keine Pendelmöglichkeit für Beschäftigte des IPO.
  9. Ein Industriepark neben dem Barockgarten Großsedlitz?
Meiner Meinung nach ist das Projekt IPO keine Chance für die Region, es bedeutet nur den weiteren Werteverlust für die hier lebende Bevölkerung.  Niemand kann sich sicher sein, dass die risikoreiche Verwendung von mehr als 100(!) Millionen Euro Steuergelder zum Erfolg führen wird. Zudem treffen einige wenige Politiker und deren Stadträte riskante, irreversible Entscheidungen ohne die Meinung und Zustimmung der Bevölkerung einzuholen. Diese wird erst informiert, wenn „Tatsachen“  geschaffen wurden. Als bestes Beispiel ist der Vorentwurf des FNP der Stadt Heidenau zu nennen.
Was können wir tun?
Der beste Weg ist ein Dialog zwischen den Verantwortlichen des Projektes und den Bürgern der Region. Im Rahmen dieses Dialoges sollen die Vorteile und Nachteile erörtert und gemeinsam diskutiert werden. Wir, die Bürger der Region, sollten dann gemeinsam mit den Verantwortlichen Entscheidungen über das Schicksal des Projektes treffen und dies noch bevor größere Summen an Steuergeldern für das Projekt gebunden werden.
Welche Alternativen wären denkbar?
  1. Teile des Gebietes sollten renaturiert werden , d.h. einen Teil aufforsten und Gewässer anlegen, also eine Basis für die hier lebenden Tiere schaffen.
  2. Umbau der vorhandenen konventionellen Landwirtschaft in eine ökologische Landwirtschaft. Den Landwirten, die den Schritt in die richtige Richtung sollte eine anfängliche Unterstützung in Form Finanzierungsmöglichkeiten angeboten werden. Landwirtschaft ohne Gift funktioniert gibt es bereits und sie funktioniert. Wir können der Natur ein Stück zurückgeben. Wir sollten es sogar.
  3. Einige Streuobstwiesen anlegen, die ebenfalls zur Erhaltung der Artenvielfalt beitragen und den Menschen in der Region mit frischem Obst versorgt.
  4. "Kleinere" Gebiete zur Erschließung von Gewerbe und Industrie ausweisen, mit der  Vorgabe ein "Ausgleich" für ihre umweltbelastenden Verfahren zu schaffen. Stets umschlossen von großzügig angelegten Mischwald.
  5. Bereits bestehende Straßen ausbauen, d.h. umweltbewusste Gestaltung von Fahrtwegen und Schaffung von (Unter-)Querungsmöglichkeiten für die in der Region lebenden Tiere.
Wird es nicht Zeit, dass Sie wir und vor allem Sie, liebe Verantwortlichen des Projektes, aus Fehlern lernen und die Zukunft gemeinsam gestalten? Viele Bürger und Bürgerinnen dieser Region haben Ideen und möchten sich mit diesen einbringen. Wir, die Bürger, wollen respektiert werden. Wenn niemand mit uns kommuniziert, wie sollen wir eventuelle Vorteile des Projektes verstehen?
Gern stehe ich für Rückfragen zur Verfügung und stelle Kartenmaterial bereit. Wenn jemand Ideen, Anregungen oder Kritik mitteilen möchte, so bitte ich darum einen Kommentar zur Petition zu verfassen.
Informationsquellen:
Ein satirischer Kommentar zum Industriepark Oberelbe.
Im geplanten IPO der Kommunen Pirna, Dohna und Heidenau dürfen Industrieanla-gen gemäß der 4.Bundesimmissionschutzverordnung (4.BIDSchV, Anlage 1) gemäß der § 19 (mit Öffentlichkeitsbeteiligung) und § 10 (ohne Öffentlichkeitsbeteiligung) angesiedelt werden. Ein Ausschluss spezieller Industrieanlagen erfolgte durch die IPO-Planer bisher nicht. Unter die genehmigungsfähigen Anlagen fallen neben Müll-verbrennung, Tierkörperverwertung, Kraftwerke und Chemieanlagen jeder Art, La-gerung gefährlicher Stoffe auch industrielle Tiermastanlagen, so z.B. für mehr als 40.000 Stück Mastgeflügel oder auch mehr als 2000 Mastschweine. Es ist bekannt, dass der IPO zum großen Teil in einem für Pirna wichtigen Kaltluftentstehungsgebiet errichtet werden soll, dessen Luft sich selbst bei Windstille in die Talregion von Pir-nas Stadtzentrum bewegt. Nun könnte man meinen, es sei Geschmacksache, ob den Pirnaern die zu erwartende „würzige Landluft“ industrieller Tiermastanlagen zusagt oder nicht. (Die Einwohner von Krebs wissen schon lange, wovon hier die Rede ist.) Nein, hier handelt es sich um handfeste gesundheitsgefährdende Szenarien: Das aus Mastställen entweichende gasförmige Ammoniak (NH3) ist insgesamt für 45% an der Feinstaubbildung beteiligt, so dass in Gebieten solcher ländlicher Emissionen die Feinstaubbelastung ähnlich hoch ist wie im Zentrum von Großstädten (s. z.B. ARD, Monitor vom 17.1.19) Hinzu kommt die Feinstaubbelastung durch den Autobahnzu-bringer und der Südumfahrung. Dieser Schadstoffmix würde also ständig aus westli-cher Richtung über die Wohngebiete am Feistenberg und am Postweg in die Pirnaer Tallage hinab wabern. Bundesweit verursacht dies statistisch 50.000 vorzeitige To-desfälle pro Jahr, besonders bei ohnehin Lungen- und Herzkreislauf belasteten Ein-wohnern, die Erkrankungen als solche nicht mit gerechnet. Und in Pirna?

Bündnis 90/Die Grünen Pirna

Ralf Höcker hetzt gerne gegen Journalisten und unterstützt die AfD - seinen Job als Pressesprecher der »WerteUnion« will er wegen Drohungen aufgeben

»Natürlich ist es meine Aufgabe, Journalisten zu drohen.« Im Interview mit der rechtskonservativen »Neuen Zürcher Zeitung« gab sich Ralf Höcker im vergangenen Oktober angriffslustig. Seine Attacken seien allerdings rein rechtlicher Natur, schob der Kölner Rechtsanwalt nach, der mit seiner Kanzlei seit Jahren auch die AfD vertritt. Nun soll er selbst zur Zielscheibe von Drohungen geworden sein.
»Auf denkbar krasse Weise« sei ihm klargemacht worden, dass er sein politisches Engagement beenden solle, ansonsten würde er »Konsequenzen« davontragen, schrieb der 48-Jährige kürzlich auf Facebook. Mit diesem Statement gab er nun seinen Rücktritt vom Posten des Pressesprechers der »WerteUnion« und von allen politischen Ämtern bekannt. Den Rückzug begründete Höcker auch unter Verweis auf seine Familie - er wird nach eigenen Angaben bald zum ersten Mal Vater.
Höcker war in der Vergangenheit mehrfach medial aufgefallen, zuletzt für seine noch am Wahltag ausgesprochenen Glückwünsche an den thüringischen FDP-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich. Im September vergangenen Jahres hatte seine Kanzlei zudem den rechten Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen eingestellt.
Generell zeigt Höcker wenig Berührungsängste im Umgang mit der äußersten Rechten. So war der Medienanwalt 2017 zusammen mit Alexander Mitsch federführend an der Gründung der »WerteUnion« beteiligt, welche versucht, die AfD als Kooperationspartner für die CDU zu enttabuisieren.
Recherchen des Portals »Exif« zufolge soll Höcker bereits ein Jahr zuvor im Onlineshop »Migrantenschreck« des Rechtsextremisten Mario Rönsch eine Schreckschusswaffe bestellt haben. Höcker dementiert dies und behauptet, die Bestellung sei gefälscht.
Im Mai 2019 trat Höcker zudem auf dem »Freien Medien Kongress« des AfD-Politikers Petr Bystron in Berlin als Redner auf. Ebenfalls vor Ort - der völkische Publizist Götz Kubitschek und rechtspopulistische Blogger wie Milo Yiannopoulos.  Moritz Aschemeyer

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2000 Frauen, Lesben, Trans, Inter und nicht binäre Personen demonstrieren gegen sexualisierte Gewalt auf linken Festivals

  • Berlin
  •  
  • Demo gegen sexualisierte Gewalt

Gegen Patriarchat, Staat und System

Es war ein ungewohntes Bild, das sich am Freitagabend auf der Oberbaumbrücke in Berlin-Kreuzberg bot: Wo sonst Tourist*innen grölend zum nächsten Club wanken, hatten sich rund 2000 Frauen, Lesben, Trans, Inter und nicht binäre Personen (FLINT) versammelt, um gegen sexualisierte Gewalt und für Selbstbestimmung zu protestieren. Männer waren auf der Demo nicht erwünscht - zumindest nicht diejenigen, die auch als solche geboren wurden. Diesen Valentinstag gehörten die Straßen ganz den Frauen*, die unter dem Motto «Rache am Patriarchat» vom Hermannplatz in Neukölln über Kreuzberg bis zur Warschauer Straße in Friedrichshain zogen.
Anlass des Protestes waren Vorfälle auf zwei linken Festivals, die jüngst bekannt geworden waren: Ein Mann hatte auf «Monis Rache» heimlich Kameras in Dixie Klos versteckt und die Aufnahmen von Frauen auf einer Pornoplattform verkauft und zum Tausch angeboten. Auf derselben Plattform waren auch Videoaufnahmen aus den Duschen auf der «Fusion» aufgetaucht. Gegen diese Form der sexualisierten Gewalt gingen jetzt Hunderte auf die Straße - bewusst im Dunkeln, wenn es für FLINT-Personen am gefährlichsten ist. Filmaufnahmen waren bei dem Protest nicht erwünscht, filmende Männer am Straßenrand mussten mit einer Bierdusche rechnen, wenn sie sich nicht daran hielten.
«Auch die linke Szene ist von einer diskriminierungsfreien Feierkultur noch weit entfernt», kritisiert eine Rednerin. «Es ist unsere Entscheidung, wann, wie und mit wem wir unsere Körper teilen», ruft sie unter lautstarkem Jubel. «Raise your voice, my body, my choice» (erhebe deine Stimme, mein Körper, meine Entscheidung«) skandiert die Menge daraufhin in die Februarnacht. »My life is not your porn« ist auf vielen Plakaten zu lesen, »Nichma in Ruhe kacken kamman« steht auf einem anderen Schild. Die Frauen* sind wütend, ihre Wut, betonen sie, resultiere jedoch nicht aus Ohnmacht, sondern aus Stärke und Zusammenhalt. Sie richtet sich gegen das Patriarchat, den Staat und das kapitalistische System. »Übergriffe gegen Frauen und Trans werden oft bagatellisiert und deshalb selten zur Anzeige gebracht. Und falls doch, werden die Verfahren meist eingestellt«, kritisiert eine weitere Rednerin. Sexualisierte Gewalt müsse endlich ernst genommen werden, fordert sie.
Nachdem die Demonstrant*innen die weltberühmte feministische Performance der chilenischen Gruppe »las Tesis« aufgeführt hat, und der Streit darüber beigelegt ist, ob der Titelsong der US-Fernseserie »Gilmore Girls« jetzt feministisch ist oder nicht und gespielt werden darf (darf er), endet die kraftvolle und lautstarke Demo vor dem RAW-Gelände in Friedrichshain. Im Anschluss daran geht es in die Neuköllner Kiezkneipe »Tristeza«, wo die Männer etwas zu essen vorbereitet haben. Allerdings nur im Hintergrund, denn gefeiert wird an diesem Abend ohne Typen.
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1132953.demo-gegen-sexualisierte-gewalt-gegen-patriarchat-staat-und-system.html
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Grüne Liga bremst Tesla aus

Oberverwaltungsgericht stoppt vorläufig die Baumfällungen auf dem Gelände der geplanten Autofabrik


Die Grüne Liga hat den Bau einer Autofabrik der US-Firma Tesla im brandenburgischen Grünheide gebremst. Die Rodung von 91 Hektar Wald für die Baustelle musste am Sonnabend eingestellt werden, nachdem die Bäume auf der Hälfte des Geländes innerhalb von drei Tagen gefällt worden sind. Bereits 2021 sollen die ersten Elektroautos der Typen Y und Model 3 vom Band rollen. Tesla und die Landesregierung arbeiten mit Hochdruck an einer rekordverdächtig schnelle Realisierung dieses Plans. Das Landesumweltamt hatte schon einmal die Rodungen erlaubt, obwohl noch gar keine Genehmigung für den Bau der Fabrik vorliegt.

Baumfällungen mussten von Polizei gestoppt werden

Am Freitag war die Grüne Liga mit ihrem Einspruch gegen die Rodung am Verwaltungsgericht Frankfurt (Oder) noch gescheitert. Doch die Umweltorganisation beschwerte sich darüber beim Oberverwaltungsgericht (OVG) Berlin-Brandenburg. Dieses entschied am Sonnabend, dass die Arbeiten vorläufig einzustellen sind, bis über den Eilantrag entschieden sei. Auch der Verein für Landschaftsschutz und Artenpflege in Bayern hatte einen Eilantrag gegen die seiner Ansicht nach »überfallartige Rodung« gestellt.
Nach Einschätzung des OVG ist nicht davon auszugehen, dass die Klage der Grünen Liga »von vornherein offensichtlich aussichtslos« sei. Darum darf Tesla nun keine Tatsachen schaffen. Zwei Stunden nach dem OVG-Beschluss waren die Baumfällungen durch schweres Gerät noch weitergegangen, bis die Polizei einschritt, teilte die Grüne Liga mit. »Tesla steht nicht über dem Gesetz«, kommentierte der Landesvorsitzende Heinz-Herwig Mascher. Er versteht nicht, dass Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) dem Investor den extrem ambitionierten Zeitplan nicht ausredete. »Alle Beteiligten sollten auf den Boden der Tatsachen zurückkehren und den Tesla-Antrag genauso sorgfältig prüfen, wie das bei jedem anderen Antragsteller auch erfolgen muss«, meinte Mascher.
Rechtsanwalt Dirk Teßmer, der die Grüne Liga vertritt, rechnet sich gute Chancen aus, das Verfahren zu gewinnen. »Die Unterlagen sind evident mangelhaft«, sagte er zu »nd« am Sonntag. Erst kurz vor Weihnachten habe Tesla die Rodung beantragt und schon sei das erlaubt worden, während dies normalerweise ein Jahr gedauert hätte. »Das ist einzigartig in der deutschen Rechtsgeschichte. Für die Freigabe von Baumaßnahmen gibt es gesetzliche Voraussetzungen, die hier eindeutig nicht erfüllt sind«, erklärte Teßmer. »Ich hoffe und glaube, dass das Gericht das auch so sehen wird.«
Gutachter seien nur wenige Tage in dem Wald gewesen und hätten - oh Wunder - nicht festgestellt, dass dort Tiere wären, die wegen des Naturschutzes die Rodung nicht zulassen. Das sei im Winter nicht überraschend. Ab März dürfen Bäume nicht mehr einfach gefällt werden. Anwalt Teßmer aber kann nicht ausschließen, dass es im Herbst 2020 doch noch geschieht. Bis dahin könnte es gelingen, einen korrekten Bescheid zu erteilen. Schließlich sei es nicht verboten, Industrieanlagen zu errichten. Aber verzögert ist der Bau der Fabrik nun erst einmal, und im Natur- und Wasserschutzrecht zeichnen sich weitere Ansatzpunkte für Klagen gegen das Projekt ab.
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Bundesrat pro Wolfs-Abschuss

Auch des Nutztierrisses »verdächtigen« Rudelmitgliedern droht nun das Gewehr

  • Von Hagen Jung
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  • 16.02.2020, 15:12 Uhr
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  • Lesedauer: 2 Min.
    • Ein Auto hat den sogenannten Problemwolf, dem in mehreren Landkreisen Schleswig-Holsteins über 60 Angriffe auf Schafe zur Last gelegt werden, totgefahren. Das schon stark verweste Tier war bereits im Januar in einem Wald bei Gifhorn in Niedersachsen gefunden worden. Die DNA-Untersuchung hat jüngst bestätigte: Es handelte sich um den Graurock mit der amtlichen Bezeichnung GW 924. Er war vom Umweltministerium in Kiel wegen seiner vielen Attacken auf Nutztiere zum Abschuss freigegeben worden. Eine solche Ausnahmegenehmigung unterlag bisher strengen Auflagen; diese sind nun gelockert worden: durch eine Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes, die der Bundestag bereits beschlossen hatte und die nun auch den Bundesrat passiert hat.
      Zuvor war nur die Tötung eines ganz bestimmten, des Angriffs auf Schafe, Rinder oder andere Tiere »überführten« Wolfes erlaubt. Wäre ein nur »verdächtiger« Isegrim abgeschossen worden, drohte dem Mann oder der Frau am Gewehr ein Strafverfahren. Diese Rechtsunsicherheit ist nun beseitigt worden. Künftig ist der Abschuss auch erlaubt, wenn unklar ist, welcher Wolf aus einem Rudel Herdentiere angegriffen hat.
    • Hören die Nutztierrisse in einem bestimmten Gebiet nicht auf, so erläutert der Bundesrat, dann ermöglicht das veränderte Gesetz, weitere Rudeltiere zu töten. Voraussetzung sei allerdings, dass es einen räumlichen und zeitlichen Zusammenhang zu dem Rissereignis gibt. Mischlinge aus Wolf und Hund, sogenannte Hybride, sollen ebenfalls geschossen werden können. Nach wie vor muss die jeweilige Landesbehörde jeden Abschuss einzeln genehmigen, informiert die Länderkammer weiter. Zum Abschuss berechtigt sei »grundsätzlich die Jägerschaft«.
      Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) warb in seiner Rede vor dem Bundestag um Verständnis für die Novelle. Kaum jemand spreche den Tieren ihre Existenzberechtigung ab, aber: »Nicht jeder Wolf darf alles um jeden Preis«, betonte der Politiker. In Niedersachsens gebe es derzeit 30 Rudel, und in ihnen gebe es Wölfe, die Nutztierhaltern »begründete Angst« bereiten.
      Der Ressortchef sprach sich dafür aus, in einem nationalen Plan zum Wolfsmanagement Kriterien und Methoden zu entwickeln, mit denen die Zahl der Tiere in Niedersachsen reguliert werden kann. Ihm gehe es darum, so Lies, »den Wolf als Art zu erhalten und die Akzeptanz für ihn bei den Bürgerinnen und Bürgern trotz aller Nutztierrisse dauerhaft zu sichern«.
      Kurz ging der Minister auch jenen Wolf ein, der ihm viel Ärger und dem Land hohe Kosten beschert: »Roddy«, so haben ihn Wolfsfreunde nach seinem gut 40 Kilometer nördlich von Hannover gelegenen Revier bei Rodewald benannt, ist wegen zahlreicher Übergriffe auf Weidetiere schon vor einem Jahr zum Abschuss freigegeben worden. Doch bislang ist er seinen Häschern stets entkommen.

Andreas Fritsche über Vorbehalte gegen Tesla in Grünheide

Tariflöhne wären von Vorteil

Der Bundestagsabgeordnete Michael Theurer (FDP) appelliert an Umweltverbände, nicht den Industriestandort Deutschland lahmzulegen. Laut »Handelblatt« fordert er außerdem den Bund und Brandenburg auf, die Vorteile einer Tesla-Fabrik in Grünheide »viel stärker zu kommunizieren«.
Angesichts von 12.000 bis 20.000 Arbeitsplätzen, die in der Lausitz wegen des Kohleausstiegs wegfallen werden, kann tatsächlich nicht leichtfertig auf bis zu 8000 Jobs in der geplanten Tesla-Fabrik verzichtet werden, zumal hier Elektroautos produziert werden sollen.
Zwar sind protzige Tesla-Modelle mit ihren umweltbelastenden Batterien nicht der Weisheit letzter Schluss. Mobilität muss unter Klimaschutzaspekten künftig anders gesichert werden. Trotzdem ist Tesla nicht als Klimafeind Nr. 1 einzustufen und sollte in Brandenburg willkommen sein. Dass Anwohner ein Verkehrschaos befürchten, ist nachvollziehbar. Dieses Problem ist aber sicher lösbar.
Schwieriger wird die Diskussion, wenn Tesla wie von Gewerkschaft und Linke befürchtet, polnische Arbeiter nach Grünheide holt, diese mit Mindestlöhnen abspeist und so ein schlechtes Beispiel für andere Betriebe abgibt. Die Vorteile der Fabrik wären leichter dazustellen, wenn Tesla den Tarif zusichern würde.

Erinnerung im deutschen Fußball (Renate Hennecke)

Niemand kann mir nachsagen, dass ich ein begeisterter Fußball-Fan sei. Tatsächlich habe ich noch nie ein Fußballstadion während eines Spiels von innen gesehen, und noch nie habe ich das als Mangel empfunden. Bis neulich, als mir das wunderbare Foto aus dem Stadion in Mönchengladbach während des Spiels gegen den FC Bayern am 7. Dezember zugeschickt wurde. Die Fans verfolgten das Spiel unter drei großen, über mehrere Blöcke ausgespannten Bannern mit der Aufschrift: »Antifaschismus ist und bleibt gemeinnützig!« Und: »Finger weg von VVN!« Super, dachte ich – und dass ich bei so einer einmaligen Aktion zur Verteidigung des Antifaschismus – der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) soll die Gemeinnützigkeit entzogen werden (s. Ossietzky 24/2019) – gern dabei gewesen wäre.

Einmalige Aktion? Von wegen. Gestern erhielt ich eine Pressemitteilung, die mich erneut begeisterte. Sie kam von einer Initiative »!Nie wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball«, die am 27. Januar 2004 in der Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau gegründet wurde. Es handele sich, so las ich, um »ein Bündnis aus Einzelpersonen, Fangruppen und Fanprojekten, Vereinen, Verbänden und Institutionen aus dem Fußball«, das sich für eine würdige Gedenkkultur und für ein Stadion ohne Diskriminierung engagiere. Aktueller Anlass für die Pressemitteilung sei der bevorstehende internationale Gedenktag für die Opfer des deutschen Faschismus am 27. Januar. Angekündigt wurden verschiedene Aktivitäten an den Spieltagen rund um dieses Datum, bundesweit in den Stadien und außerhalb davon. So wurden beispielsweise Texte erarbeitet und mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) abgestimmt, die den Vereinen zur Verfügung gestellt werden, um sie als »Stadiondurchsage« zu verlesen beziehungsweise in ihren Stadionmagazinen zu veröffentlichen. Die Aktivitäten im Stadion sollen von einer Fülle von Aktionen im und um das Stadion herum begleitet werden. »Vom Selbstverständnis einer ›Graswurzelbewegung‹ geprägt, planen und organisieren die Bündnispartner ihre ›Einmischungen‹ autonom«, heißt es in der Pressemitteilung.

Der Text, der als Stadiondurchsage verlesen werden soll, erinnert zunächst an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee vor 75 Jahren. »In Demut, Respekt und Mitgefühl gedenken wir aller Opfer, der Überlebenden und ihrer Familien.« Auch Menschen aus der »Fußballfamilie« seien verfolgt und ermordet worden. »Statt sie zu schützen, schlossen die Vereine ihre jüdischen und kommunistischen Mitglieder aus. Die Schuld der Preisgabe wird unvergessen bleiben.« In besonderer Verantwortung stehe der deutsche Fußball gegenüber den Sinti und Roma, die zu Hunderttausenden zu Opfern der Vernichtungspolitik der Nazis wurden. »Es war der langjährige DFB-Präsident Felix Linnemann, der vor 1945 als SS-Standartenführer und Kripochef von Hannover unmittelbar an ihrer brutalen Verfolgung beteiligt war.«

Verpflichtet fühlen sich die Fußball-Fans der Initiative der europäischen Friedensvision des Walther Bensemann. Der aus einer jüdischen Familie stammende Fußballpionier, Mitbegründer des Deutschen Fußballbunds (1900) und der Fußballzeitschrift Kicker (1920), trug wesentlich dazu bei, dass der vorher in Deutschland verpönte Fußball zu einem Volkssport wurde. »Mit seinem sozialen Engagement, mit seinem mutigen Anschreiben gegen den völkischen Nationalismus, mit seiner Forderung nach ›Vereinigten Staaten von Europa‹ weist er uns den Weg. Er wusste, der Fußball kann das«, so die geplante Stadiondurchsage.

Die Erinnerung an den Völkermord an den Sinti und Roma bildet einen Schwerpunkt der diesjährigen Aktivitäten. Angesichts des wieder zunehmenden Antiziganismus in Deutschland und bei unseren europäischen Nachbarn sei es »das Gebot der Stunde, sich zusammen mit den Sinti- und Roma-Freund*innen gegen dieses Übel entschieden zur Wehr zu setzen«. So lädt das Fanprojekt München zusammen mit der Versöhnungskirche Dachau, der Flüchtlingsinitiative »Bellevue de Monaco« und der Initiative »!Nie wieder« zu einem Gespräch mit dem Sinto Oswald Marschall ein (30.1. um 19 Uhr, München, Bellevue de Monaco, Müllerstraße 2-6). Dem erfolgreichen Amateurboxer verweigerte der Deutsche Boxverband 1976, trotz seiner Spitzenleistungen, die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Danach gab der damals 22-Jährige seine Karriere auf, wurde Boxtrainer und widmete sich der Förderung von Jugendlichen aus der Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft durch Sport. Gleichzeitig engagierte er sich in der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma. Heute ist er Politischer Referent des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

Auch anderswo werden »Erinnerungstage im deutschen Fußball« begangen. In Mainz zum Beispiel sind verschiedene Aktionen im Rahmen der »Mainzer Erinnerungswochen« (19.1.–11.2.) der Geschichte der Sinti und Roma gewidmet. Im Fanhaus (Weisenauer Straße 15) zeigt eine Ausstellung mit dem Titel »Abseits im eigenen Land« die Geschichte von Sinti-und-Roma-Sportlern und die Widrigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten. Oswald Marschall spricht dort am 29. Januar im Haus des Erinnerns, Flachsmarktstraße 36. Und für den 1. Februar ist eine Stadionaktion vor dem Heimspiel der Mainzer gegen Bayern München in der OPEL-Arena geplant. Nach Angaben der Allgemeinen Zeitung wird Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, eine Ansprache halten. Das ganze Programm der Mainzer Erinnerungswochen mit weiteren interessanten Veranstaltungen (darunter Lesung und Konzert mit Esther Bejarano und der Microphone Mafia) ist im Internet unter https://www.allgemeine-zeitung.de/fm/819/Erinnerungswochen 2020.pdf abrufbar.

Ob ich also demnächst doch mal ins Fußballstadion gehe? Mal sehen ... Jedenfalls werde ich mir am 1. Februar die Sportschau ansehen. Und vorher Oswald Marschal

Aber Krause ist kein Krüppel (Otto Köhler)


Birgit Breuel, die nach Detlev Karsten Rohwedders Ermordung Ostern 1990 selbst Treuhandpräsidentin wurde, nahm in ihr öffentliches Tagebuch »Treuhand intern« als dessen Vermächtnis ein Interview auf, das ihr Vorgänger drei Monate vor seinem Tod der Welt gab: Er möchte, so erklärte Rohwedder dort, dass »die Menschen in der früheren DDR möglichst rasch aus ihrer materiellen Inferiorität herausgeführt werden«.

Das wollte auch der DDR-Staatssekretär Günther Krause, der – das sollten ihm die Ostdeutschen nie vergessen – gemeinsam mit Wolfgang Schäuble am 29. August 1990 den Einigungsvertrag unterschrieb. »Ich freue mich«, verkündete er kurz zuvor im Fernsehen, »schon darauf, nach dem 1. Juli mit meinen Kindern jeden Abend eine Büchse Ananas essen zu können. Die wird dann nämlich ganz billig sein.«

Doch die Welt bohrte damals tiefer, sie fragte den Treuhand-Präsidenten, ob es im Osten noch eine andere Inferiorität als die materielle gebe: »Sind die ›Hirne‹, die Denkwerkzeuge beschädigt? Gibt es geistige Deformationen?« Rohwedder bejahte: »40 Jahre lang eine ganze Generation oder anderthalb durch Kindergärten, Grundschulen, weiterführende Schulen, Universitäten und dann durch ein Berufsleben hindurch in einem kommunistischen System gelebt zu haben, dann sind Dimensionen des normalen Denkens verloren gegangen. Das Wort Deformation bedeutet, dass die Menschen nur verkrüppelt sind in der Weite ihrer Lebenserfahrung. Alles war gefiltert und musste durch das Nadelöhr des Marxismus-Leninismus.«

Günther Krause ging nicht durch das Nadelöhr. Er hat lebenslang normal gedacht. Krause wurde in Bonn ein normaler Bundesverkehrsminister – in der Qualität ununterscheidbar vom Gegenwärtigen. Er verscherbelte die ostdeutschen Autobahnraststätten an eine private Hotelkette in Holland. Er schuf sich für 1,9 Milliarden eine eigene Ostseeautobahn, die ihn fast vor seine Haustür führte, er leistete sich die Umzugsaffäre und die Putzfrauenaffäre und leistete uns allen den Offenbarungseid wegen einer millionenschweren Insolvenz.

Dann aber muss er seine allabendliche Büchse Ananas samt dem Dosenblech verschlungen haben: Er ließ sich vom Deppenfernsehen RTL in dessen Dschungelcamp (»Hol mich hier raus!«) einladen. Nach dem ersten Tag an seinem Zielort gab er auf und wurde krank. Die Diagnose stellte der Spiegel: »Heike Krause-Augustin steht seit der Privatinsolvenz ihres Mannes vor einigen Jahren für die Familiengeschäfte ein – ist nun aber womöglich selbst zahlungsunfähig. Augustin-Krause soll gezwungen werden, einen Offenbarungseid zu leisten. Die Ehefrau des CDU-Politikers hatte den Kaufvertrag über 500.000 Euro für ein großes Haus auf der Mecklenburgischen Seenplatte unterschrieben, das Geld hat die Verkäuferin nie erhalten. Nun stellt sich heraus, dass Krause-Augustin im Jahr 2013, als ihr Mann in die Privatinsolvenz ging, außerdem auf Pump eine luxuriöse Villa an der spanischen Mittelmeerküste erworben hat.«

Bleibt zu hoffen, dass alle anderen Ostdeutschen deformiert und verkrüppelt geblieben sind und die Dimensionen des normalen Denkens nie erreichen werden.

Änderungsmeldung (Dieter Braeg)

Liebe Sparkassendirektorinnen und -direktoren, liebe Bankdirektorinnen und -direktoren, geschätzte Geldvermehrerinnen und -vermehrer!

Der steigende Kostendruck in meinem Haushalt zwingt mich, meine »Allgemeinen Geschäftsbedingungen« ab sofort zu ändern. Die wichtigsten Änderungen lauten wie folgt:
Erstens: Für die Entschlüsselung Ihrer EDV-Ausdrucke einschließlich einer lesbaren Abschrift für meine Unterlagen erhebe ich eine Klartext-Gebühr von drei Euro pro Ausdruckseite. Die Gebühr ermäßigt sich um zehn Prozent, wenn Sie die von mir entworfenen Formulare benutzen. Voraussetzung ist allerdings, dass Sie die Vordrucke sorgfältig, wahrheitsgetreu in der von mir entwickelten Normschrift ausfüllen. Formularsätze mit dazugehörigen Schriftschablonen können Sie zum Selbstkostenpreis unter Best.-Nr. 4711 bei mir ordern.

Zweitens: Für das Abgeben von Überweisungsaufträgen, Internetbanking mit und ohne IBAN, Kontonummern, das Abholen von Kontoauszügen und Bargeldabhebungen an Geldautomaten berechne ich Ihnen eine monatliche Pauschalgebühr von 25 Euro. Damit sind die Kosten für die An- und Abfahrt einschließlich der Schalterwartezeiten mit Beachtung des Diskretionsabstandes abgegolten. Sollte die Wartezeit an einem ihrer Schalter oder Automaten fünf Minuten überschreiten, gestatte ich mir pro angebrochener Minute eine Warte-Verzögerungsgebühr in Höhe von 1,50 Euro in Rechnung zu stellen.

Drittens: Im Computerzeitalter gehe ich davon aus, dass die Verbuchung einer Gutschrift von einem anderen Kreditinstitut sowie von Überweisungsaufträgen innerhalb von 24 Stunden erfolgt. Sollten Verzögerungen eintreten, sehe ich mich zu meinem größten Bedauern gezwungen, Ihnen pro Schuldnermahnung eine Bearbeitungsgebühr von zehn Euro zuzüglich anfallender Mahngebühren zu berechnen. Da trotz elektronischer Bearbeitung menschliches Versagen nicht auszuschließen ist, dies zeigt die Erfahrung, räume ich Ihnen als Service meinerseits einen Dispositionskredit ein, der sich an Ihren Zinskosten orientiert. Der Zinssatz liegt 15 Prozent über dem gültigen Lombardsatz. Er erhöht sich, wenn das Durchschnittsalter Ihres Vorstandes über 55 Jahre liegt, pro Jahr um ein Prozent »Zwangsfrühverrentungszuschlag für Leitende Sparkassenbankdirektor/innen«.

Viertens: Die ständig anschwellende Zahl von Werbebriefen, Anlageberatungsbroschüren, Haus-, Haftpflicht-, Kranken-, Unfall- und PKW-Versicherungsangeboten, die ich von Ihnen erhalte, zwingen mich zu meinem Bedauern, die Anzahl auf zwei Stück pro Jahr zu begrenzen. Sollten diese zwei Freipositionen überzogen werden, sehe ich mich gezwungen, Ihnen eine Dokumentenentsorgungsgebühr in Höhe von fünf Euro je DIN-A4-Blatt in Rechnung zu stellen.

Die weiteren Einzelheiten meiner neuen Allgemeinen Geschäftsbedingungen entnehmen Sie bitte dem Aushang hinter meinem Schreibtisch im vom Finanzamt, Zeichen MG-DB-102, anerkannten Arbeitszimmer. Sollten Sie sich in den nächsten 14 Tagen nicht dazu äußern, gehe ich davon aus, dass diese Allgemeinen Geschäftsbedingungen ab dem nächsten Monatsersten in Kraft treten.

Mit freundlichen Grüßen, Dieter Braeg, Sparkassenkunde


Mächtig prächtig (Harald Kretzschmar)

Ich muss ein Geständnis loswerden. Mir wurde ein auf unglaubliche Weise von Spott und Hohn durchsetztes Papier zugespielt. Die folgenden Zeilen schockierten mich so, dass ich sie umgehend wieder loswerden möchte. Ich stelle sie mit einigem Widerwillen einer durch die relativ überschaubare Verbreitung dieser Zeitschrift begrenzten Öffentlichkeit zur Verfügung. Von einigen darin enthaltenen überspitzten Schlussfolgerungen muss ich mich dabei unbedingt distanzieren.

»Ach du grüne Neune! Der angeblich auf die Pik Neun altdeutschen Kartenblatts bezogene, fast schon vergessene Ausruf des Erschreckens hat ad hoc auf gut Sächsisch einen brandaktuellen Bezug. Ganz biologiefremd und parteifern kommt Grünes ins alarmierte Gespräch. Das Grüne findet sich nicht nur in den auf Wappen und Bannern verewigten Landesfarben der Sachsen, sondern ist manifest in dem Grünen Gewölbe des Dresdner Residenzschlosses. Ein Kabinett der Superlative kulinarischen Kunstgenusses lockt ständig eine Schar hingerissener Bewunderer und hergelaufener Neider an.

Der Glanz der dort gehorteten Juwelen soll der (Aus-)Sage der momentan Regierenden nach die Identität des ganzen einheimischen Volksstammes widerspiegeln. Tückisches Diebsvolk schlug bei einem feigen Raubzug in völlig unvorhergesehener Stromabschaltung mit böser Axt zu. Eine als bruchsicher geltende Vitrine war zu Klump getrümmert. Entwendet wurden unermesslich wertvoll schmuckverzierte Orden und Ehrenzeichen, welche einst die Brust der hier herrschenden Wettiner zierten. Notfalls ehrenhalber auch mal die der ihnen dienenden Domestiken. Selbiges gilt nun als identischer Ausdruck sächsischen Lebensgefühls.

Da ist guter Rat so teuer wie einleuchtende Aufklärung und neue Sicherheitstechnik. Man sieht sich geprellt um eine Selbstbestätigung. Hier bewährte sich immerdar die Kunststadt Dresden in ihrer ehrenhalber auf Hochglanz materialisierten Edelsteinversion. Selbst in den diktatorisch entstellten finsteren Notzeiten der Vergangenheit gab es immer das feudal verklärte Leuchten in den erst notdürftig improvisierten Räumen des Albertinums. Nie durfte eine einzige kostbare Perle fehlen. Zeitgenössische Malerei konnte daneben lediglich ein Schattendasein fristen. Trister Realität und menschlicher Anteilnahme verpflichtet, blieb sie nur blasser Abglanz gegenwärtigen Daseins.

Und nun versagte die Bewachung so blamabel, dass der selige August stark befremdet wäre. Und seine Nachfahren bereits Strafmaßnahmen erwägen dürften. Erklärungsbedarf wuchert über die Zeilen der Gazetten. Telegene Kanäle und digitale Medien wägen Vermutungen gegen Verurteilungen ab. Ein unersättlicher Markt greift schon mit langen Fingern zu. Stets muss er neuen Nachschub aus staatlich leider veruntreutem Warenbestand von Kostbarkeiten erlangen. Zeit ist Geld. Erfolg ist Pflicht. Polizeiliche Ermittlungen laufen auf Hochtouren – aber streng geheim. Finderlohn in Halbmillionenhöhe weckt laienhafte Detektivkräfte. Das Grüne Gewölbe bebt in seinen feudalen Grundfesten. Erwartungsfieber endlicher Aufklärung des Tathergangs adelt den Vorgang zu dem, was alle über alles lieben: zum Krimi. Da sind Privat- und Staatsanwälte die Stars.

So wird aus dem Volk der Dichter und Denker das der Ermittler und Verschenker. Jedes Mittel ist recht dafür, einstige Herrlichkeit zu lobpreisen – selbst auf Kosten aller eigenen Portokassen. Enteignungen nach Kriegsinferno und Totalniederlage, für null und nichtig erklärt, sind rückgängig zu machen. Verachtenswerte Gewaltherrschaft? Gekrönte Häupter leisteten da keinen Vorschub. Sie waren stets mit dem Nachschub fürs eigene Wohl ausgelastet. Den sächsischen Wettinern gelang Einiges an Fischzügen im Goldstrom des Volksvermögens. Das war den preußischen Hohenzollern Anlass zum Übertrumpfen: Sie waren schließlich die kaiserlichen Hoheiten. Was alles an ›Preußischem Kulturbesitz‹ noch ihnen in Berlin gehört, darf der Jetzt-Staat nur als abrufbare Leihgabe betrachten. Da ist jederzeit ein Gewinn abzuschöpfen. Da kirchliche Würdenträger bereits die Potsdamer Garnisonkirchen-Replik mittragen, ist man hier auf die bewährten Vasallen der Jurisprudenz als Verbündete angewiesen.

Na, da geht schon eine Bataille juristischer Kniffe und Püffe los. Seriös argumentierende Historiker müssen um ihren guten Ruf fürchten, denn sie sollen mit einem Sündenregister verleumderischer Behauptungen straffällig geworden sein. Welche Lust, die Koryphäen solider Wissenschaft auf die Anklagebank zu zerren und sie als Vorbestrafte in die dann glorreich umzuschreibende Geschichte zu entlassen. Gutachter werden gegen angebliche Schlechtmacher in Stellung gebracht, um sie zur Strecke zu bringen. Nicht umsonst ist das hohenzollernsche Selbstwertgefühl ins Unermessliche gestiegen, seitdem das bauliche Symbol der deutschen demokratischen Diktatur der Wiedererrichtung der kaiserlichen Herrlichkeit des Residenzschlosses in Berlin weichen musste. Das Verbrechen des Abrisses einer Ruine gilt seitdem rechtsstaatlich nur mit Vernichtung des total und perfekt funktionierenden Nachfolgebaus zu sühnen.«

So lesen Sie selbst: Nur ein leider allzu leicht zu Majestätsbeleidigungen hinzureißender Hundsfott kann den überragenden Rang der schützenswerten Edel-einrichtungen des Grünen Gewölbes und der nun zum Humboldtforum demokratisierten Zwingburg in Zweifel ziehen. Was einst in Wichs und Gala dahergekommene feine Leute an sich brachten, darf ihnen nicht weggenommen werden. Eigentum verpflichtet bekanntlich einzig dazu, es den Eigentümern zu sichern.


Schauend und denkend betrachten (Klaus Hammer)

Dem Berliner Zeichner, Maler und Grafiker Dieter Goltzsche, der gerade seinen 85. Geburtstag begangen hat, wurde seine Umwelt zum Fokus, zur Welt im kleinen Maßstab. Sie lieferte ihm Anlass und Hintergrund, um heutige (Großstadt-)Erfahrung in der ganzen Spanne zwischen Unrast und Einsamkeit, zwischen visionärem Träumen und banaler Alltäglichkeit tagebuchartig einzufangen. Seine Formwelt entfaltet sich aus den ausbalancierten Bezügen farbiger, aber auch monochromer Texturen, aus dem Wechselspiel von Anpassung und Kontrast, aus assoziativen Zuordnungen. Der Improvisation folgt eine zunehmende Begrenzung durch Definition, durch Form- und Farbentscheidung. Das Flüssige gerinnt zum Festen, das Diffuse zum Geformten, und dieses wiederum tendiert zur Auflösung. Der Künstler greift ein, in spielerischer Freiheit, in der Lust am poetischen Fabulieren, damit die Bildsituation, die immer auch die seine ist, offen wird, offen bleibt. Das Fragmentarische, das non finito ist seinen Arbeiten eigen. Mit dem sichtbar leicht, nie massiv materiell oder auffallend ekstatisch gesetzten Pinselstrich bricht er die Farbflächen auf und nimmt ihnen alles Dekorative. Neben einem kontrastfördernden Schwarz springt die »warme« Farbe Rot den Betrachter förmlich an, während die »kalte« Farbe Blau vor ihm zurückweicht. Die suggestive Wirkung von gegeneinander gesetzten Primärfarben erprobt Goltzsche in ganzen Blättern, wobei er sich auf unterschiedliche Motive konzentriert. Der Vielansichtigkeit der Welt, die das jeweils eine, stets unvollkommene oder falsche Weltbild abgelöst hat, entspricht im Künstlerischen die Vielfalt des offenen Experiments.

Sein Bildband »Schwarz«, den er jetzt vorlegt, umfasst – in vor allem ganzformativen Abbildungen – Arbeiten auf Papier von 1953 bis 2019. Mit Feder, Pinsel, Tusche, Ölkreide, mit Blei-, Farb- und auch Goldstift bannt er die gegenständliche Welt in Chiffren und Hinweisen, die den deutungswilligen Betrachter in wahre Labyrinthe führen. Die Betonung liegt ebenso sehr auf der Beschreibung des problematischen Ich als auch auf einer Hommage an die Weite, die geistige Transparenz wie Konzentration der uns umgebenden Welt. Es lassen sich ortlose Szenerien, Landschaften, traumbildhafte Welten, fragmentierte Erinnerungen, Figuren, Köpfe, Gesichte und andere zeichenhafte Elemente in entzifferbaren, manchmal im Bildtitel aufgelösten Konstellationen ausmachen. Einen »Text«, eine »Erzählung« gibt es allerdings nicht. Immer bleiben Bildreste, instabile, schwebende Strukturen, Linien, die sich umschlingen und sich dann im Ungewissen verlieren. Das semantische Feld von Warnzeichen wird zunehmend durch zurückgebliebene Spuren menschlicher Präsenz ersetzt. Sind dies Reste von Eigensinn, Zeugen emotionalen Protestes, Hoffnungspartikel oder Motivfragmente einer verklingenden Menschlichkeit?

»Ins Offene, ein Lichtverhalten«, sieht Gunnar Decker in seinem einführenden Beitrag Goltzsche »zwischen Schwarz und Weiß«: »Das Weiß kämpft sich durch das Schwarz wie das Licht durch das Dunkel. Das Schwarz scheint übermächtig ebenso wie das Dunkel. Aber irgendwo ist immer ein rettender Spalt, da drängt sich ein Funke Licht durch, ein weißer Fleck entsteht – und behauptet damit eine andere Dimension. Eine Art Fluchtvision, ein Bruch mit der Zeit. Abbruch also, eine Leere, die nicht definierbar scheint.«

Kandinsky sprach von Vibrationen, in denen ein Seelenzustand fassbar und darstellbar wird, und dieses Vibrieren der Formen oder sich verändernder Abläufe ist auch bei Goltzsche erkennbar. Die perspektivische Raumillusion wird abgelöst, der Raum baut sich aus Ebenen auf, die sich überschneiden und durchdringen, eigene Raumschichten bilden, die nicht mehr im Widerspruch zur Fläche des Bildes stehen, sondern sich in ihr auflösen.

Er könne mit Schwarz das Weiß verschieden weit öffnen, aber auch schließen, schreibt Goltzsche. Zuerst sei es »die Linie, meist als Kontur, aber auch als Geflecht in Grafit oder als Tuschfeder« gewesen. Mit der Temperamalerei »ging es darum, die Flächen aneinanderstoßen zu lassen gegen die Kontur-Malerei«. »Aber der breite Pinsel ermöglichte neben der Flächenmalerei auch die verbreiterte Kontur und wurde allmählich zum Selbstausdruck.«

Den gesamten Spannungsumfang von der materiellen bis zur psychischen Wirksamkeit ordnet Goltzsche einem Vorstellungsbild ein, das ein menschliches Spannungsfeld assoziiert: Streuungen und Ballungen, Konzentrationen, Abdrängungen, Tangenten, Strahlungen, Erhellungen und Verfinsterungen, archetypische Formeln bestimmen das Sein. Die Turbulenz der kleinen Welten ist ein Bewegungserlebnis. Durch das Gefälle der Farbtemperatur, den Schwarz-Weiß-Kontrast wird im Auge der Reiz ausgelöst, Bewegung zu konstatieren, obwohl in Wirklichkeit alles unbeweglich an seinem Platz verharrt. So experimentiert man weiter mit einer auch vom Kintopp her erprobten Erfahrung, dass mehrere mit Unterbrechungen dargebotene Bewegungsphasen vom Auge zum tatsächlichen Ablauf ergänzt werden.

Geometrische Zeichenkombinationen, Kreise, Quadrate, Dreiecke, Kurven, Gegenkurven, Schleifen, Balken, Rechtecke, Winkelformen und so weiter sind bei Goltzsche zu ablesbaren Zeichen gefügt, deren Sinn im Betrachter entstehen muss, durch ein Befragen und Vergleichen dieser Zeichen und ihrer Konfrontierung mit der eigenen Erfahrung. Das Verstehen der Zeichen ergibt sich eigentümlich rasch, da ihr Ansatzpunkt im funktionalistischen Bereich liegt, von Gleichgewicht, Balance, Takt, Echo, Tragen, Lasten, Rollen oder Schweben handelt, deren mechanistischer Nachvollzug in der Meditation unvermittelt in den metaphysischen Bereich führt.

Formen assoziieren sich in Goltzsches Arbeiten zu traumhaften Symbolen, die beim Betrachter den Wunsch auslösen, in nicht zu enträtselnde Geheimnisse einzudringen. Die Komplexität der Betrachtung besteht eben darin, dass sie zugleich schauend und denkend sich vollziehen muss.

Sigrid Walther (Hg.): »Dieter Goltzsche – Schwarz. Arbeiten auf Papier«, mit einem Beitrag von Gunnar Decker, Sandstein Verlag, 160 Seiten, 34 €

Sechzehn außergewöhnliche Berliner Porträts (Manfred Orlick)

Für den Berliner Journalisten Bernd Oertwig »wachsen aus den Steinen der Stadt Geschichten«. Sie erzählen von menschlichen Schicksalen. Wenn Oertwig die Neugierde durch die Stadt treibt, stolpert er bei seinen Spaziergängen geradezu über Gedenk- oder Grabsteine, die ihm eine Geschichte erzählen. Oft gehen diese Geschichten dann lange mit ihm spazieren, bis ihre Zeit gekommen ist, sie niederzuschreiben.

In seinem Buch »Berühmte Tote leben ewig« porträtiert Oertwig sechzehn Frauen und Männer, die in Berlin lebten und auf nicht ganz gewöhnliche Weise starben. Den Auftakt macht Anita Berger, die wohl »wildeste Frau der Weimarer Republik«. Die Tänzerin, die in Bars und Nachtlokalen auftritt, ist Sinnbild des weiblichen Bohemiens der 1920er Jahre. Mitunter springt sie wütend ins Publikum, das nur auf ihre Nacktheit glotzt, während sie mit ihrem Tanz ernste Themen ansprechen will. 1927 unternimmt sie mit ihrem Ehemann eine Tournee durch den Nahen Osten, die sie nach einem Jahr abbrechen muss. Vier schlimme Monate quält sich Anita zurück und stirbt am 10. November 1928 in Berlin.

Die zweite Geschichte, »Liebe über den Tod hinaus«, erzählt von einer außergewöhnlichen Verbundenheit. Als der Kunsthändler Gaspare Weiß 1805 seine heißgeliebte Frau Antoinette nach sechs Ehejahren verliert, kauft er ihre Grabstelle auf dem kleinen katholischen Friedhof an der Chausseestraße für hundert Jahre. Eine kleine Ewigkeit. Doch Berlin wächst im 19. Jahrhundert unaufhörlich, Bauland ist gefragt. Auf dem Friedhofsgelände siedelt sich unter anderem ein Droschkenunternehmen an. Doch Vertrag ist Vertrag. So entsteht buchstäblich um das Grab herum eine Musikalienhandlung, mitten in der Lesehalle der Grabstein, der täglich von einer greisen Enkelin aufgesucht wird. Nach der Liegefrist wird der Grabstein nach Reinickendorf umgesetzt, doch seit September 2007 steht er fast wieder dort, wo er früher stand.

August 1889: Berlin erwartet »allerhöchsten Besuch«. Kaiser Wilhelm II. hat den österreichischen Kaiser Franz Joseph I. für vier Tage eingeladen. Als die beiden Monarchen eine Truppenübung besuchen, zieht ein Gewitter auf, und der 20-jährige Gefreite Fritz Will wird vom Blitz erschlagen. Ob die kaiserlichen Hoheiten von dem Unglück Notiz genommen haben, ist nicht überliefert. Noch heute erinnert ein Gedenkstein in der John-Foster-Dulles-Allee im Berliner Tiergarten an den jungen Soldaten. Dagegen berichtet ein Kreuz direkt neben einer Berliner Autobahn (früher Kurt-Schumacher-Damm) von dem ehemaligen Generalpolizeidirektor Karl Ludwig von Hinckeldey (1805-1856). Friedrich Wilhelm IV. vertraut dem ehrgeizigen und rücksichtslosen Hinckeldey; doch als dieser seinen König dringend braucht, hat der Regent taube Ohren. Nach einer Razzia in einer der edelsten Berliner Spielhallen wird Hinckeldey von dem Club-Besitzer Hans von Rochow als Lügner beschimpft – es kommt zum Duell. Ein Wort des Königs hätte genügt, den gesetzwidrigen Zweikampf zu verbieten. Aber Ihre Majestät schweigt. Am 10. März 1856 wird Hinckeldey, der »uff zwölf Schritte keen Scheunentor« treffen kann, tödlich getroffen. Daraufhin macht in Berlin das Gerücht vom politischen Mord die Runde.

Neben diesen eher unbekannten Berlinern ist Oertwig auch auf den Spuren von Berlinern, deren Name noch heute in aller Munde ist. Wie Bubi Scholz, der in den 1950er und 1960er Jahren unbestritten die Nummer eins im deutschen Box-Geschäft ist. Nach einer Tuberkuloseerkrankung scheint seine Karriere beendet zu sein, aber nach zwei Jahren steht er wieder im Ring. Doch Alkohol und die Droge Popularität hinterlassen ihre Spuren. Alkohol ist auch im Spiel, als er im Juli 1984 seine Frau Helga erschießt. Wegen fahrlässiger Tötung wird er zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Obwohl er 1993 noch einmal heiratet, er ist ein geschlagener Mann. Mehrere Schlaganfälle, Altersdemenz – Bubi Scholz stirbt am 21. August 2000.

Der weltberühmte Fotograf Helmut Newton ein Berliner? Natürlich: als Helmut Neustädter 1920 in Berlin geboren. Eine Gedenktafel am Geburtshaus in Berlin-Schöneberg erinnert daran. Ende 1938 flüchtet er vor den Nazis nach Singapur, später nach Australien. In den 1970er Jahren wird Newton einer der begehrtesten und höchstdotierten Mode-, Werbe-, Porträt- und Aktfotografen der Welt. Er stirbt 2004 bei einem Autounfall in Los Angeles, doch beigesetzt wird er in seiner Geburtsstadt auf dem Friedhof Stubenrauchstraße.

Dann wird es mit Melli Beese und Renate Müller noch einmal weiblich. Eigentlich will Amelie Hedwig Beese Bildhauerin werden, bis sie der Traum vom Fliegen packt. Wenig später wird sie als erste Frau in Deutschland den Privatpilotenschein erwerben. In den folgenden Jahren stellt sie einige Frauenflugrekorde auf und gründet die Flugschule Melli Beese GmbH. Nach dem Kriegsende der schwierige Neuanfang, und der Lorbeer ist verblasst. Als sie ihre Fluglizenz erneuern muss, endet das mit einer Bruchlandung. Am 21. Dezember 1925 erschießt sich Melli Beese in ihrer Wohnung. Neben ihr findet man einen Zettel: »Fliegen ist notwendig. Leben nicht.«

An einem Septembertag im Jahr 1937 wird eine Frau bewusstlos auf ihrer Gartenterrasse gefunden. Es ist Renate Müller, der Star des deutschen Films in den 1930er Jahren. Sie stirbt zwei Wochen später an ihren schweren Verletzungen. Unfall oder Selbstmord? Was folgt, sind Mutmaßungen. Wurde sie von der Gestapo verfolgt, schließlich hatte sie eine Beziehung zu einem jüdischen Bankierssohn. Alle geplanten Filme werden mit anderen Schauspielern besetzt. Blieb ihr nur der eine Ausweg?

Über den sechzehn unterhaltsamen Porträts schwebt das Motto: Ein aufsehenerregender Tod oder skurrile Vorfälle mit den sterblichen Überresten oder dem Grabstein sind die halbe Miete für die Ewigkeit.

Bernd Oertwig: »Berühmte Tote leben ewig – Berliner Schicksale«, Verlag für Berlin-Brandenburg, 304 Seiten, 19,90 €

Ein Jude – unschuldig? (Monika Köhler)



Der Anfang: eine Zeremonie der Entehrung. Ein kleiner Trupp Soldaten marschiert über einen riesigen leeren Platz, gesäumt vom gesamten Regiment, kein Platz ist leer. Hinter Zäunen gaffende Zuschauer. Die Schritte hallen in die Stille, die vom Regimentskommandeur unterbrochen wird. Vom Pferd aus verliest er das Urteil des Kriegsgerichts: Verbannung und militärische Degradierung. Hauptmann Alfred Dreyfus, verurteilt wegen Landesverrats und Spionage für Deutschland. Dreyfus – ihm wird alles abgerissen, was ihn zum Hauptmann machte, die Insignien, sogar die Knöpfe, der Säbel zerbrochen. Sein Gesicht spiegelt Aufruhr: »Soldaten, man entehrt einen Unschuldigen«, ruft Dreyfus. Von den Zäunen tönt es »Lump«. Aus den Reihen der Offiziere, die Dreyfus mit dem Fernglas observieren, die Frage: »Wie sieht er aus?« Die Antwort: »Wie ein jüdischer Schneider, der den Preis der Goldtressen abschätzt.« Dreyfus war der einzige Jude im gesamten Generalstab.

So beginnt Roman Polanskis Film »Intrige«, der ab 6. Februar in Deutschland gezeigt wird, Länge 132 Minuten. Das Drehbuch verfasste er gemeinsam mit dem Autor Robert Harris, der vorher einen Roman über das Thema geschrieben hat. Der Film erhielt 2019 in Venedig den großen Preis der Jury. In den Hauptrollen: Louis Garrel (Dreyfus), Jean Dujardin (Marie-Georges Picquart, Leiter der Inlandsspionage-Abteilung) und Emmanuelle Seigner (Pauline Monnier, Geliebte von Picquart).

Der Film – ein Historiendrama – führt uns in die Welt des Militärs mit deren eigenen Riten und Normen. Für Zivilisten exotisch. Das Volk bleibt draußen, rebelliert oder applaudiert an den Zäunen, auf der Treppe zum Gericht. Die Ehre ist das Wichtigste für Offiziere. Und das Erfüllen der Pflicht, das Handeln auf Befehl – auch wenn der kriminell ist. Vertuschen, aber ohne Aufsehen. Der allgegenwärtige Antisemitismus durchzieht den Film, der die Zeit um 1900 beschreibt. Alles stimmt wunderbar: das Interieur, alte Gerätschaften, Telefon, Fotoapparate, wobei die Arbeit des Geheimdienstes oft an die Gegenwart erinnert, etwas primitiver, gewiss, Briefe über Dampf geöffnet, Beobachtung mit Fernrohr. Die Akten mit Schleifen zusammengebunden. Alles düster und verstaubt. Der neue Chef des Nachrichtendienstes Marie-Georges Picquart versucht immer wieder, die Fenster aufzureißen, vergeblich. Antisemit auch er, der den verurteilten Juden Dreyfus später für unschuldig halten wird. Warum erfahren denn die Deutschen noch immer Geheimnisse, obwohl der als schuldig Verurteilte auf der Teufelsinsel in Französisch-Guayana festgehalten, ja in Eisen gelegt wird?

Es beginnt ein akribisches Recherchieren, was ihn in den Augen seiner Vorgesetzten selbst belastet. Ein Besuch bei seinem Vorgänger im Amt, Oberst Sandherr, der krank im Bett liegt. Der übergibt Picquart eine Liste mit den Namen von 100.000 potentiellen Verrätern, die im Kriegsfall zu internieren sind – Ausländer vor allem. »Die Juden sind da noch nicht drin«, stellt er lakonisch fest. Er spricht von »Entartung, die sich durch unser Land zieht«. Das alles ist normal – damals? Briefe, ein Telegramm, das nicht abgeschickt wurde – alles manipuliert als Beweise. Da sitzen sie im pittoresken Gebäude des Nachrichtendienstes und versuchen, zerrissene Briefe zusammenzusetzen. Dem Zuschauer kommt so etwas bekannt vor. Wer ist die »Kanaille D«? Das kann doch nur Dreyfus sein. Es ist ein Mann namens »Dubois«, ein Drucker, der verschiedene Sprachen spricht. Als Picquart seinen Vorgesetzten General Gonse im Urlaub besucht, er den Satz auszusprechen wagt, Dreyfus sei unschuldig, muss er hören, wie unwichtig das ist. »Was kümmert Sie es, wenn ein Jude auf einer einsamen Insel hockt?« Er solle schweigen. Das ist ein Befehl. Der wird missachtet. Der Brief, der aus dem Papierkorb des deutschen Militärattachés in Paris gefischt und von der Putzfrau weitergegeben wurde, in einer Kirche hinterlegt, er stammt von dem Major Ferdinand Walsin-Esterházy, der später auch angeklagt und freigesprochen wird, freigesprochen!

Auch Picquart bekommt eine Anklage und eine Versetzung in nordafrikanische Garnisonen. Seine Wohnung wird durchsucht. Wieder zurück in Frankreich nimmt er an einer geheimen Zusammenkunft teil, wo er den Herausgeber der Zeitung L´Aurore und Émile Zola trifft. Den hat vor allem der Freispruch Esterházys zu seinem berühmten Aufruf »J´Accuse« in der L´Aurore gebracht, der am 13. Januar 1898 erschien. Er klagte alle Offiziere, Generäle an, nannte ihre Namen – dafür wurde auch er verurteilt zu einem Jahr Gefängnis. Alle haben seinen flammenden Appell gelesen. Die Reaktion: brennende Scheiterhaufen, Zeitungen, Bücher, »Tod den Juden«-Rufe und Schmierereien an Geschäften.

Picquart hat nicht gegen die Judenfeindschaft gekämpft, nein, er wollte nur »unsere Ehre anders als mit blindem Gehorsam verteidigen«, bekennt er. »Blinder Gehorsam«, das bezieht sich vor allem wohl auf Major Henry, auch Mitglied des Generalstabs, der nur tun will, was ihm gesagt wird: »Wenn ich jemand erschießen soll, tue ich es.« Er beschuldigt im Prozess Picquart, obwohl er selbst der Fälscher ist. Es endet im Fecht-Duell. Henry wird verletzt. Auch er wird verhaftet, er hat die Fälschung nun zugegeben.

Picquart sitzt draußen im Café. Ein Mann kommt und stürzt sich auf ihn, schlägt ihn nieder: »Feigling, dreckiger Jude!« ruft der Angreifer. Schneller Schnitt. Schlagzeilen: Dreyfus wieder in Frankreich. Ein erneutes Verfahren gegen ihn. Er beteuert seine Unschuld, um der Ehre willen. Hat sich nichts geändert? Wieder gibt es Stimmen, die von »Millionen, die das Judentum für ihn ausgab« raunen. Eine Szene im Park: Picquart trifft den Anwalt Labori, er hat die Akten dabei, ist guter Dinge. Ein Unbekannter kommt von hinten und schießt auf den Anwalt, verschwindet im Unterholz.

Dreyfus wurde am 9. September 1899 erneut des Hochverrats schuldig gesprochen, aber das Strafmaß auf zehn Jahre Gefängnis abgemildert. Zehn Tage später begnadigte der Präsident der Republik Dreyfus. Uneingeschränkte Rehabilitierung erreichte Dreyfus erst 1906. Die Zeiten hatten sich geändert. Er wurde wieder in die Armee aufgenommen. In einem Nachspann treffen Dreyfus und Picquart, der inzwischen zum Kriegsminister aufgestiegen ist, zusammen. Dreyfus möchte Beförderung, die unverschuldete Haftstrafe müsse angerechnet werden. Picqart will die Debatte nicht neu eröffnen, aber: »Ohne Sie hätte ich das nicht erreicht.« Dreyfus: »Sie haben das erreicht, weil Sie Ihre Pflicht getan haben.« Die Pflicht – damit endet dieser Film, der nach 125 Jahren aktuell ist.