Einen Tag nach dem »Tag der Arbeit« findet traditionell der »Kampftag
der Arbeitslosen« statt. Die Aktivisten wenden sich gegen die
Diskriminierung von Erwerbslosigkeit und plädieren für einen neuen
Arbeitsbegriff.

Erwerbslosigkeit soll kein Stigma mehr sein.
Foto: dpa/Peter Endig
»Nie, nie, nie wieder Arbeit!« schallt es durch die
Kastanienallee, Bauarbeiter auf einer Großbaustelle drehen sich amüsiert
zu dem Demozug um. Einige der Demonstrierenden haben Bierflaschen in
der Hand, andere haben sich Transparente mit »Arbeit kann tödlich sein«
oder »Feierabend« auf den Rücken geklebt. Mittlerweile zum zwölften Mal
demonstrieren in Berlin, »aber auch in Rostock und Rio de Janeiro«, wie
Arne von den Surfpoeten und Mitveranstalter der Demo betont, Menschen
für ein anderes Gesellschaftsmodell: Die Utopie einer Gesellschaft ohne
Lohnarbeit.
Es gehe nicht darum, nur auf der faulen Haut zu liegen, betont er,
»vielmehr geht es um eine andere Definition von Arbeit. Dafür muss
Arbeit vom Lohn entkoppelt werden.« Jeder solle die Freiheit haben, das
zu tun, wozu er Lust hat. »Man kann natürlich auch was tun. Manche
basteln gerne oder machen Gartenarbeit, all das ist möglich«. Doch er
sieht eine Fehlausrichtung der westlichen Gesellschaften.
Zum Beispiel werde vom Jobcenter gefördert, dass »Menschen in
Betriebe eingestellt werden, die dort nicht gebraucht werden, um
Produkte herzustellen, die keiner braucht.« Vielmehr solle man die
Arbeit von Robotern verrichten lassen. »Mein Freund, der Roboter« sei
Motto des Tages, sagt er. Funktionieren kann das natürlich nur, wenn
eine Art Grundeinkommen eingeführt werde. Seit Paul Lafargue die
»Arbeitssucht« kritisierte und 1880 das Heft »Das Recht auf Faulheit«
verfasste, ist die Gegenideeeines von Lust und Selbstbestimmung
geprägten (Arbeits-)Lebens in derWelt – als Antipode zu einer
protestantischen Arbeitsethik, in derArbeit als moralische Pflicht
angesehen wird.
In den 1950er Jahren gründete sich in Frankreich die Gruppe der
Situationisten im Spannungsfeld von Kunst und Politik mit Slogans wie:
»Arbeit? Niemals!« Sie propagierte das ziellose Umherflanieren zur
eigenen Erweiterung des Horizonts. Die Berliner Gruppe der Glücklichen
Arbeitslosen trat 1998 mit provokanten Texten für ein Leben ohne Arbeit
ein. Überhaupt sei der Begirff der Arbeit ein trauriges Wort und durch
»Tätigkeit« zu ersetzen.
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Die Glücklichen Arbeitslosen weisen in ihrem Manifest auch
auf eine betriebs- und volkswirtschaftliche Dimension hin. Viele
Betriebe steigerten ihren Gewinn ja gerade dadurch, indem sie Leute
entlassen. So müsse man dem »Arbeitslosen dafür danken, dass er wie kein
anderer das Wachstum fördert«. Somit sei eine Lohnzahlung für
Nicht-Arbeit nur gerecht .
Mit dem Konzept des Grundeinkommens haben die Aktivisten von heute
nun eine Idee an der Hand, die dieser Utopie einen Hauch des
Realisierbaren verleiht. Während in Österreich der Tag der Arbeitslosen
mittlerweile auf den 30. April verlegt wurde, fand in Rostock nun zum
sechsten Mal eine Veranstaltung statt. Steffen Wiechmann von den
Organisatoren berichtete von einem Sit-in vor einem Supermarkt, bei dem
zusammen Transparente gemalt wurden. Danach habe man das Gebet der
Arbeitslosigkeit angestimmt. »Viele von uns saßen mit Kaltgetränken da,
später haben wir auch den Grill angezündet. Denn: Es soll ja nicht in
Arbeit ausarten!«
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