Mittwoch, 21. Mai 2014

Die Freiheit des Worts

Der deutsche PEN entschied: Wir befassen uns nicht mit der Verweigerung jeglicher Kriegspropaganda und unterstützen jeden, der in der Ukraine keinerlei Faschismus zu entdecken vermag Von Otto Köhler Quelle: JungeWelt vom 20. Mai 2014 Allerorts werde »vom Ersten Weltkrieg gesprochen«, schrieb mir und allen anderen Mitgliedern der deutschen Sektion der Schriftstellervereinigung PEN (Poets, Essayists, Novelists) vor längst vergessener Zeit, am 26. März 2014, Josef Haslinger. Die Wunden und Nachwirkungen, fuhr der vor einem Jahr gewählte Präsident des PEN-Zentrums Deutschland fort, seien »bis heute« sichtbar und da »mag es uns gut anstehen«, meinte er, »daran zu erinnern, mit welcher Begeisterung Autoren damals zum Krieg aufriefen«. Er nannte ein Beispiel: »Als das Schlachten dann schon in Gang gekommen war, fanden sich 93 deutsche Schriftsteller, die den Feldzug gegen Frankreich mit einer Art intellektueller Attacke begleiteten. In ihrem Manifest hieß es: ›Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbünden und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen.‹« »Geht’s noch schlimmer, möchte man fragen«, erkundigte sich Präsident Haslinger und gab die Antwort: »Wir wissen, wer diesen Aufruf verfaßt hat, es war Ludwig Fulda. Er wurde sechs Jahre nach dem Krieg, am 15. Dezember 1924, zum ersten deutschen PEN-Präsidenten gewählt.« Ich nahm mir ein Beispiel an unserem heutigen Präsidenten und beantragte fristgemäß drei Wochen vor der Mitgliederversammlung des deutschen PEN vom vergangenen Wochenende, diese Erklärung zu verabschieden: »Die deutschen Intellektuellen haben 1914 versagt. Zu viele Schriftsteller, Wissenschaftler und Publizisten stellten sich mit Aufrufen (›An die Kulturwelt‹), Ansprachen, Vorlesungen, selbst mit Gedichten in den Dienst des von den deutschen Eliten ausgebrochenen Krieges. Wir, die in Schwäbisch Hall versammelten Mitglieder des deutschen PEN-Zentrums, sind durch das Beispiel unserer Vorgänger gewarnt. Wir weigern uns, in den Dienst jeglicher Kriegspropaganda zu treten.« Bevor ich bei der Mitgliederversammlung am vergangenen Samstag mit der kurzen Begründung meines Antrags zu Ende war, versuchte Tagungspräsident Christoph Links, mir das Wort zu entziehen. Zu Recht. Ich hatte nicht bedacht, daß sein Christoph Links Verlag auch davon lebt, Schriften des Militärgeschichtlichen Forschungsamts der Bundeswehr zu veröffentlichen. Dann ergriff der Präsident das Wort. Aber das wäre doch nicht nötig gewesen, meinte Haslinger zu meinem Antrag. Man solle sich mit ihm nicht befassen, denn alles stehe doch längst in der PEN-Charta. Und dann verlas er temperamentvoll Auszüge aus der Willenserklärung des PEN. Und, tatsächlich, da steht ja schon in der Charta, unter drittens: »Mitglieder des PEN sollen jederzeit ihren ganzen Einfluß für das gute Einvernehmen und die gegenseitige Achtung der Nationen einsetzen. Sie verpflichten sich, mit äußerster Kraft für die Bekämpfung von Rassen-, Klassen- und Völkerhaß und für das Ideal einer einigen Welt und einer in Frieden lebenden Menschheit zu wirken.« Richtig. Der Präsident des Deutschen PEN-Zentrums Josef Haslinger stellte darum den Antrag auf Nichtbefassung mit meinem Antrag und die große Mehrheit sagte ja. Wir hatten schließlich noch nie Anträge verabschiedet, die sich in Überstimmung mit unserer Charta befanden und deshalb überflüssig waren. Nun dürfen wir bei aller Freude über die aufrechte Haltung Josef Haslingers nicht vergessen – und es könnte sein, im März vergaß er es selbst –, daß er als PEN-Präsident eine hohe Verantwortung trägt. Er weiß, welche Grenzen dem freien Wort gezogen sind, dem sich das PEN-Zentrum Deutschland verpflichtet fühlt. Auf staatlich bezahlte Lesungsreisen ins Ausland ließe sich verzichten. Aber auf Hilfe für verfolgte Autoren nicht. Rund fünfzig in ihrer Heimat verfolgte Autoren hat der Deutsche PEN mit dem vom Bund finanzierten Programm »Writers in Exile« betreut. Es geht nicht, zugleich vom Staat, der ja etwas anderes ist als wir, finanzielle Hilfe für unsere verfolgten Autoren zu verlangen. Und zugleich laut zu erklären: Wir versagen uns jeglicher Militärpropaganda. Es ist sein Militär, unsere Bundeswehr, die gemeint ist. Da kann man doch nicht einfach nein sagen. Und dann sagten wir, die Mitglieder des Deutschen PEN, ganz einfach auch einmal ja zu einem in letzter Minute verteilten Antrag unseres Präsidiums. Der Antrag namens »Resolution Ukraine« war – ursprünglich – sehr lang und begann mit den Worten: »Die ganze Welt blickt heute auf die Ukraine. Ukrainische und russische Schriftsteller werden eingeschüchtert, bedroht und zusammengeschlagen.« Im weiteren Verlauf der »Resolution Ukraine« sollten wir unsere Solidarität mit dem PEN in der Ukraine und in Rußland beschließen und zusammen mit dem russischen PEN erklären: »Derzeit benutzen die russischen Autoritäten Worte, um den Sinn dieser Worte zu zerstören. Es versteht sich von selbst, daß dies ein Verbrechen gegen die Kultur ist.« Dann folgten vier Punkte, die eine Auslassung kennzeichnen. Ich fragte, was hinter diesen vier Punkten steht, und verlangte, erst weiterzuberaten, wenn wir den gesamten Text vorliegen haben. Nach einer Pause rückte das Präsidium den Gesamttext der russischen Resolution heraus, mit der wir uns solidarisieren sollten. Und siehe, die vier Auslassungspunkte standen für Sätze, die das »Verbrechen gegen die Kultur« erläuterten: »Worte, die in den Herzen der meisten Russen ein starkes gefühlsmäßiges Echo auslösen, werden dazu mißbraucht, um Aggressivität und Haß zu schüren – Worte wie ›Faschismus‹, ›Junta‹ und ›Nationalsozialismus‹.« Und dann beklagten sich unsere russischen Kollegen: »Solche Worte werden auf Menschen angewendet, die offen ihre eigene Meinung ausdrücken, wenn diese Meinung der Position des Staates widerspricht.« Angewandt allerdings hatte die russische Regierung diese Worte auf Menschen, die in Odessa Andersdenkende zur Massenverbrennung in das Gewerkschaftshaus trieben. Und auf eine »Übergangsregierung«, die zu einem Drittel aus Faschisten besteht: der NPD-Partnerpartei Swoboda und dem »Rechten Sektor«, der sich noch fanatischer als andere zu Stepan Bandera bekennt, dem Aktionspartner der deutschen Wehrmacht bei der Judenvernichtung. Aber das muß den deutschen PEN nicht interessieren. Solidarität mit den ukrainischen und russischen Schriftstellerkollegen ist – egal was die verkünden – wichtiger als ein längst altmodisch gewordener Antifaschismus. Immerhin jetzt gab es nun doch eine Diskussion. PEN-Mitglied Erhard Eppler erhob sich mit »gewissen Einwänden«. Vorsichtig formulierte er, es handele sich um einen »Propagandakrieg von beiden Seiten«, es gebe »so viele Unsicherheiten«. Stimme es etwa, daß 400 Blackwater-Söldner dort tätig seien? Darf es sein, daß wir die westliche Propaganda für gut und die russische Propaganda für böse halten? Gleichwohl, der ehemalige PEN-Generalsekretär und Bundesverdienstkreuzträger Herbert Wiesner verlangte, wir sollten uns vor dem russischen PEN verneigen. PEN-Mitglied Michael Hamburger allerdings beantragte eine ungehörige Synthese: Wir bedauern das Versagen der deutschen Schriftsteller von 1914. Wir sind durch »das Beispiel unserer Vorgänger gewarnt und durch das russische und ukrainische Beispiel ermuntert: Wir weigern uns, in den Dienst jeder Kriegspropaganda zu treten«. Das fiel unter den Präsidiumstisch, da brauchte es nicht einmal mehr einen Antrag auf Nichtbefassung. Es wurde gestrichen und gestrichen, bis schließlich nur ein einziger, aber doch ungemein deutlicher Satz übrig war: »Die Jahreshauptversammlung des deutschen PEN in Schwäbisch Hall unterstützt die PEN-Zentren der Ukraine und Rußlands, die mutig und unter Einsatz von Gesundheit und Leben für Freiheit und Dialog und eine friedliche Lösung des Konflikts eintreten.« Eppler meinte, dem nun zustimmen zu können. Ich nicht. Mit großer Mehrheit sagte der Deutsche PEN: Ja. Im überall ausliegenden Haller Tagblatt vom Sonnabend hätten die Delegierten des Deutschen PEN auf vier Spalten nachlesen können, wie sich Leser über die Berichterstattung ihres Blattes beschweren: »Ihr Journalist unterschlägt all diese Fakten in seinem Bericht über ›das Blutbad von Odessa‹. Obwohl eindeutig feststeht, wer in dieser Auseinandersetzung die Täter und wer die Opfer sind, verliert ihr Korrespondent kein Wort darüber, wer die Leute waren, die das Gewerkschaftshaus mit Molotowcocktails angriffen, sondern beläßt es bei der vagen Aussage, daß sich in der Ukraine ›die Gewalt ausbreitet‹.«

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