Schon
vor dem Jahreswechsel rumorte es hörbar in der Linkspartei. Eine
ernsthafte Auswertung der Bundestagswahl 2017 kam nicht zu Stande.
Sich zuspitzende persönliche Aversionen befeuerten bestehende
politische Differenzen. Solidarisches Miteinander und sachliche
Debattenkultur waren vorgestern. Man sprach nicht mehr miteinander,
sondern nervte sich. Der Parteivorstand bzw. die beiden
Parteivorsitzenden versahen Initiativen zur Profilierung der
Bündnispolitik in der Friedensfrage mit dem Etiketten Querfront und
Antisemitismus, die Idee einer linken Sammlungsbewegung mit dem
Verdikt Spaltung.
Richtungsentscheidung
gegen Sahra
Liest
man den Entwurf des Leitantrages für den bevorstehenden Leipziger
Parteitag, so entsteht der Eindruck, die Situation habe sich beruhigt
und es stehe eine radikale Linksprofilierung der Partei an. „Wir
kämpfen nicht nur um ein Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze
Bäckerei – für alle“, heißt es im Kontext mit der Forderung,
„über das Bestehende und den Kapitalismus hinaus zu denken.“1
Zur Recht wird geschrieben, dass es einen „gesellschaftlichen
Aufbruch“ geben muss, wenn es zu einem „wirklichen
Richtungswechsel“ kommen soll.
Dann
kommt aber auch gleich der Haken: Der Leitantrag wird zur politischen
Waffe der Parteivorsitzenden gegen die Fraktionsführung im
Bundestag. Die in der Partei umstrittene Position des Erfurter
Programms vom Dezember 2011 über offene Grenzen für alle,2
wird leicht modifiziert wiederholt und bekräftigt: „... brauchen
wir sichere, legale Fluchtwege, offene Grenzen … . Statt
Abschiebung wollen wir Bleiberechte für Menschen“3.
Gestützt
auf eine Allianz von Bewegungsorientierten, Reformlinken, aber auch
Antikapitalisten im Bundesvorstand wird so denjenigen das Etikett der
Programmfeindlichkeit angeheftet, die diese Position für falsch bzw.
unrealistisch halten. Das sind nicht zuletzt Sahra Wagenknecht und
Oskar Lafontaine. Es droht eine Richtungsentscheidung, vollzogen in
einer Atmosphäre der Unduldsamkeit gegen eine angeblich
nationalsoziale Abweichung. Die Folge wäre: Die immer noch
erfreulich scharfe Opposition der Linkspartei im Bundestag wäre
gefährdet, die Existenzweise der Partei würde den Standards der
neoliberalen Parteien noch ähnlicher. Die jüngste Sentenz von Katja
Kipping, „mehr Bodo Ramelow wagen“4,
lässt Schlimmes ahnen.
Initiatorin
und treibende Kraft dieser Entwicklung ist eben Katja Kipping. Seit
Beginn des Bundestagswahlkampfes 2017 hadert sie damit, nicht
förmlich als Spitzenkandidatin aufgestellt worden zu sein. Sie
unterstellte Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine mehrfach, die
Partei spalten zu wollen. Nach der Bundestagswahl verlangte sie
zusammen mit Bernd Riexinger Stimmrecht im Fraktionsvorstand und ein
privilegiertes Rederecht in Bundestagsdebatten. Sie ist für vieles
politisch Fragwürdige: das Einbringen eines
Einwanderungsgesetzentwurfs im Bundestag, die „Revolution“ in
Syrien, die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, eine
scharfe Gangart gegen Russland in der Friedensfrage.
1
DIE LINKE – Partei in Bewegung, Beschluss des Parteivorstandes vom
7. April 2018, Beschluss 2018/033, S. 3.
2
„Wir fordern offene Grenzen für alle Menschen“, Programm der
Partei DIE LINKE, Erfurt, Beschluss der 2. Tagung des 2. Parteitages
(im Dezember in einer Mitgliederbefragung angenommen), S. 36.
3
Ebenda, S. 5.
4
Katja Kipping, Interview, „Eine weitere linke Partei spaltet das
fortschrittliche Lager“, Leipziger Volkszeitung, 14. 4. 2018.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen