Sonntag, 10. Mai 2015

Blockaden schränken Neonazi-„Trauermarsch“ ein

Der alljährliche „Gedenkmarsch“ der rechtsextremen Szene in Demmin bekam in diesem Jahr einen deutlichen Dämpfer verpasst. Wie schon in der Vorwoche in Neubrandenburg wurde auch diese Demonstration durch etliche Blockaden mehrfach gestoppt, erst kurz vor Mitternacht erreichten die Geschichtsverdreher das Ziel. Als sich am frühen Freitagabend eine Friedensdemonstration in Demmin in Bewegung setzte, der sich laut Polizei rund 350 Personen anschlossen, deutete dies bereits darauf hin, dass die wenig später anreisenden Neonazis mit deutlichem Widerstand zu rechnen hätten. In Bahnhofsnähe versammelte sich 19.30 Uhr die rechtsextreme Szene, um sich am – laut Selbstbeschreibung – „Tag der Trauer“ auf ihren „Gedenkmarsch“ vorzubereiten. Seit 2006 marschieren Neonazis in der vorpommerschen Kleinstadt auf, um den 8. Mai einseitig umzudeuten. Doch anreisende Teilnehmer mussten zuerst eine intensive Kontrolle auf verbotene Gegenstände über sich ergehen lassen und wurden von mehreren Polizeibeamten kontrolliert. Banner mussten entrollt und von der Polizeiführung „freigegeben“ werden. Ein Teilnehmer stand offenbar im Verdacht, unter Drogeneinfluss zu stehen. NPD-Fraktionschef Udo Pastörs versuchte schlichtend einzugreifen und zog den „Kollegen“ und Juristen Michael Andrejewski zu Rate. Um 20.30 Uhr setzte sich schließlich der Neonazi-Trupp in Bewegung – keine zehn Minuten später dürften bei etlichen Teilnehmern unschöne Erinnerungen aus der Vorwoche hochgekommen sein. Eine Sitzblockade verhinderte ein Weiterkommen. Doch es sollte nicht das einzige Hindernis an dem Abend bleiben. Laut Polizei gab es zu dem Zeitpunkt bereits sechs weitere Blockaden, an denen sich insgesamt 400 Personen beteiligten. Der Verlauf des Abends erinnerte stark an den 1. Mai in Neubrandenburg. Die NPD brach ihren dortigen Marsch vorzeitig und sichtlich enttäuscht ab, verschiedene Sitzblockaden hatten ein Weiterkommen unterbunden. Zwei Pleiten innerhalb einer Woche wollte die Führungsriege der rechtsextremen Partei auf Biegen und Brechen verhindern, an die eigenen Anhänger würde es ein fatales Signar hinterlassen. „Deutschland immer noch nicht frei“ In Demmin bewegte sich ebenfalls wenig. So sollte die lange Wartezeit mit Reden überbrückt werden: JN-Schulungsleiter Pierre Dornbrach durfte den Reigen eröffnen und forderte die Anwohner auf, „aus Anstand“ an der Demo teilzunehmen. Die Aufforderung verpuffte im luftleeren Raum. Landeschef Stefan Köster übernahm und konnte angesichts der Blockaden seine Frustration nur mühsam zurückhalten. Man würde sich auch am 8. Mai kommenden Jahres auf den Weg nach Demmin machen, ließ er seine Anhänger wissen und auch Udo Pastörs verkündete bissig diese Ankündigung. Würden die Rechtsextremen ihren Aufmarsch erneut abbrechen? Doch der rechtskräftig wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener verurteilte 62-Jährige legte nach. „Deutschland wurde nicht befreit“, verkündete Pastörs, oder auch „Deutschland ist immer noch nicht frei“. Später geht er auf die deutsche Wehrmacht ein: „Wir verneigen uns tief bewegt vor den tapferen Männern unserer Wehrmacht, die alles versucht haben, die Gewaltexzesse in Ostpreußen, in Westpreußen, aber auch hier vor den Toren Demmins noch abzuwenden und als deutsche Patrioten und auch als Helden das Volk bis zur letzten Patrone verteidigend zur Seite zur stehen. [...] Es gibt allen Grund, bescheiden und aufrichtig stolz auf diese Männer und Frauen zu sein“, verklärt Pastörs erneut die Geschichte. Schließlich konnten die rund 200 Rechtsextremen kurz vor Mitternacht doch noch ihre Ziel erreichen – die Peene, um dort symbolträchtig einen Kranz zu Wasser zu lassen. Genüsslich rempelte der NPD-Funktionär Torgai Klingebiel Pressevertreter an, auf einem kurzen Appell wurde anschließend mit kaum wahrnehmbarer klassischer Musik und brennenden Fackeln der deutschen Kriegstoten gedacht, danach ging es zurück zum Bahnhof. Erst 0.30 Uhr wurde die Versammlung schließlich aufgelöst. Keine „Wohlfühloase“ mehr Jahrelang galt Demmin als „Wohlfühloase“ der rechtsextremen Szene – Gegenproteste waren anfangs kaum wahrnehmbar, die Route konnte ohne größere Einschränkungen abmarschiert werden. Zunehmend ändern sich die Verhältnisse jedoch. Die NPD konnte nur noch 200 Teilnehmer mobilisieren, die Zahlen sind rückläufig. Im Gegensatz zu den Aufrufen des Bündnisses „Demmin nazifrei“. „Mit ca. 500 Demonstranten brachte das Aktionsbündnis 8. Mai in diesem Jahr so viele Menschen für die Friedensdemonstration auf die Straße wie noch nie. Ein deutliches Signal für aktiv gelebte Demokratie und gegen Rechtsextremismus“, heißt es in der Pressemitteilung. Auch die Polizei, die im letzten Jahr noch für ein hartes Vorgehen gegenüber Neonazi-Gegnern kritisiert wurde, wirkte in ihrem Auftreten am Freitagabend deutlich kooperativer und gemäßigter. Zwar gab einige Zusammenstöße, doch Festnahmen oder Verletzte scheint es nicht gegeben zu haben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen