Sonntag, 21. Juli 2013

Refamilialisierung der Bundesrepublik Deutschland (Gisela Notz)

Am 23. Mai 1949 unterzeichneten die Mitglieder des Parlamentarischen Rates (PR) das Grundgesetz. Daß es frauenpolitisch ein Erfolg wurde, war Elisabeth Selbert und Frieda Nadig (SPD) und ihrer überparteilichen Aktion zu verdanken. Nach heftigen Auseinandersetzungen gelang es, den eindeutigen Grundsatz: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt« durchzusetzen. Die Sache hatte einen Haken: Damit war Frauen zwar die Gleichberechtigung mit den Männern garantiert, allerdings sollten sie Bestandteil von Familien sein. Artikel 6 GG nahm die von den konservativen Parteien und den christlichen Kirchen vertretene Auffassung von der Familie als wichtigstem Baustein einer Gesellschaft auf und verfestigte eine Familienideologie, die Frauen und Männern eindeutige Rollen zuwies und die bis heute wirkt. Schon damals hatte Selbert darauf hingewiesen, daß »die Grundsätze der Familie und der Ehe vom Leben selbst durchbrochen sind«. Schließlich waren Kriegerwitwen, nicht-eheliche Partnerschaften, alleinerziehende Mütter, selbständig lebende Frauen und »uneheliche« Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg an der Tagesordnung. Tatsächlich entfernt sich die soziale Realität immer mehr vom ideologischen Gemälde der »Kernfamilie«. Im Jahre 2011 lebten laut Mikrozensus 49 Prozent der Bevölkerung als Familienmitglieder. Als solche gelten Mütter und Väter – darunter auch Stief-, Pflege- oder Adoptiveltern – sowie die mit ihnen im Haushalt lebenden Kinder. Von den Familien, in denen Kinder leben, sind 71,2 Prozent Ehepaare, 9,2 Prozent Lebensgemeinschaften und 19,7 Prozent Alleinerziehende (82 Prozent Frauen). Insgesamt kann davon ausgegangen werden, daß wir es mit einer weit größeren Vielfalt von Lebensformen zu tun haben, als dies aus der Statistik ersichtlich ist. Acht Millionen Menschen in der BRD leben ohnehin als Singles. Die Unabhängigkeit haben sie oft selbst gesucht, viele können sich auf ein freundschaftliches Netzwerk verlassen und berichten über ein positives Lebensgefühl. Dennoch werden sie oft bedauert, weil sie angeblich unter Vereinsamung leiden und wenn nicht, sei die Einsamkeit im Alter vorprogrammiert. Das Bedauern kennt dann Grenzen, wenn es darum geht, »Schuldige« zu finden: Singles werden für den »Geburtenrückgang« verantwortlich gemacht, der Ruf nach einer (zusätzlichen) Besteuerung von Kinderlosen wird laut. Singles werden auch für den Wohnungsmangel sowie den Anstieg der Mieten verantwortlich gemacht, anstatt Profitgier und verfehlte Wohnungsbaupolitik anzuprangern. Staatliche Familienpolitik fördert die traditionelle mit Vater, Mutter und Kind(ern) »normalbesetzte« bürgerliche Kleinfamilie. Ehegattensplitting, Elterngeld, Betreuungsgeld, »Dienstbotenprivileg«, Großelternzeit, sind nur Stichpunkte. Selbst der Ruf nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf dient weniger der Förderung der eigenständigen Existenzsicherung von Frauen, denen der Platz am Herd schon lange nicht mehr ausreicht, als der Möglichkeit »demografische Lücken« durch das Erwerbspotential und die Gebärfähigkeit der Frauen zu schließen, denn die angebotenen Arbeitsplätze sind mehrheitlich für »Zuverdienerinnen«, die mit einem Niedrig(st)lohn zufrieden sein müssen und zusätzlich die Care-Arbeiten erledigen, geeignet. Das Wissen, daß weder Familie noch Beruf in ihrer jetzigen Form geeignet sind, »beides« zu vereinbaren, liegt seit langem vor, und potenziert sich durch die Zunahme von pflegebedürftigen Alten und anderen Hilfsbedürftigen. »Reformmaßnahmen« gehen weiter vom »Haupternährermodell« aus und versuchen, dieses zu festigen, daran ändert auch der mögliche Rollentausch nichts. Oft geht das »Vereinbarungsproblem« auf Kosten von anderen Frauen, nämlich Dienstbotinnen, die vorwiegend aus den armen Ländern der Welt kommen. Das ist eine schlechte Lösung des Problems, denn so bleibt die Arbeit »privat« und in der Familie und verwandelt sich zu einer äußerst schlecht bezahlten Ware. Das führt nicht nur zur Beibehaltung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, sondern zu neuen Unterschichtungen (auch) unter Frauen. Von einer Vergesellschaftung der Hausarbeit, wie sie von SozialistInnen Ende des 19. Jahrhunderts gefordert wurde, ist keine Rede mehr. Auch die Kritik an der kleinfamilialen Lebensform zu Gunsten von Wohn- und Lebensgemeinschaften, wie sie in den 1970er Jahren (in der BRD) geübt wurde, ist weitgehend verstummt. Besonders deutlich wird der Ruf nach der Rückverlagerung von Betreuungsaufgaben an der Auseinandersetzung um das »Betreuungsgeld«. Zwar wird zum 1. August 2013 ein Rechtsanspruch auf einen »Betreuungsplatz« auch für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr verwirklicht. Was fehlt, sind die entsprechenden Plätze und das pädagogisch geschulte Personal. Kinder brauchen andere Kinder zum Spielen und Spaßhaben und um soziale Kompetenzen zu lernen. Das ist eine Binsenweisheit. Bei der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder ist sie noch nicht angekommen. Sie jubelt weiter, die Betreuung in der Familie hoch. In ihrem Buch »Danke, emanzipiert sind wir selber!«, schwärmt sie von »der Familie«, die sich »nach dem Prinzip der Solidarität, nicht nach dem der Konkurrenz« organisiert und deren »Kapital der glücklich erlebte Augenblick, nicht das irgendwann erreichte Ziel, der abgearbeitete Dienstplan [ist]. Sie gehorcht dem Herzens-, nicht dem Effizienzprinzip.« Deshalb sollen Frauen die »Wahlfreiheit« haben, ob sie aus dem Beruf aussteigen oder »Karriere« machen wollen. An ihnen liegt es schließlich, »aus den grundsätzlich möglichen Optionen die beste zu wählen«, wenn sie sich »als emanzipierte Gestalterinnen ihres eigenen Lebens begreifen«. Dafür bräuchte es gar keine Gesetze, offensichtlich aber monetäre Anreize. Daher kämpfte Kristina Schröder wie eine Löwin um das Betreuungsgeld, das seit dem 9. November 2012 beschlossene Sache ist. Der weit gestreute Widerstand gegen die »Herdprämie« half nichts. Eltern bekommen 100 Euro und ab 2014 150 Euro im Monat für zwei Jahre ausgezahlt, wenn sie für ihre Kinder zwischen dem 13. und 36. Lebensmonat kein staatlich gefördertes Angebot in Anspruch nehmen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, nämlich, daß der Rechtsanspruch umgangen werden soll. Durch den Ausstieg aus der Erwerbstätigkeit nach der Geburt eines Kindes verfestigen sich traditionelle Rollenmuster zwischen Mutter- und Hausfrauenrolle und Vater- und Erwerbsarbeitsrolle in der Kleinfamilie, auch das ist Absicht. Es geht um die Wiederherstellung der »alten Ordnung« und nicht um die »Vielfalt von Lebensformen«. Jüngste Veröffentlichungen von Gisela Notz: »›Freiwilligendienste‹ für alle. Von der ehrenamtlichen Tätigkeit zur Prekarisierung der ›freiwilligen‹ Arbeit«, AG SPAK, 122 Seiten, 10 €; Wandkalender 2014: »Wegbereiterinnen XII«, AG SPAK, Format DIN A3, 13,5

Keine Kommentare:

Kommentar posten