Sonntag, 28. Juli 2013

Jedermann, niemand und alle…

Oder: Salzburg darf nicht Sezuan werden Von Tibor Zenker (21.07.2013) Quelle: Kominform.at Am Salzburger Domplatz wird wieder – wie jeden Sommer – gestorben. Und zwar wird auf der Bühne das „Sterben des reichen Mannes“ gegeben, nach den Vorgaben Hugo von Hofmannsthals. Das hat Tradition, nämlich seit 1920. Wenn in Österreich wo „Tradition“ draufsteht, dann ist meistens nichts drinnen. „Être fidèle à la tradition, c’est être fidèle à la flamme et non à la cendre“, lautet ein bekanntes Zitat von Jean Jaurès: Einer Tradition treu zu sein, bedeute, der Flamme treu zu sein und nicht der Asche. Nun wird bei den Salzburger Festspielen seit über 90 Jahren fleißig ein bissel Asche aufs reiche Häupterl gestreut, ein Fünkchen springt nicht über. Aber das war und ist freilich auch so intendiert und konzipiert. Inhalt und Moral von Hofmannsthals „Jedermann“ sind zunächst banal: Der reiche Mann hat das Geld – sein Geld – quasi zu seinem Gott erhoben. Dem „echten“ Gott im Himmel missfällt dies verständlicherweise, weshalb er den Tod zu Jedermann schickt, um diesen vors göttliche Gericht zu bringen, auf dass über ihn geurteilt werde: ewige Verdammnis oder himmlische Erlösung. Da schaut es freilich nicht gut aus für den Herrn Jedermann, denn er lässt im Laufe der Handlung u.a. einen Schuldner in den Kerker werfen, einen bettelnden Nachbarn abblitzen und selbst seine Mutter mit ihren moralisch-christlichen Vorhaltungen ist ihm vorerst keinen weiteren Gedanken wert. Denkbar schlechte Karten, wenn’s um die Eintrittskarte ins Paradies geht. Und so ist Jedermann auch tief erschrocken, als ihn der Tod während eines Festes holen möchte. Doch der Tod gewährt ihm eine Frist von einer Stunde, um einen Freund auszuwählen, der ihn vor das Gericht Gottes begleiten möge. Es mag aber keiner: der gute Gesell, seine beiden Cousins und selbst seine „Buhlschaft“ verweigern die Begleitung. Dann trifft es Jedermann noch besonders hart: Auch sein Geld – personifiziert als Mammon – will nicht mit ihm ins Jenseits gehen. Als er völlig allein und verzweifelt ist, bietet sich Jedermann eine Möglichkeit: Zwar sind seine „guten Taten“ (personifiziert als gebrechliche Frau) nicht stark genug, ihn zu begleiten, weil er sie vernachlässigt hat – aber ihre Schwester, der Glaube, wäre dazu bereit. Hierfür muss Jedermann nach einem Leben in Ungläubigkeit wieder zu Gott finden. Damit tritt das ein, was im katholischen Rahmen als Happy End möglich ist: Mithilfe eines Mönchs besinnt sich Jedermann auf den Glauben, woraufhin der Teufel, der sich der Seele Jedermanns bereits gewiss war, das Nachsehen hat. Jedermann wird durch die Gnade Gottes errettet und kann in Begleitung des Glaubens und seiner guten Taten vor das himmlische Gericht treten. Man könnte nun sagen: Der „Jedermann“ ist ein „Faust“ für Reiche und geistig Arme. Doch die idealistische Oberflächlichkeit, mit der hier hantiert wird, fällt sogar weit hinter das Schicksal Ebenezer Scrooges zurück, wo immerhin das letztliche Tun das Wort überwiegt – in einer weihnachtlichen Geschichte, wohlgemerkt, die heute vor allem Kinder ein wenig erschrecken und ihnen Moral einprägen soll; auch Felix Mitterers „Ein Jedermann“ (1991) kriegt gegenüber dem Original halbwegs die Kurve. Im „Jedermann“ aber regieren der Glaube und Gott absolutistisch: Wenn man sich nur diesen bereitwillig unterwirft, so hat dies mehr Gewicht als die vorangegangene Sünde. Es war wohl nicht Hofmannsthals Absicht, die Heuchelei des Katholizismus aufzuzeigen, gelungen ist es ihm aber trotzdem. Im größten Gegensatz zu Jesus Christus stehen das Ritualisierte über dem Konkreten, der Gedanke über dem Tun und der Glaube über den Taten. Wäre Jesus nicht auferstanden, würde er in seinem Felsengrab rotieren. Die Moral des „Jedermann“ ist nicht nur banal, sie ist geradezu reaktionär, im Weltbild rückwärtsgewandt. Man soll den Glauben des einzelnen nicht gering schätzen, aber im 20. und 21. Jahrhundert aus der Glaubensunterwerfung noch den Heilsweg für alle zu konstruieren und zu propagieren, birgt einiges an Ignoranz und/oder Indifferenz in sich. Und diese Unterwerfung soll tatsächlich für alle vorgegeben sein, denn es ist eben ein Jedermann, der sein Heil findet. Tatsächlich spiegelt Jedermann aber nur eine kleine Minderheit der Gesellschaft wider, die lediglich im Publikum am Domplatz eine Mehrheit stellt. Dieses Publikum kann denn auch zufrieden und sich selbst auf die Schulter klopfend jede „Jedermann“-Vorstellung verlassen: Denn so sind immer nur die anderen. Der Masse der einfachen, normalen Menschen, nicht reich, aber dafür eigentumslos, soll freilich auch oder sogar noch vielmehr die Glaubensunterwerfung angetragen werden, denn so lassen sich diesseitig Armut, Arbeitslosigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung viel leichter ertragen; jenseitig wartet dafür das Paradies, wenn man immer nur brav geglaubt hat: eine idealistische Strategie zur Krisenbewältigung, ja zur Kapitalismusbewältigung. Natürlich war das schon 1920 antiaufklärerischer Quatsch. Der „Jedermann“ und der Glaube an Gott helfen niemandem, sich aus seiner materiellen Lage zu befreien. Aber beides nützt den politisch und ökonomisch Herrschenden sowie den ideologisch Vorherrschenden: dem Kapital, seinen politischen Parteien, der katholischen Kirche. So gehört es sich auch in Österreich, denn jeder Staat und jede Gesellschaft bekommen die Festspiele, die sie verdienen – und die sie brauchen. Dieses Prinzip, als Tradition bemäntelt, ist schwer zu durchbrechen. Kein Wunder, dass Gottfried von Einems Ansinnen, Bert Brecht nach Salzburg zu holen, freilich nicht durchsetzbar war. Dabei findet sich in Brechts Werk der „bessere Jedermann“. Wenn in seinem Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ der Unternehmer Shui Ta schlussendlich für seine Untaten vor Gericht gestellt wird und sich als die ehemalige Prostituierte Shen Te zu erkennen gibt, sind die drei richtenden Götter ratlos. Offenkundig ist der Anspruch, gut zu sein und doch zu leben, im Kapitalismus nicht umzusetzen, denn man ist dessen Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten unterworfen und stößt an dessen Grenzen. Brechts Publikum soll den Schluss ziehen, diese Grenzen niederzureißen. Für Hugo von Hofmannsthal, das Salzburger Publikum und ihren kleinen sozialen, aber großen politischen Freundeskreis natürlich eine furchtbare Vorstellung. Für alle anderen, einfachen, arbeitenden Menschen, denen „Jedermann“ und Festspiele sowieso berechtigt am Arsch vorbeigehen, die logische und materialistische Konsequenz. Und so sind die materielle Überwindung des Kapitalismus sowie die ideelle seines reaktionären Überbaus die Aufgabe von Jedermann – und jeder Frau.

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