Sonntag, 21. Juli 2013

Krankheit, Tod und Trauern in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe

Auch Wohnungslose müs­sen ster­ben - nur kommt ihr Tod fast im­mer zu früh. Sie ster­ben häufig al­lein, oh­ne Trost und letztes Ge­spräch, in funktionalen, unpersönlichen Räumen oder auf der Stra­ße. Akteure aus der Wohnungslosenhilfe, dem Ge­sund­heits- oder dem Pal­li­a­tivhilfesystem wis­sen, dass Wohnungslose viel frü­her ster­ben als der Durch­schnitt der Be­völ­ke­rung. Obdachlose Menschen halten sich häufig bis kurz vor ihrem Tod auf den Beinen und haben we­nige Mög­lich­keit­en, Pfle­ge und Hilfe anzunehmen. Die Rah­men­be­din­gung­en lassen die die Fra­gen nach einem wür­di­gen Sterben kaum zu und die Prak­ti­ke­rin­nen und Prak­ti­ker hilflos und we­nig handlungsfähig zu­rück. Jürgen K., * 28.11.1958 - 07.07.2013 Die Mobile Einzelfallhilfe begleitet wohnungslose Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, das vorhandene Hilfesystem zu nutzen geschweige denn zu erreichen. Wir haben immer das Ziel vor Augen, diese Menschen an das vorhandene Hilfesystem heranzuführen und für jeden Einzelnen, ohne auf die Uhr zu gucken, eine adäquate Lösung zu finden. Einer unserer Schützlinge war J. K., der uns seit längerem bekannt war. Jahrelang war sein „zu Hause“ das Gebüsch gegenüber der St. Bernhard Gemeinde in Dahlem. Hier lebte er unter Menschenunwürdigen Bedingungen zwischen Unrat, welcher sicherlich Ungeziefer, Mäuse und Ratten anlockte. Hinzukommt, dass Herr K. starker Alkoholiker war und er viele niedrigschwellige Hilfsangebote auch im Rahmen der Kältehilfe, ablehnte. Zu Herrn K. kamen wir durch einen Anruf der St. – Bernhard- Gemeinde, die ihn schon viele Jahre unterstützte, soweit ihnen dies möglich war. Da sein gesundheitlicher Zustand sich Anfang Mai deutlich verschlechterte und die Gemeinde sich Sorgen machte und sich nicht mehr zu helfen wusste, riefen sie in der Bahnhofsmission Zoologischer Garten an und baten um Rat. Im Rahmen der Mobilen Einzelfallhilfe fuhren wir hin und stellten schnell fest, dass er bereits durch die erste Phase des Projektes bekannt war. Jedoch konnten wir seiner Zeit keinen richtigen Kontakt zu ihm aufbauen, zumal das Projekt dann wenig später eingestellt wurde. Wir erkannten schnell seinen enormen Hilfebedarf. So hatte er weder eine Krankenversicherung, noch einen Ausweis und bezog seit Jahren keinerlei Leistung. Er lebte nach eigenen Angaben, lediglich von den Spenden und Almosen aus seinem Dahlemer Umfeld. Aufgrund seiner psychischen Auffälligkeiten war die Arbeit mit Herrn K. sehr umfangreich und zeitaufwändig. Es fanden tägliche Besuche statt und wir bauten langsam ein Vertrauensverhältnis auf. Da er anfangs seinen Schlafplatz absolut nicht verlassen wollte, versuchten wir seine Ausgangssituation niedrigschwellig zu verbessern (nach Regenschauern brachten wir ihm neue Schlafsäcke, wuschen seine Wäsche in der Bahnhofsmission und ließen ihn hier ebenfalls duschen, da das letzte Mal bereits zwei Jahre zurücklag). Neben den täglichen Besuchen wurde nebenher, meist ohne ihn, ein Ausweis besorgt, eine Krankenversicherung geklärt, sowie eine ALG ll Leistung nach langem hin und her mit dem Job Center und dem Bezirksamt Lichtenberg gesichert. Anfangs fand noch eine Vorstellung ohne Krankenversicherung im Bundeswehrkrankenhaus statt, wo er teilweise Behandlungen ablehnte. Des Weiteren gab es eine Vorstellung in der Caritas Wohnungslosen Ambulanz in der Jebensstraße. Immer wieder wollte J. zurück nach Dahlem in seine vertraute Umgebung. Zwischenzeitlich schaltete sich die Polizei des Abschnitts 45, sowie der sozialpsychiatrische Dienst Steglitz -Zehlendorf in die Sache ein. Mit beiden gab es einen guten Austausch. Jedoch sahen sie keine rechtliche Handhabe um von Amts wegen etwas gegen den Willen des Betroffenen zu unternehmen. Herr K. kam dann doch mit in die Bahnhofsmission, wo wir ihn nach einem Tag überzeugen konnten, sich in ein Krankenhaus zu begeben. Es lief drauf hinaus, dass Herr K. in die Schlossparkklinik verbracht wurde, mit der es eine hervorragende Zusammenarbeit gab. In gemeinsamer Absprache wurde der sozial psychiatrische Dienst Charlottenburg-Wilmersdorf hinzugezogen. Ebenfalls wurde ein Betreuungsantrag gestellt. Die Schwierigkeit bei der Behandlung von Herrn K. war, dass er die meisten Sachen ablehnte. So ließ er anfangs eine Diagnostik kaum bzw. gar nicht erst zu. Wenn wir jedoch vor Ort waren, waren wir für das Pflegepersonal und die Ärzte ein stetiger Ansprechpartner und für J. Personen denen er vertraute. Sein Zustand verschlechterte sich stetig. Wir stellten wiederum einen Kontakt mit der ihm bekannten Kirchengemeinde her. Diese besuchten ihn an seinen letzten Tagen neben uns, was ihm eine deutliche Erleichterung, aus unserer Sicht, brachte. Im Gesamtüberblick betrachtet, hätte man Jürgen medizinisch nicht mehr viel helfen können. Es wurde ein großer Pankreastumor festgestellt, der sicherlich auf seinen jahrelangen Alkoholkonsum und seine Lebensweise zurückzuführen ist. Jedoch ist er unter menschenwürdigen Bedingungen von uns gegangen. Da er ein tiefreligiöser Mensch war, war es schön, dass sein Pfarrer noch ein letztes Mal bei ihm war und ihn bei seinem letzten Weg religiös begleitete. Einer der letzten Wünsche von J. war, dass er in seinem Umfeld Dahlem beigesetzt wird. Nach aller Wahrscheinlichkeit (wenn sich keine Angehörigen melden) kann diesem Wunsch entsprochen werden. Wir stellten einen Querkontakt zwischen dem Zuständigen Bezirksamt und der St. Bernhard Gemeinde her, die sich nun mehr um alles weitere kümmern wollen. Nach Aussagen des Pfarrers wird es dann eine Erdbestattung nach katholischem Brauch mit allem Drum und Dran geben. Die Mehrkosten dafür wird wohl die katholische Gemeinde in Dahlem übernehmen. Wir denken dies ist, trotz aller Traurigkeit, eine letzte wundervolle Geste und wird J. gerecht.

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