Sonntag, 21. Juli 2013

Berliner Theaterspaziergänge (Jochanan Trilse-Finkelstein)

Das HAU (Hebbel am Ufer) ist inzwischen berühmt. 2012 war es »Theater des Jahres« und konnte unter Matthias Lilienthal auf viele, mitunter bedeutende Gäste verweisen. Jetzt hat die Belgierin Annemie Vanackere, lange Leiterin der Schouburg Rotterdam, die Intendanz übernommen und knüpft an die Gastspieltraditionen an. Die niederländische Truppe Wunderbaum stellte Thomas Bernards »Theatermacher« unter dem Titel »Geisterbahn« vor. Zu Gast auch »Sacre du Printemps« unter Laurent Chétouane und Kornél Mundruczó mit »Schande« (nach dem Roman von J. M. Coetzee) – eine harte Auseinandersetzung mit der gnadenlosen Gesellschaft Südafrikas, die auch nach Aufhebung der Apartheid vergleichbar brutal geblieben ist (Landnahme, fahrlässige Verwaltung des Landes, verantwortungslose Verführung et cetera). Ansonsten umgab man sich mit viel Liebenswürdigkeit und strahlte auch Heiterkeit aus – ziemlich selten geworden auf deutschen Bühnen. Freilich: »Schwalbe spielt falsch«, ein Stück von der mit dem gleichen Vogelnamen betitelten Spielschar aus Amsterdam, kann man schlicht vergessen: Wozu importiert man solchen Unsinn, der zwar lachhaft ist, doch ziemlich ohne Sinn und Witz? Ebenfalls von geringem Gewicht war die Inszenierung ihres eigenen Stücks »Zeit der Wölfe« durch Alexandra Roeder aus Amsterdam, welches das wichtige Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen untersucht, auf künstlerische Weise eben das, was sich nicht richtig verhält. Die Kinder klagen an, quälen sich indes mit der Furcht, selbst so zu werden, Versager vor dem Leben, vor sich selbst. Die Szene prägten mehr Reden und Thesen als menschliche Handlungen, Bewährungen, Stärke, Verantwortung. Manche erinnerten an Gob Squad vor einigen Jahren am gleichen Spielort, nur waren die stärker. Eines Tages las ich eine Ankündigung über einen »(Kommenden) Aufstand nach Friedrich Schiller« und dachte: Das HAU will doch nicht etwa wesentlich werden – mal wieder einen der großen Dramatiker befragen, prüfen, heranziehen. Bei näherem Hinsehen wurde ich mißtrauisch: Man hatte Texte aus »Don Carlos«, »Der Abfall der Niederlande« (Genauer: »Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung« (1788 ff) sowie »Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?« (1789) verbunden mit Ausschnitten aus dem Manifest »Der kommende Aufstand«. Man fuhrwerkte zwischen den Epochen, sozusagen zwischen 16. und 21. Jahrhundert, zwischen Geusen und heutigen Strömungen, und das konnte nicht gut gehen – nichts paßte zusammen. Klassiker zu befragen, sie auch akzentuiert aufzuführen – das ist gut. Klassiker zu zerspanen, nur auszunutzen für irgendwelche Thesen – und klingen sie noch so revolutionär – das führt zur Phrase, zur hohlen Geste. Zusammengestellt hatte dies die Andcompany & Co, gespielt wurde von flämischen und deutschen Darstellern, inszeniert hatten Alexandra Karschina und Nicola Nord, so eine Art Spielführer war der Flame Joachim Robbrecht, immerhin mit einigem Witz. Übrigens wurde in mehreren Sprachen gesprochen, in reicher Ausstattung, szenischer Ordnung gespielt. Retten konnten weder Robbrecht noch alle anderen Bemühten – die Geschichte nicht und das Geschehen auch nicht. Und Schiller blieb am Ende auf der Strecke. Schade! Von höherem Rang war das Rumänien-Festival, vor allem durch das Gastspiel des Teatru-Spălătorie aus Chisinau (Moldawien) der Nicoleta Esinencu (herkunftsmäßig Rumänin) mit »Clear History«, einem erschreckenden Dokumentarstück über die Shoah. Wer sie durchlebt und die Familie verloren sowie Erfahrung mit dem Aufarbeiten und Theater hat, kann nur begrüßen, daß man auch dort, wo ebenfalls faschistische Regimes (unter Ion Antonescu, der einst Rumänien und Moldawien vereinigt hat) gehaust hatten, zur Sache kommt, vor allem auf der Bühne. Das gesellschaftskritisch kluge und künstlerisch gestandene Ensemble hat Wichtiges zur Sprache gebracht. Jüngstens veranstaltete das HAU eine Reihe unter dem Titel »Precarious Bodies«. Nun, da fast alles prekär ist – also unsicher, fraglich – und Krise wie Mode behandelt wird, muß nun auch im Sinne sprachlicher Überfremdung der Körper so bezeichnet werden. In dieser Reihe ein überaus prominenter Gast, weltberühmt als Geist der Zerstörung, einer gesellschaftlichen Zerstörung, die ein Opfer zum Täter gemacht hat, freilich auf hohem Niveau: Jan Fabre. Ich schrieb vor fast 20 Jahren über ihn: »F. zeigt die Welt als Chaos, Menschen als defekt, im Ganzen den Prozeß der Zerstörung. Er nimmt die Klassik wie überhaupt Weltkultur zurück (Faust, ein aufgehörter Mensch), nimmt Motive wie Personen von Beckett auf (Elias, Gerald in ›Sweet Temptations‹, die sich im Rollstuhl bewegen), Texte von Jandl u.a. Szenische Räume gliedert er hingegen genau auf, läßt Bewegungen rhythmisch präzis ablaufen: sein Bild einer grausamen, zu Ende gehenden Menschenwelt ist eine grundsätzliche Aussage.« Nun ist er wieder da, im HAU, mit älteren, reaktivierten Produktionen: »This is theatre like it was to be expected und foreseen« (1982) und »The Power oft Theatrical Madness« (1984). Einem Grundsatz Fabres kann auch ich zustimmen: »Theater ist Arbeit.« Das ist nicht neu. Schon die antiken Griechen sahen das so, als Tagwerke auch, und wer im chinesischen Theater nicht die ungeheuerliche Arbeit begreift, die bei aller scheinbaren Leichtigkeit dahintersteckt, kann einem nur leid tun. Doch bei den Griechen waren Theaterspiele (Dionysien) immerhin Feiertage. Wie ein heutiger Zuschauer, der meist einen Arbeitstag oder eine schwere Arbeitswoche hinter sich hat, Fabres schwere Kost von acht Stunden ertragen soll – die Antwort bleibt uns der Meister schuldig. Theater wird doch nicht nur für Kollegen, Kritiker und für reiches Publikum der Dolce Vita gemacht, sondern für den arbeitenden, lernenden, leidenden und genießenden Menschen. Und wenn einer diese miese Erden- und Menschenwelt auch schlecht findet, was sein gutes Recht ist, so hat er doch eine Pflicht, Menschen nicht nur noch weiter ins Elend zu stürzen, sondern Gegenentwürfe zu liefern, um dem Menschen, der Menschheit auch Würde und vielleicht auch Freunde und Kraft zu geben. Da ziehe sogar ich so etwas wie den Cirque du Soleil mit seinem »Corteo« vor, einer riesigen, indes perfekten Show mit Jongleuren, Riesen und anderen Ungeheuern wie manchmal aus Wagners »Ring« und als Hauptfigur dem Clown, der hier stirbt, aber heiter. Ein Massenspektakel, das im Laufe von Jahren etwa sieben Millionen Zuschauer erfreut hat – Artistik, Perfektion, Tempo – und über allem etwas an Schönheit. Da stört nicht mal der Engel-Kitsch am Zirkushimmel und daß das Ganze eben auch verlogen ist, doch eine erkennbare Lüge – eben als Theater. Der sterbende Clown hat etwas von chaplinesker Größe, und etwas Goethe-Himmel aus »Faust II« ist auch dabei. »Corteo« heißt Zug oder Geleit und Corteo funebre – Trauerzug.

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