Freitag, 16. November 2012
Russlands Gesundheitswesen: EIN ALBTRAUM
Wohin versickert das Geld des Gesundheitsministeriums?
Warum wurden die Gesundheitseinrichtungen der Sowjetunion zerstört, privatisiert?
Persönliche Erfahrungen einer Österreicherin nach einer Notoperation in einem Moskauer Spital.
Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.
Auf Kommunisten-online am 16. November 2012 – Auftauchen aus dem Nichts, Schatten huschen vorbei, einer beugt sich über mich, ringsum Pieptöne, kurz, lang, durchdringend, unerträglich hämmernd, dann wieder Stille. Langsam schälen sich Silhouetten heraus, ich erkenne rechts und links von mir Tücher an Stangen hängend, Kabinen abgrenzend. Wieder Versinken in Dunkel und Schlaf oder ist es Bewusstlosigkeit? Dann flammt plötzlich grelles Licht auf, Musik ist zu hören und eine etwas müde Stimme sagt „Guten Morgen, meine Lieben“. Das klang doch Russisch? Eine unvorsichtige, instinktive Bewegung löst schneidenden Schmerz aus. Nun kommt mir zu Bewusstsein, wo ich mich befinde – in der Intensivstation eines der modernsten und größten Moskauer Städtischen Krankenhauses, ich bin gestern notoperiert worden! Ich habe irren Durst, zeige es der vorbei eilenden Krankenschwester, aber diese sagt – nein, Trinken verboten! Noch nie in meinem Leben hatte ich eine derart ausgedörrte Zunge, einen so ausgetrockneten Mund und ein so irres Durstgefühl!! Zum Glück schlafe ich wieder ein.
Eine großes weißes Gespenst mit einem freundlichen Gesicht beugt sich über mich und fragt, wie es mir geht – mein Chirurg! Er hat mir das Leben gerettet. Mein Zustand ist instabil, aber nicht hoffnungslos. Alles wird nun unternommen, damit ich diese schreckliche Station verlassen kann – sie heißt im Russischen „Reanimationsabteilung“. Hier betreuen jeweils zwei PflegerInnen sechs PatientInnen aller Schweregrade in einem 25-Stundenrhytmus. Jetzt, in der Früh, werden alle Kranken feucht abgewaschen und umgebettet, d.h. die schmutzigen Leintücher werden (wie auf der ganzen Welt) mit einer eigenen Technik ausgetauscht. Ich klammere mich mit letzter Kraft am Bettrand an, bemühe mich, den Katheter und die Wund-Drainage nicht zu verschieben, falle erschöpft in das frische Leintuch und schlafe sofort wieder ein. Dazwischen hört man Stöhnen, Jammern, Schimpfen und Lob der Schwestern, Ticken und Piepsen der hinter jedem Bett angebrachten Kontrollinstrumente.
Erst am zweiten Tag meines neuen Lebens darf ich aus einer Pipette Wasser in meinen ausgedörrten Mund eintropfen. Später beobachte ich, dass dieses Wasser aus dem Wasserhahn nach gefüllt wird. Wie das? Ist das hygienisch? Das Wasser in Moskau ist doch angeblich nicht trinkbar? Die 12 Millionen Einwohner trinken entweder (teuer) gekauftes Mineral- oder Trinkwasser oder sie filtern und reinigen das aus dem Wasserhahn fließende Wasser mit eigenen, auch nicht billigen Geräten. Aber – was uns nicht umbringt, macht uns hart!
Auf Hygiene wird leider in dieser (und anderen) Abteilungen des Spitals nicht sehr geachtet. Der Katheter und die Wunddrainage hängen einfach in leere Mineralwasserflaschen hinein – von wo sie auch manchmal bei unvorsichtigen Bewegungen der PatientInnen heraus rutschen können. Jeden Morgen werden zwar die Böden, Kastln, Tische, WCs und Duschräume usw. aufgewaschen und abgewischt. Wenn ein/e hilflose/r Patient/in wieder einmal (zum wievielten Mal?) sein/ihr Bett verunreinigt hat, wird relativ schnell die Bettwäsche gewechselt (aber nicht unbedingt die Bettdecke). Das ist immerhin schon ein Fortschritt im Vergleich mit den 90-er Jahren, als die PatientInnen noch ihre Bettwäsche von zu Hause mitnehmen mussten. Betteinlagen gibt es nicht. Von Handtüchern gar nicht zu reden – denn dafür gibt es im Krankenhaus-Budget keinen Posten. Handtücher müssen die PatientInnen selbst mit bringen, auch Nachthemden, Schlafrock usw. Mir als fremdem, herein geschneiten Vogel hat man allerdings Nachthemd und Schlafrock zur Verfügung gestellt.
Das Essen ist, einer chirurgischen Abteilung entsprechend, diätetisch: Es gibt dünnes Bouillon, Milchreis, Kartoffelpüree, Grießkoch, Haferflocken- und Hirsebrei, manchmal ein Stück gekochten Fisch, Brot, Kompott, Tee. Die entsprechenden Teller werden für die bettlägerigen PatientInnen recht lieblos an das Bett gekarrt und auf das Nachtkastl gestellt – werde damit fertig, wie du kannst! Wer schon auf den Beinen ist, geht in einen kleinen Speisesaal und lässt sich dort seine Portion je nach Diät aushändigen. Besteck muss man selbst mit bringen und auch reinigen. Wem das Essen nicht genügt oder nicht schmeckt, der lässt sich von seinen Verwandten oder Bekannten Essen bringen – ja, das ist erlaubt und wird sogar gefördert! Und wenn jemand keine Verwandten oder Bekannten hat?
Aber der Gipfel der Würdelosigkeit, der Schande und des Mangels an Hygiene ist, dass es im ganzen Spital KEIN WC-PAPIER gibt!! Alle PatientInnen müssen selbst WC-Papier mit bringen!! Nein, ich habe übertrieben – in einem Teil des Spitals, dem VIP-Gebäude, gibt es alles. Hier gibt es also eine Zweiklassen-Medizin. Es hat in der Sowjetunion eine Zeit gegeben, in der Papier einen Engpass in der Versorgung dar stellte, das war offensichtliche Misswirtschaft. Aber heute? Heute sollte doch alles im Griff sein? Im Gegenteil, das Fehlen von Toilettepapier ist ein Anzeichen für ein Entwicklungsland. In dieser Zeit des brutalen Kapitalismus machen in Russland offenbar alle Minister was sie wollen, ebenso die Gouverneure und die durch Privatisierung der gesamten Volkswirtschaft reich gewordenen Oligarchen. Angeblich hat sich die russische Wirtschaft langsam konsolidiert – woran merkt man das eigentlich? Ich will und kann in diesem Zusammenhang keine Wirtschaftsanalyse vorlegen. Mir genügen die nackten Tatsachen.
Ich achte die Ärzte, die in diesem Spital für ca. 40.000.- Rubel (= € 1.000.-) pro Monat die schwierigsten Operationen durchführen (und nicht ins Ausland abhauen), ich achte die vielen Schwestern und Pflegerinnen, die unter schweren Bedingungen die PatientInnen meistens freundlich und geduldig betreuen (ca. 20.000.- Rubel = € 500.-). Ich habe mich auch bedankt bei ihnen.
Aber ich verachte den zuständigen Minister, seinen Stellvertreter und die anderen Verantwortlichen für diese unwürdigen Zustände in den Spitälern. Denn ich nehme an, dass es in den kleineren Moskauer Spitälern, die nicht einmal über die Finanzmittel eines solchen großen Spitals verfügen, sowie in den Spitälern in der Provinz nicht viel besser sein kann.
Wohin versickert das Geld des Gesundheitsministeriums? Warum wurden die Gesundheitseinrichtungen der Sowjetunion zerstört, privatisiert? Die Gesundheitsversorgung in der Sowjetunion war flächendeckend, gerecht, kostenlos. Wohin schauen Putin und Medwedjew? Was würden sie persönlich ohne Toilettepapier in ihrem täglichen Leben machen? Haben sie kein Mitleid mit der Bevölkerung Russlands? Schämen sie sich nicht? In Moskau werden pompöse Museen eröffnet, monumentale Kirchen wieder- bzw. neu errichtet, es werden Milliarden an gestohlenem Geld ins Ausland verschoben... wenn schon keiner der Milliardäre Russlands freiwillig einen Teil seines Reichtums in das Gesundheitswesen investiert – warum wird der Gesundheitsminister nicht zur Rechenschaft gezogen
Oktober 2012, Moskau.
Persönliche Erfahrungen einer Österreicherin nach einer Notoperation in einem Moskauer Spital. Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.
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