Sonntag, 21. Januar 2018

Täter des Wortes (Hartwig Hohnsbein)


Die Abkürzung EKD steht für Evangelische Kirche in Deutschland. Das ist eine Gemeinschaft der 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland, deren 15-köpfiger »Rat« für die Gesamtkirche spricht und in ihrem Namen Denkschriften, Informationen und »Worte« herausgibt.

Mitte November schrieb ich als Eingabe folgenden Brief an die Damen und Herren des Rates:
Vor wenigen Tagen hat die EKD in Deutschland eine Broschüre mit dem Titel »Antisemitismus« herausgebracht. Ich begrüße die Ausführungen darin ausdrücklich als wegweisend zum Umgang mit Antisemitismus, der sich wieder verbindet mit verstärkt aufkommendem Rassismus und offenkundiger Fremdenfeindlichkeit, die zur Ausgrenzung einzelner Menschen oder ganzer Menschengruppen führt oder führen kann. Das widerspricht der Friedensbotschaft Jesu!

Die Broschüre ruft deshalb auch dazu auf, gegen Ausgrenzung uns zu engagieren. Es heißt darin unter anderem »Gegen Ausgrenzung hilft, … Öffentlichkeit herzustellen: Ausgrenzungen müssen erkannt und gestoppt werden. Statt wegzuhören, braucht es eine klare Stellungnahme, ob in Familie, in der Schule, im Arbeitsalltag oder in der Kirche. Einschreiten: Menschen, die von anderen ausgegrenzt werden, verdienen besonderen Schutz.«

In diesen Tagen wurde bekannt, dass der ehemalige Ministerpräsident von Hessen, Roland Koch, die höchste Auszeichnung des Landes Hessen, die Wilhelm-Leuschner-Medaille, erhalten soll.

Wilhelm Leuschner war ein mutiger Kämpfer gegen den deutschen Faschismus und wurde deshalb 1944 hingerichtet. Sein Kampf für soziale Gerechtigkeit und seine mutige Haltung soll Vorbild für die Nachgeborenen sein, deshalb wurden zum Beispiel etliche Schulen, auch in Hessen, mit seinem Namen geschmückt. »Er stand für das genaue Gegenteil von dem, wofür Roland Koch steht« (so DGB Südhessen). »Mit seiner Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft 1999 habe Koch ausländerfeindliches Gedankengut bedient« (DGB, in FR 16.11.2017, Hessen D6, »Protest gegen Ehrung von Koch«). Er »ließ es zu, dass die schwarzen Kassen seiner Partei als ›jüdische Vermächtnisse‹ getarnt wurden« (FRa. a. O.). Auf jeden Fall: Er leistete meines Erachtens der Ausgrenzung von Menschen Vorschub. Die Verleihung der Wilhelm-Leuschner-Medaille an Roland Koch erachte ich deshalb als »absolut nicht akzeptabel«; sie würde … das Ansehen des Widerstandskämpfers Wilhelm Leuschner beschädigen und auch das anderer Opfer des NS-Regimes, auch aus dem Bereich der Kirchen wie zum Beispiel das Dietrich Bonhoeffers.

Etliche Proteste sind inzwischen gegen die geplante Ehrung bekannt geworden. Vielleicht haben auch schon die EKD oder andere Gremien der Kirche nichtöffentlich Einspruch eingelegt. Das weiß ich nicht. Angemessen wäre es allerdings, wenn die ev. Kirche gemäß ihres eignen Vorschlages, gegen Ausgrenzungen müsse Öffentlichkeit hergestellt werden, ebenfalls ihren Protest öffentlich bekundet.

Der Eingang dieser Eingabe wurde umgehend mit dem Hinweis bestätigt, sie sei »an das Büro des Ratsvorsitzenden weitergeleitet« worden. Es wäre nun nicht das erste Mal gewesen, dass sich der Ratsvorsitzende für die gesamte Kirche zur Vergabe der Wilhelm-Leuschner-Medaille geäußert hätte. Im Jahre 2010 gratulierte der damalige Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider öffentlichkeitswirksam der damaligen Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt zu der Auszeichnung als ein »lebendiges Symbol für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung«. Wie sie zu dem verheerenden Einsatz der Bundeswehr in Jugoslawien und in Afghanistan stand und wie sie sich zu den Hartz-IV-Gesetzen und zur Agenda 2010 der rot-grünen Regierung verhalten hatte, nämlich als entschiedene Befürworterin – das interessierte die Kirchenoberen offenkundig nicht, war die »Ausgezeichnete« damals doch »Präses der EKD- Synode«.

Inzwischen ist die Medaille an Roland Koch überreicht worden, trotz erheblicher Proteste. Aus der EKD oder anderen offiziellen kirchlichen Gremien sind keine Proteste bekannt geworden, ebenso wie im Jahre 2002, als der US-Angriffskriegspräsident George W. Bush in seiner Rede im deutschen Bundestag für seinen verbrecherischen Irakkrieg geworben und zum Herold gegen »das Böse« »einen der größten Deutschen des 20. Jahrhunderts«, Dietrich Bonhoeffer, ausgerufen hatte (vgl. Ossietzky 12/2002 »Der missbrauchte Bonhoeffer«). Erbärmlich damals wie heute: Das Schweigen der Hirten und ihrer Lämmer – die Martin-Niemöller-Stiftung und der Dietrich-Bonhoeffer-Verein davon ausgenommen.

Zwei Zeichen wurden durch die Preisverleihung gesetzt. Das erste: Die AfD weiß nun, dass an ihrer Ausländerfeindlichkeit eine mögliche Koalition mit der CDU nach der Hessenwahl im kommenden Jahr nicht scheitern wird. Und das zweite: Die offizielle evangelische Kirche wird dann, wenn eine schwarz-braune Regierung anstehen sollte, keinen Widerspruch, geschweige denn Widerstand dagegen mobilisieren – es sei denn, ihre Glieder würden sich an die menschenfreundliche Worte Jesu erinnern, der diejenigen selig spricht, die sich für Fremde, Gefangene, Hungrige einsetzen, und die verflucht, die das nicht tun (vgl. Matthäus 25. V. 31ff). Sie könnten dann, gemäß der Aufmunterung bei Jakobus 1 Vers 22, zu »Tätern des Wortes« werden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen