Montag, 12. November 2012
Israels Einfluss auf die Bildung der Palästinenser
Von Lena K. Awwad und Shata I. Hussein, 16. Oktober 2012
Quelle: The Harvard Crimson
Auf Kommunisten-online am 10. November 2012 – Während unzählige Stundenten in aller Welt vor einer Woche an den Aufnahmetests (SAT) teilnehmen konnten, konnten Palästinenser aus der Westbank sich diesen nicht anschließen.
Die Oktober-Aufnahmeprüfungen wurden für Studenten der Westbank gestrichen: Die israelischen Behörden, die die Unterlagen dafür vom Kollegausschuss vor Wochen erhielten, konnten die Prüfungen durchführen, gaben die Prüfungsunterlagen aber nicht an das AMIDEAST-Büro in Ramallah weiter.
Das AMIDEAST-Institut ist die einzige Prüfungsagentur auf der Westbank, die für über dreihunderttausend palästinensische Studenten zuständig ist. Israel kontrolliert den Waren-und Personenfluss der immer kleiner werdenden besetzten palästinensischen Gebiete. Die israelische Besatzung beeinflusst so fast jeden Aspekt des palästinensischen Lebens. Besonders die militärische Besatzung, die nach dem Völkerrecht illegal ist, verletzt für die palästinensische Jugend auch die Grundrechte der Bildung.
Diese Streichung der Aufnahmetests (SAT) für Gymnasial-Absolventen der ganzen Westbank, die planten , an Hochschulen in die USA zu gehen – einschließlich der aus der Quäkerschule in Ramallah (RFS) - ist verheerend. Als ehemalige Schülerinnen dieser Schule sind wir stolz auf die Betonung einer globalen Staatsbürgerschaft. Die RFS hat eine reiche Geschichte in Palästina. Sie wurde 1869 von amerikanischen Quäkern gegründet und wird seitdem von der Internationalen Baccalaureate-Organisation in der Schweiz anerkannt. Über die Hälfte der RFS-Studenten sind palästinensische Muslime und die andere Hälfte palästinensische Christen – wobei die letzteren die Nachkommen der ersten christlichen Gemeinde sind. Wir sind mit den Werten für Frieden, Gewaltlosigkeit, sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit erzogen worden – es sind die Prinzipien, mit denen palästinensische Familien tief verbunden sind.
Viele Palästinenser gehen jedes Jahr an die besten Universitäten der USA, einschließlich Harvard. Vor kurzem gab das Harvard-Kolleg zu, allein in diesem Jahr drei Schüler von RFS zu haben. Nach dem Ablegen aller Prüfungen kehren viele RFS-Absolventen und ihre Kollegen von andern Schulen wieder nach Palästina zurück, weil wir eine starke Bindung an unsere Heimat haben. Wir sind eifrig darauf bedacht, unser Wissen und Können, das wir im Ausland erworben haben, den kommenden Generationen unserer Heimat zugute kommen zu lassen, um ihnen zu einer besseren Zukunft zu verhelfen.
Der Kollegausschuss hat angekündigt, er wolle versuchen, einen ähnlichen Test für jene Studenten zu planen, die an den Oktobertests hatten teilnehmen wollen. Das AMIDEAST-Institut schlug in einer Email vor, dass die Tests wegen einer „Verwaltungsverzögerung“ zurückgehalten wurden. Nach Michael Madormo, Englischlehrer und Direktor der College-Vorbereitungsakademie an der RFS, war die Streichung des Tests entmutigend, da die Israelis seit Wochen die Prüfungsunterlagen hatten, und trotz Bemühungen mehrerer Institutionen wurden die Tests nicht durch den Zoll gelassen“.
Die Palästinenser haben jetzt seit Jahrzehnten an solch großem Mangel an Souveränität gelitten. Die letzte SAT-Episode ist nur ein Symptom einer systematischen Attacke auf das palästinensische Bildungssystem. Während der 1. Intifada wurden palästinensische Bildungs-Institutionen von den israelischen Besatzungskräften als illegal geachtet, und unsere Eltern wurden gezwungen, in geheim gehaltenen Klassenräumen in Kirchen, Moscheen und in Privathäusern zu unterrichten. Während der 2. Intifada war RFS direkt betroffen: die Polizei direkt daneben wurde vom israelischen Militär bombardiert. Die Schüler waren so nicht in der Lage, die Schule wegen israelischer Blockaden und Ausgangssperren zu besuchen. Eine der Autorinnen dieses Artikels Lena Awwad konnte drei Jahre lang RFS wegen der israelischen Checkpoints nicht besuchen. Indem den RFS-Abiturienten die Möglichkeit genommen wird, an den SAT-Tests teilzunehmen und im weiteren Sinn die palästinensische Schulbildung zu schädigen, schädigt Israel die akademische Ausbildung zukünftiger Führer.
Die israelische Politik der Zerstörung palästinensischer Schulen geht unvermindert weiter. Israelische Siedler in der Westbank schikanieren palästinensische Schulkinder, die Hunderte von demütigenden Kontrollpunkten, die Straßen „nur für israelische Siedler“, die Apartheidmauer behindern die Bewegungsfreiheit für Palästinenser und das Recht auf Schulbesuch. Zusätzlich ist es für palästinensische Institutionen wie die Birzeit-Universität äußerst schwierig, für ihre Studenten an die elementaren wissenschaftlichen Ressourcen und Bücher vom Ausland zu kommen. Doch sind die Palästinenser ein unglaublich stabiles Volk. Trotz des Angriffes, dem wir auf unser Bildungsrecht und auf unsern Lebensunterhalt im Allgemeinen gegenüber stehen, haben die Palästinenser in der arabischen Welt die kleinste Rate an Analphabeten und die höchste Rate an Doktoranten.
Es ist entmutigend für uns, den Kampf unserer Familien und unserer Nation unter israelischer Militärbesatzung zu erklären. Für andere ist es schwierig, sich vorzustellen, wie man an einer Prüfung teilzunehmen, verhindert wird oder - was noch wichtiger ist – sich vorzustellen, dass das Recht auf Bildung wegen einer fremden Besatzungsmacht eingeschränkt ist. Im öffentlichen Diskurs der USA fehlen die palästinensischen Stimmen, weil man Israel bedingungslos und blind unterstützt. Viele Amerikaner sind daran gewöhnt zu glauben, dass die Politik Israels aus Sicherheitsgründen gerechtfertigt ist. Dies lässt die Frage hochkommen, was die SAT mit Israels Sicherheit zu tun hat. Und dies lässt die zusätzliche Frage hochkommen, wann wird das Recht zu grundsätzlich menschlicher Sicherheit für die Palästinenser anerkannt – ein Volk, das seit so langer Zeit staatenlos ist und sich nicht verteidigen kann.
Wir hoffen, dass die unnachgiebig israelische Politik, die auf unsresgleichen durchgesetzt wird und zur Streichung der SAT-Prüfungen führte, ihren Bewerbungsprozess für die Hochschule nicht hindert, und eine neue Gruppe von Palästinensern im Herbst in Harvard begrüßt wird.
Lena K. Awwad ist eine neurobiologische Konzentratorin (??R) im Winthrop-Haus,
Shatha I. Hussein ist eine Regierungskonzentratorin im Eliot-Haus.
(dt. Ellen Rohlfs)^
http://www.thecrimson.com/article/2012/10/16/israel-sat-oped
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