19.11.2016
Mit sichtlichem Enthusiasmus eröffnete Außenminister Frank-Walter Steinmeier am 6. Juni in Mexiko-Stadt das Deutschland-Jahr. Mit dem Eröffnungssatz: "Mein Wunsch ist, dass wir neugierig bleiben, dass wir das Interesse aneinander erhalten" bewegt sich der deutsche Politiker ganz in humboldtscher Manier. Ein Schwerpunkt des bilateralen Jahres ist der Wissens-, Technologie- und Bildungstransfer.
"Wir mussten uns ihnen entgegenstellen"
In Nochixtlán in Oaxaca
eskalierten die Repression ebenso wie der zivile
Ungehorsam. Was ist der Hintergrund der tödlichen
Polizeieinsätze?
Timo
Dorsch [1]
amerika21
Mit sichtlichem Enthusiasmus eröffnete Außenminister Frank-Walter Steinmeier am 6. Juni in Mexiko-Stadt das Deutschland-Jahr. Mit dem Eröffnungssatz: "Mein Wunsch ist, dass wir neugierig bleiben, dass wir das Interesse aneinander erhalten" bewegt sich der deutsche Politiker ganz in humboldtscher Manier. Ein Schwerpunkt des bilateralen Jahres ist der Wissens-, Technologie- und Bildungstransfer.
Seit Jahren pflegen beide Länder eine Zusammenarbeit im
dualen Bildungsbereich, der in Mexiko ein deutscher
Exportschlager ist. Darüber hinaus gibt es allein im
Hochschulsektor derzeit 348 Kooperationen. Dabei sind
ausgerechnet im Partnerland Mexiko – und ausgerechnet Mitte
Juni – Proteste von Lehrenden tödlich eskaliert. Es ist
makaber, wenn der mexikanische Staat auf dem internationalen
Parkett bilaterale Bildungsprojekte anstößt, zuhause aber
auf die Protagonisten des Sektors scharf schießen lässt.
Inzwischen ist der Streik – vorerst – beigelegt. Doch was
ist passiert und was folgt daraus?
Der Tod eines Katecheten ...
Der Altar für Jesús Sánchez Meza steht in einem kargen,
unverputzten Raum. Gegenüber dem Eingang hängt ein blau
gerahmtes Porträtfoto aus seinen Jahren in der Oberstufe.
Zusammengekniffene Augen, ein leichtes geschlossenes
Lächeln. Zwischen Kerzen und weißen Blumen steht eine
Flasche, halb gefüllt mit Weihwasser. An der Wand hängt eine
mexikanische Nationalflagge mit einer schwarzen Schleife –
eine Gabe der protestierenden Lehrer der Gewerkschaftsgruppe
Sección 22. Auf einem Blatt Papier vor dem Altar auf dem
Boden steht: "Danke, dass du mich begleitet hast."
Jesús wurde 19 Jahre alt. Er war Katechet in der lokalen
Kirchengemeinde. Er starb an einem Sonntag, dem 19. Juni,
auf der Straße am südlichen Eingang von Asunción de
Nochixtlán, einem 18.000-Einwohner-Städtchen auf einer
Hochebene des Bundesstaates Oaxaca. Höchstwahrscheinlich war
es eine Polizeikugel, die ihn vier Zentimeter unterhalb des
Bauchnabels durchbohrte, und an der er innerhalb weniger
Minuten verblutete.
Seit Frühjahr dieses Jahres hat der dissidente
Gewerkschaftsarm CNTE, der Teil der staatsnahen Gewerkschaft
SNTE ist, seine Proteste gegen die geplante umfassende
Bildungsreform verschärft. Die Regierung wirbt dagegen für
Qualitätssteigerung und spricht vom Kampf gegen Korruption,
Vetternwirtschaft und Nichteinhaltung von Pflichten. Der
komplette Lehrkörper soll sich nach den staatlichen Plänen
einer systematischen Evaluierung unterziehen, um didaktische
und inhaltliche Fähigkeiten auf die Probe zu stellen.
Außerdem sollen Unterrichtsinhalte landesweit angeglichen
und vereinheitlicht werden. Zwar wurde der Streik am 16.
September mit der Aussetzung der geplanten Bildungsreform
bis zum Jahr 2018 offiziell beendet. Das Thema ist damit
nicht vom Tisch.
Die Gewerkschaft sieht in dem Vorhaben der Regierung einen
versteckten Schlag gegen ihre 200.000 Lehrer starke und
streikwillige Organisation und befürchtet eine zunehmende
Privatisierung des Bildungssektors. Außerdem moniert sie,
dass in einem sozial und kulturell so vielfältigen Land wie
Mexiko, in dem mehrere Duzend indigene Sprachen gesprochen
werden, eine Vereinheitlichung des Lehrstoffes notgedrungen
zum Verlust vieler lokaler Wissensformen führen würde.
Nachdem die ersten Demonstrationen vor drei Jahren ungehört
blieben, haben Lehrer und eine organisierte Elternschaft,
die sie unterstützt, an vielen strategischen Verkehrsrouten
in den Bundesstaaten Chiapas und Oaxaca, zuweilen auch in
Michoacán und Guerrero, Straßenblockaden errichtet.
Hier hat die CNTE einen Großteil ihrer Mitglieder und hier
bewegt sie sich im Kontext verschiedener
Widerstandsbewegungen. Das ist zum Beispiel die autonome
Gemeindepolizei in den Bergen von Guerrero, die zu Beginn
der 1990er Jahre entstand; die Bewegung der
Selbstverteidigung in Michoacán seit Anfang 2013; die
widerständige Bewegung in Chiapas, wo sich die CNTE 1979
gründete und wo sich die Zapatistische Armee der Nationalen
Befreiung (EZLN) 1994 in Waffen erhob; oder in Oaxaca,
dessen Landeshauptstadt 2006 über mehrere Monate von der
sich selbst regierenden Bevölkerung besetzt wurde.
Diese Beispiele erlauben einen Aufschluss darüber, dass der
Staat in diesen Räumen – die zu den sozioökonomisch ärmsten
des Landes zählen, nicht selten abgeschieden von den urbanen
Zentren liegen und seit Jahrzehnten Szenarien gewalttätiger
staatlicher oder krimineller Übergriffe sind – seine
Autorität und Anerkennung nicht gänzlich durchsetzen kann.
Dabei bestehen andere kollektive Identitätskonstruktionen,
die in der Lage sind, politische Interpretationen ihres
Umfelds zu artikulieren, Ungerechtigkeiten und Missstände zu
denunzieren und dazu veranlassen aktiv werden.
… folgt einem tödlichen Kalkül
Die auf die Streiks und Blockaden folgende staatliche
Reaktion hätte repressiver nicht sein können: Kontingente
von Gendarmerie und Bundespolizei wurden zu den
oaxaquenischen Blockadepunkten entsandt, um diese in den
Morgenstunden des 19. Juni gewaltsam aufzulösen. Mittels
Kirchenglocken und Feuerwerkskörpern wurde in Nochixtlán die
Stadtbevölkerung zur Unterstützung der Protestierenden
mobilisiert. So wie in anderen Regionen des Landes gilt auch
hier: Drei in die Luft geschossene Raketen bedeuten
Alarmstufe Rot. Selbst der Gemeindepfarrer rief über
Lautsprecher seine Schäfchen lautstark dazu auf, die
Blockaden zu unterstützen. Die aufgebrachten Menschen
strömten zu den Straßensperren und verteidigten diese
zusammen mit den dort ausharrenden Eltern und Lehrern.
Steine, Molotowcocktails und Raketen dienten ihnen als
Waffen.
Bald antwortete die Gegenseite mit Schüssen. Ein Kreuzfeuer
aus groß- und kleinkalibrigen Kugeln aus bis zu 300 Metern
Entfernung durchflog die Luft, während verschanzte
Polizisten im Hotel Merlit hinter der Blockade und ein
Hubschrauber ebenfalls das Feuer eröffneten. Das
Untergeschoss des Hotels wurde später in Brand gesteckt. In
der Kleinstadt starben an diesem Tag acht Zivilisten. Bis zu
hundert Verletzte wurden gezählt, darunter etliche
schwerverletzte und dutzende mit Schusswunden. 45 Verletzte
wurden allein im Krankenhaus von Nochixtlán behandelt.
Krankenpfleger Juan Nicolás berichtet, dass die Polizisten
ab zehn Uhr morgens Schüsse abfeuerten. Es kam zu ersten
Verletzten und Toten. Eine halbe Stunde später näherte sich
ein Polizeihubschrauber und "ließ Tränengas über das Dach
des Krankenhauses fallen". Zu diesem Zeitpunkt befanden sich
unter den Patienten auch drei Neugeborene mit ihren Müttern.
"Wir mussten das Krankenhaus schließen, mit nassen Bettlaken
Türen und Fenster verschließen, damit das Tränengas nicht
die Kinder und die Kranken angreift." Kurz darauf versuchte
die Polizei in das Hospital einzudringen, um die Verletzten
und Toten mitzunehmen, doch sie wurden von einer
aufgebrachten Menge aus einem umliegenden Dorf verjagt.
"Keine Ahnung wohin. Sie waren wie besoffen, so schien es",
schildert Juan den Zustand der Polizisten. Als Juan Nicolás
um 20 Uhr nach Dienstende auf die Straße tritt, erkennt er
seinen Ort kaum wieder: "Ein Dorf ohne Gesetz, in Trauer."
Bis heute gebe es keine Stellungnahme von der
Landesregierung.
Zynisch erscheint die jüngste Entscheidung des neuen
Gouverneurs des Bundesstaates Zacatecas, Alejandro Tello
Cristerna, der Froylán Carlos Cruz zum Sekretär für
Öffentliche Sicherheit berief. Cruz war als Vertreter der
Landespolizei von Oaxaca aktiv an der Gewalt in Nochixtlán
beteiligt. Dagegen veröffentlichten drei Tage nach dem
blutigen Sonntag 13 Gemeindepräsidenten aus der
Mixteca-Region ein Schreiben. Sie positionieren sich im
Namen "derjenigen, die als letzte das Aufoktroyieren der
Mexicas akzeptiert haben; Erben derjenigen, die als letzte
die spanische Religion akzeptiert haben; und heute werden
wir die letzten sein, die die Repression als eine Form der
Konfliktlösung akzeptieren." In einer zweiten Erklärung
ergreifen bereits 45 Gemeindepräsidenten solchermaßen
Partei.
Das Leid einer Mutter …
Doña Patricia Meza konnte den Tod ihres Sohnes Jesús erst begreifen, als sie ihn auf der Bahre identifizierte. "Innere Blutungen durch Kugeleintritt" ist als Todesursache auf der Sterbeurkunde zu lesen. Die Mutter ist gefasst, nur selten laufen Tränen über die Wangen. "Auf dem Friedhof habe ich nicht geweint. Ich hatte schon zuvor, als sie mir die Nachricht überbrachten, so viel geweint", sagt Patricia Meza mit schwerer Stimme im Zimmer mit dem Altar für Jesús. In ihren Händen wiegt sie das Handy ihres Sohnes, schaut sich die unzähligen Bilder der letzten Monate an.
Sein letztes Foto stammt vom Ort der Gewalt. Zu sehen sind
Reihen von Bundespolizisten in knapp 50 Metern Entfernung.
Die Mutter glaubt, ihrem Sohn wurde dies zum Verhängnis,
weil er sich nicht schützend in Deckung gebracht hatte.
Jesús nahm an den Protesten nicht direkt teil. Er war mit
einem Krankenwagen unterwegs, um Verletzte in das
Gemeindehaus zu bringen, da das örtliche Krankenhaus
aufgrund des Polizeibeschusses niemanden mehr aufnehmen
konnte.
Über dem eingeschossigen Verwaltungsgebäude der Gemeinde
liegt eine Ästhetik der Rebellion, die spontane Verwüstungen
zuweilen hinterlassen. Die weiß-grün gestrichenen Wände sind
stark verkokelt, die Innenräume gänzlich ausgebrannt. Ein
verbranntes Polizeimotorrad und ein Polizeiauto lagen
wochenlang auf dem Vorplatz. Die letzte Tür führte zum Büro
der Gemeindepolizei. Die Waffen und die Munition, die darin
gelagert waren, sind verschwunden. Ein 68-jähriger Mann aus
dem umliegenden Dorf Magdalena Jaltepec kommentiert: "Sie
mussten es tun", und verweist auf die spontane militante
Reaktion der Leute. Aber er lamentiert auch darüber, was nun
geschehen soll, nachdem jetzt alle archivierten Dokumente in
den Flammen verschwunden sind.
… und die Rückkehr des Alltags
Auf dem wöchentlichen Sonntagsmarkt, zu dem viele Bewohner der umliegenden Dörfer kommen und ihre selbst produzierten Waren verkaufen, kommentiert ein Wollverkäufer zwei Wochen nach der Gewalt: "Natürlich gibt es auch Leute hier, die ihre Waffen haben. Aber niemand hat sie eingesetzt." Wäre dem so gewesen, wie es die mexikanische Regierung anfangs versuchte Glauben zu machen, würde man Tote und Schwerverletzte nicht nur auf der Seite der Protestierenden zählen, setzt er nach. Von der seit zwei Wochen propagierten Nahrungsmittel- und Güterknappheit aufgrund der Blockaden ist nichts zu sehen. Die Regierung und die großen regierungsnahen Fernsehsender Televisa und TV Azteka hatten gezielt Falschdarstellungen über Essensknappheit lanciert, um so den Unmut auf die protestierenden Lehrer zu lenken – erfolglos. Die Marktstände sind voll mit Waren aus der Region, denn der lokalen Produktion schaden solche Straßenblockaden nicht. Es sind hauptsächlich (trans-) nationale Unternehmen, die Verluste hinnehmen müssen, da ihnen die Passage verweigert wird.
Zwei Wochen nach dem Geschehen ist es auf den Straßen in
Nochixtlán heiß. Hunde streunen mit heraushängender Zunge
umher, Bewohner schützen sich mit Regenschirmen vor der
Sonne, während sie ihre Einkäufe erledigen. Auf dem Platz
zwischen Kirche, Gemeindeverwaltung und Markt wird Eis
verkauft. Nichts, außer hängenden Transparenten sowie dem
beschädigten Regierungsgebäude, erinnert an das vergangene
Massaker. Es fühlt sich an wie eine unerträgliche
Leichtigkeit nach dem Schock. Es zeugt auch davon, dass die
Notwendigkeit, den Alltag zu bewältigen, für die Bevölkerung
wesentlich wirksamer ist, als der Wille zu Erhebungen.
Noch im August war der südliche Blockadepunkt gesäumt von
verbrannten Fahrzeugen, die die Zufahrt in die Stadt
erschwerten. Dort fielen neben Jesús fünf weitere junge
Männer den Kugeln zum Opfer. José Luis Cruz war an dem
Morgen, als die Auseinandersetzungen begannen und acht
Stunden andauerten, an vorderster Front. Er und sein Bruder
Anselmo Cruz hatten mit den Protesten eigentlich nichts zu
tun, doch das Viertel, in dem sie sich an diesem Tag
aufhielten, wurde von den Staatskräften angegriffen. "Wir
mussten uns ihnen entgegenstellen", sagt José Luis. Und fügt
hinzu: "Du fängst an, Dinge zu tun, von denen du anfangs
nicht dachtest, dass du sie tun würdest. Wir konnten nicht
einfach nur an der Seite stehen und so tun, als ob nichts
wäre. Wir mussten es wagen, mit all der Wut und Angst, die
wir hatten."
Die beiden gelangen schließlich zum südlichen Stadtausgang.
Als die Polizei anfing, mit scharfer Munition zu schießen,
warfen sie sich zusammen mit Anderen auf den Boden. Der
Helikopter über ihnen feuerte wahllos im Schnellfeuertakt
auf sie; Staub auf der Erde wurde von den zischenden Kugeln
aufgewirbelt. In diesen Augenblicken wurde sein Bruder
Anselmo liegend von einer Kugel in den Mund getroffen. Sie
zerschmetterte seine Zunge und drang bis in die Lunge ein,
die zerfetzt wurde. Zwei Minuten später war der 33-Jährige
tot. Kurz vor seinem Tod konnte Anselmo seinem Bruder noch
signalisieren: "Ich vertraue dir meine Kinder an." Der
Verheiratete hinterlässt einen dreijährigen Sohn und eine
fünfjährige Tochter.
Dass die Staatsanwaltschaft den Hinterbliebenen der Toten
auch drei Monate danach keine Informationen über die
vorläufigen Untersuchungsergebnisse zukommen lässt – wie zum
Beispiel welches Kaliber die Kugeln hatten – verstärkt den
verbreiteten Vorwurf, dass staatliche Kräfte Gesetze
übertreten dürfen, ohne dafür belangt zu werden. Es liegt
auch an dieser de facto garantierten Straffreiheit, warum
soziale Proteste oftmals von tödlicher Gewalt begleitet
werden. Ein weiterer Umstand ist, dass die Regierenden des
Landes kaum die Verhältnismäßigkeit der Mittel beachten,
wenn ihre eigenen Interessen oder Projekte angegriffen
werden. Statt auf Konsensbildung setzen sie auf Repression.
In mexikanischen Kleinstädten und Dörfern wird die Figur
des Lehrers und der Lehrerin hoch geachtet. Sie wird als
zusätzliche Autorität neben Bürgermeister und Pfarrer
geschätzt. Und der Respekt für sie ist keineswegs Resultat
des angeblich allgegenwärtigen Klientelismus. Er rührt vom
Pflichtgefühl der meisten Lehrer, sich aufrichtig um die
Schulbildung der Kinder zu kümmern – nicht selten unter
Rückgriff auf die eigene Geldbörse, wenn notwendige
Unterrichtsmaterialien fehlen oder ein Schulkind aufgrund
der desaströsen ökonomischen Situation der Familie hungernd
im Unterricht erscheint.
Ob Außenminister Steinmeiers Wunsch nach »mehr
Gemeinsamkeit für die Zukunft« sich auf künftige
Entscheidungen der mexikanischen Regierung positiv auswirkt,
ist momentan mehr als unsicher. Derzeit besteht die
mexikanische Tragik genau darin, dass eine Bildungsreform
auf dem Rücken erschossener Menschen durchgeboxt wird.
Timo Dorsch lebt derzeit als freischaffender Journalist
in Mexiko
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift iz3w
[2]–
Informationszentrum 3.welt, Nr. 357, November/ Dezember
2016
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