Die Kunst der anderen Politik - Über die EZLN, linke Eitelkeiten
und die kapitalistische Gewalt.
Von Timo Dorsch
Lower Class Magazine, 19.11.2016
Lower Class Magazine, 19.11.2016
Politische Kämpfe werden nicht dadurch gewonnen, dass alter Wein in neue Schläuche gefüllt, sondern indem erfrischender Pozol aus selbst gemachten Jícaras getrunken wird. Diejenigen Kämpfe, die darüber hinaus einen umfassenden Transformationsprozess anzustoßen versuchen, verlaufen zumeist in ungleichen Konfliktlinien. Die darin abverlangte Notwendigkeit der permanenten Selbsterfindung, ohne dabei eigene Prinzipien über den Haufen zu werfen und dennoch gleichzeitig für ein Überraschungsmoment zu sorgen, gelingt den wenigsten politischen Organisationen derart effektiv wie der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN).
Das gilt auch für den von ihnen ausgearbeiteten
Vorschlag, der Mitte Oktober während des fünften Treffens des
Nationalen Indigenen Kongresses (CNI) in der südmexikanischen
Kolonialstadt San Cristóbal de las Casas mehreren hundert
indigenen Delegiert*innen vorgestellt wurde. Zeitgleich war die
Idee Auslöser für eine Welle selbstherrlicher Reaktionen aus dem
mexikanischen Polit-Establishment. Sie kamen hauptsächlich aus den
Reihen der institutionalisierten Partei-Linken, ihren
Anhänger*innen und Teilen der sich an ihnen orientierenden
(Massen-)Medien.
***
Der Vorschlag ist für sich genommen ziemlich
simpel: den 360 Delegiert*innen aus 32 ursprünglichen Völkern,
Nationen und Stämmen wurde unterbreitet, ihre Basen zwecks der
Ernennung einer eigenen indigenen Kandidatin für die kommenden
mexikoweiten Präsidentschaftswahlen 2018 zu befragen. Diese
Kandidatin würde aus den Reihen des CNI und keineswegs aus der
zapatistischen Struktur kommen.
Sie soll Sprachrohr eines extra dafür gebildeten
Indigenen Regierungsrates sein, der sich aus je einer Frau und je
einem Mann aus jedem Volk, jeder Nation, jedem Stamm zusammensetzt
und den CNI und die EZLN bei den Wahlen repräsentieren soll. In
dem gemeinsamen Kommuniqué ‚Damit
die Erde in ihren Zentren erbebe‚ heißt es außerdem
unmissverständlich – so als hätten sie die späteren Reaktionen
erahnt – „dass unser Kampf kein Kampf um die Macht ist“ und sie im
Laufe ihrer Erfahrung außerdem gelernt haben, die politischen
Parteien links liegen zu lassen, da diese nur „Tod, Korruption und
den Kauf von Würde generiert haben.“ Zum Jahresende soll sich
erneut getroffen, die Ergebnisse der Befragungen gesichtet und
eine endgültige bindende Entscheidung getroffen werden.
Nun gibt es in Mexiko nicht nur soziale
Organisierungen und Bewegungen, die in den unteren
gesellschaftlichen Klassen und ausgeschlossenen sozialen Sektoren
ihren Ursprung haben und dort ihr politisches Projekt verorten,
sondern traditionellerweise ebenso linke Massenparteien. Um die
aktuellsten Reaktionen zu verstehen, muss ein wenig ausgeholt
werden.
Nachdem die Ende der 1980er Jahre gegründete
oppositionelle Partei der Demokratischen Revolution (PRD) in den
letzten Jahren Stück für Stück ihres progressiven Inhalts entleert
und integraler Bestandteil des restlichen Establishments wurde –
was so viel heißt wie: Korruption, politische Repression und
Verstrickung mit dem Organisierten Verbrechen – gründete sich 2014
eine neue linke Partei, die Bewegung der Nationalen Regenerierung
(MORENA). Ihr derzeitiger Präsidentschaftskandidat, Andrés Manuel
López Obrador, kurz Amlo, war bereits 2006 und 2012 Kandidat für
das höchste Staatsamt. Für die PRD. Und verlor. Die Niederlagen
verliefen jedoch nicht ganz koscher; und so wird gemeinhin davon
ausgegangen, dass in beiden Fällen Wahlbetrug stattfand.
Offizielle Prognosen lassen aktuell verlauten, dass Amlo für 2018
ganz gute Chancen hat, das Rennen für sich zu entscheiden. Ähnlich
wie vor einem Jahrzehnt. Dabei stört dann nur die wenigsten, dass
es seit den Wahlen von 1994 seitens der PRD erst zwei
unterschiedliche Spitzenkandidaten für das Präsidentschaftsamt
gab: Cuauhtémoc Cárdenas und er, López Obrador.
Brisantes Detail zur Wahlniederlage im Jahr 2006:
die EZLN hatte einige Monate zuvor die ‚Andere Kampagne‘
ausgerufen gehabt, um landesweit politische Organisierungs- und
Mobilisierungsprozesse fernab von Parteien und des Wahlspektakels,
welches alle sechs Jahre seinen Lauf nimmt, anzustoßen. Einen
Aufruf zum Wahlboykott seitens der Zapatistas gab es nicht. Gab es
genau genommen auch noch nie
– obwohl das gerne anders gesehen und vor allem dargestellt wird.
Vielmehr lautete die damalige Parole: ‚Wählt oder wählt nicht. Was
zählt ist, dass ihr euch organisiert!‘ Zur Zielscheibe wurde Amlo
dennoch, ebenso wie die anderen beiden Präsidentschaftskandidaten.
In verschiedenen Gelegenheiten kritisierte
ihn der damalige EZLN-Sprecher Subcomandante Insurgente Marcos
scharf und deutete darauf hin, dass der PRD-Politiker keineswegs
ein linker Messias sei, so wie er von vielen Seiten hochstilisiert
wurde. Hintergrund der Kritiken war sicherlich das auch Wissen
darum, dass eine (linke) Sozialdemokratie letztlich besser das
neoliberale Projekt umsetzen und widerständigen Strukturen die
Luft nehmen kann, als es einer offenen rechten repressiven
Regierung möglich ist. Die Auseinandersetzung besiegelte den Bruch
zwischen einer Vielzahl linker Intellektueller und dem wichtigsten
linken Massenmedium sowie eine der größten mexikanischen
Tageszeitungen, La Jornada, mit der EZLN. Sie sahen in Marcos
plötzlich einen Verräter, einen Spalter, jemand, der die
zapatistischen Gemeinden in das politische Abseits dränge und
verantwortlich sei für die Misere im Land. Sie hegten Groll.
Heute sind es fast die gleichen Stimmen wie
damals, die nach dem aktuellsten Vorschlag der EZLN wieder laut
wurden und die gleichen Töne wie ehedem anschlagen. ‚Warum
ausgerechnet jetzt, da MORENA die Chance hat zu gewinnen?‘, fragen
sie klagend.
‚Die EZLN und der CNI sollen mit MORENA zusammen arbeiten‘, meinen
sie ungeachtet jeglicher politischer Erfahrung und Analysen der
letzten Jahre. Andere, wiederum, glauben zu wissen, dass mit dem
Vorschlag, die zapatistischen Prinzipien verraten worden sind und
sich fortan – so wie es die klassische Politik vorschreibt – an
der Ergreifung der Staatsmacht orientiert wird. Eine Woche nach
Bekanntgeben des Vorschlags und einem medialen Shitstorm in den
sozialen Netzwerken, veröffentlichte die EZLN eine zynisch-bissige
Antwort
gegenüber den Reaktionen und stellte trocken dazu fest: „Der
Chicharito spielt nicht bei Barcelona und der Messi nicht bei den
Jaguares de Chiapas.“
Sie, das sind die Meinungsmachende;
verantwortlich für eine wie auch immer geartete oppositionelle
Gegenöffentlichkeit. Sie schreiben für La Jornada und einige alternative,
aber viel gelesene Medien. Sie stehen MORENA nahe und Amlo noch
viel näher.
Und die Art und Weise wie sie auf die Möglichkeit einer
unabhängigen indigenen Präsidentschaftskandidatin reagieren – in
einem Land, in dem Feminizide tagtäglich ungestraft passieren; in
einem Staat, in dem der indigene Bevölkerungsteil auch zwei
Jahrhunderte nach der Unabhängigkeit systematisch ausgeschlossen
und paternalistisch behandelt wird; in einem institutionellen
Koordinatensystem, in dem jüngst besagter linker
Präsidentschaftskandidat allen korrupten und korrumpierten
Politiker*innen Amnestie angeboten hat, sollte seine Partei
gewinnen – gibt Zeugnis über ein allseits verbreitetes (linkes und
vermeintlich aufgeklärtes) Verhalten ab: hysterische Eitelkeit
sowie Beißreflexe vor jemandem Unbekannten, der einem vermeintlich
den Platz der Opposition streitig machen könnte.
Trauriger Höhepunkt des Ganzen: jenes Verhalten
hat es unmöglich gemacht, den Groll von damals beiseite zu legen
und mit klaren Blickes auf die Dinge zu schauen. Oder, um es mit
den Worten
des verstorbenen Subcomandante Insurgente Marcos zu sagen: „Und
wer nicht versteht, der richtet, und wer richtet, der verurteilt.“
[1] Eine Umgangssweise, die darauf aus ist, die politische
Opposition vereinheitlichen, monopolisieren und sie anführen zu
wollen – denn nur so wird es einem verständlich, dass allein die
Möglichkeit einer oppositionellen indigenen Gegenkandidatin Grund
genug für allerlei aggressives Unverständnis ist. Denn, wie
bereits weiter oben festgestellt: der Vorschlag ist für sich
genommen ziemlich simpel.
***
Der jüngste Schachzug der EZLN ist Ausdruck der
Fähigkeit, Gegebenheiten des mexikanischen Kontextes, Auswirkungen
des neoliberalen globalen Kapitalismus und die Herausforderungen
einer anderen Politik, zusammen zu denken und davon ausgehend
einen Vorschlag zu äußern, der seinen Ursprung im Kollektiv hat
und kollektive Handlungsmöglichkeiten anbietet. Die Tiefe und
Ausmaße seiner politischen Bedeutung lassen sich unter mindestens
drei Punkte fassen.
Die Spiegel und das System.
Bevor im Kommuniqué ‚Damit die Erde in ihren Zentren erbebe‘
besagter Vorschlag artikuliert wird, werden 27 Szenarien
gewaltsamer Vertreibung im Zuge vom Bau neuer
Infrastrukturprojekten, Plänen grüner Energiegewinnung, Abbau
natürlicher Ressourcen etc. aufgelistet. Alle diese Fälle
passieren im ländlichen Raum. Allesamt auf indigenem Territorium.
Und es sind lediglich die Beispiele, die innerhalb der Strukturen
des CNI bezeugt werden können. Je nach Statistik sind in Mexiko
derzeit zwischen ein Fünftel und einem Viertel des nationalen
Raums durch Konzessionen an in- und (hauptsächlich) ausländische
Bergbauunternehmen vergeben. Ob fordistische oder
post-fordistische Produktionsweise, ob Wohlfahrts- oder
Wettbewerbsstaat, ob Bio-Kapitalismus oder post-humaner
Kapitalismus, die kapitalistische Maschinerie braucht natürliche
Rohstoffe zum Produzieren, Zirkulieren, Konsumieren. Und da der
Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt, so sind auch
Ressourcenvorkommen nicht im luftleeren Raum vorzufinden. Ein
halbes Jahrtausend nach der spanischen Eroberung hat sich für
einen Großteil der indigenen Gruppen in Mexiko wenig geändert: ihr
Zuhause ist weiterhin Zielscheibe des Systems.Es war Anfang August vor zwei Jahren, als sich die zapatistischen Gemeinden mit den Delegiert*innen des CNI erstmals auf zapatistischem Gebiet trafen. 1300 Vertreter*innen der EZLN tauschten sich tagelang mit den 312 Angereisten des CNI aus. Zum Abschluss des Treffens wurde eine gemeinsames Erklärung veröffentlicht, in der zum ersten Mal 29 Fälle bzw. Szenerien der Vertreibung und Enteignung genannt und als ‚Spiegel‘ umschrieben werden. Spiegel, in denen sich jede Einzelne wieder findet; Spiegel, in denen sich ein jeder sich im Anderen wiederkennt. Dadurch wird nicht nur eine identitätsstiftendes Metapher verwendet, sondern zugleich die Basis für eine kollektive Ausgangssituation geschaffen.
Die wiederholte Nennung der Spiegel erfolgt auch
mit dem Hintergrund, dass durch die staatlichen Institutionen
(Behörden, Parteien) oder internationalen Rechtsnormen (Artikel
169 der ILO; UN-Erklärung zu den Rechten der Indigenen Völkern)
keine Verbesserungen erzielt werden konnten. Dass die vom
Establishment angebotenen (legalen) Wege – zwischen
Parteimitgliedschaft bis hin zu Straßenblockaden – erschöpft sind.
So schrieb
die Gruppe GIAP, die sich der Sexta [2] zugehörig fühlt, wenige
Tage nach Bekanntwerden des Vorschlags: „Die Macht des Staates ist
korrupt und korrumpierend. In der jetzigen Konjunktur hat sich der
Staat auf einen Apparat zur Konsolidierung der Hegemonie und
Hyper-Mächtigkeit des Neoliberalismus, also des Kapitalismus
unserer Zeit, reduziert. Damit wird mit neuen Strategien das
gleiche Ziel wie immer verfolgt: die uneingeschränkte Akkumulation
mittels Vertreibung, Ausbeutung und Spekulation. Die Regierungen
der Staaten haben sich in das verwandelt, was Marx vor mehr als
einem Jahrhundert erkannt hatte: in eine Junta, die die gemeinen
Geschäfte der bürgerlichen Klasse verwaltet.“ Die darin
enthaltenen Feststellungen führen zum zweiten Punkt.
Politik und Ethik. Zweifellos, die
Möglichkeit einer Kandidatur ist überraschend. Sie ist jedoch
keine 180 Grad Wendung. Es ist keine Seltenheit, dass vor lauter
taktischen Überlegungen über die Frage wie eine hegemoniale
Machtverschiebung zustande kommen könnte, die Kritik an der
Realität mitsamt der Utopie, die einen nicht stehen bleiben lässt,
baldigst hinter sich gelassen werden. Je näher man sich den
staatlichen Politik-Apparaten nähert wird, desto schwammiger wird
der eigene Blick. Die EZLN hat es nicht nur geschafft, sich in den
letzten zwei Jahrzehnten davon nicht korrumpieren zu lassen (wovon
die Radikalität ihres Diskurses genauso wie die Autonomie ihrer
Bezirke zeugen), sondern ist zudem dazu fähig, eine reale
Alternative zu artikulieren, die sich nicht in der aufgepfropften
Entweder-Oder-Logik (Pepsi oder Coke, Trump oder Hillary) bewegt.
Wenn die Lehre aus der Syriza-Erfahrung diejenige ist, dass
internationale Kreditinstitute sowie supranationale politische
Strukturen mitsamt dem Druck einer dominanten ausländischen
Regierung das kurzweilig offene Fenster eines gesellschaftlichen
Aufbruchs binnen weniger Monate wieder schließen kann; wenn die
Lehre aus dem aktuellen Venezuela diejenige ist, dass interne
korrupte Parteistrukturen, die eigene politische Unfähigkeit
Maduros sowie eine aggressive Destabilisierungspolitik seitens
internationalen und heimischen Akteuren die emanzipatorischen
Fortschritte der letzten 15 Jahre Stück für Stück zerlegen; wenn
die Lehre aus der Regierungsbeteiligung der Grünen in Deutschland
diejenige ist, das eine aufstrebende Partei zunehmend von
anti-linken Kräften unterwandert und danach übernommen wird und
schlussendlich die minutiöse Entleerung ihres ursprünglichen
progressiven Inhalts betreibt: dann lässt sich der Gang der
Geschichte nicht einfach dadurch verändern, indem seine
Protagonist*innen ausgetauscht werden. Die Krux liegt an den
Dynamiken und Grenzen des Möglichen innerhalb des Systems; oder,
wie jemand kürzlich in Mexiko-Stadt sagte: der Kapitalismus ruft
nicht nur eine Fetischisierung der ökonomischen Verhältnisse
hervor, sondern ebenso eine Fetischisierung der Politik.
Die Zapatistas gelten gemeinhin als Referenz
dafür, dass sie zu unterscheiden wissen, wann politische und wann
militärische Mittel ergriffen werden müssen. Als am 2. Mai 2014
ein paramilitärischer Angriff auf ihre Strukturen stattfand wäre
es ein leichtes gewesen, vernichtend mit Gegengewalt zu antworten.
Stattdessen wurde auf eine politische Antwort gesetzt. Beispiele
dieser Art ziehen sich durch die letzten 22 Jahre, seitdem die
EZLN die Bühne der Öffentlichkeit betreten hat. Mehr als einmal
wurde intern diskutiert, wieder zu den Waffen zu greifen. Dass dem
nicht so war ist nicht nur Resultat strategischer Schlüsse,
sondern auch einer politischen Ethik, die, ungleich zu anderen
bewaffneten Gruppen oder Bewegungen, den Kult um den Tod hinter
sich gelassen hat. In der das Leben im Vordergrund steht und die
Fragen darum, wie aus der Misere und Verzweiflung entkommen werden
kann, ohne dass sich kommende Generationen mit der gleichen
Ausgangssituation konfrontiert sehen müssen. Wer nur noch
militärisch handelt, denkt schlussendlich nur noch in
militärischen Kategorien und vergisst den Beweggrund seiner
Handlung: die Notwendigkeit des Aufbaus neuer, bzw. im
zapatistischen Jargon autonomer Strukturen. Die EZLN hat es
geschafft, ihre eigene Berufung zu überwinden: Guerrillerxs, die
statt auf Kugeln auf das Wort setzen; statt neue militärische
Offensiven, wird der Ausbau des autonomen Gesundheits-, Justiz-
und Bildungssystems vorangetrieben.
Das Unvorhersehbare der gegenwärtigen
mexikanischen Situation. Mehr als 50 Millionen Menschen, die
offiziell als ökonomisch arm eingestuft sind. Tendenz steigend.
Mehr als 160 000 Tote und an die 30 000 offiziell anerkannte
gewaltsam verschwunden gelassene Mexikaner*innen seit Dezember
2006. Jährlich über 20 000 verschwundene aus Mittelamerika
kommende Migrant*innen; mehrere Feminizide pro Tag.
Zukunftsperspektiven für den Großteil junger Generationen:
informelle und prekäre Jobs, Auswandern in die USA, oder Teil der
lokalen organisierten Kriminalität werden.
Luis López, aus Mexiko-Stadt und Aktivist bei
einem Anti-Repressionsnetzwerk, welches der EZLN nahe steht, sagt
im Interview mit LCM über den aktuellen Gewaltkontext:
„All das lässt das soziale Gefüge zerbrechen. Die Gewalt drück
sich nicht ausschließlich auf politischer, sondern auf sozialer
Ebene aus: die Nachbarin, die keine Nachbarin mehr ist, sondern
eine potentielle Kriminelle. Großes Misstrauen und Angst entstehen
um uns herum.“ Es ist ein Pulverfass, was sich da in Mexiko
zusammenbraut. Allein im Bezirk von Tancítaro, gelegen im
westlichen Bundesstaat Michoacán und Ort einer popularen Erhebung
Ende 2013 gegen das organisierte Verbrechen, besitzen die Menschen
17 000 registrierte Waffen, die an sich genommen eigentlich
ausschließlich für die Armee bestimmt sind. Es sind hochkalibrige
Waffen. In Tancítaro wohnen nicht mehr als 35 000 Menschen.
Derjenige, der die Zahlen gegenüber dem LCM nennt, ist Teil der
lokalen Selbstverteidigungseinheiten. Er lacht. Denn zu den 17 000
müssten eigentlich noch all diejenigen Waffen gezählt werden, die
entweder nicht registriert wurden oder von kleineren Kalibern
sind. Wer glaubt, dass populare Erhebungen frei jeglicher Schuld
sind, der irrt. In manchen Gewaltkontexten, die weder Maß noch
Gnade kennen, verschwimmen oftmals die Linien. Bis zu einem
gewissen Grad wirst du selbst grausam.
Auch in dieser Hinsicht muss die Idee der EZLN
verstanden werden; als räumliche Alternative zur herrschenden
Realität „wo es Freiheit gibt, Ihre Freiheit; wo Sie auf die
Straße oder aufs Feld gehen können, ohne Angst zu haben, entführt,
verschwunden gelassen, vergewaltigt, ermordet zu werden; wo die
Regierung nicht angefüllt ist mit Kriminellen und die Gefängnisse
nicht voll von Unschuldigen“, wie es Subcomandante Insurgente
Moisés jüngst in einem Kommuniqué darlegte.Und angesichts einer Realität, die für die kommenden Jahre nichts Gutes für Mexiko parat haben: der Vorschlag scheint sich in der Logik der mexikanischen staatlichen Institutionen zu bewegen, benutzt diese jedoch letztlich nur. Es dreht sich keineswegs um die Wahlen und ihrer zeitlichen Beschränkung der politischen Aktivitäten, sie sind Anlass und Bühne, nie aber Grund und Ziel. Es ist vielmehr der erneute Versuch, einen landesweiten Organisierungsprozess von unten anzustoßen, welcher dazu fähig ist, einen gesellschaftlichen Transformationsprozess zu initiieren.
Als bei besagten Zusammenkommen im August vor zwei Jahren am letzten Tag alternativen Medien und Anhänger*innen der Sexta der Zugang gewährt wurde, konnte ein kleiner Ausdruck zapatistischer Politik erlebt werden: Teile der Generalkommandatur kamen auf Pferden angeritten, ritten Richtung Bühne und verschwanden dahinter; zeitgleich erfolgte ein aufgeregtes Hin und Her zwischen den freien Medien, Fotos wurden geschossen und sich schließlich wieder vor der Bühne versammelt. Von ihren Blicken unbemerkt tauchten 40 Meter auf der gegenüberliegenden Seite einige Sekunden darauf Subcomandante Insurgente Galeano, Subcomandante Insurgente Moisés sowie Comandante Tacho auf, nahmen an einem Tisch Platz und schauten dem Treiben belustigt zu. Galeano ergriff das Wort, doch es dauert noch zwei, drei Minuten bis die Medienschaffenden bemerkten, dass sie den Zapatistas auf den Leim gegangen sind. Eiligst passierten sie die Diagonale der Milizionäre und versuchten sich erneut zu positionieren. „Das, was ihr gerade vor einigen Momenten gesehen habt, nennt man in militärischen Termini ein Täuschungsmanöver, im Alltagssprech ist es Magie. Und das, was einige Minuten dauerte, musste jemand anderes 20 Jahren so machen, damit es letztlich so klappt“, kommentierte Galeano.
***
Noch dauert es mehrere Wochen, bis die
Entscheidung des CNI bekannt gegeben wird. Dass ein neuer
politischer Prozess im Gange ist, steht derweil außer Frage. Und
so wichtig die Figur einer indigenen Präsidentschaftskandidatin
auch ist, genauso entscheidend wäre der Indigene Regierungsrat im
Sinne einer kollektiven Instanz, welche gegenüber ihren eigenen
Basen gehorchend regiert. Seit 1994 führen die Zapatistas die
Politik der symbolischen Repräsentation [3] meisterhaft, doch
gleichbedeutend als Motor zur Veränderung der sozialen
Verhältnisse ist dies noch lange nicht, sondern vielmehr Ausdruck
ihrer zugrunde liegenden materiellen Prozesse. Auf einem von der
EZLN veranstalteten Kongress im Mai 2015 ließ Galeano hinsichtlich
der Beteiligung der Frauen innerhalb der zapatistischen
Organisation wissen: „Und lassen Sie mich Ihnen sagen, dass dies
nur möglich war bis mindestens zwei fundamentale Sachen
passierten: die eine, der Wandel in den Besitzverhältnissen über
die Produktionsmittel, und die zweite, die Übernahme und
Ausführung ihrer eigenen Entscheidungen, d.h., der Politik.“ [4].
Die Zapatistas haben immer wieder betont, dass
sie kein Beispiel sondern eine Erfahrung sind; dass für sie die
wichtigste Solidarität diejenige ist, die sich in den eigenen
Räumen organisiert und davon ausgehend Politik macht. Eine
Erfahrung ist bis hierhin unwiderruflich; und mit Blick auf die
eingangs benutzte Metapher: kein Wein in Schläuchen, sondern Pozol
aus Jicaras – ein maishaltiges stärkendes
Erfrischungsgetränk, das aus einer aus der Jicaro-Frucht
hergestellten kleinen Schüssel oder Tasse getrunken wird.
Vorzufinden in indigenen Gemeinden im mexikanischen Südosten. Wer
sich neu erfindet und sich dennoch treu bleibt; wer überraschen
kann, ohne dabei seinen radikalen Gehalt und Ausrichtung zu
verlieren, ist letztlich in der Lage, politische Konflikte
erfolgreich auf lange Sicht zu führen. In den Worten
von Moisés: „Der Weg wird aus der Wut und dem Schmerz entspringen.
Er wird aus dem Widerstand und der Rebellion hervorgehen. Der Weg
wird aus seinem kollektiven Herzen entspringen. Nicht aus einem
Individuum oder einer einzelnen Person. Aus dem Kollektiv wird er
hervorgehen – so wie wir, die wir sind, was wir sind.“
_________________
[1] „Zwischen Licht und Schatten“, so lautet der
Name des letzten Kommuniqués von Subcomandante Insurgente Marcos
vor seinem theatralischen Ableben am 25. Mai 2014 auf
zapatistischen Gebiet in La Realidad. Bis heute ist er der meist
gelesene Text der letzten Jahre auf der Homepage der EZLN. Die
damals kurz nach Mitternacht verlesenen Worte sind nicht nur eine
Abrechnung mit all jenen, die in den 20 Jahren davor Marcos
verehrt oder verteufelt hatten, sondern eine zusammengefasste
Reise durch die zapatistische Politik mitsamt ihren
Errungenschaften nach dem bewaffneten Aufstand. Eine politische
Pflichtlektüre, deren Wert über die geographischen Grenzen Chiapas
und Mexikos hinausgeht.
[2] Eine lose mexikoweite und internationale
Struktur, die sich um die Sechste Deklaration aus dem
Lakandonischen Urwald mobilisiert und organisiert, die im Juni
2005 von der EZLN veröffentlicht wurde
[3] Eine Politik der Repräsentation, die in
Mexiko und in Lateinamerika Wellen geschlagen hat. Allein deren
derart starke öffentliche Betonung der indigenen Identität (durch
Kleidung und Sprache z.B.) hat zu einer Stärkung des indigenen
Selbstbewusstseins auch unter Nicht-Zapatistas geführt. Vor dem 1.
Januar 1994 in San Cristóbal de las Casas war es für die indigene
Bevölkerung verboten, öffentliche Plätze zu betreten bzw. für sich
zu beanspruchen. Genauso musst ein Indigener den Bordstein
verlassen, sobald ein Mestizo oder Weißer ihm entgegenkam, um ihm
Platz zu machen. Verhältnisse, die heute so nicht mehr vorstellbar
sind.
[4] Subcomandante Insurgente Galeano, 2015,
Etcétera, in: EZLN, El pensamiento Crítico Frente a la Hidra
Capitalista I, S. 263. Die Beiträge wurden später in Buchform
herausgegeben. Die übersetzte deutsche Fassung wurde bei der
diesjährigen Gegenbuchmasse in Frankfurt am Main vorgestellt und
ist im Unrast-Verlag unter dem Titel „Das kritische Denken
angesichts der kapitalistischen Hydra“ erschienen. Zum Teil sind
die Beiträge auch online
verfügbar.
http://lowerclassmag.com/2016/11/die-kunst-der-anderen-politik/_______________________________________________
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