Von Gerold Schmidt
(Mexiko-Stadt, 21. November 2016, poonal).- Die argentinische
Wissenschaftlerin Alicia Massarini von der Universität von Buenos
Aires zeichnete in Mexiko ein verheerendes Bild von 20 Jahren
Gensoja in ihrem Land. Auf dem Forum „Wissenschaft, Technologie
und Macht“, veranstaltet von der Organisation ETC und der
Vereinigung Gesellschaftlich Engagierter Wissenschaftler*innen
UCCS (Unión de Científicos Comprometidos con la Sociedad),
beschrieb sie die Folgen für Umwelt, Ernährungsproduktion und
Beschäftigung. Der Anbau von Gensoja, der auf einer Fläche von 1
Million Hektar begann, beanspruche inzwischen 22 Millionen Hektar.
Anbau von Gensoja: kurzfristig rentabel – mit
langfristigen Folgen
Der großflächige Anbau benötige nur wenige Arbeitskräfte und
habe zum Sterben kleiner und mittlerer landwirtschaftlicher
Betriebe beigetragen. 300 Dörfer auf dem Land seien aufgrund
weggefallener Arbeitsplätze aufgegeben worden. Die
Nahrungsmittelproduktion würde verdrängt, da die ausschließlich
für den Export bestimmte Gensoja rentabler sei. Der Soja-Boom
weite auch die Agrargrenze zu Lasten des Waldes und andere
Ökosysteme aus. „Bald werden diesen Böden nicht mehr für die
Landwirtschaft taugen und die Wälder sind verloren.“
Jahr für Jahr gehe der Anbau der Gensoja mit dem Versprühen von
250 Millionen Litern von Agrargiften, vor allem von Glyphosat,
einher. Der Boden werde so erschöpft, die Menge der Nährstoffe
nehme ab. Gleichzeitig produzierten die Agrargifte starke
Gesundheitsprobleme im Zentrum Argentiniens, wo 12 Millionen
Menschen leben. Glyphosat und andere Gifte würden praktisch über
der Landbevölkerung, nur wenige Meter von den Wohnstätten
entfernt, versprüht. Die Krebsrate betrage das Dreifache des
nationalen Durchschnitts.
Argentinische Studie von Damián Verzeñassi kritisiert
Glyphosat-Anwendung
Auf dem erwähnten Forum wurde zum Thema Gesundheitsfolgen auch
eine Studie des Arztes und Forschers Damián Verzeñassi von der
Universität von Rosario vorgestellt. Sein Team interviewte etwa
100.000 Personen an 26 Orten in der zentralen Sojaregion
Argentiniens, die die Provinzen Santa Fe, Córdoba, Entre Ríos
und Teile von Buenos Aires umfasst. Dabei stießen sie auf
gehäufte Erkrankungen der Schilddrüse, Atmungsprobleme und
Fehlgeburten über die in nationalen Statistiken laut Studie so
nicht berichtet wird. Das Forscher*innenteam sieht die massive
Anwendung von Glyphosat in der Region als wahrscheinliche
Ursache für die gehäuften Krankheitsbilder an.
Bereits vor Jahren hatte der 2014 verstorbene argentinische
Molekularbiologe Andrés Carrasco auf die Gesundheitsgefahren von
Glyphosat und anderer Pestizide aufmerksam gemacht. Wie damals
Carrasco wird auch Verzeñassi für seine Forschungen und seinen
Aktivismus angefeindet. Als er Mitte Oktober nach einem Auftritt
beim in Den Haag durchgeführten „Monsanto-Tribunal“ nach
Argentinien zurückkehrte, fand er seine Büroräume an der
Universität von Rosario mit einer Kette verschlossen vor. Zudem
sah er sich einem Verfahren gegenüber, mit dem sein Dekan
offenbar seine Entlassung erreichen wollte. Es gab eine
internationale Solidaritätsaktion. Der Rektor der Universität
wies den Dekan vor wenigen Tagen an, jegliche Maßnahmen gegen
Verzeñassi einzustellen.
Mexiko: Behörden genehmigten Anbau von Gensoja –
Maya-Gemeinden wehren sich
Der Vorfall hinderte den Arzt jedoch daran, persönlich nach
Mexiko zu kommen. In Mexiko wird seit Jahren kontrovers über den
Anbau von Gensoja und die damit einhergehende massive Anwendung
von Glyphosat diskutiert. Die Regierungsbehörden hatten 2011 den
kommerziellen Gensoja-Anbau in sieben Bundesstaaten auf einer
Gesamtfläche von 253.500 Hektar genehmigt. Besonders auf der
Halbinsel Yucatán mit den drei Bundesstaaten Yucatán, Campeche
und Quitana Roo wehren sich die Maya-Bevölkerung und zahlreiche
Organisation aber bisher erfolgreich gegen das Vorhaben
(Hinzugezogene Quellen: http://www.jornada.unam.mx/2016/11/14/sociedad/045n1soc, http://www.jornada.unam.mx/2016/11/09/sociedad/040n1soc ).
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