Samstag, 17. August 2013
"Die Leiden eines geplagten Bahnreisenden" von Günter Ackermann
Im ICE von Berlin nach Duisburg vor ein paar Jahren: Zunächst ging alles normal. Der Zug fuhr in Berlin pünktlich ab und auch bis Hannover ohne Vorkommnisse. Hinter Hannover blieb der Zug auf offener Strecke stehen und stand und stand. Dann eine Durchsage. Es gäbe eine kleine Störung am Stromabnehmer, die man aber schnell behoben haben werde. Die Fahrt ginge bald weiter.
Denkste! Dann fiel die Stromversorgung aus und die Notbeleuchtung ging an. Weiter warten. Dann wieder die Info, der zweite angekoppelte Zug schiebe den Gesamtzug in den Bahnhof Wunsdorf, hier sollen alle Reisenden aussteigen und auf Gleis XY warten. Hier hielten alle ICE und IC-Züge außerplanmäßig um uns aufzunehmen.
Also über Treppen erst runter dann rauf zu Gleis XY und warten. Nach längerer Zeit kam ein Zug in Richtung Köln, ein IC, der hielt an und wir stiegen ein.
Trotz, dass der Zug recht voll war, fand ich einen Sitzplatz. Ich wunderte mich darüber, dass die Waggons etwas außergewöhnlich warfen. Machte mir aber erstmal keine Gedanken. Im Gespräch mit anderen Fahrgästen erfuhr ich, dass dies ein Ersatzzug für einen IC aus Frankfurt/Oder sei, der in Berlin die Reisenden aus dem defekten IC aufgenommen habe. Und jetzt saßen wir im Ersatzzug als Ersatz für unseren gestrandeten ICE.
Ankunft in Hamm (Westfalen). Das ist ein Kopfbahnhof, also standen wir da etwas länger. Mir schien, dass es im Abteil nach verbrannten Kabeln roch. Als aber dann der Zug sich in Bewegung setzte, verwarf ich meine schwarzen Gedanken.
Ankunft in Dortmund – es war bereits tief in der Nacht. Mein ursprünglicher Zug hätte kurz nach 23:00 Uhr in Duisburg sein müssen, jetzt war es nach 1:00 Uhr. Durchsage über die Zuglautsprecher: Der Zug habe eine Störung, man solle aussteigen. Auf Gleis YX stünde ein Ersatzzug bereit. Also wieder hastig Gepäck nehmen und rüber zum erneuten Zug. Der endlich brachte mich mitten in der Nacht nach Duisburg. Ich hatte von Berlin bis hier drei Züge verschlissen.
Meine Frau, die mich abholen wollte, hatte das alles im Internet verfolgt. D.h. soweit möglich. Der ursprüngliche ICE hatte danach erstmal nur Verspätung, dann aber verschwand er ganz. Ohne Erklärung, weg, ab ins Nirwana. Ich konnte sie zunächst nicht mit Handy anrufen, der Akku war leer und im ICE war der Strom ja abgestellt worden. Erst im Ersatzzug konnte ich das Handy wieder aufladen und rief sie an um ihr alles zu erklären.
Vergangener Samstag, den 4. August, Essen Hauptbahnhof. Mit meiner sechs Jahre alten Enkelin wollte ich zu uns nach Hause in Duisburg fahren. Das Gleis, von dem die Züge hierher abfahren, ist Gleis 2. Als ich aus dem Aufzug ausstieg, stand da ein Doppelstockzug. Das ist nicht außergewöhnlich, also meinte ich, dort einsteigen zu können. Glücklicherweise sah ich auf die Anzeige und stelle fest, dass das ein Regionalexpress nach Hamm ist. Der aber gehört hier nicht hin. Der Bahnsteig war voll von Menschen und es kamen dann die Durchsagen über Lautsprechen: ICE nach München fällt heute aus, IC nach XY fällt heute aus usw. Ich sagte der Kleinen, dass wir zur S-Bahn gehen werden, denn die RE-Züge führen nicht.
Also zu Gleis 7. Als wir oben ankamen, fuhr eben die S1 vom Bahnsteig. Pech! Aber Irrtum, die Bahn fuhr ohne Fahrgäste aufs Abstellgleis. Also auch hier Fehlanzeige. Jetzt gab es nur noch eine Möglichkeit: Es gibt eine U-Bahn von Essen nach Mülheim/Ruhr und dort eine Straßenbahn nach Duisburg. Während die Zugfahrt Essen – Duisburg mit der S-Bahn 20 Min dauert, dauerte die U-Bahn- und Straßenbahnfahrt mindestens eineinhalb Stunden, aber wir hatten keine andere Möglichkeit.
Sonstige Erfahrungen:
Duisburg Hbf., S-Bahn S1: Ein Reisender hatte offenbar verpasst, dass sein Ziel erreicht war und wollte im letzten Moment aussteigen. Er hatte einen Rucksack auf dem Rücken, die Tür ging trotzdem zu und er blieb mit dem Rucksack hängen, der Zug fuhr ab. Offenbar hatte die Tür keine Sicherung oder diese war defekt. Der Fahrgast konnte sich noch vom Rucksack befreien, ihm passierte nichts – sein Rucksack klemmte aber in der Tür.
Essen-West, S-Bahn S1: Der Zug hält hier normalerweise nur ein paar Minuten, jetzt stand er schon etwa 10 Minuten. Leute vom Sicherheitsdienst, die zufällig im Zug waren, rannten aufgeregt hin und her.
Des Rätsels Lösung: Eine Frau mit Kinderwagen wollte einsteigen. Als sie eben den Wagen in den Einstieg geschoben hatte, ging die Tür zu, die Mutter draußen, der Kinderwagen mit Kind festgeklemmt in der Tür. Glücklicherweise hatten andere Reisende die Notbremse gezogen und erneut zum Glück, Sicherheitsleute waren an Bord, die die Tür entriegelten und diese den Kinderwagen frei gab.
Die S-Bahnen haben seit Jahren kein Personal mehr an Bord, nur den Lokführer. Manchmal fährt zwar Sicherungspersonal mit, aber die sind schlecht bezahlt, manchmal gar Ein-Euro-Jobber, mit entsprechend geringer Motivation. Entsprechend sind dann häufig die Zustände im Zug, mit Belästigungen, Schmutz, Schäden usw.
Eine etwas kuriose Sache zum Schluss: Die neuen S-Bahnen des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) haben keine Toiletten mehr. Ein Reisender musste aber sehr dringend und, da zufällig Personal im Zug war, wandte er sich an die. Der B ahnangestellte meinte, der Fahrgast solle in den Abfallbehälter in der 1. Klasse pinkeln, was der auch tat. Die Sache flog auf und der Bahnangestellte bekam die Kündigung – allerdings kassierte die das Arbeitsgericht wieder.
Und ganz zum Schluss: Ein Rollstuhlfahrer kommt in Duisburg an, aber der Aufzug ist defekt. Über die Notrufsäule bittet er um Hilfe. Die Antwort: Man habe dazu kein Personal. Der Rollstuhlfahrer solle bis Düsseldorf fahren, dann wieder zurück, dann lande er auf einem Bahnsteig mit funktionieren Aufzug.
Und jetzt das Tollste: Die Berichterstattung über die Bahnmisere hat die wahren Schuldigen gefunden: Die Kommunisten in der DDR. Wegen der Fusion der Bundesbahn mit der Reichsbahn habe man Personal abbauen müssen, habe aber des Guten zuviel getan – Pech eben.
Der Goebbels scheint noch zu leben.
G.A.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen