Sonntag, 16. Juni 2013

„Viele klassenbewusste Arbeiter, die Zeugen der Ereignisse des 17. Juni waren, erklärten: Wir haben manchen Streik erlebt, aber wo Arbeiterheime zerstört, volkseigene Geschäfte geplündert und rote Fahnen heruntergerissen und verbrannt werden, dort kann von einem Kampf um Arbeiterinteressen nicht mehr die Rede sein, dort ist der Klassenfeind am Werk“ (Otto Grotewohl)

17. Juni: Opa Joachims Märchenstunde Von Carl Räumann Kommunisten-online – Bundespräsident Joachim Gauck ist bekanntlich alles andere als ein Freund der arbeitenden Menschen: Die kritische Debatte über den Kapitalismus findet er „unsäglich albern“, Montagsdemonstrationen gegen die Hartz-Gesetze „töricht“. Von Volksprotesten scheint er ebenso nichts zu halten: In der basisdemokratischen Bürgerbewegung gegen „Stuttgart 21“ sah er das negative Beispiel einer „Protestkultur“, „die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht“, den Ausdruck einer „deutschen Neigung zu Hysterie und Angst“, die ihm „abscheulich“ sei. Es muss folglich misstrauisch stimmen, wenn dieser Mann einen „Arbeiteraufstand“ lobt: „Der 17. Juni 1953 sei mehr als ein Arbeiteraufstand gewesen, sagte Gauck bei der Gedenkstunde des Bundestages zum Volksaufstand in der DDR vor 60 Jahren. ’Der Aufstand entsprang der millionenfach empfundenen Wut über Unrecht und unhaltbare Zustände – Arbeiter im Blaumann folgten ihm genauso wie Studenten, Landwirte und Hausfrauen’“ (dpa, 14. Juni 2013). Was hat es also mit dem vermeintlichen „Arbeiter-“ bzw. „Volksaufstand“, den die Herrschenden der BRD in jedem Juni aufs Neue beschwören, auf sich? Die Antwort lieferte ein gewisser Otto Grotewohl, an jenem schicksalsträchtigen 17. Juni 1953 Ministerpräsident der DDR, schon vor langer Zeit: „Viele klassenbewusste Arbeiter, die Zeugen der Ereignisse des 17. Juni waren, erklärten: Wir haben manchen Streik erlebt, aber wo Arbeiterheime zerstört, volkseigene Geschäfte geplündert und rote Fahnen heruntergerissen und verbrannt werden, dort kann von einem Kampf um Arbeiterinteressen nicht mehr die Rede sein, dort ist der Klassenfeind am Werk“ („Im Kampf und die einige Deutsche Demokratische Republik“, Band 3, Berlin 1954, S. 436f). Gewiss, der 17. Juni hatte als berechtigter Protest gegen überhöhte Arbeitsnormen begonnen, doch: „Als die T-34-Panzer rollten, waren die Normenerhöhungen längst zurückgezogen. Als die T-34-Panzer rollten, spielte die berechtigte Unzufriedenheit von Bauarbeitern schon keine Rolle mehr“ („Der Metzger“, Juli 2003). Die „Tradition des 17. Juni“ stellte Gauck in seiner Rede in Verbindung mit Werten wie „Freiheit, Demokratie und Recht“. Mit welchen Mitteln die „Aufständischen“ diese „Freiheit“ zu erkämpfen gedachten, geht aus den Schilderungen des (1981 als Antikommunist in die BRD übergesiedelten) DDR-Schriftstellers Erich Loest in dessen autobiographischem Buch „Ein Riss geht durch die Welt“ hervor: „L. nun also, als noch überzeugter Kommunist,… sieht sich im Schriftstellerverband durch die Gewalt der Aufständischen bedroht: Der Schriftsteller Max Zimmering kommt blutend und mit zerrissenem Jackett zur Sitzung, weil er nicht bereit gewesen war, sein Parteiabzeichen abzunehmen. Ein Rundgang draußen bringt keine Beruhigung: ’An der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden war inzwischen der Teufel los: Ein Zeitungskiosk stand in Flammen, ein Dutzend junger Burschen, Schlägertypen, beherrschte die Szene’. Anders als früher Brecht unterscheidet Loest nicht scharf zwischen protestierenden Arbeitern und solchen Schlägern; aber auch er berichtet von westlichen Geheimdienstlern, die ’Arbeitslose und Kriminelle, Jugendliche mit dem Drang zum Abenteuer, Russenfeinde und Rowdys’ mit dem Versprechen auf 50 Mark zum ’freiheitlich motivierten Brennen und Plündern’ über die Grenze geschickt haben. Der spätere, durchaus antikommunistische Loest ist korrekter Beobachter genug, um nicht die Beschreibung gemäß den Erwartungen seines neuen, westlichen Zielpublikums zu verfälschen“ („junge Welt“, 15. Juni 2013). Gauck stellte die Ereignisse des 17. Juni 1953 in seiner Ansprache unter das Thema eines „aufgeklärten Antikommunismus“. Diesen „aufgeklärten Antikommunismus“ kann man sich also wie folgt vorstellen: „Unbeteiligte Passanten – oder auch Mitdemonstranten – wurden grundlos als ’Spitzel’ angegriffen – nur, um irgendjemanden zusammenzuschlagen. Es gab Tote und Schwerverletzte. Es wurden – wieder einmal in Deutschland – Bücher verbrannt, Bücher, die von den Brandstiftern nicht verstanden, aber als Werke der Aufklärung sicher identifiziert wurden. Büros der SED gingen in Flammen auf. Dabei kamen Menschen ums Leben, Menschen, die in den Hitler-Tyrannei knapp mit dem Leben davongekommen waren, fielen den Totschlägern des 17. Juni in die Hände. Aus Gefängnissen wurden ’politische Gefangene’ befreit: SS-Leute, die wegen schwerster Verbrechen verurteilt worden waren. Ein Polizist wurde, mit einem Seil an einem Auto festgebunden, durch die Straßen zu Tode geschleift. Wer es wagte, sich der wütenden Menge entgegenzustellen, sei es, um zu verhindern, dass Läden geplündert und – wieder einmal in Deutschland – Schaufensterscheiben zerschlagen wurden, hatte Glück, wenn er mit dem Leben davonkam“ („Der Metzger“, Juli 2003). Der 17. Juni 1953, dies sei abschließend gesagt, war ein – glücklicherweise vereitelter – konterrevolutionärer Putschversuch gegen einen fortschrittlichen, antiimperialistischen Staat – niemand hat dies besser zum Ausdruck bringen können als Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU): „’Es war ein Tag, der nicht gut ausging, aber später seine Wirkung entfaltete.’ Lammert verwies auf die aktuellen Freiheitsbewegungen in Syrien, dem Iran und in Weißrussland…“ (dpa, 14. Juni).

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