Randbemerkung: Der von mir sehr geschätzte
Georg Schramm macht einen semantischen Unterschied zwischen
(blinder) Wut und dem Zorn, den er als "Helfer der Vernunft"
betrachtet.
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Wut sucht Alternative
Mexiko Der Zorn aufs Establishment hat den Linken
López Obrador trotz des internationalen Rechtsrucks zum
Präsidenten gemacht, meint der Globalisierungskritiker
John Holloway
John Holloway
Es sind aufregende Zeiten.
Zum ersten Mal in der Geschichte Mexikos gewinnt eine linke
Partei die Wahlen – und das mit einer deutlichen Mehrheit. Die
Mexikaner haben Andrés Manuel López Obrador bei der
Präsidentschaftswahl mehr als 53 Prozent der Stimmen gegeben.
Das sind 30 Prozent mehr als seinem größten Rivalen (Ricardo
Anaya von der Mitte-Rechts-Partei PAN). López Obradors Partei
Morena erreichte bei den Bundeswahlen ebenfalls einen
Erdrutschsieg, der ihr zahlreiche politische Ämter bringt.
Es weht ein frischer Wind
durch Mexiko. Es wäre eine Katastrophe gewesen, wenn seine
Kontrahenten gewonnen hätten. Das Wahlergebnis pustet aber
auch einen ebensolchen frischen Wind in die Welt, in der
dieser Tage so viele andere Wahlergebnisse einen starken
Rechtsruck dokumentieren, sei es in den USA, in Deutschland,
Argentinien, der Türkei, Italien oder bei der
Brexit-Entscheidung in Großbritannien.
López Obradors Sieg ist das
Ergebnis von wachsender Wut. Wut über den extremen Anstieg von
Gewalt, von Korruption, von Ungleichheit. Er zeugt von der
Verdrossenheit der Menschen gegenüber den etablierten
politischen Parteien, die mit diesen Phänomenen verknüpft
sind. Aber warum sucht die Wut in Mexiko die Alternative
links, während sie in so vielen anderen Ländern zu einer
Rechtsbewegung geführt hat? Vielleicht ist López Obradors
besondere Beharrlichkeit der Grund – vielleicht sind es auch
die unzähligen unsichtbaren gesellschaftliche Kämpfe, die in
diese Richtung drängen.
Wenn López Obrador im
Dezember sein Amt antritt, lasten enorme Erwartungen auf ihm.
Es herrscht das starke Gefühl, dass es mit Mexiko bergab
gegangen ist, dass die Dinge in Ordnung gebracht werden
müssen, dass wir zu einem Land zurückkehren müssen, das
sicher, weniger korrupt, weniger voller schrecklicher Armut
ist.
Wird der neue Präsident
diese Erwartungen erfüllen? Es wird wahrscheinlich einige
Verbesserungen geben, vielleicht einen Rückgang der Gewalt in
den Drogenkriegen. Aber unterm Strich wird López Obrador wohl
den Weg aller linken Regierungen hin zu Kompromiss und
Desillusionierung gehen.
Alle linken Regierungen
arbeiten in einer kapitalistischen Welt und haben nicht die
Macht, die sie zu haben versprechen. Das kapitalistische
Umfeld zwingt sie, sich gegen ihre eigenen Wähler zu wenden.
In seiner Siegesrede hat López Obrador deutlich
gemacht, dass er nichts tun wird, was Banker und Industrie
stört. Wenn nicht die sozialen Kämpfe in der Bevölkerung ihn
darüber hinaus treiben, was er bisher will – Reformen in der
Bildung und im Energiesektor, Reduzierung der Zerstörung durch
die Bergbauindustrie) –, dann werden Desillusionierung und Wut
weiter wachsen.
Und wogegen wird sie sich
dann richten? Wir brauchen viel mehr als eine Veränderung der
regierenden Partei.
John Holloway ist irisch-mexikanischer
Politikwissenschaftler und lehrt an der Autonomen
Universität in Puebla, Mexiko. Sein Buch Die Welt
verändern, ohne die Macht zu übernehmen (2002)
entfachte in der globalisierungskritischen Bewegung eine
Debatte über alternative Politikmodelle
Übersetzung: Carola Torti
Übersetzung: Carola Torti
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