Dienstag, 31. Januar 2017

Wider den Block der Rechten und Trotzkisten V

Bucharin teilte mir auch mit, dass sie beschlossen hatten, individuellen Terror anzuwenden, um Stalin loszuwerden.


 

trotzkismus

Die Erinnerungen von Jules Humbert-Droz*** und Bucharins Pläne, Stalin ermorden zu lassen

Aus: Grover Furr, „Trotsky’s Amalgams‘, Kettering/Ohio/USA 2015, S. 179ff, deutsche Übersetzung

Einleitung:

Nikolai Bucharin wurde 1988 von Gorbatschow rehabilitiert. Das beim dritten Moskauer Verratsprozess gegen ihn ergangene Urteil des Obersten Gerichts der UdSSR vom März 1938 wurde für null und nichtig erklärt. Ein Grund für seine Verurteilung waren auch seine Pläne gewesen, Stalin ermorden zu lassen. Professor Grover Furr fand heraus, dass er aber schon 1928 seinem Schweizer Freund Jules Humbert-Droz gegenüber von den Plänen gesprochen hatte, Stalin umbringen zu  lassen. Humbert-Droz hat in seinen Erinnerungen davon gesprochen. Das würde bestätigen, dass es diese Pläne tatsächlich gegeben hat und dass die Rehabilitierung Bucharins zu Unrecht erfolgte.
Hier der diesbezügliche Auszug aus Humbert-Droz‘ Erinnerungen (Schweiz 1971):
   Bevor ich ging, besuchte ich Bucharin ein letztes Mal. Ich wusste nicht, ob ich ihn bei meiner Rückkehr noch einmal wiedersehen würde. Wir hatten ein langes und offenes Gespräch. Er hielt mich auf dem Laufenden, was die Kontakte seiner Gruppe mit der Sinowjew-Kamenjew-Fraktion anging, um den Kampf gegen Stalins Macht zu koordinieren. Ich unterließ es nicht, ihm zu sagen, dass ich diese Verbindung zu den Oppositionellen nicht billigte:
   „Der Kampf gegen Stalin ist kein politisches Programm. Wir hatten gute Gründe, das Programm der Trotzkisten in den entscheidenden Punkten zu bekämpfen, die Gefahr der Kulaken in Russland, der Kampf gegen die Einheitsfront mit den Sozialdemokraten, die chinesischen Probleme, die sehr kurzsichtige revolutionäre Perspektive usw. Am Tag nach dem gemeinsamen Sieg gegen Stalin werden uns die politischen Probleme wieder entzweien. Dieser Block ist prinzipienlos. Er wird sich wieder auflösen, bevor irgendetwas erreicht worden ist.“
Bucharin teilte mir auch mit, dass sie beschlossen hatten, individuellen Terror anzuwenden, um Stalin loszuwerden. Auch in  diesem Punkt brachte ich meine Vorbehalte zum Ausdruck: Die erneute Anwendung des individuellen Terrors im politischen Kampf aus der Zeit der Russischen Revolution könnte sich sehr schnell gegen jene wenden, die ihn anwendeten, und dieser individuelle Terror ist auch nie eine revolutionäre Waffe gewesen. „Meine Meinung ist, dass wir den ideologischen und politischen Kampf gegen Stalin fortsetzen sollten. Seine Linie wird schon in der nahen Zukunft zur Katastrophe führen, die den Kommunisten die Augen öffnen und zu einer Änderung ihrer Orientierung führen wird. Der Faschismus bedroht Deutschland, und unsere Partei der Phrasendrescher (gemeint die damalige KPD-Führung um Ernst Thälmann – Übers.) wird nicht in der Lage sein, das zu verhindern. Bevor die Kommunistische Partei Deutschlands ihr Debakel erlebt und bevor sich der Faschismus auf Frankreich und Polen ausdehnt, muss die Internationale ihre Politik ändern. Das wird dann unsere Stunde sein. Es ist deshalb nötig, dass wir die Disziplin wahren, die sektiererischen Beschlüsse mit durchführen, nachdem wir die linken Irrtümer und Maßnahmen bekämpft haben, aber den Kampf ausschließlich auf politischem Gebiet fortsetzen.“
   Bucharin hatte zweifellos verstanden, dass ich mich nicht blind an seine Fraktion binden würde, deren einziges Programm darin bestand, Stalin aus dem Weg zu räumen.
Das war unsere letzte Begegnung. Es war klar, dass er kein Vertrauen in die Taktik setzte, die ich vorgeschlagen hatte. Er wusste auch bestimmt besser als ich, zu welchen Verbrechen Stalin fähig war. Kurz, jene, die nach Lenins Tod und auf der Grundlage seines Testaments Stalin politisch hätten ausschalten können, versuchten stattdessen, ihn physisch zu eliminieren, jetzt, wo er die Partei und den staatlichen Polizeiapparat fest in seinen Händen hielt.
So weit der Auszug aus Grover Furrs neuem Buch ‚Trotsky’s Amalgams‘.
Was hatte Bucharin bei seinem Prozess im März 1938, als er wegen Terrorismus, Hoch- und Landesverrat zusammen mit seinen Kumpanen auf der Anklagebank saß, bezüglich der Ermordung Stalins gesagt? Hier der Auszug aus den Prozessprotokollen:
Staatsanwalt: ‚Ich möchte wissen, ob Ihr Verhalten zum Terror ein positives war?‘
Bucharin: ‚Das heißt, was wollen Sie damit sagen?‘
Staatsanwalt: ‚Ob Sie ein Anhänger dessen waren, dass man die Führer unserer Partei und der Regierung ermordet?‘
Bucharin: ‚Sie fragen, … ob ich als Teilnehmer des Zentrums der Rechten und Trotzkisten ein Anhänger …‘
Staatsanwalt: ‚ … terroristischer Akte waren.‘
Bucharin: ‚Ich war es.‘
Staatsanwalt: ‚Gegen wen?‘
Bucharin: ‚Gegen die Führer der Partei und der Regierung.‘
Staatsanwalt: ‚Die Einzelheiten werden Sie nachher erzählen. Ungefähr 1929/30 wurden Sie ein solcher Anhänger?‘
Bucharin: ‚Nein, ich glaube ungefähr 1932.‘
Staatsanwalt: ‚Und im Jahre 1918 waren Sie nicht für die Ermordung der Führer unserer Partei und der Regierung?‘
Bucharin: ‚Nein, nicht.‘
Staatsanwalt: ‚Waren Sie für die Verhaftung Lenins?‘
Bucharin: ‚Für die Verhaftung? Es kamen zwei derartige Fälle vor. Von einem Fall erzählte ich Lenin selbst, den anderen verschwieg ich aus konspirativen Erwägungen, worüber ich, falls es Ihnen beliebt, ausführlichere Erläuterungen geben kann. Das war der Fall.‘
Staatsanwalt: ‚Das war der Fall?‘
Bucharin: ‚Ja.‘
(Prozessbericht über die Strafsache des Antisowjetischen ‚Blocks der Rechten und Trotzkisten‘, verhandelt vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR vom 2. – 13. März 1938, Moskau 1938, Red Star Press, London, 3. Auflage 1987, S. 411f).
Bucharin hatte auch angegeben, dass er nicht gefoltert oder zu seinen Aussagen auf andere Weise gezwungen worden war, dass man keine Hypnose und Ähnliches anwandte, um ihn zu den Äußerungen zu bewegen und dass er sich während seiner Haft wissenschaftlich und literarisch betätigen durfte. Aber seine Äußerung gegenüber Humbert-Droz, die ja nicht ‚erfoltert‘ worden sein kann, spricht für sich allein schon dafür, dass er tatsächlich ein antisowjetischer Terrorist war – ähnlich wie Trotzki und andere und dass er zu Recht verurteilt wurde, was auch heißt, dass er 1988 von Gorbatschow nicht rehabilitiert werden durfte. Wenn Gorbatschow dies tat, dann hat er gezeigt, wo er politisch stand.
Schlussfolgerungen:
Humbert-Droz, ein politischer Weggefährte Bucharins, bestätigt in seinen Erinnerungen, dass Bucharin und seine Gruppe schon 1928 vorhatten, Stalin zu ermorden. Er bestätigt das, was Bucharin dann zehn Jahre später vor dem Obersten Gericht der UdSSR zugeben sollte, nur mit dem Unterschied, dass Bucharin den Beginn seiner terroristischen und antisowjetischen Betätigung um vier Jahre nachverlegte, nämlich auf das Jahr 1932, was offensichtlich gelogen war.
Gorbatschow rehabilitierte jemand, der nicht nur zugab, Stalin und andere Sowjetführer ermorden zu wollen, sondern der schon 1918 zusammen mit seinen Gesinnungsgenossen vorhatte, Lenin zu verhaften und damit politisch auszuschalten.
***Jules Humbert-Droz (1891 – 1971). Schweizer. Er war Mitarbeiter der Komintern und Mitglied der KP der Schweiz, später deren Präsident (Generalsekretär).
Jules Humbert-Droz  war Mitglied der parteifeindlichen Fraktion von Nikolai Iwanowitsch Bucharin („Bereichert Euch!“). Er wurde daher von seiner Funktion als Generalsekretär der KP der Schweiz entbunden und 1943 wegen liquidadorischer Bestrebungen aus der Partei ausgeschlossen.

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