Dienstag, 31. Januar 2017

Luthers ungeliebte Brüder und Genossen (Peter Arlt)

 
Ob Luther als Bibel-Allwissender die Frage hätte beantworten können, die für ihn der russische Schriftsteller und sowjetische Seemann Viktor Konezki in der satirischen Erzählung »Der redigierte Mythos« aufgeworfen hatte: »Was hat Gott Ihrer Ansicht nach getan, bevor er in sechs Tagen die Welt erschuf?« Vorwitzig klärt heute der dichtende Kunstwissenschaftler Dieter Gleisberg ohne Bibelbezug auf, wie Gott vom Urknallbonbon des Teufels aus der Langeweile der Urvergangenheit herausgerissen wurde. Mit der Bibel als dem einzigen Kriterium der Wahrheit und Luthers tiefgründiger Bibelkenntnis und folglich gültigem Bibelverständnis wurden alle Brüder mit gleicher Selbstbehauptung zu ungeliebten Brüdern. Denn auch sie glaubten, im Besitz des vollständigen Verständnisses der Bibel zu sein und sie als einzige zu verstehen, so dass Luther ein Abtrünniger, ein Verräter sei. Tolerant waren Martin Luther und seine Gegner nicht. Luther konnte es nicht sein, denn da er sich mit vollem Bewusstsein auf die Bibel bezog, mit ihr eins war, konnten nicht seine Aussagen falsch sein, sondern die der Leute, welche ihm widersprachen.

Die radikalen Brüder Luthers waren ihm so unbeliebt wie den Herrschenden in der Zeit damals und heute. Interessant war die Antwort des Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow auf die Frage, auf welche Veranstaltung im Reformationsjahr er sich besonders freue. Im Zentrum sah er den intensiven Wertediskurs, was die Reformation für uns heute bedeutet, wollte aber von den vielen Veranstaltungen als gerechter Landesherr keine hervorheben, tat es dann aber doch. Immerhin strahlte der Direktor der Mühlhäuser Museen, Thomas T. Müller, als Ramelow dessen Ausstellung »Luthers ungeliebte Brüder« lobte, weil hier die alternativen Reformationskonzepte in Thüringen, dem »Kernland der Reformation«, dargestellt werden. Mit »Stimmen der Reformation in Thüringen und Europa« war auch der Festakt auf der Wartburg überschrieben, mit dem Thüringen das Reformationsjahr einläutete. Ins Europäische erweiterte den Blickpunkt Tim Guldimann, der Botschafter der Schweizerischen Eidgenossenschaft, ein Sozialdemokrat, der sich als »Agnostiker mit katholischem Hintergrund« vorstellte und auf den schweizerischen Reformator Huldrych Zwingli hinwies. Dieser hat die Bürger davon überzeugt, mit den wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen weitermachen zu können. Also hat er eine »Reformation von unten« durchgeführt. Vereinigungsversuche mit Luther scheiterten an dogmatischen Differenzen. Vom einstigen, zu Kriegen führenden Gegensatz der Katholiken und Reformisten prägt sich zwischen ihnen heute in ökumenischen Veranstaltungen eine Toleranz aus. Dass es solche Bestrebungen auch in Thüringen gibt, beweisen engagiert der Bischof von Erfurt Ulrich Neymeyr und die Landesbischöfin Ilse Junkermann. Doch der Titel zur Reformationsdekade, »Luther 2017«, wie die meisten Veranstaltungen verraten den Lutherzentrismus. Selbst seine Mitstreiter, wie Philipp Melanchthon, Johannes Agricola oder Georg Burkhardt Spalatin, der Luthers Aufenthalt auf der Wartburg mit inszenierte, finden nur im »Halbschatten Luthers Platz«, kritisiert Müller. Theologen mit abweichenden Ideen, wie die Täufer oder der Bilderstürmer Andreas Bodenstein von Karlstadt, dessen Werk es war, dass Heilige geköpft wurden (Beispiele in der Ausstellung in Mühlhausen), erhalten jetzt, so sieht es Müller, »nicht einmal einen Platz auf der Ersatzbank des Jubiläumsteams«. Das gilt vor allem auch für die Brüder mit alternativen Reformkonzepten, wie die »falschen Propheten« Thomas Müntzer, der »ertzteuffel«, und Heinrich Schwertfeger, genannt Pfeiffer, im Eichsfeld und in Mühlhausen, oder Jacob Strauss in Eisenach mit seinen 51 Thesen gegen Wucherzinsen. Ihre vielen Wirkungsorte in Thüringen könnten aufgesucht werden, denn zahlreiche Thüringer Orte verfügen über baulich-räumliche Substanz aus Reformationszeiten. Selbstverständlich auch der Geburtsort des Neuhochdeutschen, Eisenach. In anderer Weise als in Eisenach leuchtet in Mühlhausen, dem revolutionären Herzen der Reformation, der Begriff »frühbürgerliche Revolution« auf. Bildgeworden in der Radierung »Losbruch«, 1902/03, von Käthe Kollwitz. Die Ausstellung zeigt diese Arbeit und Heinz Zanders achtteiligen »Bauernkriegszyklus« von 1980 und würdigt die historisch gerechte Darstellung der Reformation, die nicht das Werk Luthers allein gewesen ist, sondern Ergebnis der Bestrebungen vieler Theologen, maßgeblich der Bauern, auch des Bürgertums und nicht weniger Adliger.

Was die Reformation uns heute lehrt und woran die Geschichte von Reformation und Revolution erinnert? Ähnlich Luther und seinen ungeliebten Brüdern glaubten in der Vergangenheit der marxistischen Lehre manche, sie seien als einzige im Besitz des vollständigen Verständnisses, um den weiteren Weg oktroyieren zu können, und bezeichneten die anderen als Abtrünnige und Verräter. Niemand ist im Besitz der alleinigen Wahrheit, und die tolerante Anerkennung anderer Reformatoren-Ideen sollte allerdings nicht zum fehlenden Standpunkt führen: Man stehe, »wo man will«, eine Antwort von Brad S. Gregory, den Karlen Vesper in ihrer Rezension der Luther-Ausstellungen in den USA zitiert. Denn erst mit Bedacht des Erbes von Müntzer kommt man zum qualitativen Sprung.

»Luthers ungeliebte Brüder – Alternative Reformationsideen in Thüringen«, Exposition im Bauernkriegsmuseum Kornmarktkirche, Mühlhausen/Thüringen, bis 31. Oktober dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr

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