
„
Nach
Ansicht des Historikers Wolfgang Benz lassen sich aus der Geschichte
der NS-Zeit und des Widerstandes Lehren für die Gegenwart ziehen. Benz
sagte dem Deutschlandfunk, er sei sehr beunruhigt, dass im deutschen
Bundestag eine Partei sitze, deren Vormänner und Vorfrauen
Nazipropaganda machten. Ein Parteimitglied erkläre diese Epoche
deutscher Geschichte zu einem Vogelschiss, andere hetzten gegen Muslime
wie einst die Nazis gegen Juden. Er warne davor zu sagen, diese Leute
seien „nur Populisten“. Auch Adolf Hitler habe als Populist seine
politische Karriere begonnen „und nicht als politischer
Schwerverbrecher“, betonte Benz. Vergleiche er dieses stumpfe,
nationalistische Getöse der heutigen Zeit mit demjenigen von damals,
könne man sehr wohl aus der Geschichte der Nazi-Zeit einige Lehren
ziehen. Im Hinblick auf Vergleiche zwischen der Weimarer Republik und
der heutigen Zeit verwies Benz auf die Medien, die heute zwar auf Seiten
der Demokratie stünden – mindestens die öffentlich-rechtlichen, so der
Historiker. Doch seit dem Siegeszug des Internets und „der anonymen
Blogger, die aus der Sicherheit des Hinterhalts heraus undemokratisch
agitierten“, habe seine Zuversicht abgenommen…“ – aus der Einleitung zum
Interview „Historiker Wolfgang Benz: „Auch Hitler hat als Populist seine Karriere begonnen“ am 15. Juli 2019 im Deutschlandfunk 
über denkbare historische Parallelen und heutige Zustände… Siehe zu den
Verbindungen zwischen bürgerlicher Mitte und Rechtsradikalismus drei
weitere Beiträge zu verschiedenen Aspekten dieser Nabelschnur…
- „Den eigenen Frust kanalisieren“ von Gert Eisenbürger in der ila 421 (Dezember 2018)
ist eine Buchbesprechung von „Der Rechtsruck“ von Markus Metz und Georg
Seeßlen, worin zur konservativ-traditionalistischen Ideologie-Basis der
Rechten unter anderem darauf hingewiesen wird: „… Zentral für die
rechte Ideologieproduktion ist die Konstruktion von Gegensatzpaaren, wie
etwa „Provinz“ vs. „Stadt“ und „wir“ vs. „die Fremden“. Während sich
Letzteres sofort erschließt, mag Ersteres zunächst überraschen. Es geht
dabei auch nicht um reale Lebensverhältnisse, sondern um Symbolik und
Imagination. Provinz gilt als gesund, traditionsbewusst, sicher,
überschaubar, Stadt dagegen als chaotisch, unsicher, überfremdet,
unübersichtlich. Real sind ländliche Regionen heute vielerorts nicht
weniger differenziert, multikulturell, kreativ und offen im Umgang mit
Traditionen als städtische Räume mit ihren ethnisch und sozial stärker
abgegrenzten Wohnvierteln oder klientelorientierten Kultureinrichtungen,
die von kleinen Räumen für Avantgarde und innovative Experimente bis zu
großen Arenen reichen, wo häufig dumpfester Mainstream präsentiert
wird. Aber ideologisch wird etwa in den beliebten
TV-Unterhaltungssendungen der sogenannten „Volksmusik“ von mit Dirndeln
und Kniebundhosen verkleideten Schlagersänger*innen eine Fiktion des
Landlebens präsentiert, in der die Welt noch in Ordnung ist, wo Männer
noch Männer und Frauen noch Frauen sind und wo man noch unter sich ist.
Es ist das Bild eines pseudoharmonischen „wir“, das latent von den
„Fremden“ bedroht ist. Letzteren wird permanent unterstellt, dass sie
„uns“ etwas wegnehmen wollen, vor allem die Arbeit. Dabei zeigen die
Autoren, dass Arbeit die fixe Idee der Rechtspopulisten ist. Einerseits
werfen sie den Flüchtlingen vor, dass sie nicht arbeiteten und auf
„unsere Kosten“ Sozialleistungen bezögen. Andererseits wird behauptet,
sie würden uns „unsere“ Arbeit wegnehmen. In Abwandlung von Adornos und
Horkheimers Aussage „Wer vom Faschismus redet, darf vom Kapitalismus
nicht schweigen“ schreiben Metz und Seeßlen, wer vom Rechtspopulismus
rede, dürfe vom Neoliberalismus nicht schweigen...“
- „Der national-soziale Anstrich der AfD“ von Stephan Hebel am 17. Juli 2019 in der FR online
über die soziale Demagogie – und die Anknüpfungspunkte der Rechten an
bürgerliche Sozialkonzepte am Beispiel der Rente unter anderem (in einem
Gespräch mit Gerd Bosbach): „… Sie erinnert mich an einen
Gemischtwaren-Laden. Für die Besserverdienenden fordert Jörg Meuthen
mehr Privatrente. Eine Forderung, die sicher auch bei wohlhabenden
Partei-Spendern gut ankommt. Zugleich fordert Höcke für die Ärmeren und
Enttäuschten „Weg mit der Privatrente“ und eine Stärkung der
gesetzlichen Rente für Deutsche. So können sie überall Stimmen saugen.
Auch das kennen wir schon aus der Geschichte. Der eine Teil der NSDAP
hat mit der deutschen Groß- und Rüstungsindustrie geplant, der andere
mit abgeschriebenen sozialen Forderungen Stimmen gefangen. Die Folgen
waren damals katastrophal und für fast alle auch unsozial...“
- „Theodor
W. Adornos Rechtsradikalimus-Vortrag Die Mitte war niemals nazifrei“
von Arno Widmann am 15. Juli 2019 in der Berliner Zeitung online
über die Aktualität eines über 50 Jahre alten Vortrags von T.W.Adorno: „… Adorno
kannte aus diesen und anderen empirischen Untersuchungen des damals von
ihm geleiteten Frankfurter Instituts für Sozialforschung sehr genau die
Einstellungen der bundesrepublikanischen Bevölkerung zu zentralen
Themen. Er war auch vertraut mit der Propaganda der Rechtsradikalen. Er
war zu dem Schluss gekommen, dass „die Anhänger des Alt- und
Neufaschismus heute quer durch die Gesamtbevölkerung verteilt sind.“ Sie
waren keine Außenseiter, keine Deklassierten und Bei-Seite-Geschobenen.
Der Neofaschismus, erklärte Adorno 1967, sei anders als oft vermutet
eben gerade keine spezifisch kleinbürgerliche Bewegung. Wir lesen in
unseren Zeitungen, hören in unseren Nachrichten, der Rechtsradikalismus
sei in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Als handele es sich um
eine Invasion. Adornos Analyse sah anders aus: Der Produktionsprozess
selbst schaufelte die Gesellschaft um. Seine Verwerfungen zeigten sich
überall. (…) Ich las Adornos Vortrag ein paar Tage nach der Ermordung
des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. „Politische
Gruppierungen“, erklärte Adorno 1967, „überdauern Systeme und
Katastrophen. In Deutschland scheinen zum Beispiel alte
nationalsozialistische Zentren wie Nordhessen, wo es bereits in den
80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts eine wilde antisemitische Bewegung
gab, oder wie Nordbayern besonders anfällig zu sein.“ Um Kassel herum
liegen die Märchenwälder der Brüder Grimm, die Welt, in der man das
Gruseln lernte…“
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