Sonntag, 28. Juli 2019

Gespräch mit Gregor Kritidis über Griechenland nach der Abwahl der SYRIZA-Regierung: „Die Enteignungs- und Plünderungswelle wird weitergehen“


"... Ein gutes Beispiel für die Politik der Regierung Tsipras ist das 
in Griechenland wichtige Wohneigentum. Rund 70 Prozent der Menschen 
wohnen in einer Immobilie, die ihnen selbst gehört. Diese 
selbstgenutzten Wohnungen waren per Gesetz gegen Zwangsversteigerungen 
geschützt. Auf Druck der Troika wurde dieses Gesetz in weitreichendem 
Maße verwässert und die Zahl der Zwangsversteigerungen nahm zu. 
Allerdings gab es eine massive Protestwelle, bei der die Verfahren 
wirksam blockiert wurden. Auf Druck der Troika verabschiedete die 
Regierung schließlich ein Gesetz, das die Verfahren in Athen 
zentralisiert und digitalisiert hat. Der systematische Skandal dabei 
ist, dass die Banken, die von der Beschleunigung der Verfahren 
profitieren, bereits mehrfach mit staatlichen Mitteln rekapitalisiert 
worden sind. Auch wenn die Regierung Tsipras ein unwilliger 
Vollstrecker der Politik der Gläubiger gewesen ist, so hat sie doch 
der Troika keinen substantiellen Widerstand entgegengesetzt. Das hat 
vielen Menschen den Mut genommen und zu einer Demobilisierung der 
gesamten politischen Linken geführt. Es war daher absehbar, dass 
SYRIZA weiter an Stimmen verliert. (...) Da aus der laufenden 
wirtschaftlichen Aktivität in Griechenland die Staatsschulden nicht 
bedient werden können, wird die mit staatlichen Mitteln betriebene 
Enteignungs- und Plünderungswelle weitergehen, und die ND wird viel 
weniger Skrupel als SYRIZA haben, diese mit repressiven Mitteln 
durchzusetzen. Sehr wahrscheinlich wird das neue Protestbewegungen 
hervorrufen. Die Solidaritätsgruppen in Deutschland sollten die 
Entwicklungen genau verfolgen und gegebenenfalls über die bisherige 
Unterstützung der verschiedenen Projekte in Griechenland hinaus von 
Fall zu Fall für internationale Öffentlichkeit und Solidarität 
sorgen." Interview von Andreas Schuchardt mit Gregor Kritidis (pdf), 
Soziologe und seit vielen Jahren in der deutschen 
Griechenland-Solidarität aktiv. Es handelt sich um die Langfassung des 
Interviews aus der jungen Welt vom 19.7.19 (das wir verlinkt haten) - 
wir danken dem Autor!
http://www.labournet.de/wp-content/uploads/2019/07/Kritidis-Interview0719.pdf

Siehe im Dossier einen weiteren neuen Beitrag zu den ersten 
wirtschaftlichen Maßnahmen der neuen Rechtsregierung
http://www.labournet.de/?p=151892

Und zu politischen Maßnahmen: Was die neue griechische Rechtsregierung 
zuerst tut: Eine Offensive gegen linke Projekte in Athen organisieren
http://www.labournet.de/?p=152028

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