Dossier

„
Der
Mann, der am Montag im osthessischen Wächtersbach auf einen Eritreer
geschossen hat, tat dies aus rassistischen Beweggründen. Das teilten die
Ermittler am Dienstagvormittag in Frankfurt mit. Nach Erkenntnissen der
Behörden hatte ein 55-jähriger deutscher Staatsbürger am Montag gegen
Mittag einen 26-jährigen Eritreer mit einem Bauchschuss niedergestreckt.
Die Ermittler gehen inzwischen „ganz klar von einem fremdenfeindlichen
Motiv“ aus. Das Opfer habe den Anschlag schwer verletzt überlebt, der
Täter hat sich anschließend selbst erschossen. Das Opfer sei inzwischen
außer Lebensgefahr, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Alexander
Badle. Der Tatort liegt am Rande der kleinen Stadt, zwischen Bahndamm
und Autobahn. Nach taz-Informationen befindet sich in der gleichen
Straße ein Aus- und Weiterbildungszentrum, das Sprachkurse für Ausländer
anbietet. Der 26-Jährige besuchte dort Kurse. Nach den bisherigen
Erkenntnissen der Ermittler hat der mutmaßliche Todesschütze am Montag
gegen 13 Uhr aus dem Auto mit einer Pistole, Kaliber 9 Millimeter,
völlig überraschend auf den jungen Mann gezielt und ihm in den Bauch
geschossen. Täter und Opfer hatten bis zu diesem Zeitpunkt offenbar
nichts miteinander zu tun. Der 55-Jährige habe das Opfer danach aufgrund
seiner schwarzen Hautfarbe ausgewählt: „Zur falschen Zeit am falschen
Ort“ sei der junge Mann ins Fadenkreuz eines fremdenfeindlichen Schützen
geraten. Für einen rechtsextremistischen Hintergrund oder dafür, dass
der Mann „ideologisch oder politisch eingebunden“ war, gebe es bislang
keine Hinweise, so Sprecher Badle…“ – aus dem
Beitrag „Rassismus als Triebfeder“ von Christoph Schmidt-Lunau am 23. Juli 2019 in der taz online 
– woraus schon wieder allerlei Vermutungen über die Weltsicht der
zuständigen Staatsanwaltschaft hervorgehen, wenn Rassismus nun auch
nicht mehr rechts sein soll… Wer ist hier „Zur falschen Zeit am falschen
Ort“? Siehe dazu weitere aktuelle Beiträge – auch zu Protesten:
- [27. Juli 2019] Demonstration nach dem neuerlichen hessischen Mordversuch der Nazis / Neue Infos zum Umfeld des Täters
„… Die Ermittler fanden bei ihm zu Hause 1000 Schuss
Munition und 5 weitere Waffen. Zudem stießen sie auf NS-Devotionalien.
Auch der Wirt der Kneipe, Dirk Ruthofer, ist schon mehrfach mit
rassistischen und Reichsbürger-nahen Posts auf Facebook aufgefallen. Wir
sagen: es reicht! Schluss mit Naziterror! Seit Jahren radikalisieren
sich Nazis und fühlen sich durch das gesellschaftliche Klima in ihrer
Ideologie und ihren Taten bestärkt. Deswegen möchten wir am Samstag den
27. Juli um 14 Uhr laut und entschlossen auf die Straße gehen. In
Deutschland hat rechter Terror nach 1945 Kontinuität – nicht erst seit
dem NSU bewaffnen sich Nazis und ziehen mordend durchs Land. Auch das
Datum überrascht nicht: Am 22. Juli 2011 ermordete der norwegische
Rechtsterrorist Anders Breivik 77 Menschen, am 22. Juli 2016 erschoss
Ali David Sonboly in München aus rassistischen Motiven 9 Menschen.
Deswegen fordern wir: Rechten Terror benennen und bekämpfen! Nazis
konsequent entwaffnen und rechte Terrorzellen aufheben! Kommt am Samstag
zahlreich mit uns auf die Straße, um ein Zeichen zu setzen. In
Solidarität mit den Betroffenen rechter Gewalt und ihrer Angehörigen!
Kein Schlussstrich! Wir sagen: es reicht! Schluss mit Naziterror! Seit
Jahren radikalisieren sich Nazis und fühlen sich durch das
gesellschaftliche Klima in ihrer Ideologie und ihren Taten bestärkt.
Deswegen möchten wir am Samstag den 27. Juli um 14 Uhr laut und
entschlossen auf die Straße gehen. In Deutschland hat rechter Terror
nach 1945 Kontinuität – nicht erst seit dem NSU bewaffnen sich Nazis und
ziehen mordend durchs Land. Auch das Datum überrascht nicht: Am 22.
Juli 2011 ermordete der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik 77
Menschen, am 22. Juli 2016 erschoss Ali David Sonboly in München aus
rassistischen Motiven 9 Menschen. Deswegen fordern wir: Rechten Terror
benennen und bekämpfen! Nazis konsequent entwaffnen und rechte
Terrorzellen aufheben!…“ – aus dem
Aufruf „DEMONSTRATION NACH RASSISTISCHEM MORDVERSUCH IN WÄCHTERSBACH AM
27. JULI 2019 – 14 UHR WÄCHTERSBACH BHF“ am 25. Juli 2019 bei
de.indymedia
für die Demonstration am morgigen Samstag. Zu persönlichem und regionalem Umfeld des Täters zwei weitere aktuelle Beiträge:
- „Der Täter prahlte in der Dorfkneipe“ von Peter Nowak am 24. Juli 2019 in neues deutschland online
zu dem von der Staatsanwaltschaft eiligst als „Nicht-Rechter„ (sondern „nur“ Rassist…) eingeordneten Nazi-Täter: „… Mittlerweile
spricht auch die Bundesregierung von einer rassistischen Tat und folgt
in ihrer Einschätzung den Ermittlungsbehörden, die bereits am Dienstag
die Tat als rassistischen Mordversuch einstuften. Hinweise für eine
rechte Gesinnung des Täters will sie aber bislang nicht haben. Der
zuständige Oberstaatsanwalt in Frankfurt am Main sagte, dass es bislang
keine belastbaren Erkenntnisse darüber gebe, »dass Kontakte in die
rechtsnationale oder rechtsextreme Szene bestanden«. Der Verdacht aber
besteht weiterhin. Es gibt nämlich durchaus Hinweise darauf, dass K. aus
seiner rechten Gesinnung kein Geheimnis machte und damit in seinem
persönlichen Umfeld auf Akzeptanz stieß. Mehrere Medien berichteten,
dass Roland K. in seiner Nachbarschaft wegen seiner rechten,
fremdenfeindlichen Äußerungen seit Jahren bekannt war. Der Radiosender
Hitradio FFH zitierte einen Nachbarn mit den Worten, dass der 55-Jährige
bei manchen Sprüchen »schon sehr, sehr rechtslastig« gewesen sei. »Er
war da auf einer sehr stark deutschnationalen Richtung, das ist
fremdenfeindlich gewesen.«...“
- „Hessen hat akutes Problem mit rassistischem Terror“ von Ludger Fittkau am 24. Juli 2019 im Deutschlandfunk
zum weiteren Umfeld des Täters: „… Sicher,
viele der rund 190 Todesopfer rechtsextremer oder rassistischer Gewalt
in den vergangenen drei Jahrzehnten kommen auch aus anderen
Bundesländern. Es ist jedoch leider kein Zufall, dass Hessen in den
letzten Monaten zum Brennpunkt fremdenfeindlichen Terrors wird. Denn: Im
Dreiländereck Hessen, Niedersachen, Thüringen leben besonders
gewaltbereite Rechtsextremisten, deren Verbindungen von hier aus ins
Ruhrgebiet oder auch bis ins benachbarte Ausland reichen- etwa nach
Tschechien. „Combat 18“ – das ist etwa der Name eines weitgehend im
Untergrund agierenden Netzwerks fanatischer Rechtsradikaler, von denen
einige in Hessen leben. „Combat 18“ muss schleunigst verboten werden.
Doch damit allein wird das Problem rechter Terrordrohungen in Hessen
nicht aus der Welt zu schaffen sein. Gerade im Main-Kinzig-Kreis, in dem
gestern die Schüsse auf den jungen Mann aus Eritrea fielen, haben
Morddrohungen auch gegen Politiker, die sich für Flüchtlinge einsetzen,
eine traurige Tradition. Erich Pipa, der langjährige SPD-Landrat des
Kreises, erhielt wegen Morddrohungen gegen ihn zeitweise Polizeischutz.
Weil er 2015 – auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegungen – gesagt
hatte: „Das Boot ist nicht voll“. Heute ist Pipa pensioniert. Doch nach
dem Mord an Walter Lübcke hat die Oberstaatsanwaltschaft Hanau die
Gefährdungslage für den ehemaligen Landrat neu überprüft...“
- „Rassistischer Angriff in Wächtersbach: Ein Täter mit sechs Waffen“ von Pitt v. Bebemburg am 23. Juli 2019 in RF online
hebt zusätzlich hervor: „...
Insgesamt habe der Mann sechs Waffen besessen, davon zwei Langwaffen
und drei halbautomatische Pistolen. Allesamt habe er legal erworben,
berichteten die Ermittler. Die Waffen seien sichergestellt worden.
Angesichts der Anzahl der Waffen und des Umfangs an Munition, die der
Täter besessen hatte, herrschte nach Informationen der FR in
Ermittlerkreisen sogar eine gewisse Erleichterung, dass der Mann nicht
noch weitere und schwerere Taten begangen hat. Roland K. war offenbar
darauf vorbereitet, dass er nach seiner Tat selbst sterben würde. Er hat
einen Abschiedsbrief hinterlassen, wie die Generalstaatsanwaltschaft
bestätigte. Über deren Inhalt wollte Badle aber keine Angaben machen.
Für die Ermittler stehe aber fest, dass der 55-Jährige aus einer
fremdenfeindlichen Motivation gehandelt habe. Dafür gebe es „ganz klare
Indizien“, sagte Badle. Einen Bericht des Onlineportals Spiegel.de,
wonach in der Wohnung des Täters nationalsozialistische Devotionalien
gefunden worden seien, wollte er nicht kommentieren…”
- „Anhänger rechtsextremer Ideologie radikalisieren sich zusehends“ von Simone Rafael am 23. Juli 2019 in den Beltower News
zu dieser Entwicklung: „… Wer
die letzten Monate mit Blick auf die rechtsextreme Szene Revue
passieren lässt, kann zwei Dinge feststellen: Zum einen, dass früher
beliebte Strategieformen wie Demonstrationen oder Konzerte immer mehr
Attraktivität verlieren, weil sie von Staat und Zivilgesellschaft
boykottiert, verhindert oder zumindest mit lautstarkem Protest begleitet
werden. Belltower.News berichtete allein am vergangenen Wochenende von
den für die Rechtsextremen frustrierenden Veranstaltungen in Kassel und
Halle. Auch bei den Festivals in Ostritz und Themar gab es diesmal mehr
Repressionen und zivilgesellschaftliche Gegenwehr – und Zuspruch in
Sozialen Netzwerken für die Bier-Hamsterkäufe der Ostritzer Bevölkerung
und den „Walk of Shame“ unter Gelächter in Themar. Zum anderen ändert
sich damit aber nicht das rechtsextreme und rassistische Denken in den
Köpfen, sondern es verändern sich die Aktivitätsformen. Dabei ist eine
fortschreitende Radikalisierung und Verrohung festzustellen: Wenn
flüchtlingsfeindliche Demonstrationen und Hasskommentare in Sozialen
Netzwerken nicht mehr ausreichen, greifen die Aktivist*innen zu
Morddrohungen, Bombendrohungen und Gewalt. Dabei geht es offenkundig
nicht mehr um eine Beeinflussung des gesellschaftlichen Diskurses oder
um die Normalisierung rassistischen und antisemitischen Denkens – das
können Rechtsextreme inzwischen auch problemlos der AfD und deren
Anhänger*innen überlassen. Es geht vielmehr um blanke Einschüchterung,
es geht darum, Menschen zum Verstummen zu bringen, mit der Macht von
Gewalt und Waffen oder zumindest der Androhung, diese zu besitzen…“
- „Nach rassistischen Angriff auf Eritreer: “Die Leute sind erschüttert”“ am 24. Juli 2019 ebenfalls in der FR online
meldet über ersten Protest: „… Am
Dienstagabend haben sich rund 400 Menschen in Wächtersbach zu einer
Mahnwache versammelt und gegen Rassismus protestiert. „Hier wurde ein
weiteres Mal, sieben Wochen nach dem Mord an Walter Lübcke, aus Gedanken
eine Tat, die uns erschüttert”, sagte der Bürgermeister von
Wächtersbach, Andreas Weiher (SPD). Die Gewalt sei eine „neue Qualität
von gelebtem Rassismus“. Landrat Thorsten Stolz (SPD) bezeichnete die
Mahnwache als „ein starkes Zeichen für Frieden, Freiheit, Demokratie und
auch für Rechtsstaatlichkeit“. Er appellierte an die Verantwortung
jedes einzelnen, gegen Gleichgültigkeit einzutreten…“
- Wichtig dabei: Während die Polizei in Hessen fleißig an der Einzeltäter-These für den Nazi-Schützen aus Wächtersbach
bastelt, reicht eine halbstündige Internetrecherche, um zu erkennen,
dass der zumindest in ein neonazistisches Umfeld eingebunden war: Résistance hat auf Twitter aufgedeckt
, dass der Besitzer der Kneipe, in der der Täter angeblich unbeachtet die Tat ankündigte (wie Hessenschau berichtet
), keinesfalls so unpolitisch ist, eher aus dem Umfeld der NPD…
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