Freitag, 31. Mai 2019

WENN EINE BAND WIE EINE "TERRORGRUPPE" BEHANDELT WIRD


30.05.19
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Rebellen-Romantik
Die linke türkische Band »Grup Yorum« will am 1. Juni in Ludwigshafen ein Konzert geben. In der Friedrich-Ebert-Halle wollen sie unter dem Motto »Ein Herz und eine Stimme gegen Rassismus« auftreten. Ob die Veranstaltung stattfindet, ist fraglich. Immer wieder werden Konzerte der Band in Deutschland verboten.

Es werden BesucherInnen aus ganz Deutschland und dem westeuropäischen Ausland erwartet, sagen die Veranstalter. Doch wie immer bei den Konzerten der Grup Yorum, ist nicht sicher, ob die Gäste denn auch Musik erwartet, ein Polizeiaufgebot oder möglicherweise gar nichts. Das liegt allerdings nicht an der Band selbst. Der Grund für die Probleme mit den Auftritten in Deutschland sind…
.… politischer Natur und begleiten die Band seit vielen Jahren. Verfassungsschutz und Bundesinnenministerium betrachten Grup Yorum als integralen Bestandteil der in der Türkei und Deutschland mittlerweile verbotenen linken DHKP-C (Revolutionäre Volksbefreiungspartei/Front). Die marxistische Organisation bezieht sich auf den linken Aufbruch von 1968 in der Türkei. Sie war aktiv in der Arbeit in türkischen Großstädten, hatte aber auch einen bewaffnet kämpfenden Arm.
» Wenn Einsamkeit in diese Stadt hineinbricht, stirbt ein Vogel in seinem Schlaf, ziehst du los und willst fort, die dunklen Straßen sind blind, taub und stumm. Hey du, der sich die Liebe umgebunden auf den Weg begibt, wisse, dass diese Wege durch Berge führen. Wenn du fällst, bevor du deine Liebe erreichst, bleibt deiner Lieber der Hall deiner Stimme.
(Grup Yorum – Ugurlama)
»Die Musik hat ihre Wurzeln vor allem in dem Vielvölkerstaat der Türkei«, erklärt Wolfgang Lettow. »Grup Yorum interpretiert allerdings auch internationale Lieder, beispielsweise Commandante Che Guevera.« Der linke Hamburger Aktivist engagiert sich beim Netzwerk »Freiheit für alle politischen Gefangenen«. Er hat Grup Yorum vor fast 20 Jahren kennengelernt, als die Band auf Solidaritätskonzerten mit politischen Gefangenen aufgetreten ist.
Gökay Akbulut hält die Maßnahmen gegen die Band für rechtswidrig
Tatsächlich füllt die Band in der Türkei große Säle. »Grup Yorum ist die populärste linksgerichtete Musikgruppe in der Türkei«, erklärt Gökay Akbulut, Bundestagsabgeordnete der Linken in Mannheim. »Sie hat seit Jahrzehnten die Kultur der Linken in der Türkei geprägt. Generationen sind mit ihren Liedern aufgewachsen.« Ihre Fans seien vielfältig, sagt Akbulut. Sehr wahrscheinlich könne sich nur ein Bruchteil der Fans mit der DHKP-C identifizieren.
Die Bundestagsabgeordnete hält die Maßnahmen gegen die Musikgruppe für rechtswidrig und verweist auch auf zwei Urteile von Gerichten in Kassel und Frankfurt am Main aus dem Jahr 2018. Dort wurde festgestellt, dass Grup Yorum eben kein Teil der DHKP-C ist und daher auch von deren Verbot nicht betroffen ist.
Doch diese Urteile der hessischen Justiz konnten nicht verhindern, dass die staatliche Reglementierung von Grup Yorum-Konzerten in Deutschland oft stärker als in der Türkei ausfällt. 2017 wurde im osthessischen Fulda die gemietete Halle für den Auftritt auf Druck von Polizei und der Stadt Fulda gekündigt. Das Konzert konnte schließlich doch über die Bühne gehen – auf einer Wiese am Stadtrand. Die Behörden legten in ihrem umfangreichen Auflagenkatalog fest: das Konzert musste kostenlos stattfinden. Das Sammeln von Spenden war ebenso verboten wie der Verkauf von T-Shirts oder Platten der Band. Selbst Speisen und Getränke durften nur gratis ausgegeben werden, um zu verhindern – so die offizielle Darstellung – dass im Rahmen der Konzerte Geld für die DHKP-C gesammelt würde. Das Ende vom Lied: Die OrganisatorInnen blieben auf einem Schuldenberg sitzen.
Gökay Akbulut und Wolfgang Lettow werden dabei sein
Selbst die Vorbereitung auf Konzerte der Band führte in der Vergangenheit immer wieder zu Ermittlungen. Im Jahr 2015 wurden vom OLG Stuttgart Mitglieder des linken türkischen Vereins »Anatolische Föderation« zu sechs Jahren Haft wegen Unterstützung der DHKP-C nach dem Paragrafen 129b verurteilt, der die Unterstützung für eine ausländische terroristische Vereinigung unter Strafe stellt. Unter anderem sitzen sie auch deshalb im Gefängnis, weil sie Grup Yorum-Konzerte mitorganisiert hatten.
Die Angst vor weiteren Ermittlungen ist auch der Grund dafür, dass die OrganisatorInnen des Konzerts in Ludwigshafen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Die nächsten Tage dürften für sie besonders stressig werden. Denn noch ist unklar, ob und wie das Konzert in Ludwigshafen stattfinden wird. Sollte es tatsächlich über die Bühne gehen, rechnen die VeranstalterInnen mit einer vierstelligen TeilnehmerInnenzahl. Auch die Bundestagsabgeordnete Gökay Akbulut und Wolfgang Lettow aus Hamburg werden dabei sein. Sie wollen damit gegen einen Eingriff in die Kunstfreiheit in Deutschland protestieren.
Peter NowakKontext 50px

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