Montag, 30. Juni 2014

»Nachdenken statt Fahnen schwenken!«

Unter diesen Titel veröffentlichte der Liedermacher und Autor Konstantin Wecker am Freitag einen Kommentar zur Fußball-Weltmeisterschaft (WM) in Brasilien: jungewelt vom 17.06.2014 Unsere Bundeskanzlerin fährt nach Brasilien zur WM. Man wolle »mit Gewerkschaften und anderen Vertretern der Protestbewegung ins Gespräch kommen«, sagte Herr Oppermann von der SPD. Nichts dagegen zu sagen, wenn man aus diesem Grund nach Brasilien reisen würde. Muß Herr Oppermann aber dazu ins Stadion und Flagge zeigen für eine WM, die ein korrupter Fußballverband mit einer teilweise korrupten Regierung in einem Land ausrichtet, in dem mittlerweile ein Großteil der Bevölkerung skandiert: »Não vai ter Copa« – »Es wird keine WM geben«? Die WM 2014 sei lediglich für eine reiche Elite, große Teile der Bevölkerung blieben hingegen ausgesperrt, schreibt der brasilianische Kolumnist Martins. »Die einst für die Massen mit Steuergeldern erbauten Stadien werden nun dank WM und FIFA eben diesen Massen wieder entrissen. Das ist pervers.« Die junge Welt schrieb vor einigen Tagen: »Ausgeschlossen sind auch viele der armen Favelabewohner, die das Gros von Rio de Janeiros Fußballfans stellen. Als ›WM-Vorbereitung‹ hatte Gouverneur Sergio Cabral bereits 2007 mit der brutalen Säuberungs- und ›Befriedungspolitik‹ in strategisch und touristisch interessanten Favelas begonnen. Laut offizieller Statistik tötete die Militärpolizei bei ihren ›Befriedungseinsätzen‹ in jenem Jahr 1330 Menschen. 2009 waren es 1049 getötete Favelabewohner. Nach offiziellen Angaben ist diese Zahl zwar 2013 auf 416 zurückgegangen, doch zeichnet sich für das WM-Jahr 2014 wieder ein Anstieg ab.« Die Urbevölkerung Brasiliens wurde bei Demonstrationen mit Schlagstock und Tränengas aus einem besetzten Gebäude geprügelt, und der Weltfußballverband kann fünf Jahre lang FIFA-Produkte importieren und in Brasilien verkaufen sowie ausländische Arbeitskräfte anstellen, ohne daß diese Steuern im Land zahlen müssen. Und wenn die FIFA aus Brasilien verschwindet, wird sie mindestens eine Milliarde Euro Gewinn gemacht haben, heißt es. Auch wenn ich nicht fußballverrückt bin – mir gefällt dieser Sport, wie so viele andere Sportarten auch (…). Aber warum muß die vorwiegend arme Bevölkerung eines so liebenswert fußballverliebten Landes bluten, damit eine Elite sich wieder mal kräftig bereichern kann? Man muß der FIFA das Handwerk legen, ihre Machenschaften sind unerträglich geworden. Und man muß sich mit der armen Bevölkerung Brasiliens solidarisch erklären. Und das macht man meiner Meinung nach nicht, indem man sich in ihren – von den Bürgern gestohlenem Geld – gebauten Stadien an der Seite unserer Kanzlerin zeigt. Jakob Augstein schreibt zu Recht: »Heute mißbraucht der neoliberale Kapitalismus die Begeisterung der Fans. Korruption, Umweltzerstörung, Unterdrückung. Jeder Fernsehzuschauer macht sich mitschuldig, wenn ganze Wohnviertel dem Erdboden gleichgemacht werden, um Platz für neue Stadien zu schaffen, wenn Arbeiter wie Sklaven gehalten werden, wenn Protest niedergeknüppelt und Aktivisten verhaftet werden.« Wenn uns in den nächsten Wochen überall wieder die Deutschlandflaggen um die Ohren fliegen, sollte man das vielleicht bedenken.

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