Montag, 30. Juni 2014

Aschermittwoch in Chiapas

Eine Trauerfeier für einen ermordeten Guerrillero markierte Ende Mai einen Wendepunkt für die zapatistische Bewegung. Marcos wurde abgeschafft. Wie geht es nun weiter? von Timo Dorsch Es ist kurz nach Mitternacht im südöstlichen Teil Mexikos nahe der guatemaltekischen Grenze, dort, wo sich am 17. November 1983 die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) gegründet hat, in den entfernten und vergessenen Bergen der Selva Lacandona. In La Realidad, dem Dorf, in dem sich eines der fünf zapatistischen autonomen Verwaltungszentren, genannt Caracol, befindet, haben sich an diesem Wochenende rund 3 500 Zapatisten und 1 000 in einer Solidaritätskarawane angereisten Sympathisanten, freie Medienschaffende und Anhänger der Sexta eingefunden, eines Zusammenschlusses von Organisationen, die sich mit dem EZLN solidarisieren. Der Name geht auf die »Sechste Deklaration aus dem Lakandonischen Urwald« von 2005 zurück, die bisher letzte große Erklärung des EZLN. Darin finden sich eine umfassende Darstellung der zapatistischen Weltanschauung sowie die Einladung zur nationalen und internationalen Vernetzung. Wie gewöhnlich liegt auch in dieser Nacht Regen in der Luft und mit Beginn der Dunkelheit hat sich die schwermütige Hitze des Tages allmählich verflüchtigt. Viele der Angereisten haben 40 Stunden Weg und mehr auf sich genommen, um an der Trauerfeier für den ermordeten Guerrilero Galeano teilzunehmen. So lautete der Kampfname von Jose Luis Solís López, langjähriges Mitglied der EZLN, der auch beim zivilen Autonomieprozess der zapatistischen Bewegung aktiv und Kandidat für den »Rat der Guten Regierung« war. Galeano wurde am 2. Mai bei einem paramilitärischen Überfall auf den Verwaltungssitz in La Realidad ermordet. Das Zusammenkommen zu seinen Ehren wurde im Laufe des Wochenendes zu einem historischen Moment für den EZLN. Denn zu diesem Anlass tauchte Subcomandante Insurgente Marcos nach jahrelanger Abwesenheit von der öffentlichen Bildfläche wieder auf, aber nur, um seinen »Tod« zu verkünden. »Geboren« wurde der Subcomandante am 1. Januar 1994, als es im mexikanischen Bundesstaat Chiapas zu einer ohrenbetäubenden Explosion kam. Ursache waren nicht die Feier der politischen und wirtschaftlichen mexikanischen Elite anlässlich des Inkrafttretens des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (Nafta) zwischen Kanada, den USA und Mexiko, sondern der bewaffnete Aufstand des EZLN, die an diesem ersten Januartag fünf Bezirkshauptstädte mit ihren Truppen einnahm. Es handelte sich dabei um keine normale Guerilla, sondern um eine indigene Armee, wenngleich schlecht ausgerüstet, die sich mit ihrem Ruf nach »Haus, Land, Arbeit, Ernährung, Gesundheit, Bildung, Information, Kultur, Unabhängigkeit, Demokratie, Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden« der Gesellschaft gegenüberstellte. Einer der zentralen Schauplätze dieser Erhebung war die Kolonialstadt San Cristóbal de las Casas. Dort trafen in den frühen Morgenstunden jenes 1. ­Januar 1994 maskierte und unmaskierte bewaffnete Männer und Frauen ein, um die Stadt zeitweise in ihren Besitz zu nehmen. Es war einer von ihnen, der schlagartig einen Medienhype verursachte und zur verhasst-geliebten Ikone für viele Außenstehende wurde. »Entschuldigen Sie die Störung, aber das hier ist eine Revolution«, hatte er an diesem Morgen den mexikanischen Touristen gesagt, die ihre geplante Besichtigung der Region nicht durchführen konnten, weil der EZLN alle größeren Land- und Bergstraßen sowie die umliegenden Städte unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Der humorvolle Sprecher stellte sich vor den Medien als »Subcomandante Insurgente Marcos« vor, und gleich stellte er klar: »Durch meine Stimme spricht die Stimme des EZLN.« Knapp ein Jahr später, am 9. Februar 1995, offenbarte die damalige mexikanische Regierung unter dem Präsidenten Ernesto Zedillo die angeblich wahre Identität des Pfeife rauchenden Maskierten: ein gewisser Rafael Sebastián Guillén Vicente, ein im Bundesstaat Tamaulipas geborener Mestize mit einem abgeschlossenen Philosophiestudium an der Nationalen Autonomen Universität Mexikos. Seine Abschlussarbeit aus dem Jahr 1980 trägt den etwas sperrigen Titel »Philosophie und Erziehung. Diskursive Praxen – Ideologische Praxen. Subjekt und historischer Wandel in den mexikanischen Grundschulbüchern« und ist eine Auseinandersetzung mit den Gedanken des französischen Marxisten Louis Althusser. Laut der offiziellen Darstellung von Politik und Medien hört die Geschichte hier bereits auf. Wendet sich der Blick jedoch vom Bild ab, das der Aufrechterhaltung des Status quo dient, ist eine andere Erzählung erkennbar. In einem Kommuniqué des EZLN vom 12. Oktober 1994 hieß es über Subcomandante Insurgente Marcos: »Er ist nicht mehr der, der er vorher war. Er ist nicht mehr er, sondern wir. Er existiert nicht (…). Seine Augen sind die unseren, durch seine Lippen spricht unser Mund, und in seinen Schritten gehen die unsere. (…) Er lebt nicht, es leben wir.« Der Mensch hinter der Figur Marcos machte seit seiner Ankunft in der Selva Lacandona eine Indigenisierung durch, der die Wahrheit über ihn sehr komplex werden ließ. So beschreibt er in einem seiner ersten Interviews die Niederlage der traditionellem Guerrilla-Gruppe gegenüber den basisdemokratischen Organisationsformen der indigenen Gemeinden: »Wir sind das Produkt einer Mischung, einer Konfrontation, eines Zusammenstoßes, den wir, glücklicherweise glaube ich, verloren haben.« Von Anfang an galt Marcos – wenn auch vermummt – als das Gesicht der zapatistischen Bewegung. Er wurde in gewissem Sinne zur Rampensau gemacht, gab Interviews, ließ sich ablichten und trat in Talkshows auf. Dies zeigte seine Wirkung: Der Ausbau der Autonomie wurde in den zapatistischen Dörfern vorangetrieben, die heute etwa über ein beträchtliches Gesundheits-, Bildungs- und Justizsystem verfügen. Gleichzeitig konnte sich die Bewegung mit Strukturen, Gruppen und Menschen außerhalb des zapatistischen Gebietes vernetzen. Die negative Seite davon: Je präsenter Marcos wurde, desto mehr verschwand die Bewegung in den zapatistischen Dörfern. In den Medien wurde die Situation in den Gemeinden immer weniger beleuchtet und auch über die ansteigenden paramilitärischen Attacken wurde weniger berichtet. Nach 20 Jahre des »fragenden Voranschreitens« markierte dieser 25. Mai einen Wendenpunkt für die zapatistische Bewegung. In seinem letzten Kommuniqué mit dem Titel »Zwischen Licht und Schatten« gab Marcos sein Ende bekannt und entlarvte sich selbst als Kunstfigur, als »Hologramm«. Am 1. Januar 1994, so Marcos, habe ein »komplexes Ablenkungsmanöver, ein schrecklicher und wunderbarer Zaubertrick, ein listiges Spiel« begonnen. Mit der Schaffung einer Figur Namens Marcos habe die »indigene Weisheit« die Moderne »in einer ihrer eigenen Bastionen« herausgefordert, den Kommunikationsmedien. Ein »Karnevalkostüm« nannte sich Marcos, mit anderen Worten: eine Projektionsfläche für all diejenigen, die den zapatistischen Kampf in bestimmte Interpretationskategorien zwingen wollten und nicht imstande waren, anzuerkennen, dass die in Chiapas auf den Kopf gestellte Welt eben keine ausgegorene Imagination eines eloquenten Sprechers war. Marcos wurde kreiert, damit die Medien mit ihm, über und durch ihn mit der zapatistischen Bewegung kommunizieren konnten: »Gewohnt, die Indigenen von oben herab zu betrachten, erhoben sie den Blick, nicht um uns anzuschauen. Gewohnt, uns geduckt zu sehen, verstand ihr Herz unsere würdige Rebellion nicht.« Sie sind Journalisten, Intellektuelle, aber auch nicht wenige Linke und Aktivisten, die – oft aufgrund einer ideologisierten Sichtweise – nicht fähig waren, die Komplexität der zapatistischen Wirklichkeit und die in den vielen Gemeinden stattfindenden Prozesse zu begreifen. Die konkrete Erfahrung mit den Verhältnissen vor Ort zeigt, dass mit marxistischen, feministischen, diskurstheoretischen oder sonstigen akademischen Kategorien kein Weg des Begreifens gefunden werden kann, denn diese Realität erweist sich als viel komplexer und widersprüch­licher und lässt sich nicht durch abstrakte Konzepte von Revolution und Widerstand definieren. Die zapatistische Bewegung lädt vielmehr zum Dialog ein. Denn aus der Sicht der Zapatisten bedarf es vor allem des gegenseitigen Zuhörens. Aus diesem Grund hatte der EZLN bereits im vergangenen Jahr über 1 500 solidarische Menschen aus Mexiko und anderen Ländern in ihre Gemeinden nach Chiapas ein, um an der Escuelita Zapatista, der »Kleinen Zapatistischen Schule« (Jungle World 1/2014) teilzunehmen. Im Rahmen dieser Bildungsreise unter dem Motto »Die Freiheit laut den Zapatistas« konnten Anhänger der Sexta sowie mit den Zapatistas sympathisierenden Menschen mehrere Tage lang in den Dörfern, die im chiapanekischen Hochland, im Lakandonischen Urwald und im Norden Chiapas liegen, den Alltag der zapatistischen Familien miterleben und sich ein eigenes Bild von der Autonomie machen. Somit konnten die Besucher – mehr als 6 000 waren es insgesamt seit August 2013 – ohne die Vermittlung durch einen Popstar wie Marcos das zapatistische Autonomieprojekt kennenlernen. »Marcos, die Figur, ist überflüssig geworden. Es hat eine neue Etappe im zapatistischen Kampf begonnen«, fasste der Popstar selbst am 25. Mai zusammen. Wie um dieser neuen Etappe symbolisch Nachdruck zu verleihen, werden noch am Nachmittag der Trauerfeier die 1 000 Angereisten auf den Basketballplatz in der Mitte des Caracol gebeten. Sieben Reihen sollen sie bilden. Um sie herum formieren sich die Delegationen vermummter zapatistischen Basisaktivisten, die aus den anderen vier Caracoles – Oventik, Morelia, La Garrucha und Roberto Barrios – nach La Realidad geschickt wurden. Die Inszenierung symbolisiert nicht nur die Verbindung zwischen beiden Seiten, den Zapatistas und den Anhängern der Sexta. Die Zahl Sieben betont auch die Bedeutung der Angereisten: Sieben Götter waren es laut der Maya-Erzählung, die die Welt erschufen. Sieben Träume, die auf der Erde wandelten. Am frühen Abend passieren die Zapatistas und die Angereisten einzeln das Grab des ermordeten Galeano. Als Zeichen des Gedenkens werden Steinchen, die sich zu kleinen Türmen formen, auf seiner Grabplatte niedergelegt. Vor allem unter den Zapatistas herrscht andächtige Stille. Unter den angereisten Sympathisanten ist auch die französische HipHop-Sängerin Keny Arkana. »Der zapatistische Kampf ist für mich einer des Herzens«, sagt sie, während sie wartet, dass sich die Menschenschlange bewegt. »Es ist nicht so intellektuell wie dort«, führt sie fort. Mit dort meint sie Europa, wo »alle nur dominieren wollen. Hier ist der Andere keine Bedrohung.« Marcos wird zwar in Zukunft nicht mehr zu hören sein, doch die Stimme des EZLN wird auch weiterhin vernommen werden. Diese Aufgabe kommt dem neuen Sprecher, Subcomandante Insurgente Moisés, zu. Er ist kein Mestize wie sein Vorgänger, sondern ein Tzeltal-Indigener. Doch der Wandel war vor allem einer der Ideen: »Von der revolutionären Avantgarde zum gehorchend Befehlen; von der Machtübernahme von oben zur Schaffung der Macht von unten; von der Politik als Beruf zur Politik des Alltags; von den Führern zum Volk; von der Marginalisierung der Frauen zur direkten Teilnahme der Frauen; vom Spott über das Anderssein zum Feiern der Diversität«, so Marcos. Am Ende ging er, wie er gekommen war: aus dem Nichts ins Nichts zurück. Nach der fast einstündigen Rede schließt Marcos mit dem letzten seiner berühmt gewordenen Postskripta: »Hört mal, hier ist es ziemlich dunkel, ich brauche ein Lichtlein.« In diesem Augenblick gehen die Lichter aus im Caracol von La Realidad und die auf dem Basketballplatz vor der Bühne Stehenden sehen sich in Dunkelheit gehüllt. Lediglich einige wenige Glühbirnen erhellen noch das Szenario. Marcos steht auf, ergreift die auf dem Tisch liegenden Blätter seines Redeamanuskripts, dreht den Tausenden den Rücken zu, tritt nach hinten ab und verschwindet ins schwarze Nichts. Keine 20 Sekunden darauf ertönt die gleiche Stimme aus dem Off: »Guten Tag, wünsche ich Euch, Compañeras und Compañeros. Mein Name ist Galeano, Subcomandante Insurgente Galeano. Heißt hier noch jemand Galeano?« Moisés ergreift das noch auf dem Tisch liegende Mikrophon und ruft: »Ich heiße Galeano!« Ein Chor von Stimmen schließt sich dem an und verleiht dadurch dem Ermordeten Gerechtigkeit nach Art und Weise der Zapatistas: »Ah, deshalb haben sie mir gesagt, wenn ich nochmals geboren würde, dann würde ich es im Kollektiv machen«, sind die letzten Worte bevor die Lichter wieder angehen. Das Spektakel ist zu Ende. Fast zur gleichen Zeit fängt es an zu regnen, so als ob die Wolken sehnsüchtig auf diesen Moment gewartet hätten. Diese auf die Sekunde genaue Abstimmung kommt einem Theaterschauspiel gleich. Einige der Anwesenden rücken noch überhastet die wenigen Stühle zusammen, während der Großteil von ihnen bereits Schutz vor den Regenfluten sucht. Neben seiner Funktion als medialer Vertreter hatte der Mensch hinter Marcos all die Jahre auch eine andere Aufgabe inne: die des Befehlshabers über die aufständischen Einheiten des EZLN. In La Realidad wurde nicht nur das Gedenken an Galeano und dessen symbolische kollektive Wiedergeburt gefeiert, sondern es fand auch der erste militärische Aufmarsch der Organisation seit Mitte der neunziger Jahre statt. Eine Demonstration der Fähigkeit, sich gegenüber den paramilitärischen Aggressoren innerhalb und außerhalb des Dorfes zur Wehr zu setzen. Aber auch ein Signal an die chiapanekische und die mexikanische Regierung: Wenngleich der zapatistische Kampf ein ziviler ist, besteht die militärische Struktur weiterhin und erfüllt im Ernstfall ihre Pflicht.

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