Liebe Freund*innen,
Kolleg*innen und Lateinamerikainteressierte,
vor wenigen Tagen ist
unsere aktuelle Nummer erschienen zum Thema "Städtische
Indigenität". Wir sind dabei auf viele spannende Aspekte
gestoßen und empfehlen euch und Ihnen die ila Nr. 437
für die Lektüre auf dem Balkon, am See oder im Urlaub.
Außerdem im Heft:
Brasilien - Black Lives Matter; Guatemala - Hungern
wegen des Lockdown; Chile - der neue Film von Patricio
Guzmán; Uruguay - Erfolgreicher Kampf gegen Corona.
Aus dem Editorial der ila
Nr. 437:
"An was denken wir (...) bei der
Bezeichnung „Indigene“? Welche Bilder kommen uns in den
Kopf? Wahrscheinlich sind es eher ländliche Settings,
die aufblitzen, sei es in den Anden oder im
Amazonas-Gebiet. Ganz bestimmt kommt uns auch das Bild
von der Chola in den Sinn, der indigenen
beziehungsweise mestizischen Bolivianerin mit ihrem
charakteristischen voluminösen Rock, der Pollera,
und dem englischen Bowler-Hut. Aber die kennen wir
vornehmlich aus La Paz und der Schwesterstadt El Alto.
Gleichzeitig gibt es in Bolivien aber auch Cholas
auf dem Land, deren Kleidung sich jedoch von denen in
der Stadt unterscheidet.
Es bleibt also kompliziert. Der
Begriff kann in verschiedenen Ländern sehr
Unterschiedliches bedeuten. In Ecuador ist die Chola
Cuencana zu einem folkloristisch überhöhten
touristischen Zerrbild geworden, das in der Werbung für
die Stadt Cuenca eingesetzt wird. Jedes Jahr wird in
einer Art Schönheitswettbewerb die anmutigste und
kultivierteste unter ihnen gewählt. Die Hüte, die jene Cholas
tragen, werden übrigens aus den Fasern der
Toquillapflanze hergestellt und sind weltweit besser
bekannt als „Panamahüte“, weil sie auch von den
Arbeitern beim Bau des Panamakanals getragen wurden.
Die Verwendung des Begriffs Chola
hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. Und es
spielt eine Rolle, welche Bevölkerungsgruppe den Begriff
verwendet: Die weiße Elite benutzt ihn in den meisten
Gesellschaften mit einem abwertenden und
diskriminierenden Tonfall. Das Beispiel Cuenca zeigt,
dass ebenfalls eine positive (wenn auch exotistische)
Konnotation möglich sein kann. Eine Verwendung des
Begriffs, die mit Stolz und Empowerment einhergeht, ist
wiederum gegeben, wenn ihn sich die Cholas
selbstbewusst aneignen und für ihre Selbstzuschreibung
nutzen.
Warum diese Diskussion? Weil es beim
Thema „städtische Indigenität“ um Identität(en) geht.
Selbst- und Fremdzuschreibungen sind absolut zentrale
Fragestellungen. Denn wie schon eben angedeutet: Nicht
nur in den Köpfen ist „das Indigene“ mit dem ländlichen
Leben verknüpft, auch Verwaltungen und Regierungen auf
lokaler Ebene kommen mit der Vorstellung von Indigenen
in der Stadt nicht richtig klar, obwohl es seit
Jahrhunderten und verstärkt in den letzten Jahrzehnten
ein Fakt ist, dass Indigene auch in Städten leben.
Aber Indigene berufen sich doch
selbst auf ihr Territorio, ihr Hoheitsgebiet,
mag da ein Einwand lauten. Wo soll das bitteschön sein,
wenn sie es für die Migration in die Stadt verlassen
haben? Viele Indigene fordern eben auch in der Stadt ein
Territorio ein, wo sie gemäß ihren
Vorstellungen und Traditionen in Gemeinschaft leben
können.
Neben Identitätsfragen werden also
auch materielle Fragen berührt, der Zugang zu
Grundstücken, Wohnraum, Arbeitsplätzen, zu Bildung und
Gesundheitsversorgung. Die Forderung nach einem
gemeinschaftlichen Territorium erheben wiederum nicht
alle Indigenen in der Stadt. Viele leben auch
vereinzelt. Das Panorama ist auf jeden Fall komplex.
(...)"
Die gesamte ila 437 hat einen Umfang von 58
Seiten und kann zum Preis von 6,00 Euro bei der ila
(Heerstraße 205, 53111 Bonn, vertrieb@ila-bonn.de)
oder am einfachsten über www.ila-web.de
bestellt werden. Auf www.ila-web.de
finden sich das komplette Inhaltsverzeichnis der ila
437 sowie ausgewählte Artikel als Leseproben.
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