Dossier

“
Nachdem
das Seenotrettungsschiff IUVENTA von Jugend Rettet e.V. seit
vergangenem August unter dem Vorwand einer präventiven Beschlagnahme
festgesetzt wurde, erweitert die italienische Staatsanwaltschaft nun
ihre Ermittlungen gegen einzelne Crewmitglieder der Organisation. Die
Kriminalisierung von Seenotrettung mit dem Ziel der vollständigen
Abschottung Europas zeigt ein weiteres Mal ihr grausames und
abschreckendes Gesicht…”
Pressemitteilung vom 10.07.2018 von und bei Jugend Rettet

(Siehe die Vorgeschichte weiter unten und auch
Jugend rettet. Der Film »Iuventa« ist ein ergreifendes Porträt der Seenotrettung unter extremen politischen Bedingungen undallgemein unser
Dossier: Italienische Flüchtlingspolitik) sowie die
Kampagne „we are iuventa10“ 
und hier zur Verfolgung:
- Seenotrettung: »Man ist froh und stolz über jedes gerettete Leben«
“Zoe Katharina über ihr Engagement auf dem Flüchtlingsrettungsschiff »Iuventa«” im Interview von Karlen Vesper vom 11. Juli 2020 in ND online
: “Was
hat Sie, Zoe, bewogen, sich unmittelbar nach dem Abitur bei »Jugend
rettet« zu melden? Statt, wie andere Ihrer Generation, ein Studium zu
beginnen? [Zoe:] Weil ich es unerträglich fand, dass Menschen
vor unseren Grenzen sterben, die auf der Flucht vor Krieg, Folter und
Armut sind. Ich bin vermutlich durch mein Elternhaus sozial
sensibilisiert. Die Bilder im Fernsehen und die Berichte in den
Zeitungen über im Mittelmeer ertrinkende Menschen haben mich empört. Das
Leid, die Not der Menschen, die sich gezwungen sehen, ihre Heimat zu
verlassen, ihre Familien und Freunde zurückzulassen, erschüttern mich.
Niemanden sollte dieses Elend unberührt lassen. (…) Jene, die den
Flüchtlingen die kalte Schulter zeigen, sollten sich mal in deren Lage
versetzen. Es ist ein purer Zufall, dass sie in einer
Wohlstandsgesellschaft geboren und aufgewachsen sind und nicht irgendwo
in Afrika oder Asien ohne Perspektive auf ein glückliches, erfülltes
Leben, ohne die Chance, ihre Träume erfüllen zu können. (…) Ich finde
das Geschacher und Gezänk um Flüchtlingszahlen unerhört, unwürdig. Das
macht mich wütend. Es geht um Menschen, nicht um irgendwelchen Ballast.
Und ich finde, Deutschland sollte voranschreiten, ein Vorbild sein. Wir
sind ein großes, reiches Land und zieren uns. Oder klopfen uns stolz auf
die Schulter, wenn wir mal 50 unbegleitete, kranke Flüchtlingskinder
aus einem griechischen Camp aufnehmen. Ich glaube auch, der Ausbruch der
Pandemie kam einigen hier gerade recht, um die Aufnahme weiterer
Migranten abzuwehren. Bundesinnenminister Horst Seehofer spricht von
»flexibler Flüchtlingspolitik«. Was soll man darunter verstehen? Die
Sache ist doch eindeutig: Es gibt die UN-Menschenrechtskonvention, die
Genfer Flüchtlingskonvention, das Seenotrecht, von Gelehrten und
Politiker aus aller Welt verfasst und verabschiedet, von vielen Staaten
unterzeichnet. Soll das nicht mehr gelten?…”
- [Juventa] Auszeichnung und Anklage: Preis für Rettung von Flüchtlingen und Beihilfe zur illegalen Einwanderung?
“… Die Crew des Seenotrettungsschiffs Iuventa wird am Freitag im
schweizerischen St. Gallen mit dem Menschenrechtspreis der Paul
Grüninger Stiftung ausgezeichnet. Den mit 50.000 Schweizer Franken
(knapp 44.000 Euro) dotierten Preis erhalten die zehn Crewmitglieder für
die Rettung von mehr als 14.000 Menschen aus Seenot im Mittelmeer, wie
Stiftung und Rettungsinitiative am Montag in Berlin mitteilten. Damit
solle ein Zeichen gegen die Kriminalisierung von Fluchthilfe gesetzt
werden. Gegen die zehn freiwilligen Seenotretter – auch Iuventa10
genannt – sowie weitere Personen ermittelt die italienische
Staatsanwaltschaft in Trapani wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung.
Ihr Schiff Iuventa wurde nach rund einem Jahr im Einsatz am 2. August
2017 im Hafen von Lampedusa beschlagnahmt. (…) Iuventa-Einsatzleiter
Sascha Girke verteidigte in Berlin den Einsatz der Iuventa. Die
Rettungen hätten unter Einhaltung von Seerecht und internationalem Recht
und auf Anweisung der zuständigen Rettungsleitstelle, des Maritime
Rescue Coordination Centre (MRCC) in Rom, stattgefunden. Für die
Behauptung, die Iuventa habe mit Schleppern kooperiert, gebe es keine
Beweise, sagte Girke weiter. Die Crew verweist dabei auf eine
Untersuchung der Goldsmith University London. Die Wissenschaftler hätten
die Vorwürfe der Polizei, die auch verdeckte Ermittler und
Überwachungstechnik auf der Iuventa eingesetzt haben soll, mit allen
verfügbaren Daten, meteorologischen Messwerten, Logbüchern und Aufnahmen
verglichen. Die Studie komme zu dem Schluss: „Die Behauptungen sind
falsch.“…” Beitrag vom 9. Mai 2019 von und bei MiGazin
, siehe dazu:
- Die Strafe Salvinis
“Sie kamen, um Menschen in Seenot zu retten. Nun droht Kathrin
Schmidt und anderen Mitgliedern der „Iuventa“-Crew eine Anklage aus
Italien wegen „Beihilfe zur illegalen Einreise“ (…) Bis zu 20 Jahren
Haft sind dafür als Strafmaß vorgesehen, dazu drohen bis zu 15.000 Euro
Geldbuße pro nach Italien gebrachte Person. Insgesamt haben die
AktivistInnen auf der „Iuventa“ etwas mehr als 14.000 Menschen aus dem
Wasser geholt. Sechzehnmal ist sie dafür ausgelaufen. Bei sieben dieser
Missionen war Schmidt an Bord. (…) In Italien sind Angeklagte nicht
verpflichtet, vor Gericht zu erscheinen. Es kann ohne Weiteres in ihrer
Abwesenheit verhandelt werden. Aber Canestrini will, dass mindestens
einer der zehn immer anwesend ist. „Ich brauche Informationen aus erster
Hand.“ Die Abhörprotokolle hat Canestrini bis heute nicht. (…) Für die
Aktivistin Kathrin Schmidt ist klar, dass die Justiz ein Exempel
statuieren will. „Es gibt ein großes politisches Interesse daran, dass
es keine ZeugInnen mehr für das geben soll, was auf dem Meer passiert.“ Artikel von Christian Jakob und Michael Braun vom 9.5.2019 bei der taz online
– eine umfangreiche Dokumentation des Falls
- Salvinis Spion auf dem Mittelmeer
“Ein italienischer Sicherheitsmann bespitzelt private
Seenotretter und löst Ermittlungen gegen die Crew eines deutschen
Schiffes aus. Doch jetzt fühlt er sich verraten…” Artikel von Bartholomäus von Laffert, Rom, vom 8. Mai 2019 bei der Zeit online 
- Festung Europa: Salvinis Spion
“Eigentlich war es Pietro Gallos Job, auf einem
Seenotrettungsschiff für Sicherheit zu sorgen. Dann machte er eine
merkwürdige Beobachtung und informierte den heutigen Innenminister. Nun
drohen zehn SeenotretterInnen zwanzig Jahre Haft. (…) In den frühen
Morgenstunden des 2. August, so wird Gallo später erfahren, wurde im
Hafen von Lampedusa die «Iuventa», das Seenotrettungsschiff der
deutschen NGO Jugend rettet, von den italienischen Behörden festgesetzt.
Als Begründung wurde der Crew eine 551 Seiten lange Akte vorgelegt, die
die ErmittlerInnen in Italien über Monate hinweg erstellt hatten. Der
Verdacht: Beihilfe zur illegalen Migration nach Italien. Angeführt
werden in der Akte drei Verdachtsmomente, der erste datiert vom 10.
September 2016. Die vermeintlichen Belege: Zeugenaussagen, Berichte
verdeckter ErmittlerInnen, abgehörte Telefongespräche. Ein Name, der
immer wieder auftaucht: Pietro Gallo. Eineinhalb Jahre später, im
Frühjahr 2019, in einem fensterlosen Büro im römischen Viertel San
Giovanni. Pietro Gallo trägt einen blauen Pullover über einem blau
karierten Hemd, hat die dünnen grauen Haare nach oben gegelt. Er hat
sich zu diesem Treffen bereit erklärt, um seinen Fehler zu erläutern.
Einen Fehler, in dessen Anschluss Gallo mit dem Tod bedroht wird und
Matteo Salvini italienischer Innenminister ist, während kein einziges
Rettungsboot mehr auf dem Mittelmeer kreuzt und zehn ehemaligen
Mitgliedern der «Iuventa»-Crew in Italien bis zu zwanzig Jahre Haft
drohen. (…) «Ich dachte, dass Salvini seine Möglichkeiten als
EU-Parlamentarier nutzt, um auf europäischer Ebene eine humanitäre
Lösung zu finden, damit weniger Menschen ertrinken», sagt Gallo. «Jetzt
bin ich mir sicher: Er würde nicht davor zurückschrecken, Flüchtlinge an
die Wand zu stellen.»… “ Beitrag von Bartholomäus von Laffert vom 9. Mai 2019 aus der WOZ Nr. 19/2019
- In der Schweiz geehrt, in Italien kriminalisiert: Iuventa Crew erhält Menschenrechtspreis
“Die Iuventa rettete 14.000 Ertrinkende aus dem Mittelmeer, Italiens
Staatsanwaltschaft hat deshalb Ermittlungen gegen zehn Crewmitglieder
eingeleitet. Der Vorwurf: Menschenhandel. Den Freiwilligen drohen 20
Jahre Haft. Eine schweizerische Stiftung verleiht der Iuventa-Crew jetzt
einen Preis über 50.000 Franken – die Seenotretter gäben den Menschen
in Europa Mut. „Das Preisgeld können wir für die Anwaltskosten gut
brauchen. Aber lieber wäre ich auf See, als auf einer Gala in St.
Gallen“, sagt Kapitän DARIUSH. (…) Das Preisgeld von 50.000 Schweizer
Franken solle auch einen substantiellen Beitrag zur Verteidigung der
Retterinnen und Retter leisten. Die Prozesskosten für den Fall werden in
der ersten Instanz auf mindestens 500.000 Euro geschätzt. Die Anwälte
gehen davon aus, dass im Sommer der Prozess beginnt und Anklage gegen
die zehn Crewmitglieder erhoben wird. Es ist ein Präzedenzfall für
Europa, sagt Hauptanwalt NICOLA CANESTRINI aus Südtirol: „Dieses
Verfahren wird zeigen, ob Europa in der Welt weiterhin für Grundrechte
und Solidarität stehen kann.“...” Pressemitteilung vom 30.04.2019 
- Kein Pardon für Menschenretter: Weil er Geflüchtete im
Mittelmeer vor dem Ertrinken rettete, wird gegen den Bremer Hendrik
Simon in Italien ermittelt. Ihm drohen 20 Jahre Haft.
“Als er anfing, Menschen zu retten, machte sich Hendrik Simon keine
Gedanken darüber, ob das strafbar sein könnte. Zwischen September 2016
und Mai 2018 ist der Bremer auf drei verschiedenen Schiffen auf hohe See
gefahren, um Flüchtende vor dem Ertrinken zu retten. Sechsmal war er im
Einsatz, jeweils zwei bis drei Wochen steuerte er das Beiboot,
verteilte Schwimmwesten und kümmerte sich um die Computertechnik an
Bord. Allein die „Iuventa“ hat auf diese Weise in einem Jahr mehr als
14.000 Menschen das Leben gerettet. (…) Den Seenotrettern mangelt es
aber nicht nur an geeigneten Schiffen; vor allem raten ihnen ihre
Anwälte ab: Im Juli 2018 wurde Simon und neun weiteren Mitgliedern der
Iuventa-Crew mitgeteilt, dass mittlerweile auch gegen sie persönlich
ermittelt wird. „Beihilfe zur illegalen Einreise“ heißt der Vorwurf. Als
Wiederholungstäter könnte Simon sofort in U-Haft kommen – also bleibt
er lieber an Land. „Dass ermittelt wurde, weil wir Menschen geholfen
haben, war ein Schock“, erinnert sich Simon. Ein weiterer Schock: Das
mögliche Strafmaß. In einem besonders schwerwiegendem Fall wie seinem
stehen auf die Beihilfe zur illegalen Einreise in Italien bis zu 20
Jahre Haft. (…) Mit der Höchststrafe muss die Crew wohl kaum rechnen.
Tatsächlich wurden bisher alle Helfer, die wegen ähnlicher Vergehen auf
See angeklagt wurden, nicht verurteilt. Schließlich geht es bei der
Rettung aus Seenot meist um einen Notstand. „Selbst wenn man da Gesetze
brechen sollte, wird man eigentlich frei gesprochen, weil es eben
wichtiger ist, Menschenleben zu retten“, erklärt Simon. (…) Bei aller
Zuversicht, dass ein Prozess gut ausgehen würde – „20 Jahre Haft“, das
bleibt eine schwerwiegende Drohung. Würde er, mit diesem Wissen von
heute, noch einmal auf See fahren? Lange überlegen muss der Informatiker
nicht: „Also ehrlich gesagt: Dass Menschen retten strafbar sein soll,
das ist absurd. Und wenn wir in einer Gesellschaft leben, in der das so
ist, dann nehme ich diese Strafe in Kauf.“ Beitrag von Lotta Drügemöller vom 4. März 2019 bei der taz online
- Schiff verwanzt, Telefone abgehört, Spitzel auf Schiff und
Sea-Watch-Kapitänin Pia Klemp angeklagt: »Die Vorwürfe sind
knüppelhart«
“Pia Klemp hat mehr als 1000 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. In
Italien wird nun gegen sie wegen Verdachts auf Beihilfe zu illegaler
Einwanderung ermittelt. (…) Die Ermittlungen laufen wegen des Verdachts
auf Beihilfe zu illegaler Einwanderung. In Kürze wird es eine Anhörung
geben, bei der entschieden wird, ob Laptops und Handys, die im August
2018 von unserem Schiff beschlagnahmt worden sind, ausgelesen werden
dürfen. (…) Wir haben durch die italienische Presse davon erfahren.
Woher die ihre Informationen hatte, wissen wir nicht. Vermutlich haben
italienische Beamten die Daten durchgestochen. Besonders gruselig daran
ist, dass vollständige Namen, Geburtsdaten und Wohnadressen
weitergereicht worden sind. (…) Im Zuge der Ermittlungen ist dann
herausgekommen, dass Ihr Schiff über mehrere Monate verwanzt worden ist.
Ja, das war ziemlich beklemmend, schließlich haben wir auf dem Schiff
nicht nur gearbeitet, wir haben dort gelebt. Als wir dann erfahren
haben, dass das Schiff mehrere Monate verwanzt war, dass Telefone
abgehört worden sind, dass vier verschiedene Ermittlungsbehörden,
darunter der italienische Geheimdienst, gegen uns gearbeitet haben, dass
es Spitzel auf anderen Schiffen gab – das war schockierend, mit welchem
Riesenapparat und welchem Aufwand da gegen die Seenotrettung
vorgegangen worden ist...” Interview von Fabian Hillebrand vom 02.02.2019 im ND online
– – siehe zum Hintergrund das Dossier: Projekt Sea-Watch: Nicht länger tatenlos zusehen, wie Menschen im Mittelmeer sterben
- Kapitänin Pia Klemp [und weitere]: Schuldig der Solidarität –
dafür drohen der Seenotretterin in Italien jetzt 20 Jahre Haft.
Straftatbestand: „Beihilfe zur illegalen Einreise“. Unterstützt ”
SOLIDARITY AT SEA”!
“Über 6.000 Seemeilen weit hat Pia Klemp Schiffe durchs Mittelmeer
gesteuert, um Ausschau nach Schiffbrüchigen zu halten. Mit ihren Crews
hat sie tausenden Menschen das Leben gerettet. Dafür drohen der
Seenotretterin jetzt 20 Jahre Haft. Straftatbestand: „Beihilfe zur
illegalen Einreise“. Die italienische Staatsanwaltschaft hat
Ermittlungen gegen zehn Freiwillige der Organisation Jugend Rettet
eingeleitet, eine von ihnen ist Pia Klemp. Sie war es, die im August
2017 die IUVENTA in den Hafen von Lampedusa steuerte, bevor das
Rettungsschiff von den italienischen Behörden festgesetzt wurde. In der
Untersuchungsakte heißt es, abgehörte Telefonate und Fotos von
verdeckten Ermittlern lieferten Beweise dafür, dass die
Seenotretter*innen mit Schleusernetzwerken aus Libyen
zusammenarbeiteten. Die Rechtsgrundlage für die Beschlagnahmung der
IUVENTA sei lückenhaft, sagen Wissenschaftler. Ein Team der Goldsmiths
University in London hat die Vorwürfe mit allen verfügbaren Daten
abgeglichen und kam zum Schluss: Die Behauptungen sind falsch. Trotzdem
muss sich Pia Klemp auf ein langes Verfahren einstellen. Mit den anderen
Betroffenen hat sie deshalb das Kollektiv Solidarity at Sea
gegründet: um Spenden für die Prozesskosten zu sammeln, um sich mit
anderen Kriminalisierten zu vernetzen, um geschlossen aufzutreten, wenn
die Anklage im Frühjahr kommt…” Artikel von Theresa Leisgang vom 20. Dezember 2018 bei Mosaik
, siehe auch:
- Er steht bald in Italien vor Gericht: Potsdamer Seenotretter droht lange Gefängnisstrafe
“Ein Notfallsanitäter aus Potsdam soll sich in Italien wegen
Beihilfe zur illegalen Einwanderung verantworten. Ihm droht eine lange
Haftstrafe und eine empfindliche Geldstrafe. Sascha Girke ist
übernächtigt, wütend und hat Angst. Dem 39 Jahre alten Potsdamer drohen
bis zu 20 Jahre Haft wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Der
gelernte Rettungsassistent war bis Mitte 2017 Einsatzleiter bei einer
Seenotrettungsmission, die im Mittelmeer tausende Flüchtlinge rettete.
Dafür müssen sich er und andere Helfer vermutlich im kommenden Jahr vor
einem italienischen Gericht nun verantworten. Vor wenigen Wochen war
Girke bereits bei der Potsdamer Staatsanwaltschaft vorgeladen. Dort
wurde ihm die Anklage der italienischen Behörde ausgehändigt, wie er
jetzt den PNN erzählte. Die Vorwürfe gehen auf sein Engagement bei
diversen Hilfseinsätzen zur Bergung von Flüchtlingen zurück. Unter
anderem war er 2016 und 2017 auf dem Rettungsschiff „Iuventa“ der
Berliner Hilfsorganisation „Jugend Rettet“ im Einsatz, die nach seinen
Worten mehr als 14.000 Menschen aus Seenot rettete – bis die
italienische Polizei das Schiff, ein mittels Spenden umgebauter
Fischkutter, im August 2017 auf Lampedusa durchsuchte und
beschlagnahmte. (…) Genaueres ist noch unklar, eine umfassende
Akteneinsicht habe man noch nicht nehmen können. Bekannt sei allerdings
schon, dass das Schiff vor der Beschlagnahmung mindestens drei Monate
lang verwanzt war, ferner Telefone der Helfer abgehört wurden. „Das
macht einem alles Angst.“ Sollte die Anklage wegen Beihilfe zur
illegalen Einwanderung in eine Verurteilung münden, drohen Girke bis zu
20 Jahre Haft und eine Geldbuße von 15.000 Euro pro nach Italien
gebrachter Person. Der Potsdamer Seenotretter und etwa zehn Mitstreiter
bereiten nun ihre Verteidigung vor, Tag und Nacht. Dabei gehe es nicht
nur um die lückenlose Aufarbeitung der Geschehnisse, sondern dazu gehöre
auch die Spendenakquise. Denn die Gerichtskosten in Italien seien hoch,
schon allein Kopien der Akten seien teuer. „Unsere Anwälte rechnen mit
einer sechstelligen Gesamtsumme“, sagt Girke. Um das alles zu stemmen,
gibt es inzwischen eine Internetseite namens „Solidarity at Sea“, auf
der zu Spenden für die „Iuventa“-Crew aufgerufen wird…” Artikel von Henri Kramer vom 20.12.2018 bei PNN
- siehe dazu im LabourNet u.a. auch: Jugend rettet. Der Film »Iuventa« ist ein ergreifendes Porträt der Seenotrettung unter extremen politischen Bedingungen
- Italien ermittelt gegen Flüchtlingsretter
“Betroffen sind deutsche Crewmitglieder der “Iuventa” des Berliner
Vereins “Jugend rettet” sowie Helfer der internationalen Organisationen
“Ärzte ohne Grenzen” und “Save the Children”. Die Staatsanwaltschaft im
sizilianischen Trapani hat Ermittlungen gegen mehr als 20 Helfer wegen
des Verdachts der Unterstützung illegaler Migration nach Italien
aufgenommen. (…) Außerdem waren zehn der Beschuldigten Crewmitglieder
des Rettungsschiffs “Iuventa” des Berliner Vereins “Jugend rettet”.
Dieses war bereits vor knapp einem Jahr von den italienischen Behörden
auf Grundlage zweifelhafter Belege beschlagnahmt worden…” Artikel von Martin Knobbe und Andreas Wassermann vom 28.7.2018 beim Spiegel online 
- Schiff von Jugend Rettet bleibt beschlagnahmt: Kriminalisierung ziviler Seenotrettung
“Die Teltower Flüchtlingshelfer von Jugend Rettet e.V. scheiterten
am Dienstag, 24. April, in Rom mit der Klage auf die Rückgabe ihres
Schiffs. Der Sprecher der Organisation Julian Pahlke erklärte, man werde
weiterhin Menschenleben retten, solange Menschen im Mittelmeer sterben.
Die Kriminalisierung ziviler Seenotrettung sei ein Skandal, so Michel
Brandt von der Linken, der beobachtend zum Prozess nach Rom reiste. Er
fordert die Bundesregierung zum Handeln auf. Den italienischen
Ermittlungsbehörden konstatiert Brandt eine „politische Willkür“
gegenüber der deutschen Hilfsorganisation. Gegen Jugend Rettet wird seit
2017 wegen Beihilfe zur illegalen Migration ermittelt. (…) Die zivilen
Rettungsorganisationen sollen von der zentralen Mittelmeerroute
verschwinden, erklärte Julian Pahlke von Jugend Rettet. Die Helfer
befürchten als Konsequenz aus dem Vorgehen der Behörden eine steigende
Zahl an Toten im Mittelmeer. Trotz der Entscheidung des
Kassationsgerichts kündigen die Helfer an, sich trotz der Entscheidung
über die „Iuventa“ weiter engagieren zu wollen. „Denn solange Menschen
im Mittelmeer sterben, werden wir weitermachen“, so Pahlke weiter…” Beitrag vom 25. April 2018 von und bei Beobachter News
(Vorgeschichte siehe weiter unten)
- Lebensretter werden zu Kriminellen erklärt
“Italien beschlagnahmt deutsches Hilfsschiff. Der Kampf der
Europäischen Union gegen die unabhängigen Seenotrettungsorganisationen
eskaliert
Mit der Beschlagnahme des deutschen Rettungsschiffes “Iuventa”
durch italienische Behörden Anfang August wurde ein neuer Höhepunkt in
der seit Monaten anhaltenden Kampagne europäischer Regierungen gegen die
privaten Seenotretter erreicht. Nach zahllosen verbalen Angriffen nun
ein erster handfester Übergriff auf die zivilgesellschaftlichen
Organisationen, die im Mittelmeer jeden Tag Männer, Frauen und Kinder
aus Afrika vor dem Ertrinken retten. Als Beihilfe zur ungesetzlichen
Einreise wird das denunziert. Flüchtlinge werden illegalisiert und
Helfer kriminalisiert…” Artikel von Thomas Moser vom 07. August 2017 bei telepolis
- Bundesregierung muss tätig werden: Free Iuventa!
„Das Auswärtige Amt muss sich dafür einsetzen, das von Italien
beschlagnahmte Schiff der Organisation Jugend Rettet e.V. herauszugeben.
Der Brandenburger Verein wird zum Spielball einer europäischen
Migrationspolitik, die über Leichen geht. Rettungskapazitäten von
EU-Mitgliedstaaten vor der libyschen Küste werden heruntergefahren,
während die kriminellen libyschen Küstenwachen technisch und logistisch
unterstützt werden“, kritisiert der europapolitische Sprecher Fraktion
DIE LINKE im Bundestag, Andrej Hunko. Die italienische
Staatsanwaltschaft ließ das Rettungsschiff „Iuventa“ am Mittwoch vor
Lampedusa beschlagnahmen. Als angebliche Beweise gegen die RetterInnen
dienen abgehörte Gespräche, Fotos vom Diebstahl eines Außenbordmotors
durch Schleuser und Aussagen eines Spitzels, der womöglich Verbindungen
zu den rechtsradikalen „Identitären“ hat. Gegen weitere
Rettungsorganisationen, darunter Ärzte ohne Grenzen, wird ebenfalls
ermittelt…” Pressemitteilung von und bei Andrej Hunko vom 07. August 2017 
- Beweise gegen „Iuventa“ gefälscht?
“Wenige Tage nach der Beschlagnahme des Schiffes Iuventa der
Teltower Organisation Jugend Rettet werden Zweifel an der Version der
Staatsanwaltschaft Trapani laut. Sie beziehen sich auf die in den
meisten Medien verbreiteten Fotos und Videos der italienischen
Staatspolizei. Der Fotograf und Reporter Eric Marquardt, der selbst an
Bord von Rettungsschiffen war und Missionen dokumentiert hat, ist sich
sicher: Beweise einer Kollusion zwischen Schleppern und der Crew der
Iuventa liefern sie nicht. (…) Das Bild zeige keine „Schmuggler“,
sondern gewaltbereite Diebe, die die Gelegenheit nutzen, um den
Außenbordmotor des Flüchtlingsbootes abzuziehen. „Solche Situationen
sind leider alltäglich“, schreibt Marquardt: „Oft können die NGOs, die
nicht bewaffnet sind, nicht gegen diese Engine-Fisher vorgehen und sind
ihnen selbst schutzlos ausgeliefert.“ Tatsächlich habe er bei seiner
Fahrt auf der Seefuchs der Regensburger Organisation Sea-Eye
festgestellt: Es gebe „zahlreiche Nachweise für die Zusammenarbeit von
libyscher Küstenwache mit Schleppern oder Engine-Fishern“. (…)
Marquardts Fazit: Die Zusammenarbeit zwischen libyscher Küstenwache und
Schleppern wird von Italien und der EU „offenbar in Kauf genommen, weil
die Milizen die ‚Drecksarbeit‘ vor der libyschen Küsten machen“. Von
seltsamen Zufällen ist aber auch bei Famiglia Cristiana die Rede. Das
italienische Magazin hat in einem am Freitag online veröffentlichten
Dossier auf eine interessante Verbindung aufmerksam gemacht: Zwischen
den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Trapani gegen Jugend Rettet
und Defend Europe, einer von der rechtsradikalen sogenannten Identitären
Bewegung ins Leben gerufenen Organisation…” Beitrag von Marian Schraube vom 05.08.2017 im Blog der Freitag-Community
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