“Ludwig
Erhard wird bis heute oft als “Vater der sozialen Marktwirtschaft”
gefeiert. Doch das ist so fern der Realität wie Boris Johnsons
Vorstellungen vom Brexit. Uwe Fuhrmann räumt in seinem Buch mit allerlei
Mythen und Legenden auf, die über die Entstehung der sozialen
Marktwirtschaft immer noch kursieren. (…) Nur einige militante linke
Gewerkschafter wie Fritz Lamm (Autor und Herausgeber von den
“Thomas-Müntzer-Briefen” und “Die Funken”) und Viktor Agartz (DGB),
Eugen Eberle (Betriebsrat bei Bosch in Stuttgart) und die Gruppe
“Arbeiterpolitik” protestierten gegen die Gewerkschaftsführungen. Denn
die einigten sich auf einen politischen Kurs, der den Vorrang von
Wohlstand und parlamentarischer Demokratie zur Stabilisierung der
kapitalistischen Ordnung vor den systemsprengenden Zielen und Strategien
– Demokratisierung und Sozialisierung – festschrieb. Den zahlreichen
lokalen und regionalen Streiks begegneten nicht nur die Besatzungsmächte
skeptisch, sondern auch die Führungen der Gewerkschaften, allen voran
Hans Böckler, der den Streikenden mit der Ermahnung entgegentrat, „die
Wirtschaft vor weiteren Störungen“ zu bewahren. (…) Ein Schlüsseldatum
in dieser monatelang dauernden Protestwelle ist eine gewerkschaftlich
initiierte Aktion am 28.10.1948 in Stuttgart mit über 100.000
Teilnehmern. Die Kundgebung artete in Tumulten aus, nachdem ein mehrfach
vorbestrafter Besitzer eines Luxusladens die Demonstranten verhöhnt
hatte. Die US-Militärpolizei griff ein, 17 Menschen wurden verhaftet,
ein Demonstrant von einem US-Militärgericht zu zehn (!) Jahren Haft
verurteilt. Der Oberbefehlshaber Clay verhängte eine Ausgangssperre und
ein Versammlungsverbot. Die Ereignisse von Stuttgart wirkten wie ein
Fanal. Am 12.11.1948 kam es zum Generalstreik in der Bizone, dem der DGB
den Stachel zu ziehen versuchte, indem er ihn als „Manifestation
gewerkschaftlichen Willens“ und “Arbeitsruhe” herunterspielte. Der
politische Druck nach der Währungsreform mit dem Generalstreik als
Höhepunkt führte dazu, dass der Lohnstopp aufgehoben wurde und Erhard
als Prophet der „freien Marktwirtschaft“ zu Konzessionen und Korrekturen
an seinem dogmatischen Korsett gezwungen wurde. (…) Die politische
Pointe dieses Übergangs liegt darin, dass er nicht als Sieg von
Gewerkschaften und linken Parteien über den liberalen Dogmatismus
erkannt wurde. Vielmehr kassierten die puristischen Markt-Dotrinäre den
Sieg im Namen der “Freiheit”, im Windschatten des Kalten Krieges und
dank der semantischen Annexion des Wortes “sozial” für ihre Politik…” Artikel von Rudolf Walther vom 23.07.2019 bei der DGB-Gegenblende Montag, 5. August 2019
Mythos Soziale Marktwirtschaft
“Ludwig
Erhard wird bis heute oft als “Vater der sozialen Marktwirtschaft”
gefeiert. Doch das ist so fern der Realität wie Boris Johnsons
Vorstellungen vom Brexit. Uwe Fuhrmann räumt in seinem Buch mit allerlei
Mythen und Legenden auf, die über die Entstehung der sozialen
Marktwirtschaft immer noch kursieren. (…) Nur einige militante linke
Gewerkschafter wie Fritz Lamm (Autor und Herausgeber von den
“Thomas-Müntzer-Briefen” und “Die Funken”) und Viktor Agartz (DGB),
Eugen Eberle (Betriebsrat bei Bosch in Stuttgart) und die Gruppe
“Arbeiterpolitik” protestierten gegen die Gewerkschaftsführungen. Denn
die einigten sich auf einen politischen Kurs, der den Vorrang von
Wohlstand und parlamentarischer Demokratie zur Stabilisierung der
kapitalistischen Ordnung vor den systemsprengenden Zielen und Strategien
– Demokratisierung und Sozialisierung – festschrieb. Den zahlreichen
lokalen und regionalen Streiks begegneten nicht nur die Besatzungsmächte
skeptisch, sondern auch die Führungen der Gewerkschaften, allen voran
Hans Böckler, der den Streikenden mit der Ermahnung entgegentrat, „die
Wirtschaft vor weiteren Störungen“ zu bewahren. (…) Ein Schlüsseldatum
in dieser monatelang dauernden Protestwelle ist eine gewerkschaftlich
initiierte Aktion am 28.10.1948 in Stuttgart mit über 100.000
Teilnehmern. Die Kundgebung artete in Tumulten aus, nachdem ein mehrfach
vorbestrafter Besitzer eines Luxusladens die Demonstranten verhöhnt
hatte. Die US-Militärpolizei griff ein, 17 Menschen wurden verhaftet,
ein Demonstrant von einem US-Militärgericht zu zehn (!) Jahren Haft
verurteilt. Der Oberbefehlshaber Clay verhängte eine Ausgangssperre und
ein Versammlungsverbot. Die Ereignisse von Stuttgart wirkten wie ein
Fanal. Am 12.11.1948 kam es zum Generalstreik in der Bizone, dem der DGB
den Stachel zu ziehen versuchte, indem er ihn als „Manifestation
gewerkschaftlichen Willens“ und “Arbeitsruhe” herunterspielte. Der
politische Druck nach der Währungsreform mit dem Generalstreik als
Höhepunkt führte dazu, dass der Lohnstopp aufgehoben wurde und Erhard
als Prophet der „freien Marktwirtschaft“ zu Konzessionen und Korrekturen
an seinem dogmatischen Korsett gezwungen wurde. (…) Die politische
Pointe dieses Übergangs liegt darin, dass er nicht als Sieg von
Gewerkschaften und linken Parteien über den liberalen Dogmatismus
erkannt wurde. Vielmehr kassierten die puristischen Markt-Dotrinäre den
Sieg im Namen der “Freiheit”, im Windschatten des Kalten Krieges und
dank der semantischen Annexion des Wortes “sozial” für ihre Politik…” Artikel von Rudolf Walther vom 23.07.2019 bei der DGB-Gegenblende
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