Europawahl: So haben GewerkschafterInnen gewählt – Für die AfD stimmten rund 13 Prozent!
Dossier

“
Mehr
als 50 000 Menschen hat die Forschungsgruppe Wahlen am Tag der
Europawahl zu ihrer Stimmabgabe befragt. Diese Zahlen bilden die Basis
für die einblick-Wahlgrafiken. (…) Auch bei den GewerkschafterInnen
haben die Grünen mit einem Plus von 8,1 Prozentpunkten deutlich
zugelegt. Großer Verlierer ist die SPD, die bei den letzten Europawahlen
noch 36,9 Prozent der Stimmen aus dem Gewerkschaftslager bekommen hat.
2019 gaben nur 22 Prozent ihr Kreuz für die Sozialdemokraten ab – ein
Minus von fast 15 Prozentpunkten. Auch die Partei Die Linke muss ein
leichtes Minus hinnehmen. Für die AfD stimmten rund 13 Prozent
der gewerkschaftlich Organisierten. [alle WählerInnen: 11,0 %. Und: +
6,8 % gegenüber 2014! Selbst bei Gewerkschaftsmitgliedern zwischen 18
und 29 Jahren sind es überdurchschnittliche 11,7%!] Unter
jungen Gewerkschaftsmitgliedern hat die SPD nur wenig Rückhalt. Gerade
einmal 13,5 Prozent der 18-29-Jährigen gaben ihr die Stimme. Einzig die
über 60 Jahre alten WählerInnen halten der SPD die Stange. Bei den
Gewerkschaftsfrauen liegen die Grünen vorn. Bei den Gewerkschaftsmännern
CDU/CSU.”
Info-Grafiken aus dem einblick vom Juni 2019 am 27.05.2019 beim DGB 
– siehe auch:
- Warum Gewerkschafter rechts wählen
“Bei der Europawahl erhielt die AfD elf Prozent der Stimmen, bei
Arbeiter*innen sogar 17 Prozent und zuvor 30 (Baden-Württemberg) und 37
Prozent (Sachsen-Anhalt) bei Landtagswahlen. Warum ist das so?
DRUCK+PAPIER hat Professor Klaus Dörre, Arbeitssoziologe an der
Universität Jena, gefragt. Dörre befragt seit mehr als 25 Jahren
abhängig Beschäftigte zu ihrer Arbeitssituation und zu ihren politischen
Einstellungen. Die Bandbreite der Befragten reicht von Arbeitern, die
knapp oberhalb des Mindestlohns verdienen, bis zu Angestellten, die über
Tarif bezahlt werden. Schon früh fand Dörre unter ihnen rechte
politische Einstellungen, aber nach Gründung der AfD deutlich stärker.
Viele Gewerkschafter*innen sind Wähler*innen und Sympathisant*innen der
AfD oder anderer rechtspopulistischer Gruppen wie Pegida. »Sie alle
verbindet ein Gefühl, dass sich am besten in einem Bild beschreiben
lässt: Sie stehen seit Langem in einer Warteschlange am Berg der
Gerechtigkeit. Aber in dieser Schlange konnten sie nicht aufrücken.«
Dafür hätten sie immer neue Gründe gehört: Globalisierung,
Standortkonkurrenz, deutsche Einheit, sagt der Wissenschaftler. »Sie
haben materiell immer verzichten müssen. Dann kam die Eurokrise.
Plötzlich waren Milliarden da, um Banken zu retten.« 2015 drängelten
sich Geflüchtete in der Warteschlange vor, sie hätten aber für die
Finanzierung der Sozialsysteme nichts geleistet – so das Gefühl der
AfD-Wähler*innen. Doch plötzlich war wieder viel Geld da: »Das alles
wird auf dem Hintergrund, dass die Wirtschaft brummt, als zutiefst
ungerecht empfunden.« Das habe Folgen: »Wer sich so ungerecht behandelt
fühlt, wertet andere ab, um sich selbst aufzuwerten.« Dann heiße es über
Geflüchtete: »Die gehören nicht zu uns.« Die AfD-Wähler*innen und
Sympathisant*innen produzierten eine Fülle von Vorurteilen und seien
sich sicher: »Wir gehören nicht zu denen; wir sind etwas ganz anderes,
wir sind Deutsche.«…” Beitrag vom 29. Juli 2019 von Friedrich Siekmeier bei der ver.di-Branchenzeitung Druck + Papier 
- [Interview mit Klaus Dörre] Arbeiterbewegung von rechts?
“”Arbeiterbewegung von rechts? Ungleichheit – Verteilungskämpfe –
populistische Revolte” – das ist der Titel eines Buches, das letztes
Jahr im Campus-Verlag erschienen ist. Herausgegeben haben es Karina
Becker, Klaus Dörre und Peter Reif-Spirek. Ausgangspunkt des Buches ist
die Feststellung, dass rechtspopulistische Bewegungen und Parteien bei
Produktionsarbeiterinnen und -arbeitern eine überdurchschnittliche
Zustimmung erfahren. Dabei greifen die AutorInnen neben aktuellen
Studien auch auf ältere Debatten innerhalb der Soziologie zurück – denn
das Phänomen ist keineswegs neu. Wir sprachen mit einem der Herausgeber –
Professor Klaus Dörre (Uni Jena).” Interview vom 12.06.2019 von Radio corax, Halle, im Audioportal Freier Radios
– sehr hörenswertes Interview, weit über die EU-Wahl hinaus!
- Warum wählen so viele ArbeiterInnen AfD? Es braucht klassenkämpferischere und internationalistischere Gewerkschaften
“Bei der Europawahl haben nicht nur die Grünen massiv
gewonnen, sondern wie zu befürchten, auch die AfD. Viele Stimmen gewann
die AfD nicht nur im Osten, sondern auch bei ArbeiterInnen und das
obwohl die Partei zum großen Teil ein höchst unsoziales Programm hat.
Infratest dimap kam zum Ergebnis, dass die AfD bei ArbeiterInnen 23 %
der abgegebenen Stimmen erhielt. Die Jenaer SoziologInnen Klaus Dörre
und Karina Becker sehen sogar bei 24 Prozent der
Gewerkschaftsmitgliedern eine Parteipräferenz für die AfD. Über den
Erfolg der AfD bei ArbeiterInnen und Gewerkschaftsmitgliedern haben wir
mit Christa Hourani von der Initiative zur Vernetzung der
Gewerkschaftslinken gesprochen. Sie ist seit längerem beschäftigt mit
der AfD nahen rechten Betriebsratsliste „Zentrum Automobil“ bei Mercedes
in Stuttgart und kritisiert den “Kuschelkurs” der Gewerkschaften
gegenüber dem Kapital.” Interview von Radio Dreyeckland mit Christa Hourani vom 7. Juni 2019
(Audiolänge: 21:40 Min.)
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