Pflegenotstand: (Wieder mal) Ausländer rein! Also in die Pflege. Die verzweifelte Hoffnung stirbt offensichtlich zuletzt
Dossier

“…
Die
Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte als ein Lösungsweg aus einem
Pflegenotstand verstanden als fehlendes Personal hat – man wird nicht
überrascht sein – eine lange Geschichte in unserem Land und reicht weit
zurück in eine Zeit, in der Deutschland sich als alles andere verstanden
hat als das, was es längst war: ein Einwanderungsland. Die Figur des
“Gastarbeiters” wurde auf viele Bereiche übertragen, so auch auf das
Gesundheitswesen. Die älteren Semester werden sich noch gut erinnern an
die Krankenschwestern aus Korea und den Philippinen, die man in den
1970er Jahren nach Deutschland “importiert” hat. Auch unsere Nachbarn,
die Österreicher, haben das praktiziert. (…) Denn auch Spahn sollte
mittlerweile wissen, dass dieser Weg keine wirkliche Lösung des
eklatanten Pflegepersonalnotstands darstellt, weil ein realistisch
erreichbarer Arbeitskräfteimport nur einen sehr überschaubaren
Entlastungseffekt zur Folge haben wird. Die strukturell bedingte
Hilflosigkeit wird auch an dem bereits bekannten, oft zitierten
Textbaustein mit der schnelleren Anerkennung der ausländischen
Abschlüsse sowohl in Pflege wie auch bei den Ärzten erkennbar. Hört sich
vernünftig an, verspricht aber mehr, als es halten kann. Denn das
strukturelle Dilemma, das hier zu benennen ist, bezieht sich auf einen
Aspekt, der jenseits der formalen Gleichwertigkeit von Abschlüssen
liegt. (…) Die seit langem bekannte und immer wieder reanimierte
Hoffnung, über den Griff ins Ausland unsere Personalprobleme lösen zu
können, wird genau so funktionieren wie in den zurückliegenden
Jahrzehnten. Also gar nicht. Allenfalls eine punktuelle Entlastung wird
es geben können für das eine oder andere Krankenhaus oder das eine oder
andere Pflegeheim. Aber man sollte das als Nebenzweig eines
vielgestaltigen Lösungsbaums verstehen, in dessem Zentrum die deutliche
Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege hier bei uns stehen
muss. Übrigens – dass es die Arbeitsbedingungen sind, die einen
gewichtigen Einfluss darauf haben, ob es a) genügend Nachwuchskräfte für
die Pflege geben wird und b) ob und wie lange die Pflegekräfte im Beruf
bleiben, ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis…”
Artikel vom 2. April 2018 von und bei Stefan Sell 
. Siehe dazu:
- Pflege-Anwerbung: Keine langfristige Entlastung zu erwarten
„Um die Situation in der Pflege zu verbessern, will
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verstärkt Pflegekräfte aus dem
Ausland anwerben. Schon bald sollen Fachkräfte aus dem Kosovo Pfleger
hierzulande entlasten. Wie steht der Deutsche Berufsverband für
Pflegeberufe (DBfK) zu diesem Vorhaben?“ Nicoletta Eckardt von SpringerPflege fragt am 17. Juli 2019 nach bei DBfK-Sprecherin Johanna Knüppel
: „…Wir
sehen das aus verschiedenen Gründen kritisch. Es wird so sein wie bei
anderen Anwerbeversuchen in der Vergangenheit auch, beispielsweise in
Vietnam. Es werden einige engagierte Fachkräfte kommen. Zu einer
dauerhaften, spürbaren Entlastung in den Pflegeeinrichtungen führt das
nicht. Nur ein geringer Teil der angeworbenen Pflegefachpersonen bleibt
langfristig. Dafür sind die Arbeitsbedingungen für Pflegende in
Deutschland zu schlecht. Und das ist das Kernproblem. Andere Länder
können hier ein deutlich attraktiveres Arbeitsumfeld bieten. Auch bei
der Integration und Einarbeitung der Kollegen aus Drittländern hapert es
häufig. (…) Es steht zu befürchten, dass vor allem die Pflegekräfte mit
den besten Zeugnissen und Qualifikationen abgeworben werden. Damit
verliert das Land für das eigene Gesundheitswesen so dringend benötigte
Kompetenz. Polen ist dafür ein Paradebeispiel. Das Gesundheitswesen dort
hat sich bis heute nicht erholt vom massiven Weggang vieler
Pflegefachpersonen seit Beitritt zur EU. In anderen osteuropäischen
Ländern gibt es dieselben Entwicklungen. (…) Für eine erfolgreiche
Integration brauchen die Einrichtungen vor allem fachlich kompetente und
kultursensible Mitarbeiter. Sie müssen die neuen Kollegen nicht nur in
pflegefachlichen Fragen unterstützen, sondern auch kulturelle
Unterschiede aufarbeiten und vermitteln. Das erfordert Zeit, die in den
meisten Fällen einfach nicht da ist. Wichtig ist aber auch die soziale
Integration. Sie darf nicht nach Dienstschluss enden…“
- Lohngefälle: Warum auch in Tschechien Pflegekräfte fehlen
“… Besuch einer Seniorenresidenz im tschechischen Strážný, fünf
Kilometer hinter der Grenze. 24 Senioren werden hier betreut. Und fast
alle kommen aus Deutschland. Vor drei Jahren hat Marie Sporková das
ehemalige Skihotel gepachtet und in ein Altenheim verwandelt. Der
Andrang aus dem Nachbarland war von Anfang an groß (…) Nicht ganz 1600
Euro im Monat kostet das Einzelzimmer – Extraleistungen wie Friseur,
Hand- und Fußpflege oder Windeln inklusive. Für den Heimplatz ihrer
Mutter in Niederbayern hat Gabi Seppenhauser vor drei Jahren mehr als
das Doppelte hingelegt. Mindestens 600 Euro habe sie draufzahlen müssen.
Die Rente habe dafür bei weitem nicht gereicht. Irgendwann seien die
Ersparnisse ausgereizt gewesen. (…) In entgegengesetzter Richtung
passiert Jana Slačíková die offene Grenze nach Deutschland. Seit einem
Jahr pendelt die 40-jährige Krankenschwester von Böhmen zu ihrem
Arbeitgeber, einem Altenheim in Waidhaus in der Oberpfalz. 50 Kilometer
einfache Fahrt. Derzeit arbeitet sie als Pfegehelferin. In deutschen
Heimen steht ihr so der Pflegemindestlohn von 11,50 Euro die Stunde zu.
In Tschechien liegt der allgemeine Mindestlohn dagegen bei nur 3,11
Euro. Das bedeutet: Sogar als Pflegehelferin verdient sie in Deutschland
mehr als in ihrem Heimatland, wo sie als Fachkraft in einem Krankenhaus
gearbeitet hat. (…) In Tschechien hat Jana Slačíková eine vierjährige
Fachausbildung gemacht. Solche Abschlüsse werden grundsätzlich EU-weit
als gleichwertig anerkannt. Doch die deutschen Behörden akzeptieren sie
erst dann, wenn auch die sprachlichen Fähigkeiten nachgewiesen sind. (…)
Auch im tschechischen Strážný sucht Heimleiterin Marie Sporková
händeringend nach Fachpersonal. Rund 1000 Euro verdienen
Pflegefachkräfte hier. Und natürlich sollten sie sich mit den deutschen
Bewohnern gut verständigen können. Doch zu gut kann auch ein Nachteil
sein. “Die, die wirklich gut Deutsch sprechen, bemühen sich, eine
Arbeitsstelle in Deutschland zu finden”, so Sporková. Sie versuche,
Mitarbeitern für gute Arbeit finanziell entgegenzukommen. Solange aber
das starke Lohngefälle zwischen Deutschland und Tschechien bleibt,
werden viele Fachkräfte weiter nach Westen abwandern.” Beitrag Susanne Wimmer vom 24. Mai 2019 bei BR24
mit ca. 7 Min. langem Video
- Ausländische Pflegekräfte: Zwischen Rollstuhlschieben und Abschiebung
“… Deutschland braucht mehr Pflegekräfte. 80.000 Fachkräfte fehlen
allein in der Krankenpflege, wie die Gewerkschaft ver.di vergangenes
Jahr errechnete. Indes steigt die Zahl der Pflegebedürftigen. Die
Bertelsmannstifung prognostiziert, dass in zehn Jahren bereits 500.000
Vollzeitkräfte in der Pflege fehlen werden. (…) In Kolumbien ist
Krankenpflege ein Studiengang. Rodríguez hat sogar einen Masterabschluss
gemacht und Pflege an der Uni gelehrt. Zusätzlich arbeitete der
29-Jährige in Kolumbien sechs Jahre lang in seinem Beruf. Einen
Pflege-Job in Deutschland zu bekommen, war nicht schwer. Obwohl er zu
Beginn über keinerlei Deutschkenntnisse verfügte, bot ihm eine
Vermittlungsagentur eine Arbeit an einer Hamburger Klinik an: als
Pflegehelfer. (…) »Meine deutschen Kollegen, die Krankenpfleger sind,
verdienen etwa 2.800 Euro netto im Monat. Ich mache fast die selbe
Arbeit und verdiene nur etwa 1.100 Euro«, erzählt er. »Es gibt noch drei
andere Ausländer bei mir auf der Arbeit, die in der selben Situation
sind wie ich. Manchmal müssen wir auch direkt von Spätschicht auf
Frühschicht wechseln und haben dazwischen noch nicht einmal die elf
Stunden Ruhezeit, die uns gesetzlich eigentlich zustehen«. (…) Für das
Qualifizierungsprogramm braucht er B2-Niveau. Seit Monaten besucht
Rodríguez Deutschkurse. Finanzieren muss er sie selbst: Um das B2-Niveau
abzuschließen, belaufen sich die Kosten auf mehr als 3.000 Euro. Neben
seinem 40-Stunden-Job im Krankenhaus geht Rodríguez drei mal pro Woche
zum Deutschkurs, zusätzlich gibt es Hausaufgaben. Viel Zeit zum Lernen
für die Prüfung bleibt da nicht. »Ich muss es schaffen«, sagt er. »Es
gibt keine andere Möglichkeit«. (…) Zwei Monate später hält Rodríguez
sein B2-Zertifikat in der Hand und hat einen Platz im
Qualifizierungsprogramm. Dann kommt der Brief vom Bezirksamt,
Fachbereich Ausländerangelegenheiten: Rodríguez‘ Visum sei an die
Anerkennung seines Berufsabschlusses gekoppelt. Und für diese
Anerkennung habe er nach §17 des Aufenthaltsgesetzes 18 Monate Zeit,
mehr nicht. Die seien seit einem Monat abgelaufen. (…) Während Horst
Seehofer sich Gedanken macht, wie mehr Fachkräfte nach Deutschland
geholt werden könnten, droht Rodríguez nun die Abschiebung. Ihm und
vielen anderen ausländischen Pflegekräften – jeweils nach 18 Monaten
unterbezahlter Arbeit als Pflegehelfer*in.” Beitrag von Lou Zucker bei neues Deutschland online vom 23. Mai 2019 
- Fachkräftemangel: „Sagt ausländischen Pflegekräften die Wahrheit!“
“… Noch vor zwei Jahren, erzählt Grahame Lucas, seien im Altersheim
seiner Mutter in England alle Stellen vergeben gewesen. Neuerdings
jedoch – Stichwort Brexit – sieht der britische Journalist am Schwarzen
Brett regelmäßig Ausschreibungen hängen. Denn: Ausländische Pflegekräfte
verlassen das Land. Viele stammen aus Osteuropa – Polen, Kroatien,
Bulgarien, Rumänien Weißrussland etwa. Sie hätten bisher ihr übriges
Geld in die Heimat geschickt: an die Eltern, an die Kinder, als
Unterstützung für den Lebensunterhalt. Doch der Wertverlust des
britischen Pfunds von mehr als zehn Prozent im Zuge des Brexits kommt
für sie einem Gehaltsverlust in dieser Höhe gleich. „Einige sind jetzt
nach Deutschland gegangen“, sagte Lucas kürzlich in einer Talkrunde im
TV-Sender Phoenix: „Weil sie dort neue Stellen bekommen haben.“ (…) Und
tatsächlich: Krankenhäuser, Pflegeheime und ambulante Dienste in
Deutschland stellen immer mehr Mitarbeiter ein, die ihren
Berufsabschluss im Ausland erworben haben. „Die Zahl der Fachkräfte in
diesem Bereich, die jährlich einwandern, ist innerhalb von fünf Jahren
um das Fünffache angestiegen“, heißt es in einer Studie der Universität
in Frankfurt/Main im Auftrag der gewerkschaftsnahen
Hans-Böckler-Stiftung (…) „Ohne die Fachkräfte aus dem Ausland wäre der
Pflegenotstand in Deutschland noch deutlicher spürbar“, so das Resümee
der Forscher. Doch das Anwerben fertig ausgebildeter Pflegefachkräfte
aus dem Ausland könne nur eine von vielen Maßnahmen sein, um den
Fachkräftebedarf zu decken, heißt es in einem Statement der
Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „Deutschland ist alles andere als ein
Pflege-Paradies für ausländische Fachkräfte“, sagt Sylvia Bühler,
Mitglied im Verdi-Bundesvorstand. „Das liegt vor allem an der schlechten
Personalausstattung in den Kliniken und in der Altenpflege und an den
unterschiedlichen Vorstellungen von Pflegetätigkeiten.”. (…) Und fast
noch wichtiger: Bei der Integration in den Betrieb fehlt oft Weitsicht
und Fingerspitzengefühl. Der Kölner Pflegeexperte Lars Holldorf: „Viele
Arbeitgeber haben mit ausländischen Pflegekräften noch gar keine
Erfahrung gemacht oder im Prinzip blauäugig und unvorbereitet den ersten
ausländischen Mitarbeiter eingestellt“, berichtet Holldorf. „Dann ist
die Gefahr relativ groß, dass er innerhalb der ersten sechs Monate
scheitert…” Beitrag von Adalbert Zehnder vom 2. Mai 2019 bei pflegen-online.de 
- ver.di: Neue Studie zeigt Handlungsbedarf für erfolgreiche betriebliche Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland
“Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) sieht nach der
Veröffentlichung einer neuen Studie der Hans-Böckler-Stiftung zur
Zuwanderung von Pflegefachkräften aus dem Ausland großen
Handlungsbedarf, um deren betriebliche Integration erfolgreich zu
gestalten. Die Studie zeige, dass es nicht damit getan sei,
Pflegfachkräfte aus dem Ausland für die Arbeit in Kliniken und
Altenpflegeeinrichtungen einfach nur anzuwerben. „Damit die
zugewanderten und einheimischen Pflegekräfte Hand in Hand miteinander
arbeiten können, braucht es eine gute Vorbereitung und Begleitung aller
Beteiligten“, sagte Sylvia Bühler, Mitglied im ver.di-Bundesvorstand.
Das Anwerben fertig ausgebildeter Pflegefachkräfte aus dem Ausland könne
nur eine von vielen Maßnahmen sein, um den Fachkräftebedarf zu decken.
Vor allem müssten die Träger der Einrichtungen und die Politik endlich
entschlossen handeln, um im eigenen Land genug Menschen für die
Pflegeberufe zu gewinnen. „Deutschland ist alles andere als ein
Pflege-Paradies für ausländische Fachkräfte. Das liegt vor allem an der
schlechten Personalausstattung in den Kliniken und in der Altenpflege
und an den unterschiedlichen Vorstellungen von Pflegetätigkeiten“, so
Bühler. „Damit es ein besseres Verständnis untereinander gibt, statt
stereotyp „kulturelle Unterschiede“ für mögliche Missverständnisse im
Berufsalltag verantwortlich zu machen, braucht es Zeit und Räume für den
Austausch“, erläuterte Bühler. Wichtig für eine erfolgreiche und
nachhaltige Integration ausländischer Pflegefachkräfte seien bessere
Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten…” Pressemitteilung vom 01.03.2019
, siehe dazu die genannte Studie:
- Neue Studie: Pflegefachkräfte aus dem Ausland: Zahl hat sich
versechsfacht – nicht selten Konflikte wegen Unterschieden in
Ausbildung und Berufsverständnis
“Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen stellen zunehmend
Pflegerinnen und Pfleger ein, die ihren Berufsabschluss im Ausland
erworben haben. So ist die Zahl der Fachkräfte für Gesundheits- und
Krankenpflege, die jährlich aus dem Ausland nach Deutschland kommen,
zuletzt auf fast das Sechsfache gestiegen: Von knapp 1 500 im Jahr 2012
auf gut 8 800 im Jahr 2017. Größtenteils stammen sie aus ost- und
südeuropäischen Staaten außerhalb der EU oder von den Philippinen. Die
meisten der zugewanderten Pflegekräfte kommen im Arbeitsalltag zurecht,
trotzdem ist die „nachhaltige betriebliche Integration eine große
Herausforderung“, der sich die Arbeitgeber stellen müssen. Das ergibt
eine neue, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie. Sowohl neu
migrierte als auch einheimische Beschäftigte – von denen selbst etliche
einen Migrationshintergrund haben – sind oft unzufrieden mit der
Zusammenarbeit. Differenzen und Missverständnisse, die häufig auf
Unterschieden in der Ausbildung und der gewohnten Arbeitsteilung
zwischen medizinischem Personal, Pflege- und Hilfskräften beruhen,
werden nicht selten stereotyp mit „kulturellen Unterschieden“ erklärt.
Das kann Konflikte ebenso verschärfen wie die generell oft schwierigen
Arbeitsbedingungen. Die Leitungen von Kliniken und Pflegeeinrichtungen
stehen daher vor der Aufgabe, Foren und zeitliche Freiräume für einen
besseren fachlichen Austausch und mehr Verständnis zwischen neu
zugewanderten und etablierten Fachkräften in der Pflege zu schaffen.
Dabei können Betriebsräte eine wichtige Moderatorenrolle einnehmen. Im
besten Fall ergeben sich daraus Anregungen für Verbesserungen in
Bereichen, in denen die Arbeitsorganisation im deutschen Gesundheits-
und Pflegesektor hinter der in anderen Ländern zurückbleibt. (…) Wie die
Zusammenarbeit in Kliniken und Pflegeeinrichtungen im Alltag
funktioniert, leuchten die Wissenschaftler über knapp 60 ausführliche
Interviews aus. Dabei wurden neben Pflegerinnen und Pflegern, die nach
2008 in die Bundesrepublik gekommen sind, auch einheimische
Pflegefachkräfte und Vorgesetzte nach ihren Erfahrungen befragt. Hinzu
kamen Interviews mit Arbeitgebervertretern, Vermittlern und
Migrationsexperten. In ausführlich dokumentierten Gesprächen beschreiben
Leitungskräfte und ein Betriebsrat aus Frankfurter Kliniken, wie in
ihren Häusern Konflikte entstanden sind und entschärft werden konnten.
Die Befragung offenbart auf beiden Seiten erhebliche Differenzen bei
Ausbildung, beruflichem Selbstverständnis und gewohnter
Arbeitsorganisation: In vielen der Herkunftsländer werden
Pflegefachkräfte an Hochschulen ausgebildet. Eine hochqualifizierte
schulisch-betriebliche Ausbildung wie in Deutschland ist dort unbekannt.
Gleichzeitig übernehmen Pflegefachkräfte etwa in Südeuropa in der
Tendenz mehr Management- sowie Behandlungsaufgaben, die in Deutschland
Medizinerinnen und Medizinern vorbehalten sind. Tätigkeiten der so
genannten „Grundpflege“ auszuüben, also etwa Patientinnen und Patienten
beim Essen oder der Körperpflege zu unterstützen, ist dort für
Pflegefachkräfte ungewöhnlich. Dafür gibt es, mehr noch als in
Deutschland, teils spezielle Service-Kräfte, teilweise müssen Angehörige
einspringen. (…) Die in Deutschland ausgebildeten Pflegefachkräfte
kritisieren wiederum, dass neu zugewanderte Kolleginnen und Kollegen
schon wegen mangelnder Sprachkenntnisse im verantwortungsvollen und eng
getakteten, stressigen Arbeitsalltag nicht voll einsetzbar seien. Die
akademische Ausbildung im Ausland wird oft nicht als Vorteil gesehen,
sondern als „praxisfern“ kritisiert. Dafür fehlten grundsätzliche
Kompetenzen, etwa bei der Körperpflege von Patienten und im
„Sozialverhalten“. Aus der Sicht der befragten einheimischen
Beschäftigten können die Fachkräfte aus dem Ausland daher zumindest für
einen längeren Einarbeitungszeitraum allenfalls als „Schüler“
beschäftigt werden. Die neu migrierten Pflegefachkräfte reagierten auf
die Konflikte mit „systematischem Lernen“, einer „ambivalenten
Anpassung“ – bei fortwährender Unzufriedenheit – und, wenn die
Spannungen nicht gelöst werden, oft mit einem „Exit“, schreiben die
Studienautoren. Darunter fassen sie einen Wechsel der Abteilung oder des
Krankenhauses, einen Ausstieg aus dem Pflegeberuf oder die enttäuschte
Rückkehr ins Herkunftsland. Wohl die schlechteste Lösung nach dem hohen
Aufwand auf beiden Seiten. (…) Entscheidend für eine erfolgreiche
Integration ist dabei aber auch, dass genug Ressourcen zur Verfügung
stehen: „Wenn man permanent unterbesetzt ist und die Patienten nicht
vernünftig versorgen kann, dann ist die Bereitschaft für zusätzliche
zeitaufwändige Aufgaben nicht so ausgeprägt. Dieses ist aber ein
generelles Problem, das nicht nur Fachkräfte betrifft, die aus dem
Ausland neu zu uns kommen“, sagt ein befragter Betriebsrat…” HBS-Mitteilung vom 01.03.2019
, darin Links zur Studie
- Interview zu Carearbeit und Migration mit Urmila Goel
“Kurzer geschichtlicher Überblick über die Anwerbung von indischen
Krankenschwestern, Stopp der Anwerbung Ende der 1970er und drohende
Beendigung der Aufenthaltsgenehmigungen, Verteilung von Sorgearbeit in
den Krankenschwester-FAmilien: Männer müssen Hausarbeit machen, lehnen
dies aber ab, evtl. hat das aber auch eine Veränderung der
Familienbeziehungen bewirkt. Zur Frage nach der Care-Chain kritisiert
Urmila eine pauschalisierende Perspektive auf Migrant*innen als “Opfer”
und plädiert für differenzierte Mikro-Ansichten auf tatsächlich
getroffene Arrangements (…) Dass in Deutschland Migrant*innen für
bezahlte Care-Arbeit engagiert werden, ist kein neues Phänomen. Schon in
den 60er und 70er Jahren gab es Kampagnen zur Anwerbung v.a. von Frauen
aus Südasien. Was wir aus dieser Geschichte lernen können, verrät das
nun folgende Interview mit einer Forscherin, die sich intensiv mit dem
Thema Care und Migration beschäftigt. Prof. Dr. Urmila Goel [sprich:
GO-EL] ist Vertetungsprofessorin am Institut für Europäische Ethnologie
an der Humboldt-Uni Berlin. Als Forscherin, Autorin und Trainerin
arbeitet sie zu ungleichen Machtverhältnissen in der Gesellschaft. Sie
tut das auf der Grundlage von postkolonialer Theorie, Gender und Queer
Studies und kritischer Rassismustheorie. Eins ihrer derzeitigen
Forschungsprojekte behandelt die Migration von Krankenschwestern aus
Südasien in die BRD…” Franzi von Radio Bermuda, Mannheim, im Gespräch mit Prof. Dr. Urmila Goel am 28. Februar 2019 beim Audioportal Freier Radios
(Audiolänge: 7:04 Min.)
- [Wie Europa gewinnt und Afrika verliert] Pflegenotstand in Deutschland: Mein Pfleger Mohamed
“… Dali Nefzi, großgewachsen, Anzughose mit Hosenträgern,
blinzelt über die Sonnenbrille hinweg ins gleißende Licht am Strand von
La Goulette in Tunesien. Hier ist er examinierter Krankenpfleger, bis
vor Kurzem war er Rettungsassistent beim großen Pipeline-Hersteller
Pireco. Jetzt ist Nefzi auserwählt. Mit dem staatlichen deutschen
Programm Triple Win sollen er und 17 weitere Tunesierinnen und Tunesier
in Deutschland den Personalmangel in der Altenpflege mildern, wenigstens
ein bisschen. (…) Triple Win heißt so, weil dabei alle Seiten gewinnen
sollen. Tunesien, weil es bei einer Jugendarbeitslosigkeit von um die 35
Prozent einige junge Menschen loswerden kann. Deutschland, weil der
Pflegemangel abgemildert wird. Und der nordafrikanische angehende
Altenpfleger, weil er legal in die EU und direkt in den deutschen
Arbeitsmarkt übersiedeln darf, was Millionen anderen verwehrt ist. Doch
es gibt einen gravierenden Fehler: Es werden keine ungelernten
Schulabsolventen mit deutschem Geld im Ausland zu Experten gemacht.
Deutschland zieht mit Triple Win ausgebildete Fachkräfte ab, die man
auch in Tunesien benötigt. (…) »Wenn alle gewinnen«, so schreibt es die
GIZ über ihr Programm zur Anwerbung ausländischer Pfleger. Die Wahrheit
ist: Europa gewinnt, Afrika verliert, zumindest wenn man die fragt, die
vom Triple-Win-Pilotprojekt in Tunesien direkt betroffen sind. Professor
Doktor Mounir Daghfous leitet den staatlichen Rettungsdienst in Tunis,
er hat Nefzi in Notfallmedizin ausgebildet, wie vor ihm bereits Hunderte
andere. »Wir bilden sie aus, dann werden sie weggefischt.« (…) Die
jungen Arbeitslosen, die 35 Prozent, werden nicht von Deutschland
ausgebildet, sie bleiben hoffnungslos. Im Landesinneren buhlen
Islamisten um die Frustrierten…” Bericht von Christoph Titz vom 24. Juni 2018 bei Spiegel online
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