Mehrheit? Macht nichts
Von Stephan Kimmerle, Seattle
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Die Paketauslieferer bei UPS werden von der Gewerkschaftsführung im Stich gelassen
Foto: Mark Lennihan/AP Photo/dpa
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Zwischen dem Logistikkonzern UPS und der zuständigen Gewerkschaft, der »International Brotherhood of Teamsters«, gilt seit dem 5. Oktober für 243.000 Beschäftigte in den USA ein neuer Tarifvertrag. Kein anderes Regelwerk in der Privatwirtschaft der USA umfasst mehr Beschäftigte. Doch noch kehrt beim Paketauslieferer keine Ruhe ein. Auf der einen Seite müssen lokale Tarifbestimmungen neu verhandelt werden, die – zum Teil deutlich – abgelehnt wurden. Auf der anderen Seite können sich die Beschäftigten nicht auf die fixierten Abmachungen verlassen, da sich die Führung der Teamsters zur Unterzeichnung des Gesamtabkommens über das Votum der Mehrheit ihrer Mitglieder hinwegsetzte.
Auf der von der Gewerkschaft selbst betriebenen Website »UPS Rising« wurde ausgeführt: »Von den 209.043 stimmberechtigten Mitgliedern haben nur 92.604 (44,3 Prozent) ihr Votum abgegeben. Das tabellarische Ergebnis zeigt, dass 42.356 (45,8 Prozent) für den vorgeschlagenen Vertrag und 50.248 (54,2 Prozent) dagegen gestimmt haben.« Da damit allerdings weniger als 50 Prozent der Mitglieder teilnahmen, kann und muss sich die Führung nach ihrer Auslegung der Satzung darüber hinwegsetzen.
»Nach meiner Interpretation war das keinesfalls vorgeschrieben, sondern einfach eine Option, die sie gewählt haben«, sagte Joan Elaine Miller gegenüber jW. Miller ist seit mehr als 25 Jahren bei UPS und fährt seit 13 Jahren in Philadelphia Pakete aus. »James Hoffa und Dennis Taylor sind so unehrlich und korrupt«, so Miller über den Generalpräsidenten der Teamsters, Hoffa, und den Hauptverhandlungsführer von seiten der Gewerkschaft, »dass die einfach wussten, dass sie das durchdrücken würden, komme, was wolle«.
Miller ist gewähltes Mitglied des US-weiten Steuerungskreises der »Teamsters for a Democratic Union« (TDU), der »Teamsters für eine Demokratische Gewerkschaft«. »Wir sollten nicht gezwungen sein, in unserer eigenen Organisation eine Fraktion organisieren zu müssen, aber die Korruption in dieser Gewerkschaft zwingt uns dazu«, erläuterte die 55jährige Kollegin.
Paketausfahrer können in Zukunft für weniger Lohn und ohne Wochenendzulagen eingestellt werden. Selbst nach fünf Jahren erhalten sie sechs Dollar pro Stunde weniger als bislang Beschäftigte in der entsprechenden Einkommensstufe. »Eine Entlohnung in zwei Klassen«, fasst Miller zusammen, »warum sollte irgendeine Gewerkschaft damit einverstanden sein?«
Laut Miller führen diese neuen Verträge auch zu einem höheren Durchlauf bei den Beschäftigten. Davon, argumentiert sie, profitiert die Gewerkschaft. Wer bei UPS anfängt zu arbeiten, muss an den meisten Arbeitsplätzen auch bei den Teamsters eintreten. Damit wird eine Beitrittsgebühr von 250 Dollar fällig. UPS zahlt außerdem für jeden Beschäftigten in die Rentenkasse der Teamsters. Allerdings erhalten Beschäftigte erst nach fünf Jahren Arbeit beim Unternehmen tatsächlich ein Recht darauf, später diese Rente zu beziehen. »Diese Drehtür dient beiden«, UPS und den Teamstern, »aber nicht der Mitgliedschaft«, sagt Miller.
Die Paketauslieferung ist ein Knochenjob. Die elektronischen Handgeräte, die die UPS-Fahrer mit sich tragen und auf denen die Kunden den Eingang der Pakete bestätigen, zeichnen alles auf, was die Fahrer tun, wann der Autogurt angelegt oder geöffnet wird, wann das Auto sich bewegt, wie oft ein Fahrer stoppt und wie viele Pakete er ausliefert. Der Druck steigt. Jüngst fragte ein Vorgesetzter Miller tatsächlich, warum sie zwölf Minuten zwischen zwei Stopps gebraucht habe. »Vielleicht war ich auf der Toilette, keine Ahnung, ich mache mir darüber doch keine Notizen«, mokierte sie sich. Die Beschäftigten würden »über-überwacht«. »Micromanaging« nennt Miller das.
Der Konzern selbst scheint jedenfalls so schnell wie möglich zur Umsetzung des Vertrags übergehen zu wollen und schrieb bereits am 6. Oktober über die Entscheidung der Gewerkschaftsspitze, den Tarifvertrag zu ratifizieren: »UPS erkennt die Entscheidung der International Brotherhood of Teamsters an«.

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