Von wegen Freiheit
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Dota, die Band, mit Dota, der Sängerin, im weißen Kleid. In der Sauna
Foto: Annika Weinthal
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Dota: Die Freiheit (Kleingeldprinzessin-Records)
Waren die ersten Alben noch von brasilianischen Klängen – das Album »Schall und Schatten« (2009) spielte sie mit der Bossa-Legende Chico César ein – und von Folkrock geprägt, gibt es auf der neuen CD neben Ska, filigranen Gitarren und um Bläser bereicherte Arrangements erstmals Ausflüge in Richtung Elektropop. Dazu Kehrs unverkennbare zarte, fast kindliche Stimme, mit der sie Gesellschaftsanalyse im Versmaß liefert. Dota sucht nach Fluchtwegen aus der Großstadt (»Bunt und hell«) und nach der erfüllten Liebe per Smartphone-Wischbewegung (»Prinz«), erzählt vom Umgang mit Leistungsdruck (»Orte«) oder vom gesellschaftlichen Alltagsdilemma um einen rassistischen Witz (»Zwei im Bus«). In »Kapitän« singt sie über die Orientierungslosigkeit einer Beziehung: »Weil du nichts lenkst und weil ich nichts entscheide / und wir jeder nur nach hinten schauen / so sitzen wir jetzt beide im Bauche des Wals voll Vertrauen / und fragen, wo geht’s hin, Kapitän?« Ohne Not keine bewussten Entscheidungen fürs Leben treffen – das sind Luxusprobleme. Das klingt auch in vielen Texten des neuen Albums durch, denn »wir sind zweifellos privilegiert auf der anderen Seite des Panzerglases« (»Raketenstart«).
»In der Hand« ist der vielschichtigste Titel, inhaltlich und musikalisch. Er erzählt die Geschichte eines Menschen, der sich gegen die Willkür eines Überwachungsstaats zu wehren versucht. Angesichts der Kriminalisierung der G-20-Gegner in Hamburg oder der Demonstranten im Hambacher Forst ein besonders verstörender Text, denn man »las nicht vor, was da stand, / er sagte nur, wir haben was gegen Sie in der Hand«. Die Angst wird durch die Ich-Perspektive noch greifbarer. Am Ende steht eine Hörspielsequenz mit jazziger Musik, die das Lied zum Krimi werden lässt.
Kehr erzählt ihre Geschichten in einfachen Worten, bleibt bewusst vage, urteilt nicht. Auf die Frage, ob sie sich als politische Künstlerin sehe, antwortete sie, dass sie oft in die Kategorie »politisches Lied« eingeordnet werde, aber nicht denke, dass sie »da eine große Kompetenz habe, nicht mehr als irgendwer, der Zeitung liest. Aber es gibt natürlich Sachen, wo eine Haltung unerlässlich ist« (RBB-Kulturmagazin, 8.9.18). Sie schätzt Franz Josef Degenhardt, Konstantin Wecker und Hannes Wader. Auf dem Gedenkkonzert, das die junge Welt kurz nach dem Tod Degenhardts Ende 2011 im Berliner Ensemble organisierte, interpretierte sie dessen Stück »Ein schönes Lied«. Sie sang es mit zarter Stimme, obwohl es um makabere Inhalte geht, »vertraut, verspielt / verspielt, vertraut und nicht zu laut«.

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