Sonntag, 28. Oktober 2018

Bilder gegen das Vergessen (Maria Michel)


Ein regnerischer Tag in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Besucher aus vielen europäischen Ländern sind gekommen. Schülergruppen sind dabei; ihr unbeschwertes Geplauder wird leiser und verstummt schließlich. Eine lange Lagerstraße, an der Mauer versehen mit Fotodokumenten aus der Geschichte des KZ, führt zu den Museen und Gedenkstätten. Die Sonderausstellung »Écraser l’infâme!« (Das Niederträchtige vernichten), benannt nach einem graphischen Zyklus von Rudolf Carl Ripper, ist seit dem 9. September zu sehen. Vor dem Eingang steht die kleinere Gipsfassung des Holocaust-Mahnmals des polnischen Künstlers Louis Mittelberg. Die größere Bronzeausführung findet man auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.

Eine Arbeit Rippers trägt den Titel »Les Chrétiens allemands« (Die Deutschen Christen): Adolf Hitler spielt auf einer monströsen Orgel die Symphonie des Todes vor einem Riesenrad, an dem Hingerichtete hängen, im Hintergrund ein Richter. Auf einer Jahrmarktsschaukel sitzt Göring als Clown. Leonhard Frank bezeichnete in seinem Roman »Links, wo das Herz ist« diese Gestalten als »bluttriefende Untiere des Naziregimes«.

In der Ausstellung werden etwa 140 Werke von Künstlern aus Polen, der Tschechischen Republik, den Niederlanden und Deutschland präsentiert, die in den Konzentrationslagern Oranienburg oder Sachsenhausen inhaftiert waren. Begleitet von biografischen Notizen sind Arbeiten von Jan Budding, Peter Edel, Hans Grundig, dessen Tod sich 2018 zum 60. Mal jährte, von Leo Haas, Vladimír Matêjka, Rudolf Carl Ripper, Viktor Siminski und Karel Zahrádka zu sehen. Den Objekten sind Arbeiten aus der Zeit vor und nach der Haft beigegeben. Der Kuratorin der Ausstellung, Agnes Ohm, ist es wichtig, die gezeigten Werke auch als Kunst zu würdigen, nicht nur als historische Quellen. Bald wird es keine Überlebenden mehr geben.

Die Radierungen von Ripper sind nach seither verschollenen Zeichnungen aus den Jahren 1934/35 entstanden. Ripper erlebte Terror und Folter im Berliner Columbia-Haus und im KZ Oranienburg und wählte zu seiner Tarnung eine surreale Bildsprache. Die Ausstellung zeigt auch eine sogenannte Tarnschrift, die unter einem Umschlag des Reclam-Bändchens von Goethes »Hermann und Dorothea« über unmenschliche Zustände berichtet, besonders über Grausamkeiten an Juden. Jan Budding bekannte: »Das Malen und Zeichnen, das war meine Möglichkeit, der Wirklichkeit zu entfliehen … Wenn ich nicht hätte zeichnen können, hätte ich den Krieg nicht überlebt.«

Leo Haas, Maler, Grafiker und Pressezeichner, überstand Theresienstadt und Auschwitz und gehörte 1944/45 dem von der SS zur Herstellung falscher Zahlungsmittel installierten »Fälscherkommando« in Sachsenhausen an. Er war als »Judenbolschewik« verschrien. Von ihm sind unter anderem Radierungen zu sehen; sie entstanden nach Zeichnungen, die er im KZ Theresienstadt geschaffen, vor seinem Transport nach Auschwitz eingemauert und nach seiner Befreiung aus ihrem Versteck geholt hatte. Peter Edel versteckte seine Arbeiten in einer Holzkiste mit doppeltem Boden. Vladimír Matêjka legte in seinem Zyklus »Es gibt einen Weg zur Freiheit« nach dem Krieg Zeugnis ab über die Realität im Lagerleben, über perfide Bestrafungen. Auch Hans Grundig verarbeitete das im Lager Erlebte in metaphernreichen Werken.

Es gab viel Neues und Bedeutendes zu entdecken. Die Werke der Sachsenhausener Sammlung wurden sinnvoll durch Leihgaben ergänzt. Solche Ausstellungen sind – nicht nur für die kunstgeschichtliche Forschung – auch in Zukunft wichtig. In anderen Konzentrationslagern waren ebenso Künstler inhaftiert, zum Beispiel Herbert Sandberg und Michail Sawizki.

Die Gestaltung der Ausstellung ließ Wünsche offen; es gab eine verwechselte Bildunterschrift zu den Arbeiten Rippers; bei einigen Personal-Kojen musste man sich die dazugehörigen Werke zusammensuchen. Durch fehlende Sitzgelegenheiten lädt die Ausstellung nicht zum längeren Verweilen ein. Vielleicht wäre es gut gewesen, einen gestandenen Ausstellungsgestalter hinzuzuziehen. Doch diese Hinweise schmälern die Bedeutung der Ausstellung nicht. Sie reiht sich ein in den großen Bereich der Erforschung »entarteter Kunst«. Mit diesem Schlagwort brandmarkten die Nazis Künstler als dekadent und undeutsch. Das war ein Angriff auf die Moderne. Künstler, die Regimegegner waren, erhielten Berufsverbot, wurden verfemt und verfolgt. Viele wählten die Emigration oder den Freitod, um der Verfolgung zu entgehen. Und es ist gut, dass die Sachsenhausener Ausstellung 2019 in der Gedenkstätte Theresienstadt und im MOCAK-Museum Krakau gezeigt wird und 2020 ins Zentrum für verfolgte Künste in Solingen weiterwandert.

Die Gedenkstätte Sachsenhausen besitzt großartige Werke von Bildhauern, unter anderem von René Graetz und Waldemar Grzimek, die würdevoll platziert sind. Im Innenhof des Museumsgebäudes, der als Erholungsareal genutzt wird, steht jedoch zwischen Cafétischen und Stühlen die eindrucksvolle, 1957 geschaffene bronzene Plastik »Die Kraft der Todgeweihten« des russischen Künstlers F. D. Fiweiski. Die lebensgroße Erschießungsszene, deren Erstguss zum Besitz des Russischen Museum St. Petersburg gehört, sollte schnell einen anderen Standort finden, ehe sie weiter entehrt wird.


»Écraser l’infâme! Künstler und das Konzentrationslager – die Kunstsammlung der Gedenkstätte Sachsenhausen«, Museum Sachsenhausen, Straße der Nationen 22, 16515 Oranienburg, bis zum 6. Januar 2019, Eintritt frei, geöffnet bis 14.10.2018 tägl. 8.30–18.00 Uhr, ab 15.10.2018 8.30-16.30 Uhr

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