Verfahren mit Symbolcharakter
Stand: 06.09.2016 04:39 Uhr
Sven Lau gilt als eines der Gesichter des
Salafismus in Deutschland. In Düsseldorf wird ihm nun der Prozess
gemacht. Der Vorwurf: Unterstützung einer ausländischen terroristischen
Vereinigung. Ein Verfahren mit Symbolcharakter.
Von Lena Kampf und Andreas Spinrath, WDR
Es ist dieses schelmische Grinsen, wie das eines
Jungen, der sich über sein Spielzeug freut. Doch das Bild zeigt keinen
Jungen, sondern einen Salafistenprediger, der derzeit in
Untersuchungshaft sitzt. Und in seiner Hand hält er kein Spielzeug,
sondern eine schwere Waffe.
Es ist Sven Lau, dessen Grinsen man noch kennt
aus dem Herbst 2014. Damals amüsierte er sich öffentlich darüber, wie es
ihm gelungen war, mit ein paar Warnwesten als selbsternannte
"Scharia-Polizei" in Wuppertal zu patrouillieren und damit
Kommentarspalten, Talkshowrunden und Bundespolitik heftig aus dem
Gleichgewicht zu bringen.
Foto zeigt Lau mit Sturmgewehr
Ein Foto, das dem WDR vorliegt, zeigt einen
anderen Lau als den Provokateur aus Wuppertal: Es zeigt den mutmaßlichen
Terrorunterstützer, dem ab heute am Düsseldorfer Oberlandesgericht der
Prozess gemacht wird. Auf dem Bild trägt der 35-jährige
Mönchengladbacher ein schwarzes T-Shirt, die linke Hand steckt in einem
schwarzen Handschuh und umfasst den Lauf eines Sturmgewehrs.
Lau steht in der Mitte einer unasphaltierten
Straße, die Sonne wirft den langen Schatten Laus und den des Fotografen
in den Sand, im Hintergrund sind die Umrisse einer dritten Person zu
sehen. Weder Zeitpunkt noch Ort der Aufnahme sind geklärt. Das Foto
wurde gemeinsam mit einem weiteren Bild, das Lau in einem Auto zeigt,
bei einer Hausdurchsuchung bei einem nordrheinwestfälischen Salafisten
sichergestellt. Doch die Ermittlungsbehörden konnten keine Metadaten,
also beispielsweise einen Zeitstempel, in den Dateien ausmachen. Welche
Beweiskraft das Foto hat, ist bislang unklar.
Anklage basiert auf Laus Syrien-Reisen
Mehrmals reiste Lau nach Syrien, meist in die
Stadt Hraytan, doch die Fahrten hatte Lau in Propagandavideos stets als
humanitäre Einsätze deklariert: Er besuchte beispielsweise ein
Krankenhaus, rief zu Spenden auf und ließ sich beim Blutabnehmen filmen.
Die Fassade bröckelte, als zum ersten Mal eine Aufnahme von Lau
auftauchte, auf der er auf einem Panzer steht, ein Gewehr auf dem
Rücken.
Auch die Anklage des Generalbundesanwalts basiert
auf Laus Reisen nach Syrien: Vier Fälle werden darin aufgelistet, es
geht um die Schleusung junger "Jihadwilliger" nach Syrien, um
Nachtsichtgeräte und Geld, das an eine Rebellengruppe in Syrien
geflossen sein soll, die sich später dem selbsternannten "Islamischen
Staat" anschloss.
Prozessbeginn gegen Salafistenprediger Lau
Jan Philipp Burgard, WDR, 06.09.2016, tagesschau24 11:00 Uhr
Jan Philipp Burgard, WDR, 06.09.2016, tagesschau24 11:00 Uhr
"Irgendetwas wird schon hängenbleiben"
Die Bundesanwaltschaft wertet dies als
Unterstützungshandlungen einer terroristischen Vereinigung im Ausland.
Laus Verteidiger Mutlu Günal vermutet dahinter ein System. Die Ankläger
verführen nach dem Motto: "Wir schmeißen so viel Dreck, wie es geht.
Irgendetwas wird an dem Herrn Lau schon hängenbleiben."
Das Verfahren hat Symbolcharakter: Lau ist eines
der Gesichter des Salafismus in Deutschland. Gemeinsam mit den alten
Bekannten Ibrahim Abou-Nagie, Koranverteiler aus dem Rheinland, und
Pierre Vogel, Ex-Boxer und Prediger, wurde der fünffache Familienvater
Lau schnell zu einem Anlaufpunkt der Szene. "Abu Adam" wusste sich zu
inszenieren.
War Lau Anlaufstelle für Kampfwillige?
Die Scharia-Polizei war nur eines seiner
öffentlichkeitswirksamen Projekte. Eben jene Funktion als Anlaufpunkt
soll vor Gericht geklärt werden. War Lau eine "Anlaufstelle für die
Armee der Auswanderer und Helfer" in Deutschland, wie es die
Staatsanwaltschaft vermutet? War er der "verlängerte Arm" der in Syrien
aktiven Terrororganisation "Jaish al-muhajirin wa-l-ansar" (JAMWA), was
so viel wie "Armee der Ausreiser und Auswanderer" bedeutet?
Hauptbelastungszeuge ist der Stuttgarter
Syrien-Rückkehrer Ismail I., der Ende März 2015 zu viereinhalb Jahren
Haft verurteilt wurde. Er war im August 2013 nach Syrien ausgereist und
hatte sich in Aleppo der JAMWA angeschlossen. Die Ausreise soll Sven Lau
koordiniert haben, der mit zwei zuvor ausgereisten Deutschen aus
Mönchengladbach, Konrad S. und Mustafa C., in engem Kontakt gestanden
haben soll.
Lau 2014 bereits festgenommen worden
S. und C. hatten sich etwa ein halbes Jahr vor
Ismail I. in Aleppo der JAMWA anschlossen und eine "Kampfgruppe der
Deutschen" gegründet. Beide sollen zuvor von Lau radikalisiert worden
sein. JAMWA stand unter Führung des Georgiers Omar Al-Shishani,
ein Teil der Gruppe hat sich nach Erkenntnissen der
Strafverfolgungsbehörden Ende 2013 dem sogenannten "Islamischen Staat"
angeschlossen.
Laut Anklage soll Lau Einfluss auf die
Zusammensetzung der Gruppe genommen haben: Er habe auf Bitten von S.
einen jungen Deutschen aus der Gruppe entfernt. Er habe außerdem 250
Euro an I. überbracht und erhielt den Auftrag, Nachtsichtgeräte zu
besorgen. I. und Lau hatten sich auf einer Pilgerreise nach Mekka
kennengelernt. I. hatte ursprünglich ausgesagt, er sei nach Syrien
ausgereist, um dort humanitäre Hilfe zu leisten und Lau habe ihm dabei
helfen wollen.
2014 wurde Lau bereits einmal festgenommen und
wegen der Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat angeklagt. Die
Anklage war aber zurückgezogen und Lau aus der Haft entlassen worden.
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