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BAYER/MONSANTO
BAYER/MONSANTO
#BAYER-HV:
Vorstand nicht entlastet
Vorstand nicht entlastet
#Glyphosat-Prozesse:
Strafen satt
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Leseprobe aus SWB 3/2019
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Die Geheimdossiers
der BAYER-Tochter MONSANTO
der BAYER-Tochter MONSANTO
Glyphosat-Gate
BAYERs
Tochter-Gesellschaft MONSANTO hat die politische Landschaft über Jahre
hinweg mit Geheimdienst-Methoden vermessen lassen, um sie so pflegen zu
können, dass Glyphosat & Co. darin ein ideales Habitat finden.\Von
Jan Pehrke
Sie
nennen sich harmlos Kommunikations- oder PR-Agenturen, arbeiten aber de
facto oft als private Nachrichtendienste für Konzerne: BURSON COHN
& WOLFE, PUBLICIS, FLEISHMAN HILLARD, FTI & Co. Genaueren
Aufschluss über ihre Tätigkeit geben jetzt Dokumente, die Unbekannte der französischen Zeitung Le Monde und dem TV-Sender France 2 zugespielt hatten.
So
erstellte FLEISHMAN HILLARD für die jetzige BAYER-Tochter MONSANTO ein
ausführliches Lagebild über das politische Frankreich. Ein umfangreiches
Dossier mit den Namen von 200 Journalist*innen, Politiker*innen,
Verbands- und NGO-Vertreter*innen sowie Wissenschaftler*innen mitsamt
Kontakt-Daten und Hobbys legte die Agentur für ihren Auftraggeber an.
Minutiös verzeichnete sie die Haltung der Betreffenden zu Themen wie
„Landwirtschaft“, „Ernährung“, „Umwelt“, „Gentechnik“, „Gesundheit“ und
„Pestizide“. Die Glaubwürdigkeit der Personen, ihren Einfluss und ihre
Haltung zu MONSANTO bewertete FLEISHMAN dabei mit Noten von „0“ bis „5“.
Diese detaillierten Profile dienten dann als Ansatzpunkte, um passgenau
„Vertrauen zu MONSANTO aufzubauen“.
Geheimdienst-Methoden
Schwerpunktmäßig
widmeten sich FLEISHMAN HILLARD und PUBLICIS, die zweite an der
Operation beteiligte Firma, Glyphosat. In den Jahren 2015 und 2016
konzentrierten sich die Aktivitäten hauptsächlich darauf, bei der
Europäischen Union eine Zulassungsverlängerung für das umstrittene
Herbizid zu erwirken.
Dabei
gingen die beiden Unternehmen arbeitsteilig vor. Während FLEISHMAN
HILLARD die Aufgabe zufiel, die öffentliche Sphäre zu überwachen und
sorgsam sämtliche das Pestizid betreffenden politischen und juristischen
Schritte zu registrieren, oblag es PUBLICIS, „Auskünfte und
Informationen zu sammeln, die NICHT (Hervorhebung im Original, Anm. SWB) öffentlich zugänglich sind“, wie es in einem internen Memo hieß.
Als
Ausgangsbasis hat PUBLICIS erst einmal eine „Kartografie“ der
Glyphosat-Debatte in Frankreich erstellt. Anhand eines
Koordinaten-Systems verorteten die Öffentlichkeitsbearbeiter*innen die
Positionen der „Top 20 Stakeholder“ zu dieser Frage. Dazu trugen sie auf
der x-Achse den Grad der Unterstützung bzw. Ablehnung ein, welche die
betreffenden Personen MONSANTO entgegenbringen, und auf der y-Achse
deren Einfluss. Die Farbe Orange haben die PR-Strateg*innen dabei für
Regierungsvertreter*innen gewählt, hellblau für Abgeordnete, lila für
Verwaltungsleute und grün für Vertreter*innen von Bauernverbänden und
anderen Organisationen. Als verlässliche Bündnispartner*innen
verzeichnete das Diagramm beispielsweise Maire Guittard, damals
Beraterin des Landwirtschaftsministers, und den in der fraglichen
Periode dem Landwirtschaftsverband FNSEA vorstehenden Xavier Beulin. Als
eindeutigen Opponenten identifizierte das „Mapping“ hingegen Laurin
Bouvier, der zu der Zeit Berater der Umweltministerin Ségolène Royale
war.
FLEISHMAN
HILLARDs Projekt zu dem von der Weltgesundheitsorganisation als
„wahrscheinlich krebserregend“ eingestuften Pestizid war „FR
Glyphosat-Ziele Aktionsplan“ überschrieben, wobei „FR“ für Frankreich
stand. 74 Personen listete dieser Plan auf. Und zu den Eintragungen gab
es jeweils Statusmeldungen. So firmierte etwa der Agrar-Ingenieur Gérard
Kafadaroff – ein ehemaliger MONSANTO-Angestellter, der eine
Organisation zur Förderung der Pflanzen-Biotechnologie gründete – als
„Verbündeter“. Aber so ganz konnte FLEISHMAN doch nicht auf ihn zählen,
obwohl Kafadaroff Botschaften des Unternehmens verbreitete. „Er könnte
als Relais dienen, möchte aber nicht direkt mit MONSANTO in Verbindung
gebracht werden, da er den Verlust seiner Glaubwürdigkeit fürchtet“,
lautete der Vermerk in seiner Akte. Ebenfalls zu den „Verbündeten“
zählten die „Public Relations“-Expert*innen Jean Bizet, den Senatoren
des Landkreises Manche. Als „prioritär“ stuften sie es ein, ihn zu
rekrutieren. Dementsprechend verschnupft reagierte der Politiker
gegenüber der Presse auf die Enthüllungen. Er zweifelte einfach die
Echtheit der Dokumente an und verweigerte weitere Auskünfte. Auch auf
den Präsidenten des Regionalrats von Hauts-de-France, Xavier Bertrand,
wollte FLEISHMAN HILLARD bauen. Er habe zwar nicht allzu viele
Einwirkungsmöglichkeiten auf den Prozess der Zulassungsverlängerung in
Brüssel, so die Einschätzung der PR-Profis, dafür sei aber sein Einfluss
auf konservative Abgeordnete „sehr groß“. Deshalb visierten sie einen
Hausbesuch von MONSANTO-Emissär*innen bei ihm an und planten schon über
den Termin hinaus. Sie fassten ins Auge, Bertrand danach mit
detaillierten Informationen zu den ökonomischen, sicherheitstechnischen
und klima-relevanten Aspekten von Glyphosat zu versorgen.
Die Umweltjournalistin Sandy Dauphin von der Radiostation „France Inter“
führte das Unternehmen als „mobil/beeinflussbar“, während es bei der
damaligen Umweltministerin Ségolène Royal auf Granit biss: „null
beeinflussbar“. Für solche Fälle hatte FLEISHMAN aber auch ein Mittel
parat. „Isolieren“ stand als Arbeitsanweisung in den Dokumenten. „So
funktioniert das Lobbying: „Wissen, welche Person zu kontaktieren ist
und sie dann manipulieren, um eine Entscheidung zu verändern“, empört
sich Royal über Glyphosat-Gate: „Was pervers ist, das ist dieses
Lobbying im Verborgenen, das sich illegaler, der Spionage ähnelnder
Methoden bedient.“
300 deutsche Namen
Die
geleakten Papiere betreffen nur Frankreich. Aber FLEISHMAN HILLARD
operierte aber auch in Deutschland, Italien, den Niederlanden, Polen,
Spanien und Großbritannien, wie BAYER inzwischen einräumt. Hierzulande
trugen die Einfluss-Agent*innen dem Konzern zufolge eine Liste mit 300
Namen zusammen. Nach Angaben des BAYER-Sprechers Christian Maertin
befinden sich darunter mit Stand 14.06.2019 keine Journalist*innen, was
Hendrik Zörner vom „Deutschen Journalisten-Verband“ allerdings für sehr
unwahrscheinlich hält. Einen detaillierteren Einblick in die Arbeit vor
Ort gewährte Le Monde. Das Blatt zitiert aus den
berühmt-berüchtigten „MONSANTO-Papers“, welche durch die
Schadensersatz-Prozesse in Sachen „Glyphosat“ publik wurden. Darin
erwähnt der oberste MONSANTO-Öffentlichkeitsarbeiter Sam Murphey
Arbeitsgruppen, die mit FLEISHMAN HILLARD eine Strategie für Deutschland
entwickelten, „um es der Regierung zu erlauben, zu einer Position
zurückzukehren, die der Glyphosat-Zulassungsverlängerung positiv
gegenübersteht“. Und in der Tat ist der damals zuständige
Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) bei der EU-Abstimmung am
27. November 2017 zu einer solchen Position zurückgekehrt, obwohl die
damalige Koalitionsvereinbarung eigentlich eine Enthaltung vorsah. „Die
jetzigen Enthüllungen werfen ein neues Licht auf das Votum von Christian
Schmidt. Nun müssen BAYER und das Landwirtschaftsministerium Rede und
Antwort stehen, ob Schmidt unter Einfluss stand“, forderte die
COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) deshalb in ihrer Presseerklärung
zum Skandal.
FLEISHMAN HILLARD jedenfalls ließ sich nach der Entscheidung der Europäischen Union gebührlich feiern. Das Webportal Politico
pries die größte Brüsseler Agentur, die über einen Jahres-Etat von fast
sieben Millionen Euro für ihr Antichambrieren verfügt, überschwänglich.
„Es war Fleishmans multinationale Kampagne, die MONSANTO und
wohlmeinende Regierungen mit den Argumenten versorgte, welche diese
brauchten, um diejenigen in die Schranken zu weisen, die für einen Bann
eintraten“, konstatierte die Website.
Millionen-Summen
hat es die jetzige BAYER-Tochter gekostet, sich der Dienste der rund 60
FLEISHMAN-Beschäftigten bei der Bearbeitung von Mitgliedern des
Europäischen Parlamentes und der EU-Kommission zu versichern. Allein für
die Lobby-Arbeit am EU-Hauptsitz überwies sie FLEISHMAN nach Angaben
des Portals Lobbyfacts 2014 und 2015 jeweils 200.000 bis 300.000
Euro. Im Jahr 2016 waren es 700.000 bis 800.000 Euro, 2017 500.000 bis
600.000 Euro und 2018 400.000 bis 500.000 Euro. In den Hochzeiten der
Kampagne hatte kein Auftrag eines Einzelunternehmens bei der Agentur ein
so großes Volumen wie der von MONSANTO. Insgesamt brachte er ihr einen
zweistelligen Millionenbetrag ein.
Dabei
ist sich FLEISHMAN HILLARD keiner Schuld bewusst: „Unsere Arbeit
entspricht den fachlichen Standards und Gepflogenheiten unserer
Branche.“ Dies steht allerdings sehr in Frage. Das französische Gesetz
untersagt es nämlich, politische Meinungen von Menschen ohne Zustimmung
der Betreffenden in Datenbanken einzuspeisen. Deshalb kündigten Le Monde, Radio France
und die Organisationen FOODWATCH und GÉNÉRATIONS FUTURES bereits
rechtliche Schritte an. Vor deutschen Gerichten hätten sie ebenfalls
Chancen, denn wie Sebastian Huld vom „Deutschen Journalistenverband“ in
einem taz-Interview erläuterte, verbietet das
Bundesdatenschutz-Gesetz das Verarbeiten persönlicher, der
Öffentlichkeit nicht zugänglicher Daten. Und nach der
Datenschutz-Grundverordnung „sind personen-bezogene Daten, aus denen
weltanschauliche Überzeugungen hervorgehen, besonders geschützt“, so
Huld weiter. Die nordrhein-westfälische Datenschutz-Beauftragte Helga
Block ist deshalb schon an BAYER herangetreten und hat um Einsicht in
die Unterlagen ersucht. Von einem möglichen Verfahren sprechen Block und
ihre Kolleg*innen jedoch noch nicht, vorerst geht es nur um eine
„Sachstandsermittlung“. Auch der „Deutsche Rat für Public Relations“
kündigte an, sich „Glyphosat-Gate“ annehmen zu wollen.
CBG will Auskunft
Die
COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) forderte den Leverkusener Multi
in einem Offenen Brief bereits auf, Auskunft darüber zu erteilen, ob
und wenn ja, in welchen Zusammenhängen sich der Name der Coordination
auf den Listen befindet. Die Grünen-Politiker*innen Anton Hofreiter,
Oliver Krischer, Harald Ebner und Renate Künast haben vom Konzern
ebenfalls schon Auskunft über eine eventuelle Speicherung ihrer Daten
verlangt. „Mit der Übernahme von MONSANTO hat BAYER nicht nur
landwirtschaftliche Gifte, sondern auch toxische Geschäftspraktiken
übernommen“, konstatierte Künast. Die Aussage des Konzerns, keine
Kenntnis von den Vorgängen gehabt zu haben, zweifelte die
Bundestagsabgeordnete an: „Das Management von BAYER hat dabei
wissentlich weggesehen.“ Konkreteres weiß offenbar schon der
stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Lauterbach, der seinen
Wahlkreis in Leverkusen hat. „Ich habe vor einigen Tagen Hinweise
erhalten, dass MONSANTO auch über mich Dossiers in Auftrag gegeben hat“,
erklärte der Politiker. Er forderte den Konzern daraufhin auf,
„schnellstmöglich Klarheit zu schaffen“. Und Dr. Kirsten Tackmann von
der Partei „Die Linke“ hat in der Causa eine Anfrage an die
Bundesregierung gestellt. „Welche Maßnahmen ergreift die
Bundesregierung, um konkrete Kenntnisse über deutsche Staatsangehörige
auf den sogenannten ‚Schwarzen Listen’ von BAYER/MONSANTO für
Glyphosat-Kritikerinnen und -kritiker zu erlangen, und welche
Schlussfolgerungen zieht sie aus dem Vorgang?“, wollte die
Bundestagsabgeordnete wissen. Das alles fiele in die Zuständigkeit der
Landesdatenschutz-Behörden, antworteten Merkel & Co. knapp. „Statt
sich schützend vor die betroffenen Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler zu stellen (...), hält die Bundesregierung damit
zumindest indirekt schützend die Hand über einen Konzern, der
unterdessen zum deutschen BAYER-Konzern gehört. Das lässt tief blicken“,
kommentierte Tackmann.
Nicht nur FLEISHMAN
Im
Zuge von „Glyphosat-Gate“ kamen auch noch andere Operationen ans
Tageslicht. So hat MONSANTO die von britischen Geheimdienstler*innen
gegründete „Beratungsfirma“ HAKLUYT, berühmt-berüchtigt für das
Einschleusen von Spitzeln in Umweltgruppen wie GREENPEACE, engagiert, um
die politische Lage in Washington zu sondieren. Der Leverkusener Multi
hat den Auftrag nach der Übernahme des US-Unternehmens dann einfach
weiterlaufen lassen und hörte nur Gutes von HAKLUYT. „Das aktuelle
politische Umfeld steht hinter Ihnen“, hieß es etwa in einer E-Mail von
Juli 2018 an den damals bei BAYER für die globale Konzern-Strategie
zuständigen Todd Rands. Die Probe aufs Exempel, nämlich „die Temperatur
bezüglich der aktuellen Haltung zur Regulierung von Glyphosat zu
messen“, bestätigte dann den Befund. Der HAKLUYT-Mann im Weißen Haus
zitierte einen Politik-Berater, der zwar den aktuellen Besitzer-Wechsel
noch nicht registriert hatte, dafür aber versichern konnte: „MONSANTO
braucht keine zusätzlichen Vorschriften zu befürchten.“ Und wenn diese
von anderer Seite, etwa aus Brüssel, drohen würden, stände die
Trump-Administration bereit, „in die direkte Konfrontation zu gehen“.
Die
US-amerikanische Umweltbehörde EPA hat den Reports zufolge ebenfalls
nichts gegen Glyphosat. Die Autor*innen warnen jedoch vor einer
möglichen Nebenwirkung des amtlichen Beistands: Er könnte NGOs auf den
Plan rufen und sie zu einer verstärkten Aktivität animieren. Zudem
stützt die Behörde die Industrie-Positionen laut HAKLUYT nicht
einhellig. Die Berichte machen Konflikte innerhalb der Belegschaft fest.
„Die politische Leitung favorisiert Deregulierungen und setzt sich über
die Risiko-Analysen der Experten hinweg (...) Besonders, was Glyphosat
angeht, gibt es starke Differenzen zwischen dem politischen und dem
professionellen Personal“, gibt der „private Nachrichtendienst“ (Lobbypedia) die Worte einer Anwaltskanzlei mit gutem Einblick in die Behörden-Interna wieder.
Allerdings
steht es auch bei der EPA mit dem Image von MONSANTO nicht zum Besten.
So beklagt sich ein Angestellter über die Weigerung der BAYER-Tochter,
auf wissenschaftlichem Gebiet „plausible Zusammenhänge anzuerkennen, wenn
diese nicht ihrer Sichtweise entsprechen“. Nicht nur deshalb mahnt
HAKLUYT an, etwas am Image zu tun. Zu diesem Behufe zitiert die Agentur
einen Berater großer Agro-Konzerne: „Ich bin mir sicher, BAYER ist sich
dessen bewusst und wird hier Korrekturen vornehmen. Es geht darum, das
Image softer zu gestalten, nicht darum, die Argumente aufzugeben.“ Und
mit der Berufung des Ex-Grünen-Politikers Matthias Berninger nach
Washington sowie der Mitte Juni 2019 gestarteten PR-Kampagne hat der
Leverkusener Multi solchen Empfehlungen dann ja auch entsprochen.
Die
Mail-Wechsel zwischen BAYER und HAKLUYT diente im dritten
Schadensersatz-Prozess um Glyphosat (siehe S. 18 ff.) als Beweismittel
der Kläger*innen-Anwälte. Das Gericht vernahm dabei auch Todd Rands, der
inzwischen nicht mehr in Diensten des Leverkusener Multis steht. Frank
und frei erklärte der Ex-Angestellte den Richter*innen, warum MONSANTO
und später BAYER die HAKLUYT-Leute die politische Landschaft in
Washington vermessen ließen, ohne den Gesprächspartner*innen ihre
Auftraggeber zu nennen: „Wir wollten sichergehen, dass wir Dinge zu
hören bekommen, die die Leute uns nicht direkt sagen würden.“ Aber als
„Nachrichtendienst-Arbeit für Konzerne“ („corporate intelligence work“)
wollte er das, was HAKLUYT & Co. tun, nur zögerlich bezeichnet
wissen. „Ich würde es ‚Recherche für Konzerne’ (‚corporate research’, Anm. SWB) nennen“, sagt Rands, gibt dann aber doch noch klein bei und akzeptiert den Begriff „Nachrichtendienst“.
Und
nachrichtendienstlich wurde auch die Beratungsfirma FTI für BAYER
tätig. Eine Beschäftigte gab sich in dem Schadensersatz-Prozess, den der
Glyphosat-Geschädigte Edwin Hardeman in San Francisco gegen den
Leverkusener Multi führte, als Berichterstatterin aus, um
Gerichtsreporter*innen auszuspionieren. Die als „Glyphosate Girl“
bekannt gewordene Bloggerin Kelly Ryerson, zu der die FTIlerin ein
engeres Verhältnis aufbauen konnte, deckte den Skandal auf.
Zu
den neueren Enthüllungen äußerte der Agro-Riese sich noch nicht, in der
Causa „FLEISHMAN HILLARD“ gibt er sich allerdings leutselig. „Nach
einer ersten Analyse verstehen wir, dass ein solches Projekt Bedenken
und Kritik ausgelöst hat“, bekundete er und kündigte die Prüfung
interner und externer Konsequenzen an. Detaillierter, etwa zur Zukunft
Sam Murpheys, der derzeit dem „Global Is-sues Management“ vorsteht,
äußerte das Unternehmen sich jedoch bisher nicht. Ansonsten ließ es aber
kein Zweifel daran, das in Rede stehende Vorgehen zu missbilligen.
„Dies ist nicht die Art, wie BAYER den Dialog mit unterschiedlichen
Interessengruppen und der Gesellschaft suchen würde“, hielt der Konzern
fest. Sogar eine Entschuldigung kam ihm über die Lippen. Dabei sind dem
Global Player die angewandten Methoden alles andere als fremd. Der
Leverkusener Multi unterhält nicht nur selbst langjährige
Geschäftsbeziehungen zu FLEISHMAN HILLARD, er geht auch mit
Kritiker*innen ähnlich um. Von Bespitzelung über Verleumdung und
Täuschungsmanövern bis hin zu gerichtlichen Schritten reicht das
Arsenal.
BAYERs Aktivitäten
So
hob er dereinst die Fake-Bürgerinitiative „Malocher gegen Schmarotzer“
aus der Taufe, um den alljährlichen Protest auf der
BAYER-Hauptversammlung zu desavouieren. Zusammengestellt aus
Werkschutz-Leuten und anderem Personal aus den eigenen Reihen, sollte
die Truppe bei den Aktionär*innen-Treffen den „ehrlichen Arbeiter“ gegen
dahergelaufene „Berufsdemonstranten“ und „rote Vögel“ in Stellung
bringen.
Im
Jahr 2008 sah sich der Konzern nach einer verheerenden Explosion am
US-amerikanischen Standort Institute zu Maßnahmen gegen die
ortsansässige Bürgerinitiative PEOPLE CONCERNED ABOUT MIC veranlasst,
hatte diese doch die unzureichende Anlagen-Sicherheit im Vorfeld immer
wieder kritisiert. „Wir sollten versuchen, die PEOPLE CONCERNED ABOUT
MIC zu marginalisieren und als irrelevant erscheinen zu lassen. Dies
sollte gerade in der aktuell schwierigen ökonomischen Situation möglich
sein, in der Arbeitsplätze so viel zählen“, hieß es in einem
firmen-internen Strategie-Papier.
Auch
vor klandestinen Unternehmungen schreckt der Multi nicht zurück. Als
die Coordination einmal zu einer schulinternen Veranstaltung geladen
war, um über die Gefahren von Pestiziden zu berichten, bekam sie später
aus BAYER-Kreisen ein minutiöses, dreiseitiges Werksschutz-Protokoll
über den Vortrag und die anschließende Diskussion zugespielt. Und bei
anderen Terminen tauchte regelmäßig ein Mann auf, der sich als freier
Journalist ausgab, den CBGler*innen aber dann auf der Hauptversammlung
des Unternehmens wiederbegegnete – in der Montur des Werksschutzes. Der
Global Player streitet ein solches Vorgehen im Übrigen auch gar nicht
ab. So räumte ein Anwalt des Unternehmens vor Gericht einmal ein:
„Selbstverständlich überwacht meine Mandantin alle Veranstaltungen, auf
denen Themen behandelt werden, die für BAYER relevant sind.“ Und
sichtlich stolz fuhr er fort: „Wir wissen über alles Bescheid, auch in
den höchsten Entscheidungsgremien der CBG.“
Da
wundert es dann nicht, dass der Leverkusener Multi immer wieder auf
ominöse Weise Kenntnis von geplanten Aktionen erhält, wie etwa 1993. Im
März des betreffenden Jahres publizierte Tierra Amiga, die
Zeitschrift eines Ökologie-Netzwerkes in Uruguay, einen kritischen
Artikel über BAYERs Schmerzmittel ASPIRIN. Der Pharma-Riese reagierte
postwendend. Er stritt dem Blatt das Recht ab, geschützte Markennamen
auch nur zu erwähnen und forderte eine Unterlassungserklärung. Die
Redaktion setzte sich umgehend mit der CBG in Verbindung. Mensch
besprach das weitere Vorgehen und kam überein, eine Presseerklärung und
einen Protestbrief zu veröffentlichen. Und bereits am nächsten Tag
erhielt das Magazin einen Droh-Anruf von dem Konzern mit der
unmissverständlichen Botschaft, solche Schritte besser nicht zu
unternehmen. „Die Schlussfolgerung ist offensichtlich“, schrieb der
Chefredakteur Jorge Barreiro in einem Kommentar: „Entweder hört BAYER
auf irgendeine Art die Telefongespräche der Coordination mit oder hat
jemanden dort eingeschleust. In jedem der beiden Fälle ist klar, dass
BAYER einen Teil seiner Energien dazu verwendet, seine Kritiker
auszuspionieren.“
Zuweilen
schlägt das Unternehmen auch den Rechtsweg ein, um sich die CBG und
andere vom Hals zu schaffen. Zuletzt ging es gegen die taz vor (siehe SWB
2/19), weil die Zeitung als „Krebs-Rundumpaket“ zusammenbrachte, was
nach Leverkusener Meinung nicht zusammengehörte: BAYERs „wahrscheinlich
krebserregendes“ Glyphosat und BAYERs Krebs-Therapeutikum ALIQOPA. Gegen
die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN leitete der Leverkusener Multi
bereits mehrmals juristische Schritte ein. So zwang er sie 1988, ihren
ursprünglichen Namen „BAYER-Coordination“ aufzugeben. Es bestehe „die
Gefahr von Verwechslungen bzw. von Zuordnungsirrtümern“, so
argumentierten die Konzern-Anwält*innen, und so etwas könnte den
„Weltruf“ der Marke durch „Ruf-Beeinträchtigungen, Image-Verfremdungen
und sonstige Beeinträchtigungen“ schädigen. Angesichts des hohen
Streitwertes von 50.000 Euro musste sich die CBG ebenso fügen wie anno
2001, als das Unternehmen gerichtlich gegen den Domain-Namen
„BAYER-Watch“ vorging.
Die
langwierigste rechtliche Auseinandersetzung, die für die CBG wegen der
damit verbundenen Kosten existenz-bedrohend war, begann 1987. Der
Agrar-Gigant nahm Anstoß an einer Passage aus einem Aufruf. Er
betrachtete die Sätze: „In seiner grenzenlosen Sucht nach Gewinnen und
Profiten verletzt BAYER demokratische Prinzipien, Menschenrechte und
politische Fairness. Missliebige Kritiker werden unter Druck gesetzt,
rechte und willfährige Politiker werden unterstützt und finanziert“, als
Schmähkritik. Unter Strafandrohung „von Ordnungshaft bis zu sechs
Monaten bzw. einer Geldstrafe von bis zu DM 500.000“ forderte der
Konzern eine Unterlassungserklärung. Die Sache ging bis vor das
Bundesverfassungsgericht, das 1992 schließlich aber zu Gunsten der
Meinungsfreiheit entschied und der Coordination recht gab.
Der
Leverkusener Multi verfügt also über ein reichhaltiges Instrumentarium
im Umgang mit Kritiker*innen und anders als von ihm verkündet,
entspricht die Art, wie seine jetzige Tochter-Gesellschaft MONSANTO via
FLEISHMAN HILLARD den „Dialog“ mit unterschiedlichen Interessengruppen
und der Gesellschaft gesucht hat, genau der Art des Hauses. ⎜
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ist das einzige existierende konzernkritische Magazin. SWB enthüllt und
deckt auf, was Konzerne treiben, wie die Profite der Konzerne zustande
kommen. SWB berichtet über Konzern-Widerstand und Gegenwehr gegen
Konzern-Willkür. Alles am Beispiel des BAYER-Konzern. Stellvertretend
für alle Konzerne.
SWB
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wird herausgegeben von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG).
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