Gewerkschaftsfreie Produktion: VW verlagert Herstellung von Autos mit Verbrennungsmotor ins Ausland. Löhne in Südosteuropa zu hoch – neues Werk in Türkei

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Seit längerer Zeit gibt es Planungen bei Volkswagen, in den Werken Zwickau, Emden, Hannover, zum Teil auch in Wolfsburg Elektrofahrzeuge herzustellen und die Produktion von Modellen mit konventionellen Motoren in ein neues Werk nach Südosteuropa zu verlagern. Eine zweite Begründung ist die geplante Expansion des Tochterunternehmens Skoda, die die Kapazitäten in Tschechien überlasten würde. Rumänien, Serbien, Bulgarien und die Türkei wurden für das neue Werk ins Gespräch gebracht – allesamt Niedriglohnländer mit geringen gewerkschaftlichen Standards. 300.000 SUVs sollen ab 2022 jährlich vom Band laufen. Im »Gegenzug« hat der Personalabbau in den deutschen Werken begonnen: In Hannover, Emden und Wolfsburg sind heute ca. 1.000 Arbeiter in der Produktion weniger beschäftigt als am Beginn dieses Jahres. (…) Die Investitionssumme von Volkswagen in der Türkei ist mit zwei Milliarden Euro eher zu hoch als zu gering angegeben. Denn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat zugesagt, den Bau großzügig zu subventionieren: 1,3 Milliarden Euro direkte und weitere indirekte Zuschüsse sollen fließen. Brutal werden mögliche Standorte in den Wettbewerb um die höchsten Subventionen getrieben: Da konnten Rumänien, Serbien und Bulgarien nicht mithalten. Für den Bau der Fabrik in der Türkei spricht aus unternehmerischer Sicht auch die Tatsache, dass Gewerkschaften von der Regierung unterdrückt werden…”
Artikel von Stephan Krull in der jungen Welt vom 27.06.2019 
– siehe dazu:
- Türkische Gewerkschaft zieht VW-Werk in Zweifel. Ein Gewerkschaftler wirft der Türkei vor, sie missachte Streikrecht und Vereinigungsfreiheit
“In wenigen Tagen, am 11. Juli, könnte der Aufsichtsrat des Volkswagen-Konzerns den Bau seines ersten Pkw-Werks in der Türkei beschließen. Sonst ist nur noch Bulgarien im Rennen um die Neuansiedlung. Die Türkei ist zwar nicht Mitglied der EU, schneidet aber in anderen Feldern besser ab: Der Markt ist groß, es gibt genügend Fachkräfte, die Industrie hat lange Erfahrung im Autobau, die Arbeitskosten sind geringer als in der EU. Und doch könnte sich die geplante Milliardeninvestition als heikel herausstellen. Denn die Arbeitnehmerrechte geraten in dem autoritär geführten Land immer stärker unter die Räder. Gewerkschaften und Menschenrechtler warnen, dass das Regime von Präsident Tayyip Erdogan das Streikrecht aushöhle, die Mitgliedschaft in Gewerkschaften erschwere und unliebsame Arbeitnehmer unter fadenscheinigen Gründen festnehmen lasse. „Wir begrüßen es natürlich, wenn VW sein neues Werk in die Türkei baut“, sagt Eyüp Özer, Auslandschef der Metallgewerkschaft Birleşik Metal Iş in Istanbul. „Aber der Konzern sollte sich fragen, zu welchem Preis er das tut.“ Es müsse sichergestellt sein, dass die Beschäftigten in dem neuen Werk bei Izmir über ihre Gewerkschaftsmitgliedschaft frei entscheiden und ihre Gewerkschaftsvertreter regelmäßig wählen könnten. „Es darf nicht passieren, dass in der Fabrik internationale Rechte und Normen der EU verletzt werden, wie wir das in der Türkei immer wieder erleben“, warnt Özer. Seine linksgerichtete Organisation ist Mitglied des türkischen Gewerkschaftsbunds Disk, der mehreren internationalen Kooperationen angehört, darunter der Gewerkschaftsföderation Industri-All. Deren Präsident ist der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann. Die deutsche Gewerkschaft wollte sich zu den Bedenken der Schwesterorganisation nicht äußern, der Betriebsrat dürfte die Standortentscheidung mittragen. (…) In einem Gespräch mit der F.A.Z. hatte zuvor der Chefverhandler mit VW im türkischen Präsidialamt, Arda Ermut, die Vorzüge seines Landes herausgestellt, darunter vertretbare Löhne und einen niedrigen Krankenstand. Darauf ging Özer jetzt kritisch ein: Unter den drakonischen Bedingungen brauchten die Autokonzerne nur 2,40 Euro netto in der Stunde zu zahlen, neue Arbeiter erhielten den Mindestlohn von 1,40 Euro. „Das resultiert aus dem Streikverbot und dem Verbot, Gewerkschaften frei wählen zu dürfen.“ Özer appellierte an VW, in den Gesprächen mit der Türkei „auf die Verbesserung grundlegender Menschen- und Arbeiterrechte zu bestehen“. Würden diese Fragen nicht geklärt, „wären die menschlichen Kosten dieser Investition viel zu hoch.“…” Artikel von Christian Geinitz und Christian Müßgens, Istanbul und Hamburg vom 01.07.2019 bei der FAZ online 
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