Dienstag, 6. September 2016

Neue Indizien für Kooperation


»Islamischer Staat« rekrutiert in Türkei offenbar ungestört Kämpfer

Von Peter Schaber
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Über türkischen Grenzposten Akcakale wurden Chemikalien für Bau von Bomben geliefert
Die Kommission für Außenbeziehungen der kurdischen Autonomieregion Rojava im Norden Syriens hat eine umfangreiche Zusammenstellung von Dokumenten veröffentlicht, um die Zusammenarbeit staatlicher Stellen in der Türkei mit der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS, Daesh) zu belegen. Am Donnerstag präsentierte der Vorsitzende der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD), Salih Muslim, das Dossier auf einer Konferenz im Europaparlament in Brüssel. Er betonte, dass die kurdischen Kräfte in Syrien im Kampf gegen den IS Unterstützung benötigten: »Wir wollen, dass Araber, Syrer und Kurden frei zusammenleben. Das sind auch europäische Werte.«
Das nun von der Rojava-Administration veröffentlichte Dossier enthält Materialien, die von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) im Zuge der Gefechte mit dem IS gesammelt wurden. Zahlreiche Ausweispapiere türkischer IS-Kombattanten sowie türkische Einreisestempel ausländischer Kämpfer – teilweise in mehreren gefälschten Pässen für eine Person – beweisen nach Ansicht der Rojava-Administration, dass die in Ankara regierende AKP »den Grenzübertritt von Daesh-Kämpfern nach Syrien ermöglicht«.
Fotos, die dem Dossier beiliegen, zeigen zudem die ungehinderte Einfuhr großer Mengen von Dünger über den Grenzübergang Akcakale in der Provinz Sanliurfa. Das in den Düngemitteln enthaltene Ammoniumnitrat wird von terroristischen Gruppen zur Herstellung von Sprengstoff verwendet.
Sommerschule zehn
Ebenfalls Teil der Dokumentation sind die Zusammenfassungen von sechs Geständnissen gefangener IS-Mitglieder, die in Verhören über das Verhältnis türkischer Behörden zur Dschihadistenmiliz aussagten. Enthalten sind Informationen, wie offen diese in der Türkei rekrutieren kann. So erinnert sich ein Kämpfer mit dem Namen Ramadan Baschul an seine Rekrutierung durch Daesh in der inneranatolischen Provinz Konya. Er sei an seinem Arbeitsplatz von Werbern angesprochen worden und habe noch innerhalb der Türkei eine militärische und religiöse Grundschulung erhalten. Danach sei er über den Grenzübergang Suruc nach Syrien eingereist. Eine andere, namentlich nicht genannte und unkenntlich gemachte Person behauptet sogar, direkt von Mitgliedern der türkischen Streitkräfte und des Geheimdienstes über die Grenze mitgenommen worden zu sein. Ein unter dem Kampfnamen Abu Islam Al-Gharib geführter Gefangener bestätigt die Behandlung verwundeter IS-Kämpfer in türkischen Krankenhäusern und beschreibt das Verhältnis des IS zur Türkei als »freundschaftlich«.
Die Echtheit der Dokumente und die Bedingungen, unter denen die Geständnisse aufgenommen wurden, können aus der Distanz nicht überprüft werden. Allerdings reiht sich das Dossier ein in eine lange Indizienkette, die eine – zumindest zeitweise – Kooperation der Türkei mit dem »Islamischen Staat« nahelegt. Erst vor kurzem hatte die deutsche Bundesregierung in einer »versehentlich« veröffentlichten Einschätzung festgestellt: »Als Resultat der vor allem seit dem Jahr 2011 schrittweise islamisierten Innen- und Außenpolitik Ankaras hat sich die Türkei zur zentralen Aktionsplattform für islamistische Gruppierungen der Region des Nahen und Mittleren Ostens entwickelt.«
Erneut thematisiert wurde die Kooperation der Regierung in Ankara mit Daesh jüngst im Zuge der seit einer Woche laufenden Militäroperation »Euphrat-Schild«. Türkische Streitkräfte hatten die Grenze zu Syrien überschritten und zusammen mit einer Koalition islamistischer Rebellenkräfte die Grenzstadt Dscharabulus eingenommen – angeblich, um den IS zu bekämpfen. Offiziellen Berichten zufolge kam es allerdings bei der Einnahme des strategisch wichtigen Ortes zu keinen nennenswerten Auseinandersetzungen. Kurdische Kommentatoren sprachen von einer »Übergabe« der Stadt durch den IS.

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