Sie sprechen viel von politischen Freiheiten und staatsbürgerlichen Rechten, die in den Westzonen Deutschlands dem Volke gewährt sind – und scheinen dabei zu vergessen, was Sie vorher über den Gebrauch gesagt haben, der meistens von diesen Gaben gemacht wird. Es ist ein unverschämter Gebrauch.

15.5.1955
Schiller-Ehrung vom 8.-15. Mai 1955 in Weimar
14. Mai 1955
Beim Festakt im Deutschen Nationaltheater in Weimar hielt Thomas Mann die Festansprache. Der Dichter wurde Ehrenmitglied der Akademie der Künste. Minister Dr. h.c. Johannes R. Becher überreichte Thomas Mann die Ehrenurkunde.
UBz.: Thomas Mann nach dem Festakt beim Verlassen des Deutschen Nationaltheaters in Weimar. (rechts) Minister Dr. h.c. Johannes R. Becher
Schiller-Ehrung vom 8.-15. Mai 1955 in Weimar
14. Mai 1955
Beim Festakt im Deutschen Nationaltheater in Weimar hielt Thomas Mann die Festansprache. Der Dichter wurde Ehrenmitglied der Akademie der Künste. Minister Dr. h.c. Johannes R. Becher überreichte Thomas Mann die Ehrenurkunde.
UBz.: Thomas Mann nach dem Festakt beim Verlassen des Deutschen Nationaltheaters in Weimar. (rechts) Minister Dr. h.c. Johannes R. Becher
Man kann dem deutschen Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) nun nicht gerade vorwerfen, ein Kommunist zu sein. Er war einer der bedeutendsten Schriftsteller überhaupt. Unvergänglich sind seine Romane „Die Buddenbrocks – Verfall einer Familie“, „Doktor Faustus“ oder „Joseph und seine Brüder“. 1933 mußte Thomas Mann aus Deutschland emigrieren. Mit Aufsätzen und Rundfunkreden setzte er vom Ausland aus seinen Kampf gegen den Faschismus fort und rief das deutsche Volk zum Widerstand auf. Sein unbeirrbarer „Weg zum Humanismus, der ihm eingeboren, konnte lange Wegstrecken hindurch abgelenkt werden. Je dringender sich aber der Kampf zwischen Barbarei und Menschenwürde dem Gipfel näherte, desto unzweideutiger rie Thomas Manns Stimme, die lebendige und geschriebene seinem Volke und der kämpfenden Menschheit zu, in welchem Lager der Sieg sein werde, weil in ihm die wahre Freiheit, der echte Kampf um Aufstieg, um die Bereicherung der menschlichen Gesellschaft und die gestaltung eines schöpferischen Lebens daheim sei“. Mit diesen Worten kennzeichnete Arnold Zweig in seinem Nachruf zum Tode Thomas Manns den Weg des Dichters zum Kritiker des Bürgertums, der letztlich im Sozialismus die Zukunft der Menschheit sah.
Thomas Mann
ÜBER DEN BESUCH IN WEIMAR
Kommunistenhetze ist Kriegshetze. Trotzdem, die Tatsache allein, daß im mir Vorbehalte, einen Unterschied zu machen zwischen Kommunismus zum Menschheitsgedanken und der absoluten Niedertracht des Faschismus, daß ich mich weigere, an der Hysterie der Kommunistenverfolgung und der Kriegshetze teilzunehmen und dem Frieden zugunsten rede in einer WeIt, deren Zukunft ohne kommunistische Züge ja längst nicht mehr vorzustellen ist – dies allein genügt offenbar, mir in der Sphäre jener Sozialreligion ein gewisses Vertrauen einzutragen, um das ich nicht geworben habe, das aber als ein schlechtes Zeichen für meine geistige und moraIische Gesundheit zu empfinden mir nicht gelingen will.Sie sprechen viel von politischen Freiheiten und staatsbürgerlichen Rechten, die in den Westzonen Deutschlands dem Volke gewährt sind – und scheinen dabei zu vergessen, was Sie vorher über den Gebrauch gesagt haben, der meistens von diesen Gaben gemacht wird. Es ist ein unverschämter Gebrauch. In der Ostzone habe ich keine schmutzigen, Schmähbriefe und blöden Schimpfartikel zu sehen bekommen, wie sie im Westen vorkamen – und nicht nur „vorkamen“. Habe ich das allein der Drohung Buchenwalds zu danken – oder einer Volkserziehung, die, eingreifender als im Westen Sorge trägt für den Respekt vor einer geistigen Existenz wie der meinen?
Der Osten bringt Briefmarken mit dem Bilde Gerhart Hauptmanns heraus – solche „Extravaganzen“ liegen dem Westen fern.
Viel, hörte und las ich, sei es den Leitenden darum zu tun, mein Lebenswerk dem Volk und besonders den jungen Menschen erläuternd zugänglich zu machen, seinen „kritischen Realismus“ und seinen „Humanismus“ ihnen so nahe wie möglich zu bringen. Das ist wahr. Früh schon, gleich 1945, gab es in Weimar Vorträge über meine Bücher, besonders den Goethe-Roman, und hervorragende kommunistische Literarhistoriker und, Kritiker haben meiner Arbeit große Versuche gewidmet.
Ich habe in Gesichter geblickt, denen ein angestrengt guter Wille und reiner Idealismus an der Stirn geschrieben steht, Gesichter von Menschen, die 18 Stunden täglich arbeiten und sich aufopfern, um zur Wirklichkeit zu machen, was ihnen Wahrheit dünkt, und in ihrem Bereich gesellschaftlidie Bedingungen zu schaffen, die, wie sie sagen, einen Rückfall in Krieg und Barbarei verhindern sollen.
AN DEN SCHWEDISCHEN JOURNALISTEN PAUL OLBERG
Quelle: Thomas Mann. Ein Materialsammlung zum 80. Geburtstag des Dichters. Berlin 1955, S.89f.
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