Dienstag, 6. September 2016

Erhans unheimliches Erbe nach dem "Märtyrertod"


In Tonaufnahmen klingt der Allgäuer Dschihadist Erhan A. wie ein Lausbub auf Abenteuertrip. Faszination Dschihad via Facebook. Und jetzt ist der vom Freistaat in die Türkei abgeschobene Erhan offenbar auch noch "Märtyrer". 

Facebook Screenshots | Bild: Facebook Screenshot
Januar 2016: Erhan A., der Dschihadist aus dem Allgäu meldet sich aus Syrien. Entsprechende Audioaufnahmen liegen dem Bayerischen Rundfunk vor. In den Aufzeichnungen spricht Erhan über sich und Halit K., offensichtlich Erhans Waffenbruder aus München-Hasenbergl.

Der Allgäuer mit dem großen Mundwerk  

Halit und Erhan hören sich an, wie zwei unbekümmerte Burschen auf Abenteuertrip. Dabei geht es doch im Kriegsgebiet um Leben und Tod.
"Halit ist von Anfang an mit mir über die türkische Grenzen gegangen", sagt Erhan. "Wir waren am selben Tag, in der selben Sekunde in Syrien. Und wir sind immer noch zusammen."
Hat Erhan seinen Waffenbruder Halit angestiftet, mit ihm nach Syrien zu gehen? Unklar. Halit wollte es unbedingt. Das Kreisverwaltungsreferat hatte Halit seinen Reisepass entzogen - und trotzdem gelangte er in die Türkei. Er habe einen gefälschten bulgarischen Pass dabei gehabt, berichtet Halit.  
"Er ist im Mai 2015 in der Türkei angekommen, hat mich auf Facebook angeschrieben. Dann sind wir nach Syrien." Erhan  

Als Erhan und Halit davon im Januar berichten, finden sie das alles irgendwie total krass und spannend – so der Eindruck. Zwei, die sich schon aus München kannten und Vorträge in salafistischen Moscheen besuchten. Erhan wollte offenbar immer Wortführer sein. Schon in seiner alten Heimat Kempten hatte er ein großes Mundwerk.
Als kleiner Salafist brachte er es fertig, so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, dass dem Freistaat 2014 offenbar kein anderes Mittel blieb, als Erhan abzuschieben. Der Allgäuer landete in der Türkei. Vor etwa zwei Wochen soll er dann, wie berichtet, in Syrien getötet worden sein. Laut Anwalt Michael Murat Sertsöz hätte das nicht sein müssen. Sertsöz hat Erhan und seine Familie begleitet.  
"Man hätte auch alles tun müssen, um die Ausreise zu verhindern", sagt Sertösz im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk. Der Anwalt denkt, dass Erhan in Obhut seiner Eltern wohl kaum nach Syrien gegangen wäre .   

Den Freistaat schützen durch Abschiebung


Hier in Bayern mögen Todesnachrichten von Dschihadisten – vor allem nach den Anschlägen von Ansbach und Würzburg – für so manchen positiv klingen. Ein islamistischer Gefährder weniger von den Hunderten, die noch in Deutschland leben. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat schon früh vor Erhan gewarnt.  
"Er hat damals nicht angekündigt, dass er Gewalttaten in Syrien begehen will", so Herrmann vergangene Woche. "Er hat gesagt, dass er sogar seine eigenen Eltern umbringen würde, wenn sie sich ihm in den Weg stellen würden."
Klar, der Innenminister möchte die Menschen im Freistaat schützen. Das ist richtig und wichtig. Nur es erscheint nach derzeitiger Lage unbestritten, dass die Staatsregierung ein Problem an die Türkei abgegeben, es aber nicht gelöst hat. Für Erhan war es nun leicht, über die löchrige türkisch-syrische Grenze zu reisen. Davor hatten die Grünen im Landtag stets gewarnt.

Ist lügen cool?


Jetzt konnte also Erhan gemeinsam mit seinem Freund Halit ungehindert seine Botschaften verbreiten. Das Internet ist in diesem Fall ein großes Problem. Zwei scheinbar total entspannte Jungs wie Halit und Erhan berichten via Facebook und anderen sozialen Netzwerken im lockeren Ton, wie cool es doch in Syrien sei. Und überhaupt, dass man die Eltern anschwindelt, so der Eindruck, ist normal. Schließlich wartet im Dschihad die große Aufgabe.
"Da wird behauptet, dass Halit angeblich der Liebe wegen abgehauen ist", stammelt Erhan in einer Audioaufnahme. Dabei klingt er wie ein Lausbub, der irgendwie lustig findet, was er wieder angestellt hat. "Das mit der Liebe haben wir nur erzählt, damit Halits Eltern sich keine Sorgen machen." Dschihadisten empfehlen Ausreisewilligen häufig, den Eltern nichts zu sagen und sich zu verstellen.
Wie ankommen gegen diese Form der niedrigschwelligen Propaganda? Derartige Kommunikation sollte stärker unterbunden werden, fordert der CSU-Bundestagsabgeordnete und Innenexperte Hans-Peter Uhl. Er sieht soziale Netzwerke in der Pflicht: 


"Die sozialen Netzwerke sagen: Wir haben mit dem Inhalt der Botschaften nichts zu tun. Wir transportieren sie nur. Es wäre zu teuer und zu personalintensiv, wenn wir jeden Inhalt kontrollieren müssten. Bei dem Stand sind wir jetzt, können da aber nicht bleiben. Wir müssen die sozialen Netzwerke, die mit dem Geschäft auch ungeheuer viel Geld verdienen, in die Pflicht nehmen."
Hans-Peter Uhl

Soziale Netzwerke in der Pflicht

Als eine Lösung nennt Uhl staatliche Sanktionen. Aber welche das sein könnten, lässt er offen. Der hilflose Staat sucht nach Mitteln, um mit Menschen wie Erhan zurechtzukommen und findet in diesem Fall keine Strategie. Zwar gibt es auch staatlich unterstütze Antisalafismusprogramme, die einen Ausstieg ermöglichen sollen. Dazu braucht es aber die Bereitschaft der Klienten. 


Erhan hat vor einigen Monaten gesagt, er sei Innenminister Joachim Herrmann dankbar für die Abschiebung. Wie bewertet das CSU-Politiker Hans-Peter Uhl? "Wenn man den abschiebt, mit Recht abschiebt, und er sich bedankt, weil er jetzt an einem anderen Ort töten kann, dann ist das einfach ein krankes Gehirn", sagt der CSU-Politiker.
Die Antwort zeigt Uhls Entschlossenheit, aber auch seine Hilflosigkeit. Prominente Ausreiser wie der Allgäuer Dschihadist werden gern von Terrorgruppen als Propagandawaffe instrumentalisiert, um weitere Kämpfer zu rekrutieren. Erhans Eltern haben das Drama im Internet verfolgt – die martialischen Auftritte ihres Sohnes auf Facebook mit Waffe in der Hand. Erst Propagandist, dann Kämpfer, schließlich Märtyrer – eine unheimliche Karriere. Anwalt Michael Murat Sertsöz gibt einen Einblick.
"Die Eltern sind sehr traurig, so ein bisschen auch verzweifelt, dass das alles so gekommen ist. Und sie sind auch der Meinung, das hätte so nicht sein müssen. Der Staat hat da so ein bisschen versagt."
Anwalt Michael Murat Sertsöz  
Der Anwalt wollte zweimal vor Gericht die Abschiebung rückgängig machen. Vor der zweiten Verhandlung aber war Erhans Wohnadresse schon nicht mehr bekannt. Ein Grund, warum es gar nicht zu einer zweiten Verhandlung gekommen ist. Die Gewaltspirale dreht sich indes weiter. Nach dem Tod seines erklärten Kampfgenossen Erhan droht Halit den Ungläubigen: "Wenn ich nur einen Deutschen, Amerikaner, Russen oder Israeli sehe, kriegt der Kopfschmerzen."  Längst ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft gegen Halit. 

 

800 Ermittlungsverfahren gegen Islamisten

Im Bund und bei den Ländern sind bis 1. Juli 2016 fast 800 Ermittlungsverfahren gegen Islamisten geführt worden. Das hat das Bundesinnenministerium auf Anfrage der Linken mitgeteilt. Die meisten Beschuldigten stehen im Verdacht, sich einer terroristischen Vereinigung im Ausland wie dem "Islamischen Staat" angeschlossen zu haben. In den ersten sechs Monaten des Jahres registrierte die Polizei außerdem 154 Straftaten von Islamisten, darunter die Vorbereitung oder Durchführung einer "staatsgefährdenden Gewalttat". Dazu zählt die Herstellung von Sprengstoff oder Bomben.
  • Autorenprofil Joseph Röhmel | Bild: BR/Lisa Hinder Joseph Röhmel

    Joseph Röhmel ist Reporter und Autor in den Redaktionen BR24 und Bayern. Schwerpunkt: Radikale Interpretationen des Islam in Bayern.

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