Dienstag, 7. Juli 2020

Im einstigen Corona-Hotspot Bergamo wächst mit der Rückkehr aus dem Lockdown die Zuversicht

Tastende Schritte in die Normalität

Bergamo lebt wieder auf. In der Innenstadt haben Cafés und Restaurants geöffnet. Die Tische stehen zwar in größeren Abständen zueinander und die Kellner tragen Masken. Die Gäste allerdings dürfen sie absetzen, trotz Maskenpflicht in der vom Coronavirus so heftig getroffenen Region Lombardei. Die Menschen in Bergamo genießen das wiedergefundene soziale Leben. Sie sind allerdings vorsichtig. An einem mit sechs Personen besetzten Tisch holt eine Frau ein Fläschchen mit Desinfektionsmittel heraus. Das Fläschchen geht reihum, jeder bedient sich und verteilt die Flüssigkeit auf den Händen. Das ist das neue Ritual in Norditalien: Hände desinfizieren statt Küsse und Umarmungen. Es sind vorsichtige Schritte in eine noch unbekannte Zukunft.
Bergamos Einwohner sind durch die letzten Monate geprägt. Im Ausland nahm man vor allem die düsteren Bilder der auf Armeelastwagen gestapelten Särge wahr. Die Kapazität der Friedhöfe reichte nicht mehr für die Bestattungen aus, die Kapazität der Krankenhäuser nicht für die Infizierten. Knapp 6000 Menschen starben alleine im März in Bergamo, etwas mehr als 800 Tote wurden im gleichen Zeitraum des Vorjahres in der Provinz registriert. Es liegt nahe, die Differenz der mehr als 5000 Toten im März dem Coronavirus zuzuschreiben.
»Jeder von uns kennt jemanden, der gestorben ist«, erzählt Alessandro Pezzotta. Der Mittvierziger, Arbeiter in einer Metallfabrik an der Peripherie Bergamos, hat selbst einige Freunde verloren. Vor allem aber sind manchen Freunden die Eltern weggestorben. »Die Generation 70 plus, vor allem die Männer, sie ist gewissermaßen ausradiert«, sagt Pezzotta. Und traurig fügt er hinzu: »Mit dieser Großväter-Generation sind auch unsere Erinnerungen, unsere Geschichte verschwunden.«
Tränen treten in die Augen des bulligen Kerls, als er vom Tod von Rico, einem 87-jährigen Mann aus seinem Heimatort, erzählt. »Rico war sehr beliebt. Er hat immer die Messe in Latein gesungen. Er ist mit einem Chor durch die ganze Provinz gezogen. Als er gestorben ist, war er aber ganz allein. Für ihn, der immer für die anderen gesungen hat, konnte niemand mehr singen. Nicht einmal seine Verwandten haben ihm einen letzten Gruß geben können.« Und während Pezzotto dies erzählt, werden auch die Augen derer, die ihm zuhören, feucht.
Tiefer noch als der Schmerz über den Tod grub sich in die Herzen vieler Bergamasken der Schmerz darüber, dass sie ihre Angehörigen nicht begleiten konnten, als diese erkrankt waren, im Moment des Todes nicht dabei gewesen sind und dass sie nicht einmal eine feierliche Zeremonie auf dem Friedhof organisieren konnten. »Du hast sie im Krankenhaus abgegeben. Dann hast du lange Zeit nichts mehr von ihnen gehört, bis dann die Nachricht kam vom Tod«, erzählt Mauro Barcella. Barcella, ein Unternehmer, der mit seiner Firma Analysemaschinen für Covid-19-Antikörpertests herstellt, hat einen Onkel an das Virus verloren. »Nachdem wir lange nichts von ihm gehört hatten, er in verschiedene Krankenhäuser verlegt wurde, kam dann ein Anruf: ›Kommen Sie schnell, Sie können den Sarg abholen‹«, erzählt er. Dort angekommen erwartete ihn ein Bild, das ihn wohl nie wieder loslassen wird. »Die Särge lagen draußen. Im Krankenhaus war kein Platz mehr. Wir konnten den Sarg dann mitnehmen. Allerdings war er komplett geschlossen. An eine Beerdigungsfeier war sowieso nicht zu denken, Menschenansammlungen waren ja verboten.« Eine Ersatzzeremonie holte die Familie im Juni nach, fast drei Monate nach dem Tod. Da kam der Schmerz noch einmal hoch.
Mittlerweile blickt die Bevölkerung Bergamos und der mit der Stadt vielfältig verknüpften Ortschaften ringsum durchaus mit tatkräftigem Optimismus in die nahe Zukunft. Im Lokalblatt »Eco di Bergamo« füllen die Todesanzeigen jetzt nur noch eine Seite. Im März waren es zeitweise acht Seiten. Eine Zeitungsseite machen mittlerweile auch die Jobangebote voll.
»Unsere Unternehmen hier sind robust«, erzählt Agostino Piccinali, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer von Bergamo. »eine Umfrage, die wir unter 400 Firmen, etwa einem Drittel der bei uns eingeschriebenen Mitglieder, durchgeführt haben, ergab zwar durchschnittliche Umsatzeinbußen von 50 Prozent. Etwa zwei Drittel aller Unternehmer aber glauben, dass sie in sechs bis zwölf Monaten wieder an die Zahlen von vor Corona herankommen werden.« Piccinali besitzt selbst eine Fabrik mit etwa 400 Angestellten sowie 300 weltweit verteilten Vertriebsmitarbeitern.
Die Umfrage, die er präsentiert, enthält weitere erstaunliche Fakten. Die Hälfte der Betriebe hat danach das Kurzarbeitergeld, das der Staat garantiert, aber nur sehr langsam auszahlt, vorgestreckt und so für ein Einkommen der Angestellten gesorgt. »Und obwohl 60 Prozent der Unternehmen ihren Kunden Zahlungsaufschub gewährten, garantierten 90 Prozent ihren Zulieferern pünktliche Bezahlung. Das sorgt für Vertrauen und Stabilität«, bilanziert Piccinali.
Die Gegend um Bergamo gilt als industrielles Herz Italiens. Großbetriebe aus Bauindustrie und Maschinenbau haben hier ihren Sitz, aber auch viele kleinere Betriebe, die als Zulieferer arbeiten und selbst oft global vernetzt sind. Vor allem die in den Tälern rings um Bergamo verbreitete Textilindustrie hat zahlreiche Verbindungen mit China. Das Virus hatte die Chance, aus vielen Richtungen in das Gebiet zu kommen.
Piccinali hält rückblickend auch den verhältnismäßig spät verkündeten Lockdown für eine Ursache der heftigen Ausbreitung. Die ersten offiziellen positiven Fälle in der Region gab es am 23. Februar. »Am 25. Februar forderten wir als Industrie- und Handelskammer unsere Mitglieder auf, Abstandsregelungen einzuführen und Masken an die Mitarbeiter zu verteilen.« Außerhalb der Fabriken gab es aber keinerlei Vorsichtsmaßnahmen. Das normale Leben ging weiter, Restaurants und Bars waren geöffnet. Erst am 9. März wurde der Lockdown verhängt. »Diese zwei Wochen, als nur in den Betrieben auf Abstand geachtet wurde, draußen aber nicht, waren kritisch«, analysiert Piccinali.
Er selbst musste sich im eigenen Unternehmen früh mit Corona beschäftigen. »Bei uns waren drei Mitarbeiter positiv. Der, den es am schwersten erwischt hat, hat sich vermutlich beim Fußballspiel Atalanta gegen Valencia angesteckt«, erzählt er. Das Spiel, ein Achtelfinalhinspiel in der Champions League, für den der Klub aus Bergamo ins größere Stadion San Siro nach Mailand umzog, wurde im Nachhinein zum Spiel null stilisiert, zu einem Katalysator der Pandemie. Piccinali wiegt zweifelnd den Kopf. »Klar, es waren 45 000 Bergamasken bei dem Spiel versammelt. Wenn man schreit und jubelt, dann ist Körperkontakt da, und die Luft ist voller Tröpfchen. Ansteckungen wird es sicher auch über den Fall meines Mitarbeiters hinaus gegeben haben. Aber die drei Wochen danach, als das öffentliche Leben weiterging, hatten auch einen Einfluss. Die genauen Dynamiken muss jetzt die Wissenschaft herausfinden.«
Im Stadion dabei war auch Metallarbeiter Pezzotta. Mit leuchtenden Augen erinnert er sich an das Match. 4:1 gewann damals die Atalanta. »Wir haben doch nicht an das Virus gedacht. Das war seinerzeit eine Sache aus China. Wir waren völlig hingerissen von dem Spiel. Die Atalanta war ja neu in der Champions League. Wir wussten nicht genau, was unser Team leisten kann. Aber dann fiel ein Tor, das zweite, das dritte, das vierte. Wir haben geheult vor Glück, und wir wussten, wir können später unseren Kindern erzählen: ›Wir waren dabei.‹«
Jetzt kann Pezzotta auch erzählen, dass er beim Spiel null war. Angesteckt hat er sich dort nicht, sagt er. Auch keiner seiner damaligen Begleiter. Das nimmt etwas Gewicht von der These des Spiels null. Eine tiefere Analyse der Daten, ob es Korrelationen mit erhöhten Infektionen in Orten gab, aus denen Besucher des Spiels kamen, hat bislang noch niemand vorgenommen. Wie überhaupt viele Faktoren, die zur Verbreitung des Virus beigetragen haben, nicht oder nicht ausreichend untersucht sind. Warum hat es ausgerechnet Bergamo und Umgebung so hart getroffen und nicht dichter besiedelte Ballungsgebiete wie Rom oder Neapel? Warum kamen vergleichbare Industriereviere mit ebenfalls globaler Ausrichtung wie Gebiete der Toskana, Venetiens oder der Emilia-Romagna glimpflicher davon?
Gegenwärtig herrscht im einstigen Hotspot Bergamo vornehmlich Erleichterung. Die Zahl der Neuinfektionen liegt zurzeit bei knapp 300 in der Woche. Zu Hochzeiten im März wurden teilweise 300 Neuinfektionen täglich konstatiert. Zu bedenken ist, dass damals wegen der knappen Ressourcen überhaupt nur bei Patienten mit Symptomen der Abstrichtest vorgenommen wurde. Aktuell hingegen wird engmaschiger getestet. »Jetzt werden standardmäßig auch Personen, die mit ganz anderen Krankheiten eingeliefert werden, auf Covid-19 getestet«, sagte Marco Rizzi, Chefarzt der Infektiologie am Krankenhaus Papa Giovanni XXIII in Bergamo dem »Eco di Bergamo«. Bei diesen Tests werden auch Patienten erfasst, die sich infiziert zeigen, aber kaum Symptome haben. Für Rizzi ist dies ein Anlass zu vorsichtiger Hoffnung. »Mit großer Wahrscheinlichkeit sind diese Personen nicht ansteckend, das Virus bei ihnen ist nicht aktiv«, sagte er. Gewissheit darüber könnten spezifische RNA-Tests bringen, meinte Rizzi weiter. Die seien aber nur in der Forschung üblich und nicht ohne Weiteres flächendeckend möglich.
Ein weiteres Zeichen für das Aufatmen ist, dass das Feldlazarett auf dem Gelände der Messe von Bergamo mittlerweile den letzten Covid-19-Patienten entlassen hat. Das Krankenhaus war in der Rekordzeit von nur zehn Tagen von Dutzenden Freiwilligen in einer Messehalle errichtet worden. »Wir waren ungefähr 60 Handwerker, Maler, Schreiner, Klempner, Elektriker. Es war mitten im Lockdown. Aber während wir dort arbeiteten, hatten wir das Gefühl, auf einer ganz normalen Baustelle zu sein, so wie früher«, erzählt Cristian Persico. Er selbst ist Malermeister und wurde von der Handwerkskammer angesprochen, ob er unentgeltlich am Krankenhausbau teilnehmen wolle. Ihn hat diese Aktion mindestens so stark geprägt wie der Lockdown selbst. »Es war eine beeindruckende Erfahrung. Man hat gesehen, was alles möglich ist, wenn Menschen zusammenhalten und ein gemeinsames Ziel haben«, erzählt er.
Das provisorische Krankenhaus zählte 142 Betten, die Hälfte davon Intensiv- und Subintensivbetten. Aktuell werden sie nicht mehr gebraucht. Sie sind abgebaut, und ein Impfzentrum gegen Kinderkrankheiten sowie eine Einrichtung zur medizinischen wie auch psychologischen Nachsorge von Covid-19-Patienten, sind dorthin gezogen.
So haben die Wände, die Persico geweißt hat, und das Parkett, das die Kollegen vom Trockenbau auf den Messebeton gelegt haben, weiter einen Nutzen. Und sollte es einen Impfstoff geben, hat Bergamo bereits eine Struktur dafür, die den normalen Krankenhausbetrieb entlastet.
Schlagwörter zu diesem Artikel:

Keine Kommentare:

Kommentar posten