Billiglohn statt Wertschätzung
Mit billigen Tricks werden Sachsen-Anhalts Unterrichtsausfälle nicht zu bekämpfen sein
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/ZB/dpa
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Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Wie in allen anderen Bundesländern behilft sich auch Sachsen-Anhalts Schulbehörde mit dem Einsatz zahlreicher Quer- und Seiteneinsteiger, also Lehrerinnen und Lehrern ohne echte Lehramtsausbildung. Zuletzt suchte das Land laut einem Bericht der Mitteldeutschen Zeitung vom 31. Oktober mehr als 100 Kräfte für Sekundar- und Gemeinschaftsschulen. Von den Bewerbern hätten dabei lediglich neun ein Staatsexamen vorweisen können. Weil aber auch das Angebot an »Amateuren« nicht grenzenlos ist, tüftelt Bildungsminister Marco Tullner (CDU) an einem Plan C: Er will überarbeiteten Lehrern die Überstunden abkaufen.
Den Personalbedarf hat die Kultusministerkonferenz (KMK) in ihrer aktuellen Prognose, die im Oktober veröffentlicht worden ist, bis zum Jahr 2030 ermittelt. Demnach müssten bis dahin pro Jahr im Schnitt 820 Lehrkräfte neu hinzugewonnen werden, um die altersbedingten Ausfälle zu kompensieren und die zusätzlichen Anforderungen durch steigende Schülerzahlen zu bewältigen. Nach Lage der Dinge spricht kaum etwas dafür, dass die Vorgaben eingehalten werden können – schon gar nicht kurzfristig. So rechnet Thomas Lippmann, Chef der Fraktion Die Linke, laut einem Redebeitrag vom Donnerstag im Landtag damit, dass allein im laufenden Schuljahr bis zu zehn Prozent des Unterrichts ausfallen werden. Nach Einschätzung des Landesverbands der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erlebe das Land »die schlechteste Unterrichtsversorgung aller Zeiten«, wie es in einer Mitteilung vom 31. Oktober heißt.
Das Modell könnte sich bezahlt machen, allerdings zuvörderst für die Regierung. Denn je mehr sich darauf einlassen, desto weniger voll bezahlte Lehrer muss das Land künftig einstellen. Wie die GEW in besagter Mitteilung monierte, entsprächen die offerierten Beträge von 33 Euro an weiterführenden und 23 Euro an Grundschulen »mitunter nur der Hälfte« dessen, was eine arbeitsvertraglich vereinbarte Unterrichtsstunde kostet. »Sich mit dieser Billiglohnstrategie aus der Verantwortung für sein Personal freizukaufen, kann nicht die Lösung sein«, beklagte die Verbandsvorsitzende Eva Gerth. Weiter warnte sie dass die Überlastungssituation zu mehr Langzeiterkrankungen bei Lehrern führen könnte.
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