Dienstag, 6. November 2018

Sachsen-Anhalt will Lehrermangel mit schlecht bezahlter Mehrarbeit begegnen

Billiglohn statt Wertschätzung


Von Ralf Wurzbacher
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Mit billigen Tricks werden Sachsen-Anhalts Unterrichtsausfälle nicht zu bekämpfen sein
In der Bundesrepublik herrscht Lehrermangel. Besonders akut ist die Personalnot im Osten, auch und gerade in Sachsen-Anhalt. Dramatisch ist die Lage auf dem Land. So haben sich dieser Tage Eltern von Schülern der Sekundarschule Bodfeld in Elbingerode im Harz mit einem Brandbrief an Abgeordnete des Magdeburger Landtags gewandt. Darin beklagen sie, dass in den 7. und 8. Klassen der Unterricht in Chemie und Biologie seit dem Schulstart im August komplett ausgefallen sei. Zudem sei Physik auf eine Wochenstunde gekürzt sowie das Angebot an Religion und Ethik halbiert worden. Alles in allem fielen pro Woche 70 Stunden unter den Tisch, weil die Stellen mehrerer in Pension gegangener Pädagogen nicht besetzt werden konnten.
Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Wie in allen anderen Bundesländern behilft sich auch Sachsen-Anhalts Schulbehörde mit dem Einsatz zahlreicher Quer- und Seiteneinsteiger, also Lehrerinnen und Lehrern ohne echte Lehramtsausbildung. Zuletzt suchte das Land laut einem Bericht der Mitteldeutschen Zeitung vom 31. Oktober mehr als 100 Kräfte für Sekundar- und Gemeinschaftsschulen. Von den Bewerbern hätten dabei lediglich neun ein Staatsexamen vorweisen können. Weil aber auch das Angebot an »Amateuren« nicht grenzenlos ist, tüftelt Bildungsminister Marco Tullner (CDU) an einem Plan C: Er will überarbeiteten Lehrern die Überstunden abkaufen.
Den Personalbedarf hat die Kultusministerkonferenz (KMK) in ihrer aktuellen Prognose, die im Oktober veröffentlicht worden ist, bis zum Jahr 2030 ermittelt. Demnach müssten bis dahin pro Jahr im Schnitt 820 Lehrkräfte neu hinzugewonnen werden, um die altersbedingten Ausfälle zu kompensieren und die zusätzlichen Anforderungen durch steigende Schülerzahlen zu bewältigen. Nach Lage der Dinge spricht kaum etwas dafür, dass die Vorgaben eingehalten werden können – schon gar nicht kurzfristig. So rechnet Thomas Lippmann, Chef der Fraktion Die Linke, laut einem Redebeitrag vom Donnerstag im Landtag damit, dass allein im laufenden Schuljahr bis zu zehn Prozent des Unterrichts ausfallen werden. Nach Einschätzung des Landesverbands der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erlebe das Land »die schlechteste Unterrichtsversorgung aller Zeiten«, wie es in einer Mitteilung vom 31. Oktober heißt.
Nach Ministeriumsangaben sind seit 2013 schulübergreifend rund 212.000 Überstunden aufgelaufen. Eigentlich sollen sie durch Freizeitausgleich abgebaut werden, was im Personaltableau nur neue riesige Löcher aufreißen würde. Tullners Ziel sei es deshalb, »die freiwillige Mehrarbeit finanziell attraktiv zu gestalten«, wie er in der neuesten Ausgabe des Spiegel erklärte. Nach der im Land geltenden Arbeitszeitverordnung dürfen Lehrkräfte pro Schuljahr höchstens 80 Überstunden leisten, die im Folgejahr abzugelten sind. Tatsächlich schieben viele aber mehr Extradienst, ohne jede Kompensation. Der Minister möchte nun alles, was 80 Stunden übersteigt, vergüten und dafür knapp 1,2 Millionen Euro zur Verfügung stellen.
Das Modell könnte sich bezahlt machen, allerdings zuvörderst für die Regierung. Denn je mehr sich darauf einlassen, desto weniger voll bezahlte Lehrer muss das Land künftig einstellen. Wie die GEW in besagter Mitteilung monierte, entsprächen die offerierten Beträge von 33 Euro an weiterführenden und 23 Euro an Grundschulen »mitunter nur der Hälfte« dessen, was eine arbeitsvertraglich vereinbarte Unterrichtsstunde kostet. »Sich mit dieser Billiglohnstrategie aus der Verantwortung für sein Personal freizukaufen, kann nicht die Lösung sein«, beklagte die Verbandsvorsitzende Eva Gerth. Weiter warnte sie dass die Überlastungssituation zu mehr Langzeiterkrankungen bei Lehrern führen könnte.
https://www.jungewelt.de/artikel/343002.bildung-billiglohn-statt-wertsch%C3%A4tzung.html

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