Weit rechts im Koordinatensystem
Von Claudia Wangerin
Hans-Georg Maaßen im Sommer 2014, als der
Verfassungsschutzchef eine Sondersitzung des Parlamentarischen
Kontrollgremiums verließ.
Foto: Daniel Naupold/dpa
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Jetzt gibt es also wirkmächtige »linksradikale Kräfte in der SPD«.
Ja, is’ denn heut’ scho’ Weihnachten? Klappt es jetzt doch mit der
Erneuerung dieser untoten Volkspartei? Mehr als unwahrscheinlich. Der
Verschwörungstheoretiker und bisherige Verfassungsschutzchef Hans-Georg
Maaßen hat mit seiner Legende vom linksradikalen Sozenkomplott nur
gezeigt, wie weit rechts er selbst im politischen Koordinatensystem
steht. Innerhalb der SPD ist schon linksaußen, wer wie die Flensburger
Oberbürgermeisterin Simone Lange ein Buch mit dem Titel
»Sozialdemokratie wagen« schreibt und sich öffentlich für die
schikanösen Hartz-IV-Gesetze entschuldigt. Die sanfte Reformerin konnte
sich aber nicht gegen die frühere Arbeitsministerin Andrea Nahles
durchsetzen, als sich beide im April um den Parteivorsitz bewarben.
Selbst Juso-Chef Kevin Kühnert, der – eigentlich – keine Neuauflage der
großen Koalition mit CDU und CSU im Bund gewollt hatte, hielt der
etablierten »Groko«-Politikerin Nahles die Stange und meinte, sie
verdiene einen »Vertrauensvorschuss«. Wenn das die »Linksradikalen«
dieses Landes sind, haben weder rechte Demagogen noch Großkonzerne und
Rüstungslobbyisten hier ernstzunehmende Gegner.
Maaßen, der sich
von finsteren Anti-Groko-Mächten aus dem Amt gedrängt sieht, hat sich
nur zu ungeschickt angestellt. Im Normalfall dürfen Geheimdienstchefs
lügen. Wenn das herauskommt, müssen sie es nur irgendwie mit
Quellenschutz und Staatswohl begründen können. »Es dürfen keine
Staatsgeheimnisse bekanntwerden, die ein Regierungshandeln
unterminieren« – so drückte es der ehemalige Vizechef des Bundesamtes
für Verfassungsschutz, Klaus-Dieter Fritsche, 2012 im
NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags aus.
Nur war es kein Staatsgeheimnis, dass nach den Ausschreitungen in
Chemnitz Ende August dieses Jahres 120 Ermittlungsverfahren wegen
Straftaten wie Landfriedensbruch, Körperverletzung, Beleidigung und
Hitlergrüßen liefen. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden gab das
bereits am 7. September bekannt. Wenn Maaßen politische und mediale
Reaktionen auf die Taten als »Hysterie« empfand und das Videomaterial
als nicht aussagekräftig genug, hätte er das als Volljurist elegant
lösen können – mit dem Satz: »Es ist noch niemand verurteilt, also gilt
erst mal für alle Verdächtigen die Unschuldsvermutung.« Er hätte sagen
können, dass er den juristisch undefinierten Begriff »Hetzjagd«
persönlich übertrieben findet. Statt dessen unterstellte er Politikern
und Medien, sie würden rechte Straftaten frei erfinden – und er wähnte
sich damit noch am 18. Oktober in seiner Abschiedsrede vor
Verfassungsschutzkollegen im Recht.
Bevor diese Rede bekannt
wurde, sollte er Sonderberater im Bundesinnenministerium unter Horst
Seehofer (CSU) werden. Der versetzte ihn am Montag dann doch in den
einstweiligen Ruhestand.
https://www.jungewelt.de/artikel/343022.maa%C3%9Fens-opfermythos.html
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