Dienstag, 6. November 2018

Die AfD versucht sich in Distanz zu Neonazis, um Beobachtung durch Verfassungsschutz zu vermeiden. Seehofer pensioniert Geheimdienstchef Maaßen

Eine Armlänge Abstand

Von Michael Merz
Pressekonferenz_AfD_59218672.jpg
»Mit der ›Identitären Bewegung‹ haben wir nichts zu tun«: Alexander Gauland (l.) und Jörg Meuthen (beide AfD)
Der am Montag abberufene Verfassungsschutzchef wird nicht auf einen gutdotierten Posten im Innenministerium wechseln. Ressortchef Horst Seehofer, der stets seine Hand über Hans-Georg Maaßen hielt, hat für ihn doch keine Anschlussverwendung mehr. Der CSU-Vorsitzende schickte Maaßen am Montag in den Ruhestand. Letzterer hatte nach einer durch ihn ausgelösten Krise zwischen den Regierungsparteien und der Ankündigung seiner Versetzung entgegen allen Fakten weiterhin Neonaziübergriffe in Chemnitz bestritten. Als Schuldige für seinen Jobverlust machte er laut einem Redemanuskript vom 18. Oktober statt dessen »die Medien« und »linksradikale Kräfte in der SPD« aus.
Mit Maaßen verliert die AfD einen gewichtigen Komplizen. Konnten sich die Wortführer der Rechtsnationalen mit ihm im Amt sicher sein, nicht unter Beobachtung gestellt zu werden, macht sich nun Nervosität breit. Schließlich will die Parteispitze bürgerlich-konservative Wähler nicht verprellen. Das Dilemma: Auch die Klientel möchte bedient werden, welches unter dem Parteilogo gegen politische Gegner und Migranten hetzt oder einträchtig zusammen mit Neonazis marschiert.
Auf diesen Spagat ließen sich am Montag Fraktionschef Alexander Gauland und Parteichef Jörg Meuthen in Berlin ein. Hintergrund war ein von der AfD bestelltes und weithin als Eigentor gewertetes Gutachten, das in der vergangenen Woche bekanntgeworden war. In dem Papier werden Parteimitglieder unter anderem vor der Verwendung von Begriffen wie »Überfremdung« und »Umvolkung« gewarnt. »Das Gutachten belastet die AfD nicht«, versuchte Meuthen klarzustellen. »Fehlende Gesetzestreue« sei bei »Altparteien« und »Linksex­tremisten« zu suchen. Zudem nehme man in der AfD das »Hinschauen des Verfassungsschutzes sehr ernst«.
Einerseits übte sich Meuthen darin, die Hetzer in der Partei im Zaum zu halten (»Es darf nicht alles gesagt werden«). Wer allerdings über die Stränge schlägt, hat wenig zu befürchten (»Es wird keine Welle von Ausschlussverfahren geben«). In einer »Handreichung« würden Mitglieder künftig auf das Maß des Sagbaren hingewiesen. Mit Thüringens Landeschef Björn Höcke, der die Angst vor der Geheimdienstbeobachtung am Wochenende als »politische Bettnässerei« bezeichnet hatte, werde Gauland »persönlich« sprechen. Und mit dem sachsen-anhaltischen Abgeordneten Hans-Thomas Tillschneider, der jüngst erneut seine Nähe zur protofaschistischen »Identitären Bewegung« (IB) bekundet hatte, will Meuthen »intern das Gespräch suchen«. Gauland: »Mit der IB haben wir nichts zu tun.« Was die Begrifflichkeiten angeht, wird in der AfD offenbar weiter auf die Pauke gehauen. »Messermigration« etwa gehöre zur »polemischen Zuspitzung, das werden wir nicht unterbinden«, so Gauland. Der am Wochenende aufgelöste Landesverband Niedersachsen der »Jungen Alternative« musste als Beispiel dafür herhalten, dass durchgegriffen werde. Und schließlich zog am Montag der in Bayern für den Posten des Landtagsvizepräsidenten nominierte Abgeordnete Uli Henkel seine Kandidatur zurück – weil er wie mehrere andere AfD-Abgeordnete im Visier des Verfassungsschutzes steht.
Warme Worte des Abschieds hatte Meuthen für Maaßen. Er sei ein »pflichtbewusster, exzellenter und sorgfältiger Beamter«, der »die Wahrheit« ausspreche. Der so Umworbene jedenfalls kann sich laut seiner bekanntgewordenen Rede »auch ein Leben außerhalb des Staatsdienstes zum Beispiel in der Politik oder in der Wirtschaft vorstellen«.
https://www.jungewelt.de/artikel/342987.rechtsau%C3%9Fen-eine-arml%C3%A4nge-abstand.html

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen