Scharf und klar
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Und nicht vergessen: Männer mit Bart auf einer 1.-Mai-Demo in Colombo, Sri Lanka (2018)
Foto: Dinuka Liyanawatte/REUTERS
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Rolf Hecker: Springpunkte. Beiträge zur Marx-Forschung und »Kapital«-Diskussion, Dietz-Verlag, Berlin 2018, 318 S., 18 Euro
Seit über vierzig Jahren hat sich der Berliner Ökonom und Historiker mit der Entstehung, Rezeption und Edition des Werkes von Marx befasst. Die in seinem Buch versammelten Aufsätze zur Geschichte des »Kapitals«, zur Debatte um Marx’ Werttheorie und zur Kapitalrezeption weisen Hecker, Mitherausgeber mehrerer MEGA- und MEW-Bände, als exzellenten Kenner jenes Werkes aus, dessen Größe selbst von seinen hartnäckigen Gegnern nicht bestritten wird. Seit 2013 ist »Das Kapital« im Weltregister des Dokumentenerbes »Memory of the World« der UNESCO registriert.
Hecker zeigt, wie Entwicklungs- und Wirkungsgeschichte des Buches miteinander in Verbindung stehen, und erhellt so Marxens Forschungsprozess. Die Textänderungen im ersten Band des »Kapital« nach der ersten Ausgabe 1867 bis zur 1890 erschienenen, von Engels redigierten vierten Fassung machen deutlich, wie Marx sich bemühte, Zusammenhänge schärfer zu fassen und sich klarer auszudrücken. Er verbesserte die Gliederung, arbeitete an der Geschlossenheit der Theorie, verschärfte die Kritik der bürgerlichen politischen Ökonomie, ergänzte wissenschaftshistorisches und empirisches Material, erhöhte die Verständlichkeit und Lesbarkeit des Werkes und berücksichtigte die theoretischen und praktischen Erfahrungen der Arbeiterbewegung.
Interessant sind Heckers Bemerkungen darüber, wie das inzwischen in 57 Sprachen übersetzte, zum Weltbestseller aufgestiegene »Kapital« im 19. Jahrhundert aufgenommen wurde, wie Marx und Engels die Aufnahme beförderten und auf sie reagierten. Er stellt zwei Grundfragen in den Mittelpunkt. Erstens: Erörterte Marx am Anfang des »Kapitals« die einfache oder die kapitalistische Ware? Autoren der Neuen-Marx-Lektüre schelten Engels wegen seines »vulgären Empirismus und Historizismus«, dem der »dogmatische Ostmarxismus« gefolgt sei. Engels hatte geschrieben, die Darstellung der Ware im ersten Band des »Kapital« gelte für die ganze Periode der einfachen Warenproduktion, etwa von 6.000 v. u. Z. bis ins 15. Jahrhundert. Dann habe sich die kapitalistische Produktionsweise durchgesetzt. Marx dagegen sagt, dass er sein Buch mit der Darstellung der kapitalistischen Ware beginne. Hecker glaubt, Engels habe Marx falsch verstanden. Marx behandele die Ware nicht in ihrer vorkapitalistischen Gestalt, sondern in der einfachen Zirkulation innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise. Diese Auffassung vertrat er bereits in einem Eintrag in das »Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus«, der von dessen Herausgebern ohne Absprache mit ihm geändert worden war. In Heckers Buch kann man ihn in der Originalfassung lesen.
Hecker ist zuzustimmen, dass Marx die kapitalistische Ware meint, er Engels’ Auffassung gekannt habe und seinem Freund und Mitstreiter nicht widersprechen wollte – vermutlich der Tribut, den er der massenwirksamen Verbreitung seines Werkes zollte. Naheliegend ist jedoch, dass Marx nicht widersprach, weil seine Auffassung mit der von Engels übereinstimmte. Denn die Frage »einfach« oder »kapitalistisch« ist falsch gestellt. Die kapitalistische Warenproduktion ist eine besondere historische Form der Warenproduktion. Die allgemeinen Merkmale der Warenproduktion treffen auch auf sie zu. Ware, Wert und Geld sind Kategorien der kapitalistischen Warenproduktion, weil sie Kategorien der Warenproduktion sind. Das Allgemeine bleibt erhalten im Besonderen. Marx beschreibt zwar die kapitalistische, aber noch nicht die kapitalismusspezifische Ware. Er erörtert ihre elementarsten, allgemeinsten Merkmale, wie sie zugleich für die einfache Warenproduktion gelten. Das Konkrete, Besondere der kapitalistischen Warenproduktion kann man nicht ohne das Abstrakte, das Allgemeine erfassen, das Höherentwickelte, Komplizierte nicht ohne das Minderentwickelte, das Einfache. So ähnlich in der Biologie: Sie erforscht zunächst die Zelle, danach Zellkontakte und gelangt schließlich zu den Organen und Organsystemen eines Lebewesens. Mit Ware, Wert und Geld analysiert Marx die elementarsten, aus genetischer Sicht die ursprünglichen Produktionsverhältnisse des Kapitalismus, die zugleich Grundverhältnisse der einfachen Warenproduktion sind.
Die zweite Frage: Wie stellt sich das Verhältnis von Logischem und Historischem in der Wertformanalyse dar? Hecker schreibt, Marx’ Intention sei es gewesen, die Existenz des Geldes genetisch zu erklären. Kritiker meinen, die Wertformanalyse, mit der er dies versuchte, sei eine rein logische Gedankenkonstruktion. Sie sei historisch belanglos, widerspiegele die Geldentstehung falsch. Der Einwand überrascht, hat doch die wirtschaftshistorische Forschung viele Belege dafür erbracht, dass die Analyse der Wertformen die Geldwerdung empirisch-historisch korrekt wiedergibt. Logisch oder historisch ist ein Scheinwiderspruch. Logisches und Historisches bilden eine Einheit. »Es sollte nicht verkannt werden«, schreibt Hecker richtig, »dass die Erklärung der Formenfolge nach allem epistemologischen Selbstverständnis von Marx über die Vermittlung gesellschaftlichen Handelns erfolgt, also nicht ausschließlich logisch, sondern realgeschichtlich determiniert ist«.
Flüssig geschrieben, sachkundig, anregend, lesenswert trägt Heckers verdienstvolle Arbeit zur Diskussion politökonomischer Grundfragen unter Marxisten bei. Empfehlenswert nicht nur für die Marx-Freaks.

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