Montag, 26. November 2018

So geht Realismus: Über Frank Schulz’ Erzählungsband »Anmut und Feigheit«

Ungeheuer, nehmt euch in acht


Von Dirk Braunstein
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Zwanzig Tonnen fürs Heizkraftwerk – und Saft für die Feder. Auch ein alter Baum muss in Frank Schulz’ Erzählungen dran glauben
Frank Schulz: Anmut und Feigheit. Galiani Berlin, 2018, 336 Seiten, 22 Euro
Hinten auf dem Schutzumschlag von »Anmut und Feigheit« steht: »Frank Schulz kann in allen Humorkategorien blind mitfiedeln.« Diese ihrerseits schmunzelhumorige Flapsigkeit kann man Sven Regener, der eine »Laudatio auf Frank Schulz anlässlich der Verleihung des Kassler Literaturpreises für grotesken Humor« zu halten hatte, womöglich sogar durchgehen lassen. Andererseits stellt sich eben doch die Frage, ob einem zum neuen Erzählband »Anmut und Feigheit« von einem der besten deutschsprachigen und weiß Gott sprachmächtigsten Schriftsteller der Gegenwart – also deutschen Schriftsteller, das heißt deutschest-, korrigiere: deutschsprachmächtigsten, nichts Besseres einfällt?
Anders formuliert, wieso dudelt der Deutschlandfunk anlässlich eines Interviews mit dem Autor: »Der Schriftsteller Frank Schulz wurde mit Krimis und seinem Privatdetektiv Onno Viets bekannt«? Uns nicht. »Weint mehr im Kino, ihr Schweine!« forderte einst der Endreimlyriker Horst Tomayer, und angesichts jener Witzischkeit auf dem Schutzumschlag, möchte man nun fordern, von blindem Fideln in Kategorien bitte nicht lesen zu müssen, um also nicht über den Betrieb zu weinen, sondern über die und mit den Erzählungen von Schulz.
»Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird«, heißt es bei Nietzsche, der allerdings Frank Schulz noch nicht kannte. Die Ungeheuer, die der sich vornimmt, sollten sich in acht nehmen, nicht Schulz zu werden. Anmut lässt sich den Erzählungen gewiss bescheinigen, Feigheit schwerlich. Schulz geht dahin, wo es weh tut: in die Psyche seiner Figuren und deren Historie; der wohl am ehesten autobiographische Text, »Rotkehlchen«, über das Sterben der liebenden wie ge liebten Mutter sowie dessen Folgen für den Erzähler, schont weder diesen noch den Leser vor der Realität. Denn Schulz ist das, was man einen realistischen Schriftsteller nennt, einer zumal, der sehr genau weiß und zeigt, dass die Innenwelt ebenso realistisch ist wie ein Dorf im Alten Land bei Hamburg. Man hat ihn mehrfach als Heimatschriftsteller bezeichnet, was nur sinnvoll ist, wenn beides mitgedacht wird: Heimat als Zusammenschau von Innen- und Außenwelt. Wem diese Vermittlungsleistung zu schwierig ist, der kann natürlich in Chemnitz oder anderswo auf die Straße gehen und seinen Hass als Trauer ausgeben. Schulz’ Eingedenken der Heimat ist unromantisiertes Bewusstsein vom eigenen Werden und Bedingtsein. Selbst die verachtenswertesten Figuren werden von Schulz nicht aufgegeben oder gar verraten; wie schon im Erzählungsband »Mehr Liebe« (2010) zeigt der Erzähler die Hilfsbedürftigkeit noch des elends­ten Arschlochs. Sowie unser aller Streben danach, zu lieben und geliebt zu werden. Das ist zwar womöglich pathetisch, aber eben realistisch.
Die Erzählungen sind angeordnet wie Erinnerungen, die immer weiter zurückreichen. Der Band beginnt mit jenen »Szenen in Beige«, die man bereits aus der Titanic kennen kann. Immer wieder fungiert Bodo Morten als Erzähler, der Protagonist der »Hagener Trilogie« (»Kolks blonde Bräute«, 1991, »Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien«, 2001, und »Ouzo-Orakel«, 2006), der allerdings, wie die Leser erfahren müssen, 2014 in seinem Heimatdorf verstarb, das als melancholischer Ort unwiederbringlicher Jugend in »Morbus fonticuli« als Gegenpol Hamburgs diente, dem Ort eher weniger gelungenen Erwachsenwerdens. Zuvor wird jene große doppelstämmige Kastanie gefällt, unter der damals die frühpubertierende Landeijugend von der großen weiten Welt (und dem »ersten Mal«) träumte: »Bei aller Betäubung: In der Tiefe der Nervenfasern spürte ich eine satte Genugtuung darüber, bei dem Massaker zuzuschauen; eine pechschwarze Lust am Untergang, befremdlich und doch nicht unvertraut. – Als der Terminator die Motorsäge mit dem nächstgrößeren Schwert zur Hand nahm, verließ ich den Schauplatz. (…) Die alte Kaiserin war Geschichte. War nur noch hundertachtzig Jahre altes, todkrankes Holz – zwanzig Tonnen Brennmaterial fürs Heizkraftwerk. Sowie – und das war das Grausigste – Saft für meine Feder.« Ein Jahr später erleidet der Erzähler Morten einen Schlaganfall, an dem er kurz darauf verstirbt.
In einer später folgenden, also früher spielenden Erzählung berichtet er noch, wie er 15jährig tatsächlich endlich seine Unschuld verlor sowie von der gegenwärtigen »Kurzatmigkeit«, »unter der meinesgleichen leidet, seit jener zeitgeschichtlichen Blase der Sauerstoff ausging, der unseren Geist mit einer selbstverständlichen Zuversicht nährte; einer Zuversicht, die ganz unabhängig vom Grad des individuellen politischen Bewusstseins weste; damals, in jenem ›kurzen, glücklichen Moment‹ des Jahres 1972 (der mit dem Massaker von München ja nur allzu rasch wieder vorbei war)«.
»Schulz ist ein Meister der Milieubeschreibung«, steht übrigens auch noch hinten auf dem Umschlag. Ja, ja, ja, klar ist er das. Aber er ist auch ein Meister der Landschaftsbeschreibung, der Menschenbeschreibung, der Geschichtsbeschreibung, kurzum: des Erzählens sowie so ziemlich aller Formen. Und vor allem ist er ein eminent politischer Autor, weil er die Welt, die Menschen und deren Lieben und Leiden in ihr so ernst und wichtig nimmt, wie sie nun einmal sind.

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