Montag, 26. November 2018

Nach Angriff auf Mannschaftsbus: Trotz verletzter Spieler wurde das Rückspiel des Copa-Libertadores-Finales nur um 24 Stunden verschoben

»Das Match muss gespielt werden!«


Von André Dahlmeyer
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Gleich wird’s hässlich: Der Mannschaftsbus der Boca Juniors erreicht das Stadion des Erzrivalen River Plate und wird mit Steinwürfen empfangen (24.11.)
Im Vorfeld des G-20-Gipfels in Argentinien hat die Regierung von Staatspräsident Mauricio Macri, angeführt von dessen »Kettenhund«, Sicherheitsministerin Patricia Bullrich, seit Wochen Hass gegen Andersdenkende geschürt. Wegen der Visite von Macris altem Kumpel und Geschäftspartner Donald Trump befindet sich das Land im Ausnahmezustand. Die schon unter der Regierung Fernández de Kirchner völlig aus dem Ruder gelaufenen verschiedenen Geheimdienste erfinden Gegner, frischen längst im Sumpf der Geschichte vermoderte Feindbilder auf, infiltrieren Massenproteste und beschäftigen sich nun auch mal wieder mit dem guten alten Fußball, wie man am Sonnabend in Buenos Aires bestaunen konnte.
Dort sollte im Monumental, dem Stadion des Club Atlético River Plate gleich am Río de La Plata, das heiß erwartete Finalrückspiel der Copa Libertadores de América – dem wichtigsten Vereinswettbewerb Südamerikas – gegen die Intimfeinde von Boca Juniors ausgetragen werden. Das Hinspiel vor zwei Wochen im Süden der Hauptstadt war im zweiten Anlauf nach sensationellen neunzig Minuten 2:2 ausgegangen, was die Riverplatenses wie einen Sieg feierten. Das für Samstag angesetzte Rückspiel wurde indes auf den Sonntag verlegt. Zu Redaktionsschluss war noch unklar, ob die Partie überhaupt gespielt wird – Boca will am grünen Tisch den Sieg zugesprochen bekommen. Über 2.000 Sicherheitskräfte (für ein Duell der Stadtrivalen ungewöhnlich wenig), zusammengewürfelt aus Bundes- und Hauptstadtpolizei, sahen sich nicht in der Lage, den Mannschaftsbus der Boca Juniors vor einigen, wahrscheinlich von den »Diensten« bezahlten, »Gewaltverbrechern« zu schützen. Eine argentinische Farce. Dabei hatte Macri noch am 2. November seinem Volk per Twitter versichert, ein »historisches Finale« stehe bevor. »Es ist eine Möglichkeit, Reife zu demonstrieren und der Welt zu zeigen, dass wir Argentinien ändern, dass man sich auch friedlich verhalten kann.«
Aber Macri und Bullrich haben uns alle genarrt. Was interessiert die schon Fußball? Gemeinsam mit Christine Lagarde vom Internationalen Währungsfonds organisieren die beiden derzeit den Kampf gegen das argentinische Volk. Auch dem Fußball werden sie die Luft rauslassen. Das ausgefallene »Finale« vom Sonnabend wird ohne Zweifel zur Rechtfertigung der zu erwartenden präventiven Repressionen gegen die Gipfelgegner und -innen herangezogen werden. »Sicherheits«-Ministerin Patricia Bullrich hat für die Hospitäler der Hauptstadt schon mal vorab den Notstand angekündigt. Betten für die Knüppel- und Gummigeschossopfer sind also noch ein paar zu haben. Vielleicht funktionieren Reservierungen?
Nach den Stein- und Flaschenwurfattacken auf den Mannschaftsbus der Xeneizes, der in einen Hinterhalt gelockt worden war, hatte der südamerikanische Fußballverband Conmebol den Anpfiff des Matches zweimal verschoben und – nachdem sich beide Vereine weigerten anzutreten – schließlich am Sonntag um 21 Uhr (MEZ) neu angesetzt. Bocas Carlos Alberto Tévez und Fernando Gago sahen sich nicht in der Lage, das Spiel zu bestreiten, weil Kapitän Pablo Pérez sowie der Nachwuchsspieler Gonzalo Lamardo mit Schnittwunden im Gesicht im Krankenhaus weilten. Ihr Mannschaftskollege Darío Benedetto hatte Pfefferspray in den Augen, mehrere Spieler klagten über Unwohlsein und andere Beschwerden. Und während sich vor dem Monumental die Polizei Straßenschlachten mit den Fans lieferte (mindestens 56 Festnahmen), mußte River-Plates-Präsident Rodolfo D’Onofrio während eines TV-Interviews vor einer anstürmenden Menschenmenge plötzlich die Beine in die Hand nehmen.
Dem im Stadion anwesenden FIFA-Konzernbonze Gianni Infantino fiel laut TyC Sports dazu auch nichts anderes ein als: »Ich will einen Schuldigen! Aber das Match muss gespielt werden.«

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