Montag, 25. Juni 2012

Zur Kritik einiger Grundbegriffe bürgerlicher Ideologie

von Otto Finger Marx untersucht in der „Heiligen Familie“ anlässlich der Kritik an Bruno Bauers charakteristisch theologischer, in Voraussetzungen der Theologie befangener, idealistischer Deutung des Verhältnisses von Religion und Realität jenen für bürgerliche Ideologie generell typischen Prozess, in welchem ideelle und materielle Verhältnisse ihre Plätze vertauschen. Das heißt hier nicht bloß, dass in der idealistischen, auch subjektiv-idealistischen Weltanschauung der Junghegelianer, die ideellen Verhältnisse – beispielsweise die religiösen Vorstellungen – zum Bestimmungsgrad der materiellen Verhältnisse – beispielsweise der sozialpolitischen Unterdrückung – verkehrt werden. Auch bedeutet dies hier nicht bloß, dass so die materiellen Verhältnisse als etwas Nebensächliches erscheinen, geschichtliche Vorgänge falsch betrachtet werden, dass so ein verkehrtes Bewusstsein von der Geschichte zustande kommt. - Die Marxsche Kritik an Bauer zielt auf mehr: Ihr geht es um die praktische, nicht allein theoretische Wirkung solcher Verkehrung. Und zwar auf praktische Wirkung falschen, bürgerlich-ideologischen Bewusstseins hinsichtlich der revolutionären Veränderung der Wirklichkeit. Solches ideologisches Verkehren von religiösem Schein und praktisch-gesellschaftlichem Wesen, wie es in Bauers Auffassung der Judenfrage vorkommt, mündet in Versöhnung mit der elenden Wirklichkeit, in der Verharmlosung der üblen Zustände, in der Verfehlung der notwendig praktischen Tat zu ihrer Umwälzung. Hierin liegt der tiefste Grund der in der „Heiligen Familie“ gezogenen unüberschreitbaren Trennungslinie zwischen Marxschem als gründlich materialistischem und damit wissenschaftlich religionskritischem wie ideologieanalytischem Denken auf der einen Seite und dem junghegelianischen Scheinkritizismus andererseits. - Scheinkritisches Denken liegt bei den Junghegelianern gerade auch deshalb vor, weil es die Kritik an dem ideologischen Schein der Verhältnisse verpuffen lässt und am praktisch-gesellschaftlichen Wesen vorbeigeht. Dieses Vorbeigehen hat politische Folgen und politische Ursachen. Die Ursachen liegen im bürgerlichen Klassenstandpunkt, der keine praktische Radikalität mehr einschloss. Die Folgen kulminieren hier bereits in der gegenrevolutionären Tendenz: die bürgerliche Intelligenz nimmt in diesem junghegelianischen Ideengut der zweiten Hälfte der vierziger Jahre ideologisch bereits das spätere praktische Versagen der Bourgeoisie in der Revolution vorweg. - Im Marxschen Denken kündigt sich schon das nachhaltige praktisch-revolutionäre Auftreten des Proletariats in der 48er Revolution an, gerade sofern Marx die Notwendigkeit einer nicht bloß gedanklichen, sondern wirklichen, materiellen Kritik begründet. Dies ist ein weltanschaulicher und politischer Angelpunkt Marxscher ideologiekritischer Arbeit schon in der „Heiligen Familie“: Kritisches Denken hat für Marx stets zum praktisch-revolutionären Handeln hinzuführen, entfaltet sich als Vorspiel, als wissenschaftlicher Vorgriff, als Ferment der Umwälzung, nicht als Ersatz für letztere. - Aus dieser Grundhaltung heraus polemisiert Marx immer wieder gegen die „einzige abstrakte Fähigkeit“ Bauers, Religion und Theologie als Religion und Theologie zu kritisieren. Also getrennt von den Verhältnissen, deren ideologische Ausdrücke sie sind. Daher wirft Marx Bauer vor, dass er einzig den Kampf gegen die religiöse Befangenheit des Selbstbewusstseins kenne. Also nicht den Kampf gegen die wirklichen sozialpolitischen Schranken, die sich bloß in religiösen Borniertheiten abspiegeln. Was in diesen junghegelianischen Scheinkritiken verfehlt wird, ist die wirkliche Fähigkeit, sich in der wirklichen, praktischen Welt von wirklichen, nicht eingebildeten oder nur ideologischen Fesseln zu befreien. [1/22] Eine politische Konkretisierung erfährt der erörterte allgemein ideologiekritische Grundsatz, wonach stets von ideellen Widerschein eines wirklichen gesellschaftlichen Prozesses zu diesem selbst vorzustoßen ist anlässlich der bürgerlich liberalen Phrasen von Freiheit, „freier Menschlichkeit“, „Anerkennung der Menschenrechte“. Marx’ Reduktion dieser bürgerlich-ideologischen Phraseologie, dieser Aufblähung sehr konkreter Inhalte zu höchst abstrakten Schemata auf ihren realen ökonomischen und politischen Kern besitzt noch immer große Aktualität. - „Freiheit“, „Menschlichkeit“, „Menschenrechte“ sind noch immer vom Gegner bevorzugte ideologische „Reizworte“, dazu bestimmt, die wirkliche Unfreiheit, die tatsächliche Unmenschlichkeit, die massenhafteste Verletzung der Menschenrechte im Imperialismus zu verhüllen. - Für die Methode solcher Verschleierung gilt, dass in der demagogischen imperialistischen Propaganda und Manipulation Freiheit – wie in alter Tradition von Ausbeuterideologien – gerade jenseits der wirklichen materiellen Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse in einer höchst abstrakten, höchst unverbindlichen, beliebig modifizierbaren ideellen Sphäre angesiedelt wird. - Dass die rechte Sozialdemokratie nicht bloß als politischer und ökonomischer, sondern auch als engagierter ideologischer Erfüllungsgehilfe des Monopolkapitals fungiert, drückt sich wesentlich in ihren Beiträgen zu dieser Demagogie aus. - Etwa wenn sie es als programmatischen Punkt ihrer Politik erklärt, den „Freiheitsraum des Einzelnen“ erweitern zu wollen, und im gleichen Atemzug den Fortbestand des monopolkapitalistischen Eigentums an den Produktionsmitteln in jeder Art und Weise rechtfertigt, verteidigt, fördert. Gerade damit trägt sie zur Garantie der Herrschaft und Ausbeuterfreiheit einer verschwinden Minderheit bei, verfestigt sie die Ohnmacht und Unterdrückung der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung. Worum also handelt es sich nach Marx tatsächlich bei der sogenannten „freien Menschlichkeit“ und ihrer „Anerkennung“ in der kapitalistischen Gesellschaft? Sie sind, wie Marx sagt, „nichts anderes als die Anerkennung des egoistischen, bürgerlichen Individualismus (was hier nur ein anderer Ausdruck für Kapitalist, Bourgeois ist; O. F.) und der zügellosen (also nicht mehr durch Feudalbande gefesselten; O. F.) Bewegung der geistigen und materiellen Elemente, welche den Inhalt seiner Lebenssituation, den Inhalt des heutigen bürgerlichen Lebens bilden ...“ - Und auf den sozialökonomischen Kern des Ganzen stößt schließlich Marx, wenn er zeigt, „... dass die Menschenrechte ... ihm die Religionsfreiheit geben, ihn nicht von dem Eigentum befreien, sondern ihm die Freiheit des Eigentums verschaffen, ihn nicht von dem Schmutz des Erwerbs befreien, sondern ihm vielmehr die Gewerbefreiheit verleihen“ [2/23]. Was das Verhältnis des modernen, d. i. hier kapitalistischen Staat zu den Menschenrechten anlangt, zeigt Marx, dass die Anerkennung der Menschenrechte durch diesen Staat keinen anderen Sinn hat als die Anerkennung der Sklaverei durch den antiken Staat. - Was sich hier ankündigt und später, in der „Deutschen Ideologie“ zunächst, dann aber in erstmalig klassischer Form im „Manifest der Kommunistischen Partei“ und in den Arbeiten über die 48er Revolution voll entwickelt wird, ist das Folgende: Der vorsozialistische Staat ist ein Instrument zur Sicherung der Ausbeutung des Menschen, er ist eine Maschinerie zur Unterdrückung der arbeitenden Massen durch die aneignende Minderheit. - Marx betont in der „Heiligen Familie“: Der Staat ist ein Produkt bestimmter gesellschaftlicher, speziell der Eigentumsverhältnisse, und die durch den Staat garantierten Rechte entsprechen den letzteren. Es heißt hierzu: „Wie nämlich der antike Staat das Sklaventum, so hat der moderne Staat die bürgerliche Gesellschaft zur Naturbasis, sowie den Menschen der bürgerlichen Gesellschaft, d. h. den unabhängigen, nur durch das Band des Privatinteresses und der bewusstlosen Naturnotwendigkeit mit den Menschen zusammenhängenden Menschen, den Sklaven der Erwerbsarbeit und seines eigenen wie des fremden eigennützigen Bedürfnisses. Der moderne Staat hat diese seine Naturbasis als solche anerkannt in den allgemeinen Menschenrechten ... Wie er das Produkt der durch ihre eigene Entwicklung über die alten politischen Bande hinausgetriebenen bürgerlichen Gesellschaft war, so erkannte er nun seinerseits die eigene Geburtsstätte und Grundlage durch die Proklamation der Menschenrechte an.“ [3/24] - Der konkrete Sinn des Begehrens nach „freier Menschlichkeit“ werde durchaus richtig getroffen, wenn nach freiem Gehen, Verweilen, Reisen, Gewerbetreiben u. dgl. verlangt werde. Solche Ausdrücke „freier Menschlichkeit“ seien in der französischen Proklamation ausdrücklich anerkannt. Marx zeigt so, wie sich in solchen Proklamationen nicht die Freiheit ausspricht, sondern das ganz banale Klasseninteresse der Bourgeoisie, das Produktionsverhältnis, worauf ihre Existenz beruht, um dem Kapital den „freien“, d. i. nicht mehr feudal eingeschränkten Bewegungsraum zu schaffen. - Der „Mensch“ um den es hier geht, ist der Bourgeois. Was die bürgerliche Gesellschaft zusammenhält, ist nicht der Mensch und das menschliche Bedürfnis, sondern das bürgerliche Individuum, der Kapitalist und sein ökonomisches Interesse. - Die Individuen dieser bürgerlichen Gesellschaft schließen sich nicht bewusst zum Ganzen dieses Systems zusammen, vielmehr wird dieser Gesamtzusammenhang in der Weise einer nicht begriffenen, nicht beherrschten, blinden, fremden Naturnotwendigkeit hergestellt. Auch hier ist – in Fortführung der Kapitalismuskritik der „Manuskripte“ – in Gestalt der Entlarvung bürgerlicher Verhältnisse als entfremdete die positive Aufgabe ihrer Umwälzung, das positive Resultat als Negation eben dieser Entfremdung ausgesprochen, dieser Bewusstlosigkeit, dieser Beherrschung durch borniertes Privatinteresse, gegen das sich der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang als fremder durchsetzt, dieser Unterordnung unter entfremdete, sklavische „Erwerbsarbeit“. Soweit die bürgerliche Gesellschaft Freiheiten erzeugt, dies ist das Resümee der ganzen Analyse, erzeugt sie sie als Freiheiten von spezifisch feudalen Unfreiheiten und als Freiheiten einer Minorität gegen die Unfreiheit der Majorität, die hier gleichwohl unter dem Schein der größten Unabhängigkeit und Freiheit existiert, sofern alle verhergegangenen Bindungen der Individuen zueinander aufgelöst werden, um sie unter die vollständigste Abhängigkeit vom allesbeherrschenden Verhältnis der bürgerlichen Gesellschaft, vom privatkapitalistischen Eigentum zu zwingen. - Ferner zeigt Marx, wie sich in der Gesellschaft die so geartete „Freiheit“ von den feudalen Bindungen mit dem „Krieg aller gegen alle“, dem durchgängigen Konkurrenzkampf paart: der Zusammenhang der Individuen ist auch in der Weise von ihnen entfremdet, dass er sich in eben diesem Konkurrenzkampf durchsetzt. Es ist dieses die Gesellschaft der „freien“, d. i. kapitalistischen Industrie, die Gesellschaft des „freien“, d. i. kapitalistischen Handels. - Diese Industrie und dieser Handel sprengen alle vorausgegangenen feudalen Privilegien, um sie durch ein alles beherrschendes Privilegium zu ersetzen: die Macht des Kapitals. - „Wie die freie Industrie und der freie Handel die priviligierte Abgeschlossenheit und damit den Kampf der priviligierten Abgeschlossenheiten untereinander aufheben, dagegen an ihre Stelle den vom Privilegium ... losgebundenen, selbst nicht mehr durch den Schein eines allgemeinen Bandes an den andern Menschen geknüpften Menschen setzen und den allgemeinen Kampf von Mann wider Mann, Individuum wider Individuum erzeugen, so ist die ganze bürgerliche Gesellschaft dieser Krieg aller nur mehr durch ihre Individualität voneinander abgeschlossenen Individuen gegeneinander und die allgemeine zügellose Bewegung der aus den Fesseln der Privilegien befreiten elementarischen Lebensmächte ... Eben das Sklaventum der bürgerlichen Gesellschaft ist dem Schein nach die größte Freiheit, weil die scheinbar vollendete Unabhängigkeit des Individuums, welches die zügellose, nicht mehr von allgemeinen Banden und nicht mehr vom Menschen gebundene Bewegung seiner entfremdeten Lebenselemente, wie z. B. des Eigentums, der Industrie, der Religion etc., für seine eigne Freiheit nimmt, während sie vielmehr seine vollendete Knechtschaft und Unmenschlichkeit ist.“ [4/25]« Anmerkungen 1/22 Friedrich Engels und Karl Marx, Die heilige Familie, S. 117. 2/23 Ebenda, S. 119. 3/24 Ebenda, S. 120. 4/25 Ebenda, S. 123. Quelle: Philosophie der Revolution. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975. Studie von Otto Finger. Vgl.: 4.4. Zur Kritik einiger Grundbegriffe bürgerlicher Ideologie, in: 4. Kapitel: Materialismus und revolutionäres Klassenbewusstsein contra subjektiven Idealismus (zur aktuellen weltanschaulichen Bedeutung der „Heiligen Familie“) 24.06.2012, Reinhold Schramm (Bereitstellu

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